19.11.1979

TERRORISTENWagen kocht

Neue gravierende Polizeipannen bei der Schleyer-Fahndung und Mängel in der internationalen Verständigung werden nach Abschluß der staatsanwaltlichen Ermittlungen offenbar.
Harte Kritik übte Hanns Martin
Schleyer, im Oktober 1977 erschossen, vor seinem Tode an der Polizei. "Viele Umstände" habe es gegeben, so der Entführte damals auf einem für die französische Nachrichtenagentur AFP bestimmten Video-Band, "die diesen Überfall den Entführern sehr leicht gemacht haben".
Welche Umstände Schleyer genau gemeint haben könnte, blieb lange Zeit im dunkeln und wurde allenfalls in Krisenstäben erörtert, "VS-vertraulich". Erst als Generalbundesanwalt Kurt Rebmann jetzt die Anklageschrift gegen den Hilfsarbeiter Stefan Wisniewski unterschrieb, die erste im Schleyer-Fall, wurde offenbar: Zu den Versäumnissen in Köln, wo Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) damals einen heißen Tip auf das Entführer-Versteck versiebten (SPIEGEL 11/1978), und im Odenwald, wo BKA-Observanten drei der mutmaßlichen Entführer laufenließen (SPIE-GEL 35/1978), kommen noch weitere Fehlleistungen.
Drei Tage vor der Schleyer-Entführung, als noch mit Hochdruck nach den Mördern des im Juli erschossenen Bankiers Jürgen Ponto gefahndet wurde, ließ Kölns Polizei vier Terroristen laufen. Auf dem Parkplatz vor der Wohnanlage Raderthalgürtel 5-9 war zwei Kölner Bürgern am 1. und 2. September immer wieder ein Alfa Romeo (K-XY 847) aufgefallen; zwei junge Frauen, die dazugehörten, schienen etwas auszukundschaften. Auch eine Radfahrerin zählte zu der Gruppe.
Einer der beiden Zeugen, der das alles mit dem Fernglas besah, meldete der Polizei, "daß es sich um Terroristinnen handeln könnte" (Bundesanwaltschaft). Und als ein Streifenwagen mit den Polizisten Wolfgang Witthaus und Josef Tegeler eintraf, trat die Radlerin tatsächlich rasch in die Pedalen und entschwand. Die Autofahrerinnen hingegen spielten hilflose Frau im Verkehr und erzählten etwas von Kühlsystem: "Der Wagen kocht." Die Polizisten, ganz Kavalier, nahmen sich der scheinbar defekten Maschine an, und sie entdeckten auch einen undichten Schlauch.
Weniger gründlich gingen sie mit Kennzeichen und Pissen um. Sonst nämlich wäre ihnen aufgefallen, daß der Alfa gestohlen war und daß auch mit den Personalien nicht alles stimmte. Polizist Tegeler erhielt bei der Abfrage der Daten vom Polizeipräsidium Köln eine negative Antwort -- weil dort gerade die Datenstation einen Ausfall hatte.
Den Bürgerhinweis auf "Terroristinnen" dennoch vorschriftsmäßig abzuklären, und sei es per Telephon oder auf der Wache, fiel den Beamten nicht ein. Statt dessen funkten sie nach dem Kraftfahrzeug-Notdienst und lotsten die jungen Frauen schließlich zu einer Feierabend-Klitsche, wo Italiener gegen ein Trinkgeld italienische Wagen reparieren.
Fachmann Gennaro Turo ersetzte den defekten Schlauch. Die beiden Damen, so meinen die Fahnder jetzt, waren wahrscheinlich Adelheid Schulz und Monika Helbing; sie kundeten Schleyers Fahrtrouten aus. Nachdem die hilfsbereiten Polizisten an der Werkstatt abgefahren waren, rollte dort Terrorist Stefan Wisniewski in einem gelben Mercedes 300 D vor. Daß das Kennzeichen dieses Wagens (K-LZ 589) für einen anderen gelben Mercedes vom Typ 200 D ausgegeben worden war, ermittelte die Polizei erst später, als sie die Tatfahrzeuge der Schleyer-Kidnapper untersuchte, unter anderen den Alfa und den Mercedes.
"Sehr wahrscheinlich", so heißt es nun zu diesem bislang verschwiegenen Vorfall im BKA, "wäre der Fall Schleyer damals in Köln gar nicht gelaufen, hätten die Brüder von der Funkstreife besser aufgepaßt."
Eine andere Panne ereignete sich am Freitag, 14. Oktober, in Paris -- wenige Stunden nachdem vier Palästinenser parallel zur Schleyer-Aktion die Lufthansa-Boeing "Landshut" entführt hatten. In einem Ultimatum an den Bonner Kanzler versuchten die Terroristen nicht nur elf deutsche Genossen freizupressen, sondern verlangten von der türkischen Regierung auch noch die Freilassung der in Istanbul inhaftierten Palästinenser Mahdi und Hussein.
Als das Genfer Anwaltsbüro Payot, das damals zwischen Bonn und den Erpressern vermittelte, nachts von 1.10 Uhr an die diversen Erklärungen des Kommandos an den Krisenstab durchgab, beriet Kanzler Schmidts Runde, wie eine amtliche Dokumentation es festhält, "bis fünf Uhr morgens". Auch als die "Landshut" gegen zwei Uhr nachts in Bahrein zwischenlandete, war wieder von den "zwei Gefangenen in türkischen Gefängnissen" (Dokumentation) die Rede, die zusätzlich befreit werden sollten.
"Seit dem 14. 10.", 50 heißt es in einer Fußnote der Dokumentation über die Vorgänge, habe "wegen dieser Forderung ... ein ständiger Kontakt der Bundesregierung mit der türkischen Regierung" bestanden. In einem der Ultimaten an Schmidt aus dieser Nacht war zu lesen: "Die türkische Regierung ist über unsere Forderungen gut informiert."
Wie nachlässig die internationale Kommunikation aber gewesen sein muß, stellte sich am folgenden Vormittag in Paris heraus -- wo, wie die Bonner Krisenstäbler schon damals vermuteten, eine Schaltstelle der Kidnapper war. Gegen 11 Uhr rief in der türkischen Botschaft an der Avenue Lamballe ein Mann an, gab sich als Sprecher des "Kommandos Siegfried Hausner" aus und erkundigte sich nach dem Eingang eines Briefs mit den Bedingungen für die Freilassung der entführten "Landshut"-Passagiere.
Die Botschaft wußte nichts von solchem Brief, und auch als der Mann ein zweites Mal anrief, konnte ihm keine günstigere Auskunft gegeben werden. Der Anrufer -- es handelte sich nach Einschätzung der Fahnder um den Top-Terroristen Rolf Clemens Wagner -- erklärte daraufhin, er werde "eine Kopie des Schreibens" übermitteln.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre es geboten gewesen, alle Besucher der Botschaft und solche, die sich am Briefkasten zu schaffen machten, zu kontrollieren. Ein Bote mit der Briefkopie wäre der erste mögliche Tatbeteiligte gewesen, den man hätte festnehmen können.
Doch als "einige Minuten später" (Bundesanwaltschaft) ein Mann und eine Frau in der Kanzlei der türkischen Botschaft einen Brief, der wahrscheinlich Rolf Clemens Wagners Handschrift trug, und einen neuen Satz der Ultimaten abgaben, ließ das Botschaftspersonal die beiden unbehelligt wieder abziehen. Nicht einmal einen diskreten Tip an die Pariser Polizei hielten die türkischen Kanzlisten für notwendig.
"Uns war damals zum Weinen, heute kann man vielleicht schon fast wieder darüber lachen", erinnert sich ein BKA-Krisenstäbler: "Es ist schon grandios, was man als Terrorist alles machen kann, ohne verhaftet zu werden."

DER SPIEGEL 47/1979
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