14.03.2005

ALPENWeißes Juwel

Weil der Klimawandel die Skitouristen aus den tieferen Lagen vertreibt, sollen jetzt die letzten Gletscher nutzbar gemacht werden.
Er gehört für deutsche Skitouristen zu den Traumzielen in den österreichischen Alpen: der Pitztal-Gletscher. "Mehr Winter ist nicht möglich", werben die Liftbetreiber und garantieren ein "grenzenloses Skivergnügen" bis Ende Mai - während bei der Konkurrenz weiter unten im Tal dann nur noch "Frühlingsspaziergänge" gemacht werden können.
Ähnlich wollen andere Orte jetzt auch um die Kunden werben können: Mehr Lifte sollen unberührte Gletscherregionen erschließen, zusätzliche Gondelbahnen die Kapazitäten für den Skitourismus auf dem ewigen Eis erhöhen. In den Alpen steht so eine Kehrtwende im Umgang mit den eigentlich geschützten Hochgebirgslandschaften an.
Nach einer neuen Bestandsaufnahme der Alpenschutzorganisation Cipra sind im gesamten Alpenraum derzeit 100 Liftprojekte geplant, davon befinden sich über 30 in den Gletscherregionen. Auf insgesamt 18 einzelnen Gletschern, beispielsweise in der Schweiz (Titlis-Gletscher) als auch in Österreich (Schladminger Gletscher) oder in Italien (Indren-Gletscher), ist der Aus- oder Neubau von Gondelbahnen und Bergstationen geplant. Selbst am Rand des Unesco-Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn wurde eine futuristisch anmutende Bergstation eingeweiht.
Um die Gletscher nutzbar machen zu können, sind allerdings meist juristische Klimmzüge nötig. Nach dem Tiroler Naturschutzgesetz von 1991 beispielsweise sind alle Baumaßnahmen auf den österreichischen Gletschern tabu. Und auch die Europäische Alpenschutzkonvention der sieben Anliegerstaaten hatte für die Gletschergebiete des 1200 Kilometer langen Gebirges einen Ausbaustopp gefordert. Noch im November warnte Bundesumweltminister Jürgen Trittin als damaliger Vorsitzender der Alpenkonferenz vor einem neuen "Erschließungswahn bei den Gletschern".
"Wir dachten eigentlich, das Thema Gletscher sei abgehakt", sagt deshalb Peter Haßlacher, Umweltexperte des österreichischen Alpenvereins in Innsbruck. Weil der Klimawandel die Skifahrer aus den tieferen Lagen vertreibt, wächst jedoch der Druck, das Hochgebirge zu erschließen. Ausgerechnet ein neues "Raumordnungsprogramm zum Schutz der Gletscher", das in diesem Frühjahr von der Landesregierung Tirol verabschiedet werden soll, wird die rechtlichen Voraussetzungen schaffen.
So sollen bei "touristischem Interesse der betroffenen Region" geplante "Erweiterungen der Gletscherskigebiete" trotz der Alpenschutzkonvention genehmigungsfähig sein. "Hier wird der Gletscherschutz ausgehebelt", so Haßlacher, "bei uns hat doch jedes Tal seine touristischen Interessen."
In 3526 Meter Höhe soll beispielsweise am Gepatschferner an der österreichischitalienischen Grenze Europas höchste Bergstation entstehen. Der Plateau-Gletscher ist bislang völlig unerschlossen und gilt dem Alpenverein als ein "weißes Juwel". Die österreichische Regierung argumentiert, die geplanten Pisten zur Bergstation würden nur eine Verbindung zu den benachbarten Skigebieten herstellen - somit sei das "Vorhaben nicht als Neuerschließung anzusehen".
Gemeinsam mit der Umweltorganisation Greenpeace hat die Münchner Gesellschaft für Ökologische Forschung untersucht, was solche Projekte für die Gletscher bedeuten. "Da oben sieht es im Sommer grausig aus", so Studienleiter Wolfgang Zängl: Aufgerissene Kabelschächte für Schneekanonen, betonierte Stützpfeiler für Aufstiegshilfen oder Großgaragen mit kompletten Kfz-Werkstätten fänden sich jetzt schon an manchem Gletscherrand.
Der Einsatz von PS-starken Pistenbullys oder der sommerliche Lieferverkehr zu den Baustellen setzt auch dem meterdicken Eis zu. Ruß, Maschinenöle und Salze verdrecken das Eis. "Es geht nicht darum, ob ein paar Skier am Gletscher kratzen", so Haßlacher, "aber eine einmalige hochalpine Landschaftsressource wird dem Massentourismus geopfert."
Aufgewirbelter Staub hat Teile des Kaunertaler Gletschers beispielsweise schon in eine mattgraue Schlammwüste verwandelt. Da das einfallende Sonnenlicht von verdrecktem Eis schlechter reflektiert wird, schmilzt der Gletscher schneller.
Deshalb lassen mehrere österreichische Liftgesellschaften derzeit am Institut für Meteorologie und Geophysik in Innsbruck mit neuartigen Hightech-Materialien experimentieren: Ein eigens entwickeltes weißes Kunststoffvlies soll die Sonneneinstrahlung künftig besser reflektieren - und das Abschmelzen der Gletscher verzögern.
Teile des Pitztal-Gletschers sollen in diesem Sommer schon mit der Folie für den Winterspaß frisch gehalten werden. "Der Gletscher", sagt Willi Krüger, Prokurist der Pitztaler Seilbahn-Gesellschaft, "ist schließlich unser Kapital."
SEBASTIAN KNAUER
Von Sebastian Knauer

DER SPIEGEL 11/2005
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