03.12.1979

„Wir sitzen wie auf Kugeln“

Deutsche Kaufleute und Techniker in Persien, berichtet SPIEGEL-Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg aus Teheran, befürchten, daß sich nach der Besetzung der US-Botschaft der Volkszorn bald auch gegen sie richten konnte.
In der Takht-e Dschamschid, der
Hauptgeschäftsstraße Teherans, nun nach dem verstorbenen Ajatollah Taleghani genannt, dröhnten dumpfe Trommelschläge. Vorbei an den fast ausgestorbenen Bankhochhäusern und an den kaum besetzten Filialen ausländischer Konzerne zogen persische Moslems im rhythmischen Gänsemarsch.
Im Takt monoton sich wiederholender Gesänge blitzten orientalische Krummschwerter. Nur die Neonleuchten, abmontiert aus irgendwelchen Bürofoyers und von einem fahrbaren Generator mit Strom gespeist, ließen die mittelalterliche Szene in neuzeitlichem Licht erscheinen: Ziel der endlosen Pilgerzüge war die von iranischen Studenten besetzte amerikanische Botschaft.
Am Wege der Wallfahrer lagen auch die Repräsentanzen etlicher deutscher Großfirmen. Doch die Büros von Siemens oder die Schalterhalle der Lufthansa, an ihren großen, wenn auch abgeschalteten Leuchtschriften zu erkennen, wurden keines Blickes gewürdigt. Noch zielt der Haß der Demonstranten, wie die Vogelscheuchen mit den Yankeezylindern zeigen, allein auf die Amerikaner.
Doch die in der persischen Metropole verbliebenen deutschen Manager kann das kaum beruhigen. Irgendwann, so fürchten sie, könnte sich die Wut der Massen auch gegen die Kaufleute, Ingenieure und Techniker aus der Bundesrepublik richten. Einen, der von einem Rollkommando erschossene Verwaltungsdirektor des Pharmakonzerns Merck, Hans-Joachim Leib, hat es bereits im Oktober getroffen.
"Wir sitzen hier wie auf Kugeln", beschreibt der Chef des Teheraner Thyssen-Büros, Paul Hermann Huth, seine Situation. Die Lage des deutschen Stahlkonzerns im revolutionären Iran ist besonders delikat. Vorletzte Woche wurde Thyssen beauftragt, eine gemeinsam mit der US-Firma Fluor in Isfahan begonnene Raffinerie fertigzustellen, nachdem die letzten 50 Amerikaner auf Drängen des US-Außenministeriums die Baustelle verlassen mußten. "Wir versuchen, den Posten der Amerikaner zu übernehmen", sagt Huth -- jedes weitere Wort verweigert er sich, um von den sensiblen iranischen Geschäftspartnern nicht falsch verstanden zu werden.
Die Beamten in der deutschen Botschaft mühen sich redlich, den peinlichen Eindruck zu verwischen, daß die Deutschen aus dem persisch-amerikanischen Wirtschaftskrieg Profit ziehen könnten. Klaus Barth, Wirtschaftsreferent der deutschen Botschaft: "Ich glaube kaum, daß wir aus den Scherben, die die Amerikaner hinterlassen haben, neue Blumentöpfe kitten werden." Die Parole der Stunde heißt unter den Deutschen "Ausdünnung". Nach einer wie immer sehr diplomatischen Empfehlung vom Botschafter Gerhard Ritzel verließen seit der Geiselnahme in der US-Botschaft rund 400 Deutsche, meist Frauen und Kinder, das Land. Von einst 15 000 Deutschen sind jetzt noch 1500 übriggeblieben.
Die Ausreiseempfehlung der Botschaft und einiger deutscher Firmenleitungen an ihr Personal im Iran treffen sich mitunter mit den Wünschen der iranischen Geschäftspartner. So wurde den letzten Deutschen von der einst größten Baustelle im Iran, dem inzwischen aufgekündigten Kernkraftwerk-Projekt in Buschihr, kürzlich bedeutet, sie seien nicht mehr vonnöten.
Was die islamischen Revolutionäre einmal mit der Atomruine anfangen wollen, ist den Erbauern des Werks in der Wüste ein Rätsel. Viel wird bald nicht mehr damit anzustellen sein.
Schon fallen einige dieselbetriebene Stromgeneratoren des zum Projekt gehörenden Kraftwerks aus. Der Strom aber ist dringend nötig für die Trockengebläse, mit denen empfindliche Teile des Atomkraftwerks gegen die feuchtheiße Wüstenluft geschützt werden.
Wie die KWU-Männer, die letzte Woche ausflogen, mußte auch ein Techniker der deutschen Honeywell Bull seine Koffer packen. Der Mann war erst vor kurzem ins Land gerufen worden, um beim Einfahren eines Textilfaserwerks in Isfahan zu helfen. Die Anlage für Acryl- und Polyesterfasern war noch im letzten Jahr unter der Regie des US-Chemiegiganten Du Pont fertiggestellt worden. Dann aber lag sie wegen Rohstoffmangels und international nicht konkurrenzfähiger Produktionskosten darnieder.
Nach fünf Wochen ungetrübter Zusammenarbeit erklärten die Iraner dem Deutschen jetzt: "Wir brauchen keine Ausländer mehr."
"Okay", meinte der Rausgeworfene, "aber glaubt nicht, daß ich noch mal wiederkomme, wenn Ihr mich braucht."

DER SPIEGEL 49/1979
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