21.03.2005

LEBENSMITTELAltes Fleisch in neuen Folien

Mitarbeiter der Real-Kette haben abgelaufenes Hack umetikettiert. Ausnahmefälle, behauptet das Unternehmen. Gängige Praxis, vermuten dagegen Ermittler.
In der Filiale des Real-Supermarkts in Laatzen war an diesem Morgen - es war der 1. März - die Welt um sieben so ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Seit einer guten Stunde durchwühlten Ermittler des Polizeipräsidiums Hannover die Kühltheke des Warenhauses, konfiszierten Hackfleisch, Gyros und Geschnetzeltes.
Zur gleichen Zeit ertappten Fahnder im nur 30 Kilometer entfernten Langenhagen Fleischpanscher auf frischer Tat. In der Metzgerei des Real-Markts fanden sie rund 50 aufgerissene Verpackungen mit abgelaufenem Verfallsdatum. Daneben, in einem Bottich, das herausgepulte Hack - direkt neben der Maschine, die das Fleisch neu verpacken und etikettieren sollte.
Die Zentrale von Real, einer Tochter des Metro-Konzerns mit rund acht Milliarden Euro Umsatz und 284 Märkten, erhielt an diesem Morgen ebenfalls ungebetenen Besuch. Beamte des Bundeskriminalamts durchsuchten das Gebäude in Mönchengladbach nach Vermerken, die Aufschluss über den Umgang mit Frischfleisch in den Supermärkten liefern sollten.
Die illegalen Praktiken waren aufgeflogen, weil ein damaliger Mitarbeiter seine Kollegen mit versteckter Kamera dabei gefilmt hatte, wie sie frühmorgens Hack und Geschnetzeltes vom Vortag, neu etikettiert, wieder ins Kühlregal gepackt hatten. Der Mann hatte das Video kurz darauf der Staatsanwaltschaft übergeben.
Seither hat Deutschland einen neuen Lebensmittelskandal - und die Staatsanwaltschaft in Oldenburg jede Menge Arbeit. Die Behörde ermittelt inzwischen gegen rund ein Dutzend Real-Mitarbeiter. Neben Laatzen und Langenhagen stehen mindestens zwei weitere Real-Märkte im Verdacht, altes Fleisch in neue Folien verpackt zu haben.
Der Verkauf von überfälligem Fleisch ist nicht nur unappetitlich, im schlimmsten Falle gesundheitsschädlich und ein Betrug am Kunden. Er ist auch strafbar. Allein das "Vorrätighalten" von Hack mit abgelaufenem Verbrauchsdatum kann laut Hackfleisch-Verordnung mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden. Inzwischen scheint zwar klar, dass es aus der Real-Zentrale keine Anweisungen zur Umetikettierung gab. Die Fahnder wollen nun aber prüfen, ob Bezirks- oder Bereichsleiter die Manipulationen womöglich veranlasst, zumindest aber stillschweigend geduldet haben.
Bei Real in Langenhagen fanden die Ermittler eine Notiz, wonach der Bezirksleiter sofort zu benachrichtigen sei, wenn "die Verderbquote 0,3 Prozent überschreitet". Sollte so etwa, von wem auch immer, Druck auf die Mitarbeiter ausgeübt werden und so die unappetitliche Methode begünstigt worden sein? "Wenn man dann noch in den Büchern liest, dass die Verderbquote über Wochen größtenteils 0,0 Prozent betragen hat, dann weiß man, dass da was nicht stimmen kann", sagt ein Fahnder.
In den vergangenen Tagen gingen mehr als hundert neue Hinweise bei Staatsanwaltschaft und Lebensmittelämtern ein. Sie lassen vermuten, dass auch bei anderen Supermarktketten manipuliert wird. "Wir gehen zurzeit nicht davon aus, dass es sich in Laatzen und Langenhagen um Einzelfälle gehandelt hat", sagt Staatsanwalt Bernard Südbeck.
Offenbar hat das Aufhübschen von Ekelfleisch in der Branche Methode - auch wenn die Real-Zentrale von "Ausnahmefällen" und "persönlichem Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter" spricht und es aus Mönchengladbach immer wieder Anweisungen an die Filialen gab, die Lebensmittelvorschriften "strikt einzuhalten".
In den vergangenen zehn Jahren gerieten allein Real-Märkte viermal wegen Umetikettierungen ins Visier von Fahndern. Vor zwei Jahren wurde der Mitarbeiter einer Filiale im ostwestfälischen Brakel wegen Fleischpanscherei zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Jahr 2000 recherchierte die Staatsanwaltschaft Frankenthal wegen ähnlicher Praktiken bei Real im rheinland-pfälzischen Bobenheim-Roxheim. Und in Pirmasens wurde bereits 1996 ein Real-Angestellter wegen Umetikettierung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.
Was nicht mehr haltbar ist, wird haltbar gemacht. Die Tricks sind auch bei Edeka, Wal-Mart oder Tengelmann bekannt - sie alle hatten schon ihren Altfleischskandal.
Der Verbraucher ist daran nicht ganz schuldlos. Die Geiz-ist-geil-Mentalität der Deutschen hat selbst Gutverdiener zu Schnäppchenjägern werden lassen. Gleichzeitig nahm der Preiskampf in der Lebensmittelbranche brutale Züge an. Dass Hackfleisch wie jetzt in Niedersachsen umgepackt und damit das Haltbarkeitsdatum verlängert wurde, sei angesichts des enormen Preisdrucks nur eine logische Konsequenz, meint Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherorganisation Foodwatch.
Real hat inzwischen reagiert. Neun Mitarbeiter wurden beurlaubt, oder ihnen wurde gekündigt, darunter der Bereichsleiter Fleisch. Mit eigenen Qualitätsmanagern in den Filialen und Hinweisschildern an der Fleischtheke will man verlorenes Vertrauen beim Kunden wiedergewinnen - und handelte sich dabei neuen Ärger ein.
Die Stadt Braunschweig hat die Plakataktion in den Real-Filialen mit dem Slogan "Das Veterinäramt war hier. Alles getestet, alles frisch" inzwischen untersagt - wegen Irreführung des Verbrauchers. "Selbst wenn aktuell eine Kontrolle stattgefunden hat", heißt es in einem Vermerk des Landwirtschaftsministeriums, sei nicht auszuschließen, "dass unmittelbar nach einer durchgeführten Kontrolle Rechtsverstöße vorliegen können". JÖRG SCHMITT
Von Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 12/2005
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