29.10.1979

SerieDer schwarze Freitag

Morgens gegen zehn, 24. Oktober
1929. Unerkannt im Chaos des New Yorker Bankenviertels verschwanden vier ernste Männer im Gebäude Wallstreet 23, dem Hauptquartier der geldstarrenden Morgan-Bank, und ließen sich draußen für Stunden nicht wieder sehen.
Es waren die Bank-Herren Charles E. Mitchell von der National City Bank, Albert H. Wiggin von der Chase National Bank, William C. Potter von der Guaranty Trust Company und Seward Prosser von der Trust Company zu New York.
Sie alle hatten am frühen Morgen einen Anruf des Morgan-Senior-Partners Thomas W. Lamont bekommen, der sie dringend in sein Büro bat. Denn an der Börse war der Teufel los: "An diesem Tag", schreibt John Kenneth Galbraith, "wechselten 12 894 650 Anteile den Besitzer, die meisten zu einem Preis, der die Träume und Hoffnungen der bisherigen Inhaber restlos zerstörte."
Lamont, ein intellektueller Bankfürst und einstiger Zeitungsmann, habe sich, so hieß es bald an der Walistreet, mit seinen Kollegen getroffen, um über eine "organisierte Unterstützung" der Börse zu beraten.
Die fünf Herren, sonst verschlossen wie eine Sphinx, palaverten aufgeregt hin und her. Spätestens seit dem vergangenen Nachmittag, hielt Lamont seinen Gästen vor, sei das Geschehen in der Finanzmeile von Manhattan außer Rand und Band geraten. Ein weiterer Kursverfall werde den weitgehend auf Kredite gestützten Aktienmarkt zerstören. Denn der Niedergang habe ja nicht erst gestern begonnen.
Seit dem 3. Oktober schon, das zeigten den Bankiers die Notizen und Tabellen ihrer Börsenabteilungen, hatte es dort, wo alle auf Pump reich werden wollten, fast nur noch Minuszeichen in den Kurszetteln gegeben. Seit dem 14. Oktober, einem Montag, war aus dem Abwärtstrend plötzlich der große Rutsch ins Ungewisse entstanden. Und am 20. Oktober hatte die "limes" in ihrer Sonntagsausgabe gemeldet: "Verkaufswelle sinkender Aktien überschwemmt den Markt."
Am 21. Oktober, registrierten die Fünf in der Morgan-Zitadelle, war aus dem leichten Schreck das große Entsetzen gekommen: Die Masse der amerikanischen Babbitts war nach dem Börsendesaster des Wochenendes mit schwerem Kopf in die Sonntagsruhe gefahren, hatte auf der Kirchenbank über U. S. Steel und General Motors nachgedacht, zu Hause Kassensturz gemacht und dabei erkannt, daß nur noch eines helfen konnte: aussteigen um jeden Preis.
Aber massenhaftes Aussteigen verdirbt den Preis. Am Mittwoch, dem 23. Oktober, hatte sich die Lawine der Verkaufsorders verheerender auf die Börse ausgewirkt als je zuvor. Der "Times"-Industrie-Index war von 415 auf 384 Punkte gefallen. Blue Chips wie General Electric hatten 20, Westinghouse gar 25 Punkte verloren, und zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen hatte der Börsenticker die Notierungen nicht mehr geschafft.
Zu Hause in Suburbia war Panik in die Wohnzimmer gezogen. Im Mittleren Westen, wo die Masse der neuen Spekulanten saß, hatte ein Schneesturm die Telephonverbindungen unterbrochen und die ohnehin veralteten Nachrichten der Börsenticker nicht mehr durchkommen lassen. In Rette-sichwer-kann-Stimmung, so erkannten die Banker, hatte der Mittlere Westen Verkaufsorder an allen Fronten gegeben.
Die fünf in Wallstreet 23 wußten, was die Stunde schlug. Würde das Volk der Amerikaner auch am Donnerstag und gar noch am Freitag durch weiter abwärts stürzende Börsenkurse erschreckt, mußten die Folgen in der nächsten Woche, wenn Babbitt zu Hause alles noch einmal überdacht haben würde, verheerend sein.
Den Sturz der Papiere zu bremsen, hieß folglich die neue Parole. Und bremsen wollten die fünf auf jeden Fall noch vor dem Ende der Woche. Nur so, meinten sie, ließe sich abwenden, was in New Yorks Geldhäusern seit sechzig Jahren symbolisch ein "schwarzer Freitag" genannt wurde.
Sechzig Jahre vorher nämlich hatten die berüchtigten New Yorker Gold-, Geld- und Eisenbahnfürsten Jay Gould und James Fisk durch gezielte Kaufaktionen versucht, den Goldpreis von damals 140 Dollar auf 200 hochzutreiben und dann schlagartig ihre vorher angesammelten Bestände zu verkaufen.
Aber bei 180, als, viele kleine Leute in den Goldrausch eingefallen waren, hatte das US-Schatzamt plötzlich eigene Goldvorräte auf den Markt zu werfen begonnen, und die Kurse waren ins Bodenlose gestürzt. Die kleinen Leute und der große James Fisk waren ruiniert. Jay Gould hatte rechtzeitig verkauft, denn er hatte von der Sache Wind bekommen: Das war am 24. September 1869 gewesen, einem Freitag, und es war entsetzlich gewesen.
Um Reminiszenzen solcher Art abzuwenden, besannen sich die fünf Bankiers eines Tricks, der 22 Jahre vorher im gleichen Zimmer von Morgan-Stammvater John Pierpont Morgan senior erfolgreich angewandt worden war. Der ältere Morgan hatte damals in ähnlich aufgereizter Stimmung einige Profis in den Börsensaal geschickt, um durch gezielte Käufe den drohenden Kursrutsch bestimmter Aktien zu verhindern. Als Profi, der dieses Mal das gleiche bewerkstelligen sollte, wählten die fünf Richard Whitney aus. Das war gegen zwölf Uhr.
Um diese Zeit saß einer auf der Zuschauertribüne von New Yorks Wertpapierbörse, den viele kannten, den aber in der Aufregung keiner erkannte. Es war der Weltkrieg-I-Marineminister und derzeitige Schatzkanzler seiner
Majestät Winston Churchill. "Er war es". schreibt Galbraith hämisch, "der 1925 in England den Goldstandard wieder eingeführt hatte und das Pfund aufwertete, was dann, theoretisch betrachtet,
in New York den Boom auslöste. Nun konnte Churchill seine verhängnisvolle Arbeit betrachten."
Schon um elf Uhr waren die Kurse dermaßen hinuntergesaust, daß der Börsenticker -- damals noch nicht elektronisch betrieben -- wiederum hinter dem wirklichen Geschehen zurückblieb. Niemand wußte mehr, was wirklich los war, jeder fürchtete den ganz großen Rutsch nach unten und wollte eilig aus dem Aktiengeschäft fliehen: Banale technische Unzulänglichkeiten, Kleinigkeiten im Grunde, lösten am Ende den großen Krach aus und setzten eine unabsehbare politische Kettenreaktion in Gang.
Im Börsensaal begannen Hauen und Stechen; Einer rempelte den anderen. Auf der Straße schwirrten Gerüchte. Wildfremde Leute schrien sich an. Elf bekannte Spekulanten, hieß es in der Menge, hätten schon Selbstmord begangen. Vor den Filialen der Maklerbüros hingen Menschentrauben. Die Börsen von Chicago und Buffalo machten dicht. Die Stimmung roch nach Saalschlacht. Polizeikommissar Grover Whalen schickte ein Rollkommando Uniformierter nach Wallstreet. Um halb ein Uhr mittags ließ die Geschäftsleitung der Börse die Besuchergalerie schließen.
Um halb ein Uhr folglich wurde auch Winston Churchill mit allen anderen Besuchern aus dem Börsengebäude geschwemmt. Es war genau eine Stunde, bevor Richard Whitney das Gebäude betrat und die Szene schlagartig verwandelte,
Whitney, das wußte jeder, war ein
wichtiger Mann. Erstens war er Vizepräsident der Börse, und weil Börsenpräsident H. E. Simmons sich gerade auf
Hawaii vergnügte, war Whitney jetzt der eigentliche Chef. Zweitens war Whitneys älterer Bruder Partner bei Morgen. Was immer Whitney tat, wußten Profis, tat er mit Billigung der allmächtigen Morgan-Bank.
Drittens hatte sich herumgesprochen, daß die Geldfürsten New Yorks bei eben dieser Morgan-Bank getagt hatten. Was immer Whitney jetzt tat, mußte folglich mit der Morgan-Konferenz zusammenhängen. Jeder im Saal starrte nun abwartend auf den dunkelhaarigen Mann, der gelassen durch die Menge schritt. Augenblicklich war der Kursverfall gestoppt.
Zuerst steuerte Richard Whitney auf den Börsenstand zu, an dem die Aktien der U. S. Steel gehandelt wurden. Dort bot er einen Kurs von 205 Dollar pro Stück für 15 000 U. S.-Steel-Anteile -- etliche Punkte mehr, als die Aktien gerade notierten. Dann schlenderte er, ehrfürchtig bestarrt, zu anderen Ständen und plazierte fein dosiert Aufträge für Aktien von 20 verschiedenen Unternehmen. Die Kurse, o Wunder, sie kletterten wieder. Die Herren der Hochfinanz, so schien es, hatten die Sache fest im Griff.
Doch die von Whitney betriebene Trendumkehr kam zu spät. Zwar konnten die Banken selber den Tag mit Gewinn abschließen, denn sie hatten gekauft, kurz bevor die Kurse wieder stiegen. Aber die anderen, die paar hunderttausend kleiner Leute, waren geleimt. Sie hatten verkauft, als die Kurse am niedrigsten standen. Und mehr noch: Weil der Börsenticker dieses Mal sogar um Stunden hinter den Ereignissen herratterte, kamen noch Katastrophenmeldungen übers Land, als das Schlimmste längst abgewendet schien.
Wiederum, weil die Technik versagte, wurde das Schlimmere nun erst in Gang gesetzt: Der nächste Verkaufsrausch der kleinen Leute, ausgerechnet an einem Freitag, ausgerechnet vor dem Wochenende, ausgerechnet das, was die Morgan-Runde hatte verhindern wollen. Das war das Ende aller Stützungsaktionen -- die Bankiers ließen die Dinge laufen. "Wenige Menschen", spottet Galbraith, "verloren jemals so rapide an Ansehen wie die Bankleute von New York in den fünf Tagen vom 24. bis zum 29. Oktober."
Nur wenig konnte am Freitag, dem 25. Oktober 1929, noch verhindern, daß die Zeichen auf Sturm gingen. Die Zeitungen standen voll von den Katastrophenmeldungen des Vortages. Millionen Spekulanten erkannten, buchstäblich vor dem Nichts zu stehen. An eine Umkehr des Markttrends, wie der Morgan-Klub ihn versucht hatte, war nicht zu denken. Noch einmal wechselten knapp sechs Millionen Aktien ihre Besitzer. Die Banken, flüsterten die Insider sich zu, seien orientierungslos, der Boden in Wallstreet wackelte.
Zweckoptimismus strahlten nur noch die Offiziellen aus. Unter dem Schock der Zeitungsschlagzeilen aber verdüsterte sich die Stimmung der Anleger gegen Nachmittag weiter. Und in solcher Stimmung führen sie, bewaffnet mit den Tageszeitungen und ihren Panikmeldungen, in das für manchen trübste Wochenende seines Lebens.
Was am Schwarzen Freitag, der äußerlich ruhiger war als der Donnerstag davor, aufgestaut wurde, entleerte sich wie befürchtet gleich zu Beginn der folgenden Woche. Am Montag fiel der Times Industrial Index noch einmal um 49 Punkte. Am Nachmittag versammelte Morgans Lamont noch einmal seine Krisenrunde.
Sie tagte bis halb sieben, und was der elegante Mr. Lamont schließlich den Journalisten erzählte, lag ganz auf der Linie der Insider-Befürchtungen: Es sei nicht Sinn und Zweck der Banken, lamentierte Lamont, eine spezielle Preishöhe aufrechtzuerhalten oder irgendwelcher Leute Profite zu schützen. Ihre einzige Aufgabe sei es, den Markt zu normalisieren, so daß sich Angebot und Nachfrage bei einem bestimmten Preis deckten.
Für den Normalspekulanten war dies der Untergang. Daß am Dienstag, dem bösesten Tag der schwarzen Wallstreet-Woche, 16 410 030 Aktien verramscht wurden, der Index noch einmal um 43 Punkte fiel und überreizte Nerven manch einen zu Kurzschlußhandlungen brachten, war die unausweichliche Folge von Lamonts Erzählungen. New Yorks altfeine Hochfinanz hatte sich von der Verantwortung für den kleinen Mann verabschiedet.
Damit war sie diskreditiert. Noch bevor sich die New Yorker Börsenpleite wie ein Flächenbrand über die ganze Welt verbreitete, erreichte die Stimmung für das allzu reine kapitalistische Prinzip den Tiefpunkt. In den USA wurden die Banker von Franklin Delano Roosevelts New Dealern durch die Senatsausschüsse gezerrt. Und Europa, bislang nur mittelbar vom großen Krach bedroht, fühlte das Geldinferno auf sich zukommen, denn alles lebte von Amerikas Krediten.
Alle Welt verlangte bald nach mehr Staat, nach mehr Sicherheit und nach dem großen Führer, den es bis dahin, in der lockeren, hellen Aufstiegsphase, nicht gegeben hatte. Für Amerika war ein Mann wie Franklin Roosevelt die Verheißung. In Deutschland war es für viele schon damals der NSDAP-Führer Adolf Hitler.
Bevor jedoch diese beiden auf die Bühne traten, mußten sämtliche Verheerungen, die der Schwarze Freitag in Gang gesetzt hatte, erst noch voll durchlebt werden: Welt-Depression, Zusammenbruch des Währungsgefüges, Massenarbeitslosigkeit und die dilettantische Wirtschaftspolitik im Deutschen Reich, in der Mitte Europas.
Das Deutsche Reich war damals amerikanischer als die anderen europäischen Länder. Insoweit unterschied es sich nicht sehr von der Bundesrepublik Deutschland ein Menschenalter später. Das deutsche Finanzwesen lebte von Dollar-Krediten, denn damit mußte es die Reparationen bezahlen. Die deutsche Industrie wandte amerikanische Produktionsmethoden an, denn sie mußte für Rationalisierung sorgen, um unter einer wachsenden Steuerlast wettbewerbsfähig und exporttüchtig zu bleiben. Aber sie rationalisierte zu schnell. Der notwendige Umbau des Wirtschaftsgefüges folgte dem industriellen Tempo nicht.
Statt eines expandierenden Dienstleistungsgewerbes, das bei fortgeschrittenen Gesellschaften die freigesetzten Industriearbeiter aufnimmt, entstand deshalb ein Heer von strukturellen Arbeitslosen, begann Radikalisierung von links und rechts. Auf das Bewußtsein eines labilen Landes wie Deutschland, ohnehin schon am Beginn einer Rezession, mußte der Zusammenbruch des US-Finanzwesens verheerend wirken, noch bevor er sich unmittelbar auswirkte.
Und noch etwas anderes irritierte die Deutschen. Gerade erst hatten unter amerikanischer Stabführung neue Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich begonnen, um die aus dem Versailler Vertrag stammenden Reparationsverpflichtungen des Reiches vernünftig abwickeln zu können. Denn mit dem Dawes-Plan funktionierte es nicht mehr so richtig.
Der 1924 ohne deutsche Mitwirkung entstandene Dawes-Plan nämlich hatte der Weimarer Republik eine jährliche Reparationszahlung von 2,4 Milliarden Mark aufgebürdet, die von einem international bestimmten "Reparationsagenten" (Jahresgehalt: 200 000 Mark) auf die Gläubigerländer verteilt wurden.
Diese Last hatte die deutsche Wirtschaft aus ihren Überschüssen allein nie bezahlen können. Deshalb wurde ihr die Zahlung durch Auslandskredite, vorwiegend durch die in den USA gezeichnete Dawes-Anleihe, erleichtert. Als aber 1928 die Hochkonjunktur in eine Rezession umschlug, konnte das Reich trotz der Dawes-Gelder seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen.
Die einzige Hoffnung, aus der Misere herauszukommen, war der Geldgeber Amerika, dem nicht daran gelegen sein konnte, seine Kredite in einem bankrotten Land zu wissen.
Deshalb begannen schon 1929 unter Vorsitz des amerikanischen Industriellen Owen D. Young neue Verhandlungen. Stellvertreter Youngs war Amerikas Hochfinanz persönlich: Lamont-Partner John Pierpont Morgan junior. Der Young-Plan, an dessen Aushandlung deutsche Sachverständige wie der zähe Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht beteiligt waren, führte schließlich zu einer neuen Abzahlungsformel: 2,05 Milliarden Mark in jährlichen Raten bis zum Jahre 1988.
Der neue Plan führte außerdem zu einer neuen, nach dem Vorsitzenden Owen Young benannten Anleihe. Aber er führte auch zu einer verhängnisvollen Verklemmung der deutschen Politik. Die Young-Anleihe nämlich konnte in den USA nach dem Börsenkrach nicht mehr glatt, sondern nur noch mit Abschlägen verkauft werden. Das auf internationale Kredite angewiesene Deutsche Reich bangte nun zunehmend um seine Kreditwürdigkeit, auch Bonität genannt. Und diese Angst wurde zur Manie.
Immer mehr verbiß sich die Reichsregierung in eine strenge Spar- und De* Nach Abschluß der Young-Verhandlungen am Gare St. Lazare in Paris am 10. Juni 1929.
flationspolitik, dem Gegenteil dessen, was aus der Rezession hätte herausführen können. Mit dieser Politik vor allem schuf sie sich in dem Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, eine buntschillernde Figur, die damals aber sehr angesehen war, einen zeitweise sehr gefährlichen Gegner.
Schacht, der sich selbst als Schöpfer der neuen Reichsmark von 1923 verstand und maßgeblich an den Verhandlungen über den Young-Plan teilgenommen hatte, wollte dessen Ergebnissen nur zustimmen, wenn gleichzeitig die mit hohen Steuersätzen operierende deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitig geändert würde. Bei den Young-Verhandlungen selber hatte er sich zu der Äußerung verstiegen, die Deutschen könnten diese Last tragen, wenn ihnen die Kolonien und der polnische Korridor zurückgegeben würden.
Der sozialdemokratische Reichskanzler Hermann Müller und sein Parteifreund, der Finanzminister Rudolf Hilferding, versprachen daraufhin eine Finanzreform nach dem Muster des Doktor Schacht. Der Reichsbankpräsident und die ausländischen Sachverständigen unterschrieben nun den Young-Plan, der die Klausel enthielt, von den Regierungen nur als Ganzes angenommen werden zu können.
Dennoch begann die deutsche Regierung kurz darauf mit anderen Staaten über Änderungen des Planes zu verhandeln, so auch darüber, auf den Ersatz des nach dem Ersten Weltkrieg an Polen abgetretenen deutschen Staatseigentums zu verzichten. Diese Verhandlungen hatten erkennbar außenpolitische Motive und waren auf gute Nachbarschaft gerichtet. Das aber interessierte den Finanzmann Schacht nicht.
Noch Ende November 1929 setzte sich Schacht an ein Memorandum über die Verschlechterungen des Young-Planes und übergab es am 6. Dezember nicht nur der Regierung, sondern auch der Öffentlichkeit. Einem so verfälschten Young-Plan, teilte der Reichsbankpräsident urbi et orbi mit, werde er "niemals" zustimmen.
Kurz darauf ging Schacht aufs Ganze. Als im Dezember 1929 die Kassen des Reiches so leer waren, daß die Zahlung der Beamtengehälter gefährdet schien, hatte Finanzminister Hilferding mit einem -- natürlich wieder amerikanischen -- Bankenkonsortium über einen kurzfristigen Kredit verhandelt. Schacht erfuhr davon, hintertrieb die Verhandlungen und bot dann einen deutschen Kredit von ähnlicher Höhe an allerdings gegen die gesetzliche Zusicherung, daß der Kredit in drei Jahresraten zurückgezahlt und die Regierung an der zugesagten Finanzreform festhalten werde.
Das von Schacht erzwungene Gesetz wurde "Lex Schacht" genannt. Der Finanzininister Hilferding trat zurück und mit ihm sein Staatssekretär Johannes Popitz, einer der angesehensten Finanzexperten des Reiches. Popitz: "Ich halte eine· solche Einmischung des Reichsbankpräsidenten in die Reichspolitik für unerträglich."
Nachdem er das Finanzministerium auf solche Art kopflos gemacht hatte, setzte Schacht seine Kampagne gegen die -- politisch begründeten -- Änderungen im Young-Plan und für eine Reform der Finanzpolitik fort. Am 13. Januar fragte der neue Finanzminister Paul Moldenhauer den Reichsbankchef, ob es für alle Teile nicht besser sei, wenn er, Schacht, sich mit dem Gedanken des Rücktritts anfreunde. Bevor Schacht das aber tat, setzte er noch einmal eine Kampagne für die von ihm geforderte neue Finanz- und Wirtschaftspolitik in Gang.
Am 19. Februar 1930 veröffentlichten 220 Prominente aus Deutschland eine Erklärung zum Young-Plan, in der es hieß: "An die Durchführung des neuen Planes kann nicht gegangen werden, wenn nicht die Erkenntnis verwirklicht wird, daß die Verpflichtungen nur aus einer Volkswirtschaft aufgebracht werden können, die nicht nur den eigenen Verbrauch deckt, sondern darüber hinaus große Überschüsse erzeugt. Eine Fortführung der gegenwärtigen Finanzpolitik, die die notwendigen Überschüsse im weitesten Umfang wegsteuert, ist hiermit wirtschaftlich und politisch unvereinbar."
Es war Schachts Textbuch. Unterschrieben aber wurde die Erklärung von Industriellen wie Carl Duisberg (IG Farben), Ernst Poensgen (Vereinigte Stahlwerke), Paul Reusch (Gutehoffnungshütte), von Bankiers wie Jacob Goldschmidt (Danatbank) und Oscar Wassermann (Deutsche Bank), von Wissenschaftlern wie Max Planck, Werner Sombart, Adolf und Alfred Weber, von Politikern wie dem einstigen Reichskanzler Hans Luther und dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer.
Der Kampf ging um Expansion oder Sparen. Es war ein Kampf um Grundsätze und um praktische Politik; ein ehrenwerter Kampf um die künftige Konzeption und Strategie. Schacht und seine Leute wollten die Wirtschaft mit Staatsaufträgen wieder in Gang bringen und die Steuern senken. Andererseits plädierten auch sie für ein ausgeglichenes Budget. Wären ihre Ideen durchgeführt worden, hätte die Krise in Deutschland vielleicht nicht das spätere Ausmaß angenommen.
Die von diesen Kämpfen verschlissene Regierung Müller aber, die letzte vom Außenminister Gustav Stresemann noch zusammengehaltene Große Koalition der Mitte, brach am 27. März 1930 auseinander. Und sie zerbrach an einer typischen Streitfrage dieses Grundsatzkampfes: Ob die Leistungen für die Arbeitslosen herabgesetzt oder durch Erhöhung der Beiträge gesichert werden sollten. Der Streit zwischen Expansionisten und Deflationisten brach offen aus.
Neuer Reichskanzler wurde nun Heinrich Brüning, "der katholische Bürger mit dem Geist eines Gelehrten, der Seele eines Mönchs zugleich und eines Soldaten" (Golo Mann). Brüning wollte das Problem der Krise durch eisernes Sparen und nicht etwa durch Staatsaufträge lösen.
"Er war", so wiederum Golo Mann,
"der strenge, asketische Freund wissenschaftlicher Ökonomie. Es mußte alles wieder in Ordnung kommen, der Haushalt ins Gleichgewicht gebracht, die Finanzen von Reich, Ländern, Gemeinden saniert werden. Ging das nicht ohne Herabsetzungen ler Sozialleistungen, dann mußten sie herabgesetzt werden, die Steuern erhöht, die Einfuhr gedrosselt. Die Löhne würden folgen, dann auch die Preise. Hatte die Deflation alles falsche, üppig wuchernde Unkraut weggerrannt, so würden die Nutzpflanzen ungehindert gedeihien ...
Hjalmar Schacht, am 7. März 1930 vom Amt des Reichsbankpräsidenten zurückgetreten, blieb bei seinem Kurs der öffentlichen Kredite md der veränderten Finanzpolitik. Er setzte sein nationales und internationales Renommee auf langen Vortragsreisen für die sicher etwas moderne Sache ein und wettere gegen die Reparationen, in denen er Zahlungen ohne Gegenleistung sah, also eine Verfälschung wirtschaftlicher Prinzipien.
Er wurde zum Feind des kargen Kanzlers Brüning und
genoß seinen Ruf des Finanzzauberers, den er seit der Währungsreform von 923/24 gepflegt hatte. Doch seine Eitelkeit und eine gewisse Instinktlosigkeit brachten ihn auf Abwege. Er diskreditierte die letzten demokratischen legierungen des Reiches, weil sie seiien Ideen nicht folgen wollten. Und nicht lange danach verkaufte der Zauberer seinen Ideenschatz an einen Mann, den viele den Trommler nannten: Adolf Hitler. Die Manege war frei.
Nicht nur Schacht, auch die Tatsachen spielten für Hitler. Und diese Tatsachen schuf der Kanzler Heinrich Brüning selbst, das ganze Gegenteil des Volkstribunen Hitler. Seine ersten Reformgesetze brachte Brüning mit Hilfe der Konservativen im Reichstag lurch. Sie hießen Ausgabendrosselung md Steuererhöhung. Die nächsten schaffte er im Parlament nicht mehr. Von nun an regierte er mit Notverordnungen des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, die durch den Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung gedeckt waren. Mit anderen Worten: Der gewählte Kanzler regierte wie ein Diktator, und das Volk der Deutschen nahm es hin.
Es nahm hin, daß die Löhne sanken und die Einkommen, daß die Umsätze zurückgingen und die Einfuhren, daß der Lebensstandard katastrophal sank und die Arbeitslosigkeit stieg. Was Brüning tat, war das Gegenteil des Vernünftigen, doch er begründete es mit Argumenten der Vernunft. Er setzte eine Spirale des Niedergangs in Bewegung, die von vielen als Gottesurteil hingenommen wurde.
"Die Deflationspolitik", schrieb der amerikanische Wirtschaftsprofessor Charles Kindleberger, "wurde zwei schicksalshafte Jahre hindurch fortgesetzt, obgleich ihre Unzulänglichkeit sofort hätte klar sein müssen. Im März 1930 gab es 537 000 Arbeitslose mehr als im März 1929, verglichen mit einer Zunahme um 176 000 vom Dezember 1928 auf Dezember 1929."
"Nachdem Brüning sein Amt angetreten hatte", so Kindleberger, "stieg die Zunahme gegenüber dem Vorjahr auf 1432 000 im April und nach seinen ersten Notverordnungen im August auf zwei Millionen. Nach weiteren Deflationsmaßnahmen Brünings im Dezember 1930 lag die Arbeitslosenziffer im März 1931 um 2,8 Millionen höher als im März 1929."
Schon im Mai 1930 waren drei Millionen der 21 Millionen deutschen Arbeitnehmer ohne Beschäftigung. Am 1. Dezember 1931 waren daraus rund fünf Millionen geworden -- eine Arbeitslosenquote von nahe 25 Prozent Die Kreditzinsen? stiegen dank der Restriktionen auf 12 Prozent, die industrielle Erzeugung rutschte auf zwei Drittel des Standes von 1928.
"Ich darf Sie an die Kurve erinnern", trug Albert Vögler, der Vorstandsvorsitzer der Vereinigten Stahlwerke, Ende 1931 vor versammelten Eisenhütten-Fachleuten vor, "die uns die Entwicklung der Stahlindustrie in Deutschland zeigte, und darauf hinweisen, daß wir heute einen Tiefstand haben, der etwa der Erzeugung des Jahres 1902 entspricht, einen Rückschlag um 30 Jahre."
Am 16. Januar 1930 berichtet der "Berliner Lokalanzeiger", daß der Durchschnittsverbrauch der Besucher Berliner Ausflugslokale schon 1929 von einer Mark auf 55 Pfennig zurückgegangen sei. Selbst die damals noch raren Autobesitzer fielen in die Lokale mit Paketen hausgefertigter Butterbrote ein und bestellten sich Selterwasser dazu.
Am 30. August berichtet die "Deutsche Allgemeine Zeitung" über ein Berliner Gaststättenunternehmen, das Mittagessen auf Teilzablungsbasis -- Anzahlung ein Viertel, den Rest in drei Monatsraten -- serviert.
Zu den Betroffenen gehören alle Stände. Während die· gewerblichen Arbeitnehmer immerhin noch ihre Gewerkschaft im Rücken, ihre Kommunisten und ihre Sozialdemokraten im Reichstag haben, sind die Angestellten, deren Selbstverständnis stets elitärer war, als es den Realitäten ihrer sozialen Gruppe entsprach, ohne Schutz und ohne geistige Heimat den Wirrnissen der Zeit wehrlos ausgesetzt.
In seiner noch jetzt lesenswerten Schrift "Die Angestellten" analysiert der jüdische Publizist Siegfried Kracauer schon 1930 das Grundproblem der Zunft: "Die Masse der Angestellten unterscheidet sich vom Arbeiterproletariat darin, daß sie geistig obdachlos ist. Zu den Genossen kann sie vorläufig nicht hinfinden, und das Haus der bürgerlichen Begriffe und Gefühle, das sie bewohnt hat, ist eingestürzt, weil ihm durch die wirtschaftliche Entwicklung die Fundamente entzogen worden sind. Sie lebt gegenwärtig ohne eine Lehre, zu der sie aufblicken, ohne ein Ziel, das sie erfragen könnte. -- Also lebt sie in Furcht davor, aufzublicken und sich bis zum Ende durchzufragen."
Die geistig obdachlosen Angestellten wurden zum Gefahrenpotential für die Demokratie. Sie erlagen allzu oft den Verlockungen des Naziführers Adolf Hitler, dessen sozialfaschistische und ständestaatliche Thesen Sicherheit und Autorität verhießen, allerdings nicht Freiheit.
Mit den leitenden Angestellten, soziologisch keine White-collar-Proletatier wie die anderen, lag das Problem anders. Sie wurden zu Daueropfern der immensen Firmenzusammenbrüche und Eigentumsverschiebungen dieser Jahre.
In der damals sehr angesehenen Zeitschrift "Die Tat", in der die späteren Chefredakteure Hans Zehrer ("Die Welt"), Giselher Wirsing ("Christ und Welt") sowie der spätere "Welt"-Wirtschaftsredakteur Ferdinand Fried ein ständisch-sozialautoritäres Dogma entwickelten, erschien im August 1930 eine Übersicht über die Arbeitslosigkeit der Leitenden. Unter 537 untersuchten Fällen verdankten ihre Arbeitslosigkeit > 174 Konkursen, Liquidationen und
Stillegungen,
* 93 Betriebs- und Personaleinschränkungen,
* 54 Rationalisierungen und Umorganisationen,
* 42 Fusionen und Wechsel der Firmeninhaber.
Auch bei den gut Betuchten zog die Pleite ein. Im "Berliner Lokalanzeiger" vom 8. Mai 1930 steht -- als Beitrag eines Kolumnisten mit dem Pseudonym "Rumpelstilzchen" -- dieser Absatz: "Die Königsallee in Berlin-Grunewald ist etwa das, was in Hamburg der Harvestehuder Weg ist; da stehen also die Palazzi der Leute mit Patrizier-Einkommen. Wenn man da sonst -- wie in Berlin und Hamburg wird es wohl auch anderswo sein -- abends entlangging, war jedes dritte oder vierte Haus hell erleuchtet. Aha: große Gesellschaft! Der erste Fliederduft mischte sich mit dem des getrüffelten Fasans. Heute liegt alles im Dunkeln -- und jedes dritte oder vierte Haus steht zum Verkauf, auch wenn natürlich kein Schildchen mit dem Angebot die Gegend verschandelt, sondern nur die Makler Bescheid wissen."
Das Elend der Arbeiter und Angestellten wurde noch vermehrt durch eine Politik der Lohn- und Gehaltskürzungen. Im Geschäftsbericht 1931 der Bremer Top-Reederei Norddeutscher Lloyd steht zu lesen: "Neben einer bereits im Februar 1931 durchgeführten Kürzung der Gehälter der Landangestellten, der eine zweite erhebliche Senkung bis insgesamt 25 Prozent im November 1931 folgte, wurden die Bezüge des Schiffspersonals durch Schiedsspruch des Schlichters vom 2. Oktober 1931 um 13,6 Prozent gesenkt."
Auch an der damaligen Basis der Wirtschaft, im Ruhrbergbau, wurden 1931 die Löhne um sechs Prozent gesenkt. Im Grubenbetrieb der Ilseder Hütte schrumpften die Schichtlöhne 1931 unter den Stand von 1928. Dreimal wurden die Beamtenbezüge gekürzt, am 1. Dezember 1930 um sechs Prozent, am 5. Juni 1931 um vier bis acht Prozent und am 8. Dezember 1931 um zehn Prozent.
Die Kaufkraft der Wirtschaft wurde tödlich getroffen, die Abgaben an die Sozialversicherung senkten sich automatisch. Und um Sozialbeiträge zu sparen, wurde schon damals gelegentlich unter billiger Flagge Schiffahrt betrieben: Am 10. Februar 1931 wurde die Hamburger "Vogtland" auf hoher See nach Panama ausgeflaggt.
"Je mehr Brüning vom Körper der deutschen Wirtschaft abschnitt, um ihn der gekürzten Decke anzupassen", schreibt der Historiker Golo Mann, "desto kürzer wurde die Decke."
Und während der Kanzler am 25. März 1931 auf der Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelstages noch sagt, das Heer der Erwerbslosen sei unter Opfern, aber "ohne gefährliche Begleiterscheinungen in den Beginn der wärmeren Jahreszeit und damit in hoffnungsfrohere und wohl an Arbeitsgelegenheiten etwas reichere Monate hindurchgebracht worden", behauptet Herbert Hoover im fernen Washington über Europa: "Nun war es so weit, daß die -- gewohnte Ordnung durch die unheilvollen Kräfte auseinandergesprengt wurde, die sich aus den wirtschaftlichen Folgen des Krieges, dem Versailler Vertrag, den militärischen Nachkriegsbündnissen" ergeben. Europa befinde sich in einer riesenhaften Explosion.
Der Kanzler Brüning, der mit Notverordnungen regierte, der einen republikanisch-monarchistischen, gemäßigtdemokratischen Rechtsstaat wollte (Golo Mann), hatte mit seiner Deflationspolitik eine mitteleuropäische Krise entfesselt, die überall in der Welt Aufsehen erregte.
Die Dynamik jener Ereignisse, die von der schwarzen Woche der Wallstreet ausgegangen waren, die sich durch eine Kette oft banaler, stets aber negativer Zufälle beschleunigten, fand in der unglücklichen Politik Brünings in dem unglücklichen Land der Deutschen ihren äußeren Höhepunkt.
Kein perverses Hirn hätte ein solches Schneeballsystem von Ereignissen erfinden können, das seit 1929 in Gang gekommen war. Die Kredit- und Aktenspekulation des amerikanischen Spießers. Das mehrfache Versagen des Börsentickers. Der Schneesturm im Mittelwesten. Die schwache Stunde des Morgan-Klubs, dessen eigentlicher Chef gerade in Europa den Young-Plan aushandelte, die sprunghaften Eitelkeiten des Doktor Schacht, das Elend mit dem katholischen Moralisten Heinrich Brüning, die Fehlbesetzung der Reichsbank nach Schachts Rücktritt, die Not der kleinen Angestellten und ihre Neigung zum Sozialfaschismus.
"Die historische Schuld des Mannes", urteilt Golo Mann über Brüning, "ist schwer; um so trauriger, als er für seine Person so ganz unschuldig war. Zu seinen Gunsten könnte man geltend machen, daß es ihm an guten Beratern fehlte, daß besonders der Präsident der Reichsbank, Luther, keinen anderen Rat wußte als eben den mörderischen, die Deflation durch Super-Deflation zu bekämpfen."
Im Prinzip stimmte dem auch die deutsche Hochfinanz zu. Das kameralistische Denkschema des guten Hausvaters mit dem ausgeglichenen Budget beherrschte die Szene der Nationalökonomen. Und außer dem Marxismus, der alles ganz anders sah, gab es da nur noch das streng liberale Strickmuster, an das die Politiker sich halten konnten: die Abfahrt in die Krise zu beschleunigen, damit die Gesundung rascher wieder einsetze.
Mit solchen Theorien fuhr die Weltwirtschaft im Jahre 1931 in die Hölle. Nur wenige Professoren und Publizisten empfahlen einen anderen Weg, wurden aber zu Phantasten erklärt. Sie versuchten einen Weg zu finden, der den späteren Theorien des Cambridge-Ökonomen John Maynard Keynes ähnelte. Aber leider -- auch Keynes' Theorien kamen erst aus der Krise, sie lösten sie nicht.
Keynes? Hauptwerk ist die vielleicht interessanteste theoretische Erkenntnis aus der Krise selbst gewesen. Der Brite hatte aus den aktuellen Verhältnissen heraus seine Theorien vom deficit spending entwickelt, die konventionellen Ökonomen nicht in den Kopf gingen. Eine lang anhaltende Flaute, so Keynes, könne am Ende zu einem "Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung" führen, zu einer Wirtschaftsstruktur also, in der eine große Gruppe Unbeschäftigter ein Paria-Dasein führt. Um aus dieser Lage herauszukommen, lehrte Keynes, müsse der Staat öffentliche Aufträge vergeben, deren. Initialzündung schließlich die ganze Wirtschaft wieder auf Hochtouren brächte. Finanziert werden sollten diese Aufträge nach Keynes durch öffentliche Schulden, also durch staatliche Defizitwirtschaft. Wenn dank dieser Maßnahmen am Ende wieder eine Hochkonjunktur entstehe, sollten die Staatsausgaben drastisch eingeschränkt und die vorher aufgenommenen Schulden abgezahlt werden.
Die konventionelle Lehre befand demgegenüber, daß erst eine scharfe Krise das Fundament für den Wiederaufstieg legte. Ihr Dogma bestimmte, daß der Konjunkturzyklus verschärft würde, während Keynes ihn dann mit Hilfe des Staates überspielen wollte. Erst nach der totalen Niederlage der liberalen Deflationisten wurde die Keynes-Lehre in den beiden Hauptkrisenländern erfolgreich angewandt -- ohne daß die Akteure sich je darauf bezogen: in den USA mit Roosevelts New Deal, in Deutschland unter Hitler mit Schachts Oeffa- und Mefo-Wechseln, einer vorübergehenden Geldschöpfung zur Finanzierung öffentlicher Bauten, zum Beispiel der Autobahnen und der Rüstung.
Der Kanzler Brüning jedenfalls stand auf der anderen Seite und der Präsident Hoover in den USA irgendwo in der Mitte. Sie schritten den Weg
Unterschrift: "Der (Hunger-Riemen-)Etat. Die parlamentarische Mehrheit ist ersichtlich bemüht. dem volk über die wirtschaftskrise hinwegzuhelfen" Links im Bild Brüning. rechts sein Vorgänger Müller.
der Deflation mit allen ihren sozialen und politischen Folgen aus, und nur wenige wußten, was sie taten, noch wenigere, was daraus folgen würde.
Einer, der es ganz genau wußte, war der Schweizer Bankier Felix Somary, der schon Anfang 1931 seine sämtlichen Gelder aus England, Deutschland und Italien abgezogen hatte. Im Frühjahr 1931 besuchte der auch als Wirtschaftstheoretiker renommierte Mann das deutsche Finanzministerium in Berlin. Dort fragten ihn die ratlosen Beamten, wie lange die Weltwirtschaftskrise wohl noch dauern werde.
Der Bankier antwortete kühl, bevor an eine Aufwärtsentwicklung zu denken sei, müßten drei Dinge geschehen: Das Bankwesen in Wien und Berlin müsse durch eine Krise saniert werden; das englische Pfund müsse sich vom Golde lösen, und der Zündholz-Konzern des Schweden Ivar Kreuger müsse zusammenbrechen.
Im Frühsommer desselben Jahres brachen in Österreich und Deutschland die Banken zusammen, im Spätsommer werteten die Briten das Pfund ab, und im Frühjahr 1932 schoß sich Ivar Kreuger, weil er pleite war, tot. Das Inferno war vollständig. Im nächsten Heft
Schlechte Nachrichten aus Österreich -- Nordwolle und Danatbank brechen zusammen -- Von der Harzburger Front zu Hitler -- Kann sich alles wiederholen?

DER SPIEGEL 44/1979
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