26.03.2005

SCHAUSPIELERSturkopf mit Seelenknacks

Johanna Wokalek, Jungstar des Wiener Burgtheaters, brilliert in Til Schweigers Film „Barfuß“ als Kaspar-Hauser-Mädchen.
Das Erste, was man von ihr sieht, sind ihre Füße. Vorsichtig tapsend schieben sie sich über den Linoleumboden - und sind, wie der Filmtitel schon deutlich macht, natürlich nackt.
Leila heißt die Heldin in "Barfuß". Sie möchte ihre Zehen nicht in Schuhe einsperren. Das Mädchen weiß genau, was es heißt, seiner Freiheit beraubt zu werden: 19 Jahre lang wurde Leila von ihrer Mutter von der Außenwelt weggesperrt. Nun ist die Mutter tot, die Tochter aber lebt fast gleichermaßen abgeschirmt in einer psychiatrischen Anstalt.
Ganz sicher sind die Füße nicht das Spektakulärste an Johanna Wokalek, 30, die die Hauptrolle der Leila in Til Schweigers Regie-Zweitling "Barfuß" spielt. Aber schon in der Art, wie sie die Fersen behutsam aufsetzt, mal ängstlich trippelt, dann wieder abenteuerlustig durch die Gegend stolpert, zeigt Wokalek: Auch in den kleinsten Gesten ist sie ganz bei ihrer Figur.
Til Schweiger, der "Barfuß" auch produziert hat, am Drehbuch mitschrieb und die männliche Hauptrolle spielt, nennt die Leila einen "modernen Kaspar Hauser". Tatsächlich geistert das Mädchen ähnlich hilflos wie das mythische Findelkind im weißen Nachthemd durch die Flure der Psychiatrie - bis Schweiger alias Nick Keller auftaucht. Der arbeitslose Tunichtgut jobbt als Putzmann in der Anstalt und verhindert im letzten Moment, dass sich Leila das Leben nimmt. Die will ihrem Retter fortan nicht mehr von der Seite weichen.
Jeder Versuch, gegen ihre kindliche Sturheit anzukommen, scheitert kläglich. Und so akzeptiert Nick seine beharrliche Verehrerin schließlich als Begleitung zu einem Familientreffen. Wenn die kleinkriminellen Aktionen Nicks und die Weltfremdheit Leilas auf der Reise für einige Turbulenzen sorgen, blitzt der Schweigersche Humor jener Sorte auf, den man aus Filmen wie "Knockin' on Heaven's Door" kennt.
"Barfuß" sei eine "Romantic Comedy", behauptet der Filmverleih. Dass die nicht allzu albern gerät, ist vor allem Wokaleks Verdienst. Wie ihre Leila durch strähnige Haare schielend die Welt entdeckt, kindlich lächelt oder plötzlich, ganz Frau, für ihre Liebe kämpft - das sind die Momente, die "Barfuß" wirklich das Märchenhafte, Poetische verleihen, das sich Schweiger für seinen Film wünschte.
Wokalek zählt am Wiener Burgtheater zu den Stars des Hauses. Sie war die letzte Schauspielerin, die für die Rolle der Leila vorsprach - und mit Abstand die überzeugendste. "Til hatte sehr genaue Vorstellungen davon, wie die Figur sein sollte, die haben sich offenbar mit meinen gedeckt", sagt Wokalek. So einfach ist das.
Mit lässiger Selbstverständlichkeit hat die Schauspielerin bisher auch ihre Karriere vorangetrieben. Während der Schulzeit in Freiburg nutzte sie jede Gelegenheit, Theater zu spielen. Ein Schlüsselerlebnis, erzählt sie, sei schon ihr Auftritt als Clown bei einem Kindergeburtstag gewesen: "Plötzlich merkte ich, dass die Zuschauer ganz leise wurden und sich nur noch auf mich konzentrierten. Das hat mich glücklich gemacht." Nach dem Abitur bewarb sie sich 1995 am Max-Reinhardt-Seminar in Wien - weil ihr die Stadt gefiel - und wurde unter Hunderten Bewerbern an der renommierten Schauspielschule gleich genommen. 1999 hatte sie ihre erste Filmrolle als Dienstmädchen Ilse in "Aimée & Jaguar". Es folgten: ein Engagement am Schauspielhaus Bonn, der Alfred-Kerr-Preis, der Bayerische Filmpreis für ihre Darstellung der Heimkehrerin Lene in Hans Steinbichlers modernem Heimatfilm "Hierankl". Die Kritik war entzückt, "Johanna Wokalek muss man entdecken", jubelte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Mit kaum 25 Jahren wurde Wokalek festes Mitglied des Burgtheater-Ensembles.
Wokaleks Stärke ist die fast totale Hingabe, mit der sie ihre Rollen spielt, eine Zielstrebigkeit und Radikalität, die sie durchaus mit der Filmfigur Leila teilt: "Wenn ich mich für etwas entschieden habe", so Wokalek, "dann mache ich das auch. Ganz oder gar nicht."
Diese Art von Beharrlichkeit schützt vermutlich auch gegen böse Kritiken - so wurde sie jüngst für ihre Rolle der Maggie in Andrea Breths Inszenierung der "Katze auf dem heißen Blechdach" von der "Zeit" als "Fehlbesetzung" getadelt; sie lege "die Inszenierung lahm", behauptete die "Welt am Sonntag". "Was da geschrieben wird, ist ja letztlich nicht das Wesentliche", sagt Wokalek, "das Schöne und Aufregende ist ja das Spielen, das Einswerden mit der Figur."
In der wohl berührendsten Szene von "Barfuß" sieht man, wie Leila, getrennt von Nick und unfreiwillig zurück in der Psychiatrie, von Liebesverzweiflung überwältigt wird: Schluchzend liegt sie in den Armen einer Schwester, die herbeigeeilte Ärztin beschuldigt sie mit zitternder Stimme, nichts von der Liebe zu verstehen. Erst zögerlich, dann mit störrischem Ernst presst sie ihren Zorn hervor: "Sie blöde Kuh!" JENNIFER WILTON
Von Jennifer Wilton

DER SPIEGEL 13/2005
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