17.12.1979

FERNSEHENJahre das Lebens

„Ein Kapitel für sich“. TV-Film in drei Teilen nach Walter Kempowski von Eberhard Fechner. ZDF, 26., 29. Dezemer. 20.15 Uhr. 1. Januar 19.20 Uhr.
Nach dem Verfall der Lübecker nun
der Fall einer Rostocker Kaufmannsfamilie, eine andere Geschichte von deutschem Bürgertum, ein Jahrhundert später, doch mit Ironie versetzt und exemplarisch auf ihre Weise auch sie. Nach den weltberühmten Buddenbrooks jetzt, im anderen Kanal, die auch schon ganz schön bekannten Kempowskis.
Das ZDF hat der Feiertagspremiere seines neuen Kempowski-Dreiteilers "Ein Kapitel für sich" in dieser Woche die Wiederholung der zweiteiligen "Tadellöser & Wolff"-Verfilmung von 1975 vorgeschaltet (Montag 21.20, Dienstag 22 Uhr). Es hat damit nicht nur den Fortsetzungszusammenhang von Walter Kempowskis autobiographischer Familienchronik gewürdigt, sondern auch, durchaus konsequent, den Produktionen seines Regisseurs Eberhard Fechner jenen Serieneffekt abgewonnen, der unseren Fernsehanstalten so überaus lieb und teuer ist. Wenn schon nicht elf, so doch immerhin fünf (längere) Folgen lang also: die Kempowski-Saga.
Fechners neue Produktion, ein besseres Beispiel von Literaturverfilmung als Franz Peter Wirths uninspirierte "Budddenbrooks", verarbeitet die drei Romane "Uns geht?s ja noch gold", "Im Block" und "Ein Kapitel für sich" in zeitatmosphärisch angemessenem Schwarz-Weiß und mit gutem Grund unter dem Titel des letzteren.
Wo der "Tadellöser"-Film aufhörte, fängt, buchgetreu, der Film "Ein Kapitel für sich" an: Auf ihrem Balkon, mit Sekt und der notorisch begriffsstutzigen, der beklemmend komischen Unverwüstlichkeit ihrer Spezies das Kriegsende feiernd, erleben die Kempowskis den Einmarsch der Russen in Rostock, 1. Mai 1945. "Die Nazis im Eimer, dieses Pack. Den Krieg hätten wir gewonnen, das sei klar ... Die Kirche und die guten Kräfte", so zitierte sie der Erzähler.
Daß Eberhard Fechner, der so genaue wie einfühlsame Fernsehdokumentarist zeittypischer und zeitaufschließender Privatschicksale ("Nachrede auf Klara Heydebreck", "Klassenphoto"), der kongeniale Kempowski-Regisseur ist, hatte schon die "Tadellöser"-Verfilmung erwiesen. Die Fortsetzung steht ihr an Einfühlung und Akkuratesse nicht nach.
Dabei tritt die Familiengeschichte nur aus ihrer quasi idyllischen in ihre dramatisch verdüsterte Phase. "Ein Kapi-
* Stephan Schwartz als Walter, Jens Weisser als Robert Kempowski.
tel für sich" ist, hauptsächlich, die Geschichte von Walter Kemnpowskis Verurteilung, 1948, durch ein sowjetisches Militärtribunal wegen angeblicher Spionage, die Geschichte seiner achtjährigen Haft in Bautzen sowie der Verurteilung und Haft seines Bruders Robert und seiner Mutter.
Nach dem Genrebild vom scheinheilen Bürgeralltag im Dritten Reich jetzt also dramatische Aktion, Terror und Tragödie -- Fechner meistert auch sie, ohne sich im Ton zu vergreifen.
Als 1969 Kempowskis Erstling "Im Block" erschien, die Erstfassung seiner Bautzen-Erlebnisse, die er später, um die Haft-Erlebnisse des Bruders und der Mutter erweitert, zum Roman "Ein Kapitel für sich" umarbeitete, war einer der stärksten Eindrücke, den das Buch seinen Lesern machte, die Distanziertheit und Ironie, mit denen der
Autor hier Schreckliches darstellte, sein fast vollständiger Verzicht auf direkte Klage und Anklage.
Die Übersetzung der Worte in Bilder, die Verfilmung des Literaturwerks kann, mediengemäß, jene Distanz nicht ganz bewahren. Drastisch vorgeführt zu sehen, wie der junge Walter nackt in der Karzerzelle mit kaltem Wasser übergossen wird oder wie die Bautzen-Häftlinge nach einer Meuterei von Vopos verprügelt werden, ist eben, unvermeidlich, sehr viel schockierender, als davon in den Erzählkürzeln und Lakonien Kempowskis zu lesen.
Anklägerischer als der Roman, wenn auch ohne absichtsvollen Nachdruck, wirkt Fechners Film da schon. Doch es zeichnet den Realismus des Regisseurs aus, daß er einerseits die gezeigten Schrecken nicht überinstrumentiert und wie er andererseits das Bild der Verfolger menschlich differenziert. Schönstes Beispiel die Szene, in der ein russischer Gefängnisaufseher, der zunächst ganz dem Brutalnik-Klischee seiner Rolle zu entsprechen scheint, plötzlich dem Häftling Walter ein Brett in die Zelle schiebt, auf dem er wenigstens trocken stehen kann.
Gelungen ist Fechner auch die heikle Balance zwischen dem Schrecklichen und dem schrecklich und rührend Komischen der Gefängniswelt, wie Kempowski sie erlebt und -- für Leser, die an den eindimensionalen Horror anderer Häftlingsliteratur gewöhnt sind, so verblüffend -- beschrieben hat.
"Faust"-Aufführung und Männerchor im Zuchthaus, der Knast als Kulturbetrieb, die Fortsetzung (und unfreiwillige Parodie) bürgerlichen Bildungsstrebens als Überlebenshilfe hinter Gitern -- Fechner hat, mit vielen wackeren Episodendarstellern, diese menschliche Komödie taktsicher in den unmenschlichen Kontext komponiert.
Er hat ein übriges getan, seinen Film, das besondere Bautzen-Drama wie diese ganze Geschichte von deutscher Nachkriegsnot, vor ressentimentalen Mißverständnissen und falschem Beifall zu bewahren, den deutschen Zuschauern mögliche Reaktionen selbstmitleidiger Selbstgerechtigkeit mindestens zu erschweren: Zweimal werden in "Ein Kapitel für sich" Dokumentarfilme aus Nazi-Konzentrationslagern vorgeführt, das eine Mal einer Gruppe von Deutschen im Dienst der US-Army in Wiesbaden, das andere Mal den Häftlingen in Bautzen.
Auch diese Aufnahmen gewinnen, in ihrer ausführlichen Anschaulichkeit und der Funktion, die ihnen im Film zugewiesen ist, eine unvergleichlich stärkere Wirkung, als sie die entsprechenden Stellen in Kempowskis Romantext haben können. Als historisches Real-Zitat bruchlos in die Spielhandlung eingefügt, sind sie zugleich doch deren notwendiger Kontrapunkt und Kommentar.
Daß unter Fechners Regie auch das Spiel streckenweise wie historische Dokumentation aussehen würde, war zu erwarten. Was sein Bemühen um Authentizität, seine Sorgfalt im Detail und sein Gespür für Inventar und Atmosphäre einer vergangenen Zeit, was diese ganze, Kempowski so adäquate RekonstruktionskUnst zu leisten vermag, ist dennoch wiederum beachtlich.
Sieben Monate Dreharbeit, unter anderem in Hamburg, Berlin und München, an der dänischen Ostseeküste und im norwegischen Winter, in einer ehemaligen Keksfabrik in Celle, die als Zuchthaus Bautzen, und in einer Jugendstrafanstalt bei Lingen, die als Frauenlager Sachsenhausen dient. 241 Sprechrollen, über 8000 Komparseneinsätze. Wie sich, beispielsweise, die Russen in diesem Film aufführen, kann authentischer kaum dargestellt werden -- die Darsteller sind russische Emigranten, Fechner fand sie bei Radio Free Europe und Radio Liberty.
Trümmer-, Plünder- und Hamsterszenen; die Nachkriegsfete mit Fusel, Knutsch und "Don?t fence me in"; die Sowjet-Kommandantur, wo die Rostocker ihre Radios abliefern müssen, während aus öffentlichen Lautsprechern Chatschaturjans "Säbeltanz" schmettert; Besatzer-Arroganz und Umerzieher-Goodwill der (natürlich von Amerikanern gespielten) Amis; das Patentdemokratentum von Studienräten nach dem sogenannten Zusammenbruch; das Zerknirschungspathos von Pastoren, die gestern noch ganz anders gepredigt hatten -- in solchen Szenen sind Gesicht und Stimmung jener Zeit optimal nachgebildet.
"Primig", um es im mittlerweile ja sprichwörtlich gewordenen Familienjargon der Kempowskis zu sagen, sind die Überlebenswendigkeit der Geschlagenen und der Egoismus der Verschonten (die Verwandten in Hamburg; Schwester Ulla und ihr dänischer Sauhermann) getroffen, die Anfänge bürgerlicher Restauration skizziert.
Einige wenige Längen, ein paar schauspielerische Überdeutlichkeiten fallen da nicht sehr ins Gewicht. Der 28jährige Stephan Schwartz ist ein überzeugender Darsteller des 16- bis 27jährigen Walter Kempowski, Jens Weisser als Schnack-Champion Robert durchaus "gut dem Dinge" und Edda Seippels Mutter Kempowski so unübertrefflich wie schon in "Tadellöser", weit über ihr bewährt komisches "Wie isses nun bloß möglich" hinaus.
"Jahre des Lebens, alles vergebens", trällert Ulla Kempowski zu Tschaikowskis "Pathétique"-Thema, das die drei Teile des Films als musikalisches Leitmotiv verbindet -- so gefühlvoll und sanft-ironisch zugleich kommt er dem Zuschauer nahe. Familienroman, Familienserie als zeitgeschichtlicher Anschauungsunterricht. Eberhard Fechners TV-Kempowski ist auch in seinem Unterhaltungswert ein Kapitel, eine Klasse für sich.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 51/1979
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