29.10.1979

IDEOLOGIEKreatives Kloster

Erstmals haben sich konservative Intellektuelle in der Bundesrepublik zu einer Denkschule unter dem Patronat des baden-württembergischen Alt-Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger formiert.
Dies soll ein ReaniMationszentrum,
ein Rehabilitationszentrum nicht nur der CDU/CSU, sondern des gesamten deutschen Volkes werden, und nicht nur unseres Volkes." Das jedenfalls erhofft sich der Kölner Historiker Professor Peter Berglar für das neue, Mitte Oktober gegründete "Studienzentrum Weikersheim".
Vielleicht lag es an der Kulisse -- der historische Rittersaal des Weikersheimer Renaissanceschlosses -, vielleicht auch am Präsidenten des Re-Zentrums -- Baden-Württembergs Alt-Ministerpräsident Hans Karl Filbinger -,daß der sonst so besonnene Berglar so kräftig in die rechte Harfe griff.
Philosophen und Soziologen, Historiker und Politologen hatte Filbinger nach Weikersheim geladen, um mit ihnen über die "geistig-sittliche Erneuerung" nachzusinnen. Und die rund 350 Zuhörer und Akteure genossen ihre Auserwähltheit, fühlten sich endlich vereint und deshalb stark im Kampf gegen jene Kräfte, "die aus der Tiefe sich erheben" (Filbinger), gegen die "permissive Gesellschaft" und "eiskalt intellektuelle Unholde" (Berglar), soll heißen: gegen alles, was links ist.
Allein braucht also keiner mehr zu streiten, weder der Karlsruher Informationstheoretiker Karl Steinbuch ("Kurskorrektur"), der Brigadegeneral a. D. Heinz Karst und der Münchner Universitätspräsident Nikolaus Lobkowicz noch der Stuttgarter Philosophie-Ordinarius Günter Rohrmoser und viele andere.
Als Brüder eines "kreativen Klosters" (Steinbuch) wollen die Weikersheimer die "heilenden und helfenden Kräfte" (Filbinger) reaktivieren, um die permissive Gesellschaft, jene "in die Ketten der Ich-Verstricktheit? der Gottesleugnung und -feindschaft? der legalisierten, für viele unkenntlich gemachten Sünde geschlagene Gesellschaft" (Berglar) zu retten.
So sehr gerieten die Weikersheimer Bußprediger über die Sündhaftigkeit des gegenwärtigen Zeitalters in Rage, daß sie auch CDU und CSU die Absolution verweigerten. Aus purem Pragmatismus und Opportunismus verleugne die Union die "ethisch-sittliche Grundordnung des Abendlandes". Sie sei es nicht wert, die Mehrheit zu erringen, klagte Berglar im Savonarola-Stil, wenn sie "die notwendige geistige Erneuerung bis nach dem großen Wahlsieg" zurückstelle.
Freilich, die Weikersheimer Abendländler halten die Union noch für bekehrbar, fähig einer "Bewußtseinsveränderung", wenn sie nur den "Stachel im Fleisch" zu spüren bekomme, und der könnte, wie Karst meinte, ein Weikersheimer Stachel sein.
Stachelig wurde denn auch der Politologe Lobkowicz. Sollte die Union nicht mal über den "Sozialstaat" mit seiner totalen Absicherung des Bürgers "auch bei Unfähigkeit und Faulheit" nachdenken? Und auch das Ergebnis solchen Nachdenkens war ein Stachel: Lieber sollten sich die C-Parteien "sozialer Demontage" beschuldigen Lassen, als die "Exzesse des Sozialstaats" weiter zu dulden.
Auch dürfe die Union nicht länger opportunistisch die Demokratie als "Garantie unserer Freiheit" verherrlichen. Denn "die staatlich-politische Errungenschaft der Neuzeit ist nicht die Demokratie, sondern der Rechtsstaat, dem die Demokratie im günstigsten Fall zur Abstützung dient".
Solche Sätze hört Franz Josef Strauß gewiß gern, und den Kanzlerkandidaten muß auch dies beglückt haben: "Der Slogan "Freiheit oder Sozialismus? ist ebenso einleuchtend wie argumentativ schwer zu entkräften. Daß Sozialismus freiheitserhaltend sei, dieser Beweis ist von Sozialisten erst noch zu erbringen."
Nach soviel Demagogie war selbst Rohrmoser -- Stellvertreter Filbingers im Präsidium des Studienzentrums -- geschockt. Er entdeckte bei einigen Kollegen nicht nur einen "Rückfall hinter die Errungenschaften der Aufklärung", sondern fand au deren "Sittengemälde der genwärtigen Gesellschaft" allzu dunklen Farben gema
Zwar beklagte er den "kleinbürgerlichen Antiintellektualismus" der Union, hielt sie aber wie Karst durchaus für besserungsfähig, wenn sie "beginnen würde nachzudenken". Auch sei, so meinte der Philosoph, noch ein ausreichendes moralisches Potential vorhanden, aber es sei ein "Problem der Führung", dieses Potential zu mobilisieren.
Ohne Zweifel eine Mahnung an den Kanzlerkandidaten, aber auch ein gefährlicher Satz, der, wie schon mal gehabt, die Verfügbarkeit der "Massen" für den geeigneten "Führer" postuliert.
Weikersheim sei eine "neue Plattform", sagte Rohrmoser am Schluß der Tagung -- keine für Filbinger, wie er betonte, sondern eine "geistige Bürger-Initiative", die den "Sinn für geistige Entwicklungen" wecken will.
Daß Weikersheim keine provinzielle Plattform ist, wurde durch die Anwesenheit des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel und des bayerischen Kultusministers Hans Mayer deutlich.
Filbinger stellte die Frage nach "der Verführbarkeit der Politiker zum Denken". Bleibt die Frage, zu welchem.

DER SPIEGEL 44/1979
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