14.03.2005

LIBANONIm Auftrag Allahs

Der Machtkampf im Zedernstaat steht unentschieden. Zünglein an der Waage könnte die Hisbollah werden.
Das Revier der Gotteskrieger beginnt in den dichtbevölkerten Südvierteln Beiruts. Hier, nur etwa 20 Minuten vom mondänen Zentrum entfernt, sind die Häuser und ihre Bewohner sichtlich ärmlicher. Die meisten Frauen tragen einen Schleier, mitunter hängt ein Bild von Führer Hassan Nasrallah an einer Häuserwand. Äußerlich weist ansonsten wenig auf die Macht im Hintergrund hin - die starke schiitische "Partei Gottes", die Hisbollah.
Weil sich die städtischen Kontrolleure nicht in diese Gegend trauten, zahlten deren Bewohner jahrelang keinen Strom. Das änderte sich erst, als der Chef der Energiebetriebe persönlich bei Scheich Nasrallah vorsprach. "Wer sich vor der Polizei in Sicherheit bringen will, schlüpft im Süden unter", sagen die Beiruter - in der Hochburg der Hisbollah. Er ist die Heimstatt jener Organisation, die 1982 während der Invasion der Israelis von iranischen Revolutionsgarden gegründet wurde und später mit spektakulären Anschlägen auf israelische und amerikanische Ziele auf sich aufmerksam machte.
Ausländische Journalisten werden davor gewarnt, einfach so durchs Viertel zu streifen oder gar Leute auf der Straße anzusprechen. "Wir können nicht für Ihre Sicherheit garantieren", heißt es dann. "Die Leute hier trauen Ausländern nicht", erklärt Hisbollah-Sprecher Hussein Nabulsi. Bei ihm müssen Journalisten vor einem Interview eine Kopie ihres Ausweises einreichen. Taschen werden für die Dauer des Termins beschlagnahmt.
Der Ort des Interviews mit einem der Hisbollah-Führer bleibt geheim. Um dorthin zu gelangen, fährt im Hinterhof ein Range Rover vor, dessen Fahrer hinter schwarzen Vorhängen unsichtbar bleibt. Er fährt so schnell um viele Ecken, dass man sich die Route nicht mal ansatzweise einprägen kann. Irgendwann hält er an einer Schranke, ein schwerbewaffneter Kämpfer öffnet sie.
Scheich Naïm Kassim, zweiter Mann der Hisbollah, empfängt Besucher mit sanftem Lächeln. Auf der reichverzierten syrischen Kommode neben ihm prangt das Symbol der Organisation: die nach oben gereckte Faust mit Kalaschnikow, dazu Koran und Erdkugel. "Die Partei Gottes wird siegreich sein", steht darüber.
"Allah hat uns Waffen gegeben, wir handeln in seinem Auftrag und Willen", erklärt der Scheich und berührt, als wolle er den überirdischen Sendungsauftrag unterstreichen, leicht seinen Turban. "Wir sind Teil des libanesischen Verteidigungssystems - und wir genießen große Popularität." Erstmals spricht die Hisbollah sogar von einer möglichen Regierungsbeteiligung, die sie bisher strikt abgelehnt hat.
Nach dem Aufmarsch Hunderttausender Anhänger vergangenen Dienstag im Herzen Beiruts strotzen die Islamisten vor Selbstbewusstsein. Die Opposition, die sich nach wochenlangen Protesten und dem dadurch erpressten Rücktritt der Syrien-treuen Regierung auf der Siegerstraße fühlte, wurde in ihre Schranken verwiesen.
"Wir sind nicht die Ukraine", warnte Nasrallah unter dem Jubel der Massen. Mit Hilfe der Abgeordneten von Hisbollah und der ebenfalls schiitischen Amal holte der Syrien-treue Präsident Emile Lahoud den gerade abgesetzten Ministerpräsidenten Omar Karami zurück - "ein Schlag gegen die protestierende Straße", so ein Oppositionssprecher.
Selbst baldige Wahlen sind plötzlich nicht mehr sicher. Regierungsgegner fürchten, das Parlament könne die Verlängerung seiner eigentlich bald abgelaufenen Legislaturperiode beschließen und damit den Urnengang noch einmal abwenden.
Schlimmer noch: Weitere blutige Attentate wie das auf Ex-Premier Rafik al-Hariri, das die Massenproteste auslöste, könnten folgen. Zwar sieht derzeit kaum jemand die Gefahr eines Rückfalls in den Bürgerkrieg, doch "schon eine Serie von Gewaltakten im Mafia-Stil könnte Chaos und Aufruhr stiften", sagt Hani Hamud, Chef von Hariris TV- und Zeitungsunternehmen "al-Mustakbal" ("Zukunft"). Nicht nur er fürchtet, dass Syrien Interesse hat zu zündeln, um so seine weitere Einmischung im Libanon zu rechtfertigen.
Welche Rolle wird die Hisbollah spielen bei der "Wiedergeburt der Nation", fragen libanesische Zeitungen. Wird sie der Statthalter für Damaskus und als "Prätorianergarde der Syrer" ("The Daily Star") den Weg in die Zukunft blockieren? Die Hisbollah stehe an einem historischen Scheideweg, bemerkt der Libanon-Kenner Michael Young: "Sie muss sich entscheiden, ob sie sich dem libanesischen Konsens anschließt - oder sich als autonome Kraft unter syrischem Schutz isoliert."
Tatsächlich geht es neben dem Abzug der Syrer auch um die Hisbollah. Die Uno-Resolution 1559 fordert deren Entwaffnung. Israel und Amerika bekämpfen sie als Terrororganisation.
Die von Iran finanzierten Fundamentalisten, die nach israelischen Angaben auch den palästinensischen Terror fördern, haben Experten zufolge rund 2000 Bewaffnete. Der libanesische Süden, von Israel bis ins Jahr 2000 besetzt, wird von der Hisbollah beherrscht. Hier traut selbst die libanesische Armee sich nicht hin. Zusammen mit Teilen der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene
kontrolliert die Hisbollah bis zu 20 Prozent des Landes.
Aber sie weiß, was jetzt auf dem Spiel steht. Deshalb glaubt etwa der frühere Präsident Amin Gemayel, dass sich die Islamisten schon "aus reinem Selbstschutz dem nationalen Konsens anschließen". Doch Gemayel, dessen 1982 ermordeter Bruder Baschir die Christen-Miliz Falange angeführt hatte, warnt auch, dass der demokratische Wiederaufbau Libanons nach Jahrzehnten syrischer Vorherrschaft ein "langer, zäher Prozess" wird.
Vorerst schlug sich die Hisbollah auf die Seite Syriens. Zudem heizt sie die Stimmung gegen Israel und die USA an, um so die Notwendigkeit für einen weiteren bewaffneten Kampf zu suggerieren. "Wenn wir sie lassen, stehen die Israelis schon morgen wieder in den Vororten Beiruts", behauptet Sprecher Nabulsi dreist. "Tod für Amerika", "Tod für Israel", brüllten die Demonstranten vergangenen Dienstag in Beirut.
Immer mehr Libanesen aber haben genug davon, dass das ganze Land für Militärschläge der Hisbollah büßen muss. Doch sind die Islamisten auch eine mächtige politische Kraft. Sie repräsentieren einen Großteil der Schiitengemeinde, die etwa ein Drittel der in 17 Religionsgemeinschaften zersplitterten Bevölkerung ausmacht. Die Hisbollah unterhält Krankenhäuser, Sozialstationen und Armenküchen. Doch ihre Klientel ist längst nicht mehr nur die verarmte Unterschicht, zu ihr zählen auch kleine Unternehmer, Rechtsanwälte, Doktoren.
Die Libanesen sehen die Hisbollah nicht als Terrororganisation. Selbst die überwiegend aus Christen, Drusen und zunehmend auch Sunniten bestehenden Oppositionsgruppen loben ihren Kampf zur Befreiung des Südlibanon von israelischer Besatzung. "Sie ist ein Teil des Libanon", bestätigt Oppositionsführer Walid Dschumblat. Keiner fordert ihre Zerschlagung. "Eine ge-
waltsame Entwaffnung würde unweigerlich zu einer Schlacht führen", gibt der Beiruter Hisbollah-Experte Nisar Hamsa zu bedenken, "wir müssen andere Wege finden."
"Das Land muss jetzt wieder aufgebaut werden, die Schiitenorganisation ist dabei ein wichtiger Partner", sagt auch Oppositionssprecher Michel Muawwad, Sohn des 1989 ermordeten christlichen Präsidenten Rene Muawwad.
Eine Partnerschaft bedeute allerdings, "dass die Hisbollah ihr Programm der Nation nicht einfach aufzwingen kann". Ein neuer Libanon dürfe sich nicht in Konfrontation mit der internationalen Gemeinschaft begeben. Genau da aber schwelt ein Konflikt: Während Oppositionspolitiker in Europa um Unterstützung für ihr Land werben, ruft Nasrallahs Truppe die Massen zur Abwehr jeder "internationalen Einmischung" auf.
Dass für ihn der Kampf noch lange nicht vorbei ist, daran lässt Hisbollah-Führer Kassim keinen Zweifel. "Im Namen Gottes, des Barmherzigen", sagt der Scheich und streicht seinen Turban: "Solange es die israelische Gefahr gibt, geht unser Widerstand weiter." ANNETTE GROßBONGARDT
* In Beirut im November 2001.
Von Annette Großbongardt

DER SPIEGEL 11/2005
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