21.03.2005

UNTERNEHMENUnkalkulierbares Risiko

Vor sechs Jahren stieg der damalige Jenoptik-Chef Lothar Späth in ein neues Geschäftsfeld ein. Dabei unterlief ihm ein Fehler, der den Konzern in den Ruin treiben könnte.
Solche Augenblicke liebt Lothar Späth: vor ihm ein halbes Dutzend Kameras des "Ereigniskanals" Phoenix, im Parkett Hunderte Studenten, die ehrfürchtig seinem Vortrag über "Unternehmensgründung, Venture Capital und Business Angels" lauschen. Es war der 25. Mai 2000, die Universität Passau hatte zum "Praxis-Forum" geladen, und Späth sollte noch einmal erzählen, wie er aus dem einstigen Kombinat VEB Carl Zeiss Jena einen schlagkräftigen ostdeutschen börsennotierten Technologiekonzern ohne westdeutsche Mutter geformt hatte.
Späth rühmte seine "kluge Entscheidung", 14 Fabriken abzureißen, "bevor der Denkmalschutz und die Baubehörden funktionieren". Er lobte, wie schnell die technische Kompetenz der Jenaer später in neuen marktfähigen Produkten mündete. Und er würdigte seinen Spürsinn, mit dem er eine alte Frankfurter Bank mit dem sperrigen Namen Deutsche Effecten- und Wechsel-Beteiligungsgesellschaft (DEWB) aufstöberte. In die konnten alte Zeiss-Hinterlassenschaften ausgegliedert werden, um den Jenoptik-Börsengang ohne allzu großen Ballast über die Bühne zu bringen.
Fünf Jahre nach Späths Eigenlob ist die ebenfalls börsennotierte Jenoptik-Tochter DEWB zum unkalkulierbaren Risiko für den Konzern geworden. Im schlimmsten Fall muss Jenoptik Abfindungen in dreistelliger Millionenhöhe an DEWB-Aktionäre zahlen - Abfindungen, die das ostdeutsche Vorzeigeunternehmen die Existenz kosten könnte.
Die Geschichte der Liaison zwischen Jenoptik und der DEWB reicht in den Spätsommer 1997 zurück. Damals kaufte Jenoptik die DEWB von der traditionsreichen Heidenheimer Industriellenfamilie Voith. Die schwäbischen Maschinenfabrikanten besaßen seinerzeit 99 Prozent der DEWB-Anteile, ein Prozent war im Besitz von freien Aktionären.
Zu diesem Zeitpunkt bestand zwischen Voith und der DEWB bereits seit vier Jahren ein sogenannter Beherrschungsvertrag. Der ermöglichte es, die Verluste des einen Unternehmens mit den Gewinnen des anderen zu verrechnen.
Aufgrund dieses Vertrags hatte Voith den freien Aktionären ein Abfindungsangebot für ihre DEWB-Anteile machen müssen, welches das Unternehmen damals auf umgerechnet 26,51 Euro pro Aktie taxierte - was in etwa auch dem damaligen Kurs entsprach. Einigen Anteilseignern fiel dieses Angebot jedoch zu gering aus, sie klagten in einem Spruchstellenverfahren auf eine höhere Abfindung. Dieses Verfahren läuft noch heute, verwehrt jedoch nicht die Möglichkeit, sich dem Spruchstellenverfahren gegenwärtig noch anzuschließen.
Späths Entscheidung, die DEWB mit all ihren Verpflichtungen zu übernehmen, sollte sich zunächst als Glücksfall entpuppen. Die früheren Voith-Beteiligungen erwiesen sich als Cashcows, manche der ehemaligen Zeiss-Ausgliederungen entwickelten sich ebenfalls prächtig. Die DEWB bescherte Jenoptik glänzende Umsätze, ihr Börsenkurs ging in die Höhe.
In der Euphorie entschieden die Jenaer Manager nach ihrem eigenen Börsengang 1998 aus der ehemaligen Zwecklösung DEWB "ein Kerngeschäft" zu machen und das Unternehmen in eine Risikokapitalgesellschaft umzuwandeln. Die DEWB sollte kleine Hightech-Unternehmen aus der Region mit frischem Geld versorgen und ihnen damit zum Durchbruch verhelfen - auch an der Börse, "um den Wert zu steigern", wie Späth es vorhatte.
Es war die Zeit der New Economy, die Börse lechzte nach solchen Geschichten, und die Anleger honorierten sie mit kräftigen Kurssteigerungen. Jenoptik kündigte den Beherrschungsvertrag aus grauer Voith-Vorzeit und beschloss, den DEWB-Streubesitz von einem Prozent kräftig auszuweiten. "Die freien Aktionäre haben uns regelrecht dazu gedrängt", sagt der damalige Finanzvorstand und heutige Jenoptik-Chef Alexander von Witzleben. Der Technologiekonzern trennte sich zunächst von knapp zehn Prozent seiner DEWB-Anteile, um sie dem freien Markt zur Verfügung zu stellen.
Es folgte ein Boom sondergleichen. Der Handel geriet in Schwung, der DEWB-Kurs kletterte auf knapp 65 Euro. An die mögliche Abfindung in Höhe von 26,51 Euro
dachte niemand mehr. Auch Lothar Späth nicht. Das ist womöglich auch der Grund, warum er es versäumte, die neuen DEWB-Aktien im freien Markt von jenen unterscheidbar zu machen, die abfindungsberechtigt sind. "Das gehörte auch nicht zu meinen Aufgaben als Vorstandsvorsitzender", sagt der heutige Aufsichtsratsvorsitzende Späth. "Hätte ich mir etwa von meinem Finanzvorstand ein Stempelkissen bringen lassen sollen, um alle verkauften Aktien vorher abzustempeln?"
Der Fehler könnte sich bitter rächen. Denn zwischenzeitlich stürzte der Kurs der DEWB-Aktie auf 1,80 Euro ab. Dieser karge Wert weckt nun Begehrlichkeiten bei jenen Aktionären, denen umgerechnet 26,51 Euro an Abfindung zustehen.
Doch nicht nur jenes eine Prozent aus früherem Streubesitz ist nun scharf auf den deutlich besseren Kurs, sondern auch die Aktionäre, die ihre DEWB-Anteile direkt von Jenoptik erwarben und die eigentlich gar nicht abfindungsberechtigt sind.
Durch drei Kapitalerhöhungen weitete sich der Streubesitz auf inzwischen knapp 35 Prozent beziehungsweise etwa 5,22 Millionen Aktien aus. Doch niemand kann mehr nachvollziehen, welche Aktien abfindungsberechtigt sind und welche nicht. Alle kursieren mit der gleichen Wertpapierkennnummer 804100. "Wir haben nicht eine Sekunde über eine getrennte Kennzeichnung nachgedacht", sagt Witzleben. "Uns kam einfach nicht in den Sinn, dass spätere Aktionäre eine Abfindung haben wollen, die ihnen gar nicht zusteht."
Was den Jenaer Managern nicht in den Sinn kam, hatten findige Spekulanten längst eingeplant. Sie klagten auf Abfindung - und bekamen Recht. Das Oberlandesgericht Thüringen (OLG) verurteilte Jenoptik in zweiter Instanz am 22. Dezember 2004 dazu, die Abfindung in Höhe von 26,51 Euro plus Zinsen zu entrichten und drehte die Beweispflicht schlicht um. Nicht der Aktionär muss durch Kontoauszüge oder Kaufverträge beweisen, dass er zu jenem einen Prozent gehörte, das seine Aktien schon vor 1999 besaß, sondern Jenoptik muss nachweisen, dass es nicht so ist.
"Dieses Urteil können wir nicht nachvollziehen", schimpft Witzleben. Das OLG dagegen argumentiert, Jenoptik habe es versäumt, für ausreichende Unterscheidbarkeit zu sorgen. Zwar sieht auch das Gericht die Beweislast grundsätzlich bei den Aktionären. In diesem Fall sei es ihnen jedoch "durch das Verhalten von Jenoptik unmöglich gemacht worden", da das Unternehmen die verschiedenen Aktien "vermengt hat", wodurch "der Marktteilnehmer objektiv getäuscht" wurde. Es sei dem Unternehmen "vorwerfbar" und "missbilligenswert", dass es die Aktionäre nicht darüber aufgeklärt hat, ob sie nun DEWB-Aktien aus dem Streubesitz mit Abfindungsanspruch oder aus dem Besitz von Jenoptik ohne Abfindungsanspruch innehaben. Eine Kennzeichnung sei Jenoptik durch "Verleihung einer gesonderten Wertpapierkennnummer möglich und zumutbar gewesen", so der Richter.
Zwar hat Jenoptik gegen dieses Urteil Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) beantragt, und das OLG hat diese Revision auch zugelassen, doch die Folgen sind schon jetzt erkennbar. In den vergangenen Wochen ist die DEWB-Aktie zum Objekt jener Käufer geworden, die "Jenoptik ganz offensichtlich schaden wollen", vermutet Witzleben. Vor dem Urteil des OLG wurden gerade mal 500 DEWB-Aktien pro Tag gehandelt, danach schnellte diese Zahl auf bis zu 11 000 Käufe und Verkäufe herauf - pro Stunde. Der Kurs hat sich seit seinem Tief von 1,80 Euro fast verdoppelt.
Die Interessenten decken sich mit Papieren ein und hoffen darauf, dass der BGH das Thüringer Urteil bestätigt. Damit wäre Jenoptik verpflichtet, jedem Aktionär aus dem Streubesitz die Abfindung zu zahlen, sofern er klagt und sich auf das BGH-Urteil beruft. Auf das Unternehmen kämen im schlimmsten Falle Belastungen in Höhe von knapp 140 Millionen Euro plus Zinsen zu. Das entspricht mehr als 25 Prozent des aktuellen Börsenwertes der Jenoptik AG und fast dem Fünffachen des Gewinns vor Steuern aus dem Jahr 2004.
Im Börsenprospekt heißt es schon zaghaft, ein negativer Ausgang des Verfahrens könnte "die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Jenoptik erheblich nachteilig beeinflussen". Im Klartext: Jenoptik würde in die Pleite schlittern. Dessen sind sich sowohl Witzleben als auch Jenoptik-Anwalt Andreas Meyer-Landrut bewusst, der im schlimmsten Fall die "finstere Wolke Insolvenz" heraufziehen sieht.
Doch zu diesem schlimmsten aller Fälle will es der Jenoptik-Chef nicht kommen lassen. Einerseits würde er versuchen, selbst so viele DEWB-Aktien wie möglich vom Markt zurückzukaufen. Andererseits hofft er, dass nicht allzu viele Aktionäre klagen würden und stattdessen "Moral und Anstand walten lassen". Zudem gebe es ja noch die Möglichkeit eines Vergleichs.
Trotz allem käme Jenoptik wohl nicht umhin, Schulden zu machen. Witzleben kann sich zwar nicht vorstellen, dass das Unternehmen vor dem BGH unterliegt. "Sollte dies wider Erwarten doch eintreten", rechne er lediglich "mit etwa 20 Millionen Euro", die ihn "dieser ganze Quatsch" kosten könnte. Genau könne man diesen Betrag jedoch nicht beziffern.
Seine Gegner glauben nicht, dass er so billig davonkommt. Hans-Norbert Götz, Aktienrechtler und Verteidiger der Kläger vor dem OLG, warnt: "Sollte der BGH das Urteil bestätigen, rollt eine riesige Klagewelle auf Jenoptik zu." JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 12/2005
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