14.03.2005

EINES MENSCHEN HERZ

Der Brite William Boyd lässt einen Spion sehr amüsant aus dem Leben plaudern.
Wer sich noch daran erinnert, wie es ist, wenn man mit den ersten Sätzen in ein Buch hineinfällt und sich umgehend wünscht, die Zeit möge nun stillstehen bis zur letzten Zeile, der sollte sich den Roman "Eines Menschen Herz", ein fiktives Tagebuch des Briten William Boyd, 53, besorgen. Von Anfang an springt der Erzähler mitten in die Welt einer englischen Knabenerziehungsanstalt Anfang der zwanziger Jahre: "Wir - die fünf Römisch-Katholischen - kamen von der Bushaltestelle und liefen die Auffahrt zur Schule hinauf, frisch von der Messe, als Barrowsmith und vier, fünf andere Neandertaler anfingen, uns als 'Papistenschweine' und 'irische Verräter' zu beschimpfen."
Um sich die Zeit zu vertreiben, stellen Logan Mountstuart und seine engsten Freunde sich gegenseitig fast unlösbare Aufgaben: Logan, Sportverächter und Bücherwurm, muss sich in die erste Rugby-Mannschaft
kämpfen, sein jüdischer Freund Ben zum Katholizismus konvertieren und der unbeholfene Dritte ein Mädchen vom Lande verführen - dass Peter dieses Mädchen später heiraten wird, gehört zu den freundlichen Überraschungen in diesem Lebensbericht.
Während das Empire langsam in sich zusammenfällt, verliebt sich Mountstuart unglücklich, heiratet die falsche, findet die richtige Geliebte, wird zum britischen Geheimdienst geholt, wirkt in New York als Galerist und schließlich in Nigeria als Dozent für Literatur. Vor allem aber versucht er sich als Schriftsteller: Seine Shelley-Biografie ist ein Achtungserfolg, ein leicht pornografischer Roman mit dem Titel "Die Mädchenfabrik" verkauft sich blendend, ein autobiografischer Bericht über seine Hafterfahrung als Spion erneuert noch einmal seine Reputation.
Reales Vorbild für Logan Mountstuart war ein heute kaum noch bekannter britischer Autor. Virginia Woolf und Pablo Picasso, Edward VIII. und schließlich sogar die RAF - die Figuren der Zeitgeschichte treten wie selbstverständlich in diesem Lebensroman auf und wieder ab. Die Pointen der Kolportage erhöhen den Lesegenuss noch einmal. Aber auch ohne jeden Glamour beim Personal bliebe "Eines Menschen Herz" ein tolles, turbulentes, vergnügliches, federnd geschriebenes Stück. ELKE SCHMITTER
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 11/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EINES MENSCHEN HERZ

  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen
  • Brennende Barrikaden, 150 Verletzte: Barcelona - die Nacht der Ausschreitungen
  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"