21.03.2005

MAROKKOGrausiges Erbe

Rabats junger Herrscher Mohammed VI. lässt die Sünden seines Vaters aufdecken: Vor einer Untersuchungskommission schildern Folteropfer den Terrorstaat Hassans II.
Elf Tage im Herbst haben das Leben von Maria Charaf, 46, zerstört: Die junge Ingenieurin aus der marokkanischen Hauptstadt Rabat wurde damals zur Witwe, ihr acht Monate alter Sohn zur Halbwaise, als ihr Mann unter der Folter starb, während er vom Geheimdienst verhört wurde. Fast 20 Jahre ist das jetzt her.
Die leidvollsten Tage ihres Lebens begannen für die aktive Gewerkschafterin, als sie und ihr Mann Amine Tahani am 27. Oktober 1985 verhaftet und in das Kommissariat Derb Moulay Cherif nach Casablanca verschleppt wurden. Im Hinterhaus der berüchtigten Polizeistation hatte der Geheimdienst ein Folterzentrum eingerichtet, und dort quälten die Polizisten Tahani zu Tode. Sein Verbrechen: Er war Mitglied in der verbotenen marxistischen Organisation Ila al-Amam (Vorwärts) und kämpfte mit Worten statt mit Waffen für eine Revolution. Sein Gegner war der Unterdrückungsstaat des "Herrschers aller Gläubigen", König Hassan II.
Über solch bittere Schicksale können sich die Marokkaner neuerdings im Fernsehen informieren. Als erster Staat in der arabischen Welt sucht das maghrebinische Königreich eine öffentliche Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit. Die spektakuläre Aufarbeitung von Furcht und Elend einer blindwütig gegen alles tatsächlich oder vermeintlich Linke zuschlagenden Diktatur könnte zum Vorbild für die Vergangenheitsbewältigung anderer Staaten an der Schwelle zur Demokratie werden.
Marokkos König Mohammed VI., der Sohn des Despoten Hassan II., hat eine Kommission eingesetzt, die dem Volk unter anderem in öffentlichen Anhörungen über Fernsehen und Rundfunk die Verbrechen des väterlichen Regimes enthüllen soll. Einzige Bedingung: Die Namen der Folterer dürfen ebenso wenig genannt werden wie der Name des verstorbenen Herrschers.
Ein vorsichtiger Tabubruch also. Denn der seit 1999 regierende 41-jährige Monarch steht vor der schwierigen Aufgabe, einen Weg aus der finsteren Vergangenheit zu suchen, ohne das Land zu destabilisieren. Anders als in Südafrika zum Beispiel, wo eine Wahrheitskommission das Unrecht des Apartheidstaats aufgearbeitet hat, anders als in Deutschland, dessen Nazi-Verbrecher in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen abgeurteilt worden waren, gab es in Marokko keinen Bruch mit dem alten Regime, unter dem bis zu 60 000 Menschen gefoltert worden sein sollen. Die Macht wechselte vom Vater auf den Sohn. Und viele Schergen des alten Königs, die für die systematische Unterdrückung des politischen Gegners verantwortlich waren, sind weiterhin in Lohn und Brot.
Der vom jungen Herrscher eingesetzte Untersuchungsausschuss trägt den anspruchsvollen Namen "Instanz für Gerechtigkeit und Versöhnung". Zum Präsidenten ernannte Mohammed den geachteten Menschenrechtler Driss Benzekri, 54, der selbst 17 Jahre Kerkerhaft überlebte. Benzekris Ziel: "Wir wollen die kollektive Schuld des Staates feststellen."
Dass Handlanger im Auftrag des Terrorstaats folterten und dadurch persönliche Schuld auf sich luden, soll gleichwohl nicht völlig in den Hintergrund treten. Die Opfer dürfen ihre Peiniger auf eigene Faust verklagen - wenn sie denn deren Namen herausfinden und Beweise gegen sie sammeln können.
Anders als der Syrer Baschar al-Assad, der Mitte 2000 das Erbe einer väterlichen Gewaltherrschaft antrat, bewies Mohammed VI., dass er die Zeichen der Zeit versteht. Der Herrscher, der ein gewähltes Parlament neben sich duldet, studierte in Rabat Staatsrecht und erwarb in Nizza einen Doktortitel. Er will durch die königliche Vergangenheitsbewältigung
"die Monarchie und die Demokratie in unserem Land festigen und es endgültig in den universalen Prinzipien der Menschenrechte verankern".
Abdelhay Moudden, ein Politologe von der Universität Rabat und Mitglied des Ausschusses, ist zuversichtlich, dass das Versöhnungswerk gelingen kann. Es war der Staat, argumentiert er, der
das eigene Volk unterdrückt habe. Das aber sei nicht weiter in sich gespalten gewesen - etwa in Faschisten und Antifaschisten -, weswegen innerer Friede ein erreichbares Ziel sei.
Die Agenten der versprochenen Gerechtigkeit und Versöhnung tagen in einem ganz normalen Wohnhaus. An einem regnerischen Tag im März herrscht Hochbetrieb in den Räumen der Kommission in Rabat. In den tiefen Sofas der Warteräume, aber auch auf den Gängen warten Dutzende Männer auf ihre Zeugenanhörung. Andere kramen umständlich Dokumente und Bittbriefe aus Aktentaschen hervor. Ein Arzt und eine Krankenschwester halten sich bereit, um ehemalige Häftlinge zu behandeln oder ihnen psychologischen Beistand zu leisten.
In einer engen Kammer sitzen drei junge Frauen an ihren Computern. Sie geben die auf Tonband aufgezeichneten Opferberichte ein. So entsteht ein Archiv, das alle Angaben von ungefähr 4000 Einzelbefragungen enthält, auch solche über die Identität der Folterknechte.
Bisweilen arbeiteten 300 Dokumentare und Sachbearbeiter daran, den Terror der Vergangenheit aufzuklären. Karima Belloug, eine ausgebildete Schauspielerin, hat sich freiwillig auf ein Jahr hierher verpflichtet. "Manchmal ist das, was ich höre, zu schrecklich. Dann muss ich eine Pause machen", sagt sie.
Schrecklich wie die Erzählungen der Gewerkschafterin Charaf. Während ihr Mann gequält wurde, lag sie mit verbundenen Augen auf einem Klappbett in einem Gang des Folterzentrums. "Wenn Amine vom Verhör kam, gestützt auf zwei Polizisten, erkannte ich ihn am Klappern seiner Sandalen", erinnert sich Charaf. In der Nacht hörte sie ihn husten.
Später erfuhr sie, was ihr Mann erleiden musste: Damit er seine Genossen verriet, wurde sein Kopf unter Wasser gedrückt oder in einen Eimer voller Exkremente. Er musste sich auf Flaschenhälse setzen, ständig gab es Prügel. Ab dem neunten Hafttag, berichtet Charaf, "spürte ich die Anwesenheit von Amine nicht mehr". Die Folterer hatten ihn unter falschem Namen in ein Krankenhaus eingewiesen, als sein Körper schon völlig zerschunden war. Tahani konnte dem Notarzt noch seine Identität verraten, bevor er am 6. November 1985 starb.
Bis vor kurzem war es Maria Charaf, einer energischen Frau mit modischem Kurzhaarschnitt, unmöglich gewesen, über Folter auch nur zu sprechen. Um ihren Sohn nicht zu belasten, verbarg sie ihre Trauer und erzählte fast zwei Jahrzehnte lang weder Kollegen noch ihrer Familie von den Schikanen der Sicherheitskräfte, die auch nach ihrer Haftentlassung nicht aufhörten, und nichts von den Versuchen, auch sie umzubringen.
Mehr als 22 000 politisch Verfolgte haben sich bisher gemeldet, zunächst 200 erklären sich auch öffentlich. Die große Mehrheit der Opfer verlangt finanzielle Wiedergutmachung, andere suchen Aufklärung über das Schicksal von Angehörigen, wollen ein Ende ihrer Berufsverbote erreichen oder wieder in die Krankenversicherung aufgenommen werden.
Gemeinsam mit zwei Historikern arbeitet der Politologe Moudden nun am Abschlussbericht, den die Versöhnungskommission in wenigen Monaten dem König überreichen will. Sie wollen konkrete Empfehlungen für die Polizeiarbeit und eine striktere Kontrolle der Sicherheitskräfte ausarbeiten, damit in Zukunft
kein Marokkaner einfach so verschwinden kann. "Die Machthaber sind auf unsere Ideen angewiesen", sagt Moudden.
Manchen Opfern des Staatsterrors sind die offiziellen Bemühungen um die Aufarbeitung der Vergangenheit allerdings zu zahm. "Für uns ist Versöhnung nur möglich, wenn die Marokkaner und das Ausland die Wahrheit bis ins letzte Detail erfahren", sagt Mohammed El Boukili von der Menschenrechtsvereinigung AMDH. "Dazu gehört auch zu erfahren, wer die Übergriffe angeordnet hat."
Seine Organisation hält deshalb bis Mitte Mai öffentliche Anhörungen auf eigene Faust ab, bei denen es keine beschönigenden Sprachregelungen gibt. Sie veröffentlichte eine Liste von 45 Tatverdächtigen, die immer noch für die Sicherheitskräfte arbeiten. "Gegen keinen von ihnen wurde je ermittelt", klagt Menschenrechtler Boukili.
Mit solchen Beschwerden ist er nicht allein. Dass die Beachtung der Menschenrechte in Marokko auch heute noch zu wünschen übrig lässt, ist im jüngsten Bericht des US-State-Department nachzulesen, das ansonsten im Öffnungskurs des jungen Monarchen eine Bestätigung für den Glauben an die expansive Kraft der Demokratie sieht.
Dennoch halten die Verfasser des Reports fest, dass etwa bei der Verfolgung von islamistischen Terroristen dieselben Methoden angewandt wurden wie früher zur Unterdrückung der Linken. Bei den Anhörungen der AMDH kommen auch die Familien verhafteter Islamisten zu Wort.
Doch von systematischer Unterdrückung wie im Marokko seines Vaters, bestätigt der erfahrene Kommissionspräsident Benzekri, könne bei Mohammed VI. keine Rede mehr sein. Es sei nun Aufgabe der Justiz, die Bürgerrechte zu gewährleisten.
Ob die dazu in der Lage ist, will auch der Sohn von Maria Charaf und Amine Tahani wissen. Im Januar hat er vor einem Gericht in Casablanca Klage erhoben. Er fordert die Staatsanwaltschaft auf, die Verantwortlichen für den Befehl zur Entführung, Folterung und Ermordung seines Vaters zu ermitteln und anzuklagen. Durch alle Instanzen, verspricht er, werde er Gerechtigkeit für seinen toten Vater suchen. Dann wird sich zeigen, wie weit Marokkos Weg in den Rechtsstaat noch ist. HELENE ZUBER
* Mit seiner vollverschleierten Tochter bei deren Hochzeit.
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 12/2005
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