22.10.1979

RAUSCHGIFTCharley kommt

Die Drogenszene hat einen neuen Hit: Kokain. Mit Billigware aus Südamerika versuchen Dealer den Markt zu erobern.
In den Geschäftsräumen des Rad Homburger Bauingenieurs Gerd Hüge schnüffelten die Zollhunde "Bleck" und "Cliff" nach Rauschgift. Sie wiesen den Weg zu diversen Briefumschlägen mit insgesamt 51 Gramm Heroin, aber was zwischen den abgehefteten Steuerbelegen deponiert war, entging den Hundenasen -- auf Kokain waren die Tiere noch nicht abgerichtet. Es waren die Beamten, die das weiße, kristalline Pulver entdeckten.
Bei dem Hamburger Ingenieur Manfred Schabel waren Fahnder öfter fündig geworden: 9000 LSD-Trips in Frankfurt, vier Kilogramm Haschisch auf dem Beiruter Flughafen oder 40 Kilogramm Haschischöl in Salzburg. Dann, im Frühjahr vergangenen Jahres, bekam der "gewohnheitsmäßige Rauschgifthändler", so das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), ungewöhnliche Post. "Lieber Manfred", stand in dem Schreiben aus Bolivien, das die Polizei mitlas, "ich kann ein Kilo Kokain während der Fußballweltmeisterschaft aus Argentinien schicken."
* Rauschgiftfahnder nach der Beschlagnahme eines Fünf-Kilo-Postens, der in präparierten Koffern geschmuggelt worden war.
Der Frankfurter Taxiunternehmer Albert Gumbalies pflegte, so die polizeilichen Erkenntnisse, regen Kontakt zu Marihuana-Lieferanten und Haschisch-Konsumenten. Am Telephon verhandelte er mal über "ein Zehnerpaket" oder "zwei Grämmer". Dann ging es um fast ein Pfund. Auf dem Rhein-Main-Flughafen empfing Gumbalies den bolivianischen Piloten Juan Justiniano Méndez, bei dem die Kripo 431 Gramm Kokain fand -- versteckt im Hosengürtel, in der Anzugjacke und den Schuhsohlen.
Die drei deutschen Händler, die sich, den Ermittlungen zufolge, auf Koks umgestellt hatten, und der Kurier aus Südamerika stehen seit Dienstag letzter Woche in Frankfurt vor Gericht. Sie sind angeklagt, Rauschgift "in nicht geringen Mengen besessen, eingeführt und damit Handel getrieben zu haben".
Wohl noch mehr: Die vier Angeklagten gehörten nach Einschätzung von BKA-Fahndern einer Gruppe an, die entweder bereits "große Mengen Kokain in die Bundesrepublik schmuggelte und mit enormen Gewinnen absetzte" oder erst am Anfang stand, "einen Kokainhandel in großem Stil von Südamerika nach Deutschland aufzubauen".
Ob sie schon fest im Geschäft waren oder den Markt erst aufbereiteten, zählt zu den Fragen, die jetzt vor dem Frankfurter Landgericht bis ins nächste Jahr hinein zu klären sind. Gewiß ist, daß nach Haschisch und Heroin nun Kokain in größeren Mengen auf den deutschen Drogenmarkt kommt.
Als "Charley", "Schnee" oder unter dem Kürzel "C" wird der Stoff herumgereicht. In diesem Jahr stellten, bis Mitte September, die Kriminalbeamten oder Zollfahnder im Bundesgebiet schon 111mal eine Prise oder größere Portionen des weißen Kristallpulvers sicher -- im ganzen Jahr 1977 waren es 81 Zugriffe.
Als vor zwei Jahren in Stuttgart vier Südamerikaner mit fünf Kilogramm Kokain gefaßt wurden, paßte das schwerlich ins Bild -- heute werden täglich Leute mit Koks erwischt. So versuchten in Mannheim zwei Türken und zwei Deutsche, ein halbes Pfund hochkonzentriertes Kokain loszuschlagen, gerieten aber an Polizeiagenten? die sich als Käufer getarnt hatten.
Und in München sitzen sechs Südamerikaner in Untersuchungshaft, die nach Erkenntnissen der Ermittler in der bayrischen Landeshauptstadt eine "europäische Kokain-Zentrale aufbauen wollten" -- durchweg junge Männer aus begütertem Stand, etwa ein Kinderarzt oder ein Admiralssohn.
Die Herren hatten ihren Sitz im Studentenwohnheim "Lateinamerika-Kolleg" in Münchens Guerickestraße, den Stoff bezogen sie bei ihrem Chef "Carlos" in der peruanischen Hauptstadt Lima. Geschnappt wurde einer mit 2,2 Kilogramm auf dem Frankfurter Flughafen, ein anderer mit 2,7 Kilogramm in einem Hotel in Schwabing.
Aufgriffe wie im Münchner Studentenviertel oder auf Rhein-Main füllen allmählich den Wissensstand der Fahnder über Herkunft und Handelswege der weißen Droge. Aber "wo die Konsumenten sitzen", das fragen sich nicht nur im bayrischen Landeskriminalamt die Beamten. Auch die Abnehmer des Kokains, das von der in Frankfurt angeklagten Gruppe nach Deutschland geschleust wurde, konnten BKA-Beamte "noch nicht identifizieren".
Die Kokainszene hat kaum etwas gemein mit der Heroinszene. Wo Koks geschnupft wird, weiß Hauptkommissar Peter Loos vom Frankfurter Rauschgiftdezernat, "da werden die Schotten dicht gemacht".
Der süßliche Duft des Haschisch schwängert seit je leicht spürbar die Rockkonzerthallen und Discoschuppen; Heroinsüchtige holen sich ihren Stoff ungeniert an polizeibekannten Dealertreffs und lassen ihr Leben oft auch auf öffentlichen Toiletten -- den Kokser finden die Fahnder dort kaum.
Sie vermuten, daß es eher Künstler oder Partylöwen sind, bei denen der Koks landet, feinere Adressen jedenfalls insofern, als sie zahlungskräftig sind. Aufschlußreich eine Unterhaltung in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim: Dort prahlte ein Kokainhändler, wie ein Mithäftling erzählte, Geschäfte mit Koks seien "viel lukrativer als mit anderen Dingen", er verfüge auch über eine Menge zahlungskräftiger Abnehmer. Aber, da hielt der Dealer inne, "Namen zu nennen ist in diesen Kreisen lebensgefährlich".
In welchen Zirkeln das "C" die Runde macht, darüber gibt hin und wieder ein prominenter Fang Aufschluß. Mitte Mai wurde auf dem Rhein-Main-Flughafen der amerikanische Filmregisseur Stanley Dragoti ("Liebe auf den ersten Biß") mit 25 Gramm Kokain festgenommen. Der Stoff war in mehrere Glasröhrchen abgefüllt, die Dragoti mit Heftpflaster auf die Haut geklebt hat.
Der Filmemacher wurde von einem Frankfurter Schöffengericht zu 21 Monaten Freiheitsentzug mit Bewährung und 100 000 Mark Geldbuße verurteilt. Er habe den Stoff gebraucht, so der drehbuchreife Auftritt "des Angeklagten, um seine Eifersucht zu bekämpfen; seine Frau, die Filmschauspielerin Cheryl Tiegs ("Drei Engel für Charlie")? habe es mit einem anderen getrieben.
Wahrscheinlich eher, daß sich die gesamte Filmmannschaft durch den Stoff in Stimmung halten wollte. Denn an Bord der Maschine, mit der Dragoti und seine Begleiter zum Festival nach Cannes weiterfliegen wollten, wurden noch drei Kokainkapseln gefunden.
Wie schon einmal in den zwanziger Jahren, so scheint es, macht "Charley" auch in den siebziger Jahren wieder unter Künstlern die Runde. Das Rauschmittel, das aus den Blättern des südamerikanischen Kokastrauchs zu einem kristallinen Pulver chemisch aufbereitet wird, ist besonders verführerisch: Durch die Nase hochgezogen, vom Handrücken geleckt oder mit einem Glas Alkohol gekippt, schärft es die Sinne und läßt Selbstkritik schwinden -- ohne daß einer nachher, wie etwa nach Heroingenuß, "auf den Turkey kommt"; keine Gänsehaut, kein Zittern, kein Ausschlag.
Die Entzugserscheinungen bleiben aus, der Kokainist ist dafür durch ein fahles Gesicht gezeichnet, seine Wangen fallen ein, die Mundwinkel erstarren in Kräuselungen -- mitunter ist die Nasenscheidewand zerfressen. Ärzte warnen vor allem vor der starken psychischen Abhängigkeit, die das Kokain erzeugt; Verfolgungswahn und Verwirrungen stellen sich nach regelmäßigem Gebrauch ein.
Und die Spanne zwischen einer euphorischen und einer tödlichen Dosis ist klein: 0,05 bis 0,1 Gramm ist die Tagesration, um ständig high zu sein. 0,5 Gramm reichen für ein "One-Way-Ticket bei einer Fluglinie aus Schnee", wie der Folksinger Hoyt Axton den Kokainrausch besingt.
Die steigenden Todesraten durch Kokaingenuß haben in den USA mit der Vorstellung aufgeräumt, das Pulver sei nur ein harmloses Mittel, um Parties zu beleben. Hauptlieferanten für die Amerikaner, wie neuerdings für die westdeutschen Interessenten, sind bolivianische Quellen. Die dort ansässigen Großhändler bedienen sich, um den Markt zu öffnen, derselben Masche wie die Heroinhändler: Dumping.
Nach Schätzungen der Drogenbehörden werden in Bolivien jährlich etwa 600 Tonnen Kokain illegal hergestellt. An dem Geschäft beteiligen sich, so erfuhren deutsche Ermittlungsbehörden, korrupte Polizeibeamte und prominente Familien. "Das geht", weiß Hans Ulrich Endres, Verteidiger im Frankfurter Kokain-Prozeß, "hoch bis zur Ministerebene."
Das Kilo kostet in der Hauptstadt La Paz 7000 Mark -- fünfmal weniger als etwa im benachbarten Kolumbien. Da sind, bei einem Endverkaufspreis von etwa 200 Mark je Gramm auf dem deutschen Markt, Gewinnspannen bis zum 30fachen Wert drin -- Anreiz für viele Dealer, auf die Wohlstandsdroge umzusteigen.
Zusätzlich Profit zogen die Händler-Organisationen, die jetzt in Frankfurt vor Gericht stehen, durch Einsparen von Transportkosten. Die bolivianischen Lieferanten beförderten den Stoff nämlich, wie die Ermittlungen ergaben, mitunter 20grammweise in Briefen und konnten auf diese Weise für 100 Mark Porto ein ganzes Kilo in die Bundesrepublik verfrachten.
In einer Art Schneeballsystem, so der Verteilerplan, sollten die Sendungen verstreut werden: Wer von den deutschen Dealern pünktlich zahlte, erhielt die Aufforderung, "noch zwei oder drei Adressen zu schicken", damit mehr Kokain aufgegeben werden konnte.
Lieferant in Bolivien war, das ergaben die Ermittlungen, der Spediteur César Mentasti, dessen Vater in der Provinzstadt Tarija ein einträgliches Fuhrunternehmen betrieb. Zur Aufstockung des Fuhrparks orderte Mentasti auch mal zwei BMW für ein halbes Kilo Koks. Als Beigabe waren auch Artikel begehrt wie "zehn pornographische Filme, mit Ton, in spanischer Sprache, Super 8".

DER SPIEGEL 43/1979
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