14.03.2005

MODENiete in Nadelstreifen

Der Herrenausstatter „Prince of Wales“ lockt mit Maßanzügen - liefert aber oft nicht. Vergangene Woche wurde der Firmengründer verhaftet.
In der Rolle des gepflegten Unternehmers gefällt sich Ricky K., 33, besonders. Sein Sakko ist stäubchenfrei, die Krawatte kunstvoll geknotet, die Bügelfalte messerscharf. Ganz so, wie es sich für den Gründer und Geschäftsführer eines Münchner Herrenausstatters geziemt, der sich "Prince of Wales" nennt.
Doch so edel scheint das Geschäft nicht zu sein. Am vorigen Donnerstag wurde der smarte Schneider mit dem Blaublut-Fetisch festgenommen. Wegen Fluchtgefahr ging's direkt in die Untersuchungshaft. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft München die Geschäftsräume durchsucht. Der Verdacht: Betrug und Insolvenzverschleppung.
Schon seit Monaten interessiert sich die Justiz für die Geschäfte K.s, der in Deutschland und Österreich Filialen betreibt. In Wien wurden rund 200 Anzeigen gegen das Unternehmen und seinen Geschäftsführer erstattet. Auch am Firmensitz in München stapeln sich die Betrugsanzeigen und Beschwerden. Allein beim zuständigen Amtsgericht taucht die Firma in 286 Verfahren als Beklagte auf.
Den meisten Klägern ging es wie Peter Wolf. Im Frühjahr vergangenen Jahres entdeckte der Journalist aus Graz "Prince of Wales"-Anzeigen, in denen Maßanzüge für rund 500 Euro angepriesen wurden. Am 12. Juni bestellte Wolf im exklusiven Atelier am Kohlmarkt zwei Anzüge samt Krawatten. Mitte September liege die Ware bereit, wurde ihm versichert. Bezahlen müsse er die insgesamt 1170 Euro allerdings sofort. Wolf zückte seine Kreditkarte, der Betrag wurde abgebucht. "Dann begann das Warten." Wolf wartet noch heute.
Zumindest die "Prince of Wales"-Reklame war auch in Deutschland ein Erfolg: "Nach dem Erscheinen der Anzeigen waren wir nur noch am Telefonieren, um neue Termine zu vereinbaren", sagt eine ehemalige Verkäuferin. Mitunter hätten solche Aktionen auf einen Schlag mehrere 100 000 Euro in die Kassen des Unternehmens gespült.
Ende Juli steuerte auch Norbert Meierlohr 550 Euro bei. Eigentlich wurde dem Münchner dafür ein grauer Einreiher versprochen, den er pünktlich zur goldenen Hochzeit seiner Schwiegereltern im November bekommen sollte. Zur Feier musste Meierlohr im alten Anzug gehen, seine Ware ist bis heute nicht geliefert worden.
Für K.s Anwalt Hubertus von Frankenberg sind solche Verzögerungen die große Ausnahme: 95 Prozent der Bestellungen seien "fabelhaft ausgeliefert" worden. Lediglich bei einer Jubiläumsaktion im Sommer habe es mit den Terminen nicht so recht geklappt. Das Hauptproblem vermutet der Anwalt aber eher bei den Kunden: "Viele holen einfach nicht ab."
Dafür bekamen die Kunden bisweilen blumige Entschuldigungspost. In der "luxuriösen Welt des Stils und der Perfektion" (Werbung im Internet) kam es regelmäßig zu merkwürdigen Missgeschicken, die eine Auslieferung im letzten Moment verhinderten. Mal beschädigte "auslaufendes Öl einer Maschine" das teure Tuch. Mal wurde die Garderobe "leider mit den falschen Maßen zusammengenäht". Bei so viel Pech wurden selbst gutgläubige Käufer stutzig. Dutzende erboste Anrufer durften K.s Mitarbeiter zuletzt täglich abwimmeln. "Inzwischen haben sich rund 200 Leute bei uns gemeldet", sagt Petra von Rhein von der Verbraucherzentrale Bayern. Der Verein für Konsumenteninformation in Wien verklagte "Prince of Wales" bereits beim österreichischen Handelsgericht.
K. wurde es verboten, in Anzeigen den Eindruck zu erwecken, er biete Maßanzüge aus "italienischer Handwerkskunst" an, obwohl es sich nur um die "überwiegend industrielle oder maschinelle Anfertigung von Bekleidung" handle. Da die Firma die Prozesskosten nicht bezahlte, beantragte der Verbraucherverein im Januar die Eröffnung eines Konkursverfahrens gegen die österreichische Gesellschaft.
In Deutschland läuft es für die Niete in Nadelstreifen ähnlich schlecht: Mehrfach versuchte die Gerichtsvollzieherin, Außenstände einzutreiben. Viel gab es offenbar nicht mehr zu holen. Seit Anfang des Jahres liegt nach Angaben des Wirtschaftsauskunftsdienstes Creditreform eine "Haftanordnung zur Abgabe der eidesstattlichen Versicherung" vor. Für K.s Anwalt muss es sich da um "eine schlichte Fehlinformation" handeln. "Die Finanzen sind okay." Allenfalls gebe es einige "temporäre Liquiditätsschwierigkeiten".
Als der Hamburger Rechtsanwalt Dirk Naumann zu Grünberg die Forderungen mehrerer Kunden durchsetzen wollte, musste er sich hinten anstellen. Ein "Prince of Wales"-Konto bei der Deutschen Bank war mehrfach gepfändet worden. Erst über den Zugriff auf ein Auslandskonto ließ sich das Geld seiner Mandanten sicherstellen.
Die einzige Konstante scheint K.s Adelsmasche zu sein. Schon bei der "Lord's of Sweden Maßbekleidung Vertriebs GmbH", die er bis 1998 führte, sorgte der feudale Titel für Umsatz. Nach ein paar Jahren reichte er die Firma an seinen Onkel in Zürich weiter. In die Frankfurter Filiale des "Lord's of Sweden" zog dann "Prince of Wales" ein. Und vielleicht eröffnet er ja nach seiner U-Haft eine neue Firma: K. ließ sich beim Deutschen Patent- und Markenamt bereits den nächsten klangvollen Namen schützen: "Prinz von Preußen". HENRYK HIELSCHER
Von Henryk Hielscher

DER SPIEGEL 11/2005
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