17.09.1979

„Jubeln sollt ihr!“, „Chaos statt Musik“

Den 28. Januar 1936 werde ich nie vergessen, dieser Tag ist vielleicht der denkwürdigste in meinem Leben.
Auf dem Bahnhof von Archangelsk -- ich machte gerade eine Gastspielreise -- kaufte ich die neueste "Prawda". Ich durchblätterte sie und finde auf der dritten Seite den Artikel "Chaos statt Musik".
Der Artikel veränderte meine ganze Existenz. Er trug keine Unterschrift, war also als redaktionseigener Beitrag gedruckt. Das heißt, er verkündete die Meinung der Partei. In Wirklichkeit die Stalins, und das wog bedeutend mehr.
Es heißt, diesen Artikel habe der sattsam bekannte Schweinehund Saslawski geschrieben. Niedergeschrieben hat ihn wohl auch der Schweinehund Saslawski, doch das ist eine andere Sache. Dieser Artikel enthielt allzuviel von Stalin selber, vor allem Formulierungen, die nicht einmal Saslawski verwendet hätte, weil sie grammatikalisch falsch sind.
Überdies erschien der Artikel noch vor dem eigentlichen Beginn der großen Säuberungen, als es noch genug einigermaßen gebildete Leute in der Redaktion der "Prawda" gab. Sie hätten den Passus, in meiner Musik gebe es nichts, was auch nur im entferntesten mit "symphonischen Klängen" zu tun habe, niemandem durchgehen lassen, außer -- natürlich -- Stalin.
Was für geheimnisvolle "symphonische Klänge" sind das? Klarer Fall: ein echter Ausspruch des großen Führers und Lehrers. Der Artikel wimmelt von derartigen Passagen. Die Überschrift "Chaos statt Musik" stammt ebenfalls von Stalin. Am Vortag hatte die "Prawda" geniale Bemerkungen des
* 1979 Albrecht Knaus Verlag, Hamburg.
Führers und Lehrers abgedruckt zum Thema der neuen Geschichtslehrbücher für die Schulen. Auch hier wird von Chaos gesprochen.
In Stalins Kopf hatte sich das Wörtchen "Chaos" eingenistet. Geisteskranke verbeißen sich oft in bestimmte Ausdrücke und benutzen sie bei jeder Gelegenheit. Und nun spie er dieses Wörtchen überallhin. Aber was lag dem zugrunde?
Schön, meine Oper "Lady Macbeth" war abgesetzt worden. Gleichzeitig an allen Theatern. Versammlungen wurden anberaumt. Das Chaos mußte "durchgearbeitet" werden. Alle wandten sich von mir ab. Es gab in dem "Prawda"-Artikel einen Satz, aus dem zu entnehmen war, dies alles könne "sehr schlecht enden". Und nun warteten alle auf dieses schlechte Ende.
Alles Weitere vollzog sich wie in einem Alptraum. Einer meiner Freunde schrieb einen verzweifelten Brief an Stalin. In ihm führte er aus, Schostakowitsch sei kein hoffnungsloser Fall. Er habe außer der dekadenten Oper "Lady Macbeth von Mzensk", die absolut gerecht von unserer ruhmreichen Zeitung "Prawda" verurteilt worden sei, Musikstücke geschrieben, die in würdiger Weise unser sozialistisches Vaterland besängen.
Stalin ging in mein Ballett "Der helle Bach", es wurde im Bolschoi gegeben. Die Resultate der kulturellen Unternehmung des Führers und Lehrers sind bekannt. Es vergingen keine zehn Tage nach dem ersten Artikel, da erschien ein zweiter. Er enthielt weniger Fehler im Satzbau, auch weniger Stilblüten, aber davon wurde mir nicht leichter.
Zwei solche Attacken innerhalb von zehn Tagen -.- das war für einen einzelnen Menschen zuviel. Jetzt wußte jeder, daß ich dran glauben mußte. Und die Erwartung dieses -- jedenfalls für mich -- bemerkenswerten Ereignisses hat mich seitdem nie mehr verlassen. Das Etikett "Volksfeind" blieb für immer an mir kleben. Ich brauche wohl nicht zu erklären, was dieses Etikett in jener Zeit bedeutete.
Es kam damals überhaupt ncht darauf an, wie das Publikum ein Werk aufnahm. Auch nicht darauf, ob es der Kritik gefiel. Das alles hatte keinerlei Gewicht. Lebenswichtig war etwas anderes. Wie gefällt dein Opus dem Führer? Ich betone: lebenswichtig. Denn es ging buchstäblich um Leben oder Tod, nicht etwa im übertragenen Sinne. Das muß man festhalten.
Aber Tragödien erscheinen im nachhinein als Farcen. Erzählt man jemandem von seiner eigenen Angst, wirkt es lächerlich. So ist nun mal die menschliche Natur.
Nur einem einzigen Menschen aus der Zahl der höchsten Machthaber gefiel meine Musik wirklich. Und das war Marschall Tuchatschewski, der "Rote Napoleon", wie man ihn gerne nannte.
Als wir uns kennenlernten, war ich 19 Jahre alt, Tuchatschewski schon fiber dreißig. Er liebte es, "junge Talente" zu entdecken und sie zu protegieren. Vielleicht, weil er selber eine Art militärisches Wunderkind gewesen war.
Schon bei unserer ersten Begegnung wollte Tuchatschewski eigene Kompositionen von mir hören. Er lobte sie. Manchmal kritisierte er sie auch. Häufig wollte er das eben Gehörte noch einmal hören. Das ist eine Folter für jeden, dem Musik an die Nerven geht.
* In der zweiten Fassung. die den Titel "Katerina Ismailowa" trägt.
Offenbar mochte Tuchatschewski meine Musik tatsächlich.
Manchmal denke ich darüber nach, wie mein Leben sich wohl gestaltet haben würde, wenn Tuchatschewski nicht auf Stalins Befehl erschossen worden wäre. Vielleicht wäre alles anders verlaufen? Besser? Glücklicher? Lassen wir müßige Erwägungen beiseite. Schließlich pflegte ja der weise Führer und Lehrer sieh nicht mit Tuchatschewski zu beraten.
Als Stalin mich wegen "Lady Macbeth" zu prügeln begann, war Tuchatschewski nicht vorher davon informiert gewesen. Wie jeder normale Sterbliche erfuhr er es erst durch den ominösen Artikel in der "Prawda". Hätte Tuchatschewski irgend etwas tun können? Hätte er sich Stalin entgegenstellen können?
Damals schien Tuchatschewski eine glänzende Zukunft vor sich zu haben. Er war kürzlich zum Marschall der Sowjet-Union ernannt worden. Klingt imponierend. Anderthalb Jahre später wurde er erschossen. Ich blieb am Leben. Wer von uns beiden war der Glücklichere?
Damals, 1936, wurde ich nach Moskau gerufen. Zur öffentlichen Auspeitschung. Und wie eine Unteroffizierswitwe mußte ich vor der ganzen Welt erklären, ich hätte mich selber verhauen. Absolute Niedergeschlagenheit befiel mich. Über Nacht waren alle meine bisherigen Arbeiten getilgt, meine künftigen unmöglich gemacht.
Bei wem sollte ich Rat suchen? Zu wem konnte ich gehen? Ich ging zu Marschall Tuchatschewski. Er war gerade von einer triumphalen Reise nach London und Paris zurückgekehrt. Täglich schrieb die "Prawda" über ihn. Ich dagegen war wie ein Aussätziger. Keiner besuchte mich, niemand erkannte mich auf der Straße. Alle hatten Angst. Tuchatschewski empfing mich.
Er schloß sich mit mir in seinem Arbeitszimmer ein. Schaltete das Telephon ab. Wir schwiegen. Begannen dann, ganz leise zu sprechen. Ich sprach leise, weil ich vor Jammer und Verzweiflung nicht laut sprechen konnte. Er sprach leise, weil er fremde Ohren fürchtete.
Es war ja schon damals so: Wenn man einen politischen Witz erzählen wollte, mußte man seinen Gast ins Badezimmer bitten, alle Wasserhähne aufdrehen und beim Rauschen des Wassers den Witz erzählen. Sogar lachen mußte man leise, hinter vorgehaltener Hand. Diese herrliche Tradition hat sich bis auf unsere Tage erhalten.
Doch damals war uns nicht nach Witzen zumute. Tuchatschewski kannte Stalin gut, er wußte, daß Stalin einen Menschen gnadenlos vernichtet. In jenen Tagen schien es so, als sei auch mir dieses Schicksal beschieden. Tuchatschewski versprach mir, alles zu tun, was ihm irgend möglich war. Er sprach vorsichtig. Es war deutlich zu sehen, wie er sich beherrschen mußte, als die Rede auf Stalin kam. Ja, und was hätte er mir in diesem Augenblick auch sagen können?
Tuchatschewskis politische Pläne sind nicht bekannt geworden. Wollte er Diktator werden? Warum eigentlich nicht? denke ich heute. Doch ich bezweifle, daß es ihm unter den herrschenden Umständen gelungen wäre.
Dann kam "der Fall Tuchatschewski". Seine Erschießung war ein entsetzlicher Schlag für mich. Als ich die Nachricht in der Leitung las, wurde mir schwarz "vor Augen. Mir schien, als habe man mit ihm auch mich umgebracht. So jedenfalls fühlte ich mich. Ich will das nicht ausmalen. Nur in Romanen kommt es vor, daß Menschen weder essen noch schlafen können, weil sie ein Schicksalsschlag vollkommen überwältigt hat.
"Auch Musiker wurden geschoren -- und wie!"
Der Schriftsteller Soschtschenko hatte in dieser Hinsicht eine sehr solide Philosophie: Ein Bettler hört auf, sich Sorgen zu machen, wenn er erst mal ein Bettler geworden ist. Und eine Küchenschabe leidet durchaus nicht daran, eine Küchenschabe zu sein. Dieser Ansicht Soschtschenkos schließe ich mich an. Schließlich muß man ja leben, die Familie ernähren. Das Töchterchen kam zur Welt, schrie und verlangte zu essen, ich hatte dafür zu sorgen, daß es bekam, was es brauchte.
Ich könnte natürlich, ohne Farben zu sparen, mit großen Strichen meinen schlimmen seelischen Zustand schildern. Die moralischen Qualen. Die ständige entsetzliche Angst. Nicht nur um mein Leben. Um das Leben meiner Mutter, meiner Schwestern, meiner Frau, meiner Tochter, später noch meines Sohnes.
Ich will nicht verhehlen, daß ich eine schwere Zeit durchlebte, ging jedoch aus dieser Krise sogar gestärkt hervor, mit mehr Vertrauen in meine eigenen Kräfte. Die feindlichen Kräfte erschienen mir nicht mehr als übermächtig. Auch der schändliche Verrat der Freunde und Bekannten bereitete mir nicht mehr soviel Bitterkeit wie vorher. Er traf mich nicht mehr persönlich. Ich hatte gelernt, mich von anderen Menschen abzusondern. Das wurde meine Rettung.
Einige der neu gewonnenen Erkenntnisse sind in meiner 4. Symphonie enthalten. Ihre Uraufführung fand erst 25 Jahre nach ihrer Vollendung statt. Ich weiß nicht, ob das zu ihrem Besten war. Ich hänge nicht der verbreiteten Ansicht an, Musikwerke müßten vergraben werden, bis
ihre Zeit gekommen sei. Symphonien sind keine chinesischen Eier.
Musik muß gleich nach ihrem Entstehen gespielt werden. Das Publikum hat das Vergnügen der Zeitgenossenschaft. Und für den Komponisten ist es leichter, sich verständlich zu machen. Und wenn er Fehler beging, kann er versuchen, sie im nächsten Werk zu korrigieren.
Heute heißt es, ich sei selbst an allem schuld, hätte ja selber die Aufführung der Vierten abgesagt, hätte mich selber geschlagen und daher keine Veranlassung, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. So kann ein Außenstehender leicht urteilen. Aber wenn er in meiner Haut gesteckt hätte, würde er eine andere Melodie singen.
Damals sah es so aus, als brächten die Aufführungen meiner Werke nichts als Scherereien. Das Kleine Operntheater brachte "Lady Macbeth" nach Moskau -- bitte sehr: "Chaos statt Musik." Das Bolschoi-Theater führte mein Ballett auf -- da hast du?s: "Ballettverfälschung." Und was wäre passiert, wenn ich damals die Aufführung der Vierten nicht abgesetzt hätte? Wer weiß? Vielleicht hätte niemand ein Wort gesagt, vielleicht hätte mein lied sogar gefallen.
Die Voraussetzungen aber waren fatal. Überdies leitete Stiedry die Proben einfach miserabel. Erstens hatte er verzweifelte Angst. Er wußte ja, daß man auch ihn nicht schonen würde. Zweitens kannte Stiedry die Partitur nicht richtig, beziehungsweise er verstand sie nicht, wollte sie auch nicht verstehen, Das gab er ungeschminkt zu. Warum sollte er sich auch genieren? Der Komponist war doch ein entlarvter Formalist. Wozu sich in seine Partitur vertiefen? Das lohnte sich doch überhaupt nicht mehr.
Man wird sagen: Wovor hast du Angst gehabt? Musiker ließ man doch ungeschoren. Darauf muß ich antworten: Das ist die Unwahrheit. Sie wurden geschoren -- und wie! Die Version, Musiker seien nicht angerührt worden, verbreiten jetzt (der Vorsitzende des Komponistenverbandes) Chrennikow und seine Handlanger. Und da Künstler ein kurzes Gedächtnis haben, glauben sie ihm.
Sie haben Nikolai Schiljajew vergessen, den ich zu meinen Lehrern zähle. Ich lernte Schiljajew bei Tuchatschewski kennen. Beide Männer waren befreundet. Schiljajew unterrichtete am Moskauer Konservatorium, gab aber die meisten Stunden bei sich zu Hause.
In seinem Arbeitszimmer hing ein großes Bild von Tuchatschewski. Als Tuchatschewski erschossen worden war, nahm er dieses Bild nicht von der Wand. Ich weiß nicht, ob ich die Größe dieser Handlung deutlich machen kann.
Wie verhielten sich damals die Menschen? Sobald jemand mit dem unheilvollen Stempel "Volksfeind" versehen worden war, wandten sie sich von ihm ab, in panischer Angst vernichtete jeder alles, was mit diesem Menschen, diesem Volksfeind, in Verbindung zu bringen war.
Wenn ein Volksfeind ein Buch geschrieben hat, schmeiß es weg! Wenn du einen Brief von ihm besitzt, verbrenne ihn! Wie viele Briefe, Dokumente, Notizen, Bücher mit Widmungen die Menschen damals verbrannt haben, ist mit dem Verstand überhaupt nicht zu fassen. Kein Krieg ist imstande, private Archive in dieser Weise zu zerstören. Photos flogen natürlich als erste ins Feuer. Es braucht nur jemand anzuzeigen, daß du Photos von einem Volksfeind hast -- es kann dich den Kopf kosten.
Schiljajew fürchtete sich nicht. Als die Häscher kamen, um ihn abzuholen, und das Bild an einem Ehrenplatz hängen sahen, staunten sie: "Was, das haben Sie nicht abgenommen?" Schiljajew antwortete: "Einmal wird die Zeit kommen, in der man ihm ein Denkmal errichtet."
Oder nehmen wir Dima Gatschew. Er war ein sehr fähiger Musikwissenschaftler. Nachdem er einige schwierige Arbeiten beendet hatte, reiste er in ein Erholungsheim. Wie damals üblich, waren mehrere Leute in einem Zimmer untergebracht. Einer fand eine alte französische Zeitung. Zu seinem Unglück konnte Gatschew Französisch.
Er faltete die Zeitung auseinander und las daraus vor. Nach wenigen Zeilen brach er ab: Da stand etwas Abträgliches über Stalin. "Meine Güte, so ein Blödsinn"! rief er aus, doch es war schon zu spät. Am andern Morgen wurde Gatschew verhaftet. Einer der Zimmergenossen hatte ihn denunziert, vielleicht auch alle zusammen.
Gatschew bekam fünf Jahre. Er war ein kräftiger Mensch, überstand die fünf Jahre Lager irgendwie. Er hoffte naiv, wenn seine Straffrist um sei, würde man ihn freilassen. Doch wenige Tage vor Ablauf der Frist teilte man ihm mit, seine Strafe sei verlängert worden -- um weitere zehn Jahre. Das zerbrach ihn, kurz darauf ist er gestorben.
Viele Leute schrieben damals Denunziationen, die Komponisten sicher auf Notenpapier, die Musikwissenschaftler auf gewöhnlichem. Und soweit ich weiß, hat keiner der Denunzianten seine Tat je bereut.
"Es ist nie zu spät,
um ins Lager zu kommen."
Mitte der fünfziger Jahre kamen allmählich Lagerhäftlinge, die das Glück gehabt hatten zu überleben, nach Hause zurück. Einigen hatte man ihre Akten gezeigt, darin waren die Namen der Denunzianten vermerkt, die Denunziationen säuberlich dazugeheftet. Heute begegnen sich ehemalige Häftlinge und ihre Denunzianten in den Konzertsälen. Manche grüßen einander auch.
Damals hatte ich Glück, ich kam nicht ins Lager. Doch um dahin zu kommen, ist es nie zu spät. Alles hängt davon ab, wie der jeweilige friedliebende Führer und Lehrer deine Arbeit ein-
schätzt. In meinem Fall meine Musik. Er ist ja Mäzen, Schirmherr aller Künste und der hehren Literatur. Das jedenfalls ist die allgemeine Meinung, die Stimme des Volkes. Gegen eine solche Stimme anzukämpfen ist schwierig.
Tyrannen lieben es, sieh als Förderer der Künste auszugeben. Aber sie verstehen nichts von Kunst. Warum nicht? Weil Tyrannei eine Perversion und ein Tyrann pervers ist. Der Tyrann, der zur Macht gelangen will, muß über Leichen gehen. Die Macht lockt, die Möglichkeit, andere Menschen zu unterdrucken, sie zu verhöhnen. Also ist der Drang zur Macht auch eine Perversion?
Wenn du konsequent bist, mußt du die Frage bejahen. Im selben Augenblick, in dem dich Machtgelüste überkommen, bist du verloren. Ich betrachte jeden Führerkandidaten mit Argwohn. Mir reichen die Illusionen meiner vernebelten Jugend.
Man sagt und hat es auch geschrieben: Die KZ-Lagerchefs hätten Bach und Mozart geliebt und verstanden, sie hätten über Schubert Tränen vergossen. Ich glaube das alles nicht. Ich bin noch nie einem Henker begegnet, der wirkliches Verständnis für Kunst hatte.
Wie kommt es, daß solche Geschichten sich so hartnäckig halten? Warum wollen die Leute, daß Tyrannen sich als Mäzene und Kunstliebhaber ausgeben? Tyrannen wissen, daß sie ihre schmutzigen Geschäfte viel besser tätigen können, wenn sie als gebildet und kultiviert gelten und nicht als Banausen und Flegel. Der Generalissimus muß stets und für alle der große Weise sein.
Für diesen Weisen arbeitet ein ungeheurer Apparat, schreibt seine Reden, seine Werke. Ein riesiger Stab von Referenten stellt Material über jedes beliebige Thema, über jedes beliebige Problem zusammen.
* Mit dem Opernsänger Sergej Radamsky (2. v. r.).
Will er ein Architekt sein? Er wird es. Er braucht nur zu befehlen, der geliebte Führer und Lehrer. Will er Graphiker sein? Aber gewiß doch, schon ist er es. Will er Fachmann auf dem Gebiet der Orchestrierung sein? Er ist auch das. Oder etwa auf dem Gebiet der Sprachwissenschaften? Selbstverständlich.
Alle diese Lakaien, Schachfiguren, diese Schräubchen und sonstigen schäbigen Seelen wünschen nichts sehnlicher, als daß ihr Führer und Lehrer unbestreitbar als Titan des Gedankens und der Feder erscheine.
Wenn der große Führer keine Bücher schreibt, sondern Köpfe abschneidet, was ist er dann? Die Antwort ist schlicht: ein Schlächter. Ein Raubmörder. Und seine Lakaien sind Gehilfen des Schlächters und Raubmörders. Wer aber möchte schon gern in eine solche Liste eingereiht werden? Alle wollen rein und fleckenlos dastehen, denn über der Welt ist ein strahlender neuer Morgen aufgegangen.
Ein völlig anderes Bild entsteht. wenn der Führer Beethoven spielt, nicht wahr? Das verändert mit einem Schlage die Landschaft. Ich kannte viele Musiker, die allen Ernstes behaupteten, Stalin liebe Beethoven.
"Natürlich, mit moderner Musik kann er nicht viel anfangen", sagen sie, "das können sowieso nur die wenigsten. Und schließlich hat Iossif Wissarionowitsch außer Musik noch viele andere Dinge im Kopf. Aber er liebt klassische Musik. Zum Beispiel Beethoven. Er liebt alles Erhabene. Zum Beispiel die Berge. Beethoven ist auch etwas Erhabenes, also liebt er ihn."
Derartiges Geschwätz habe ich massenhaft gehört. Danke. Es quillt mir schon aus den Ohren. Man hat mich traktiert mit Beweisen der großen Stalinschen Liebe zur Klassik -- von allen Seiten: von vorne und von hinten, von oben und von unten.
Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Zum Abschluß eines Parteitages sollte ein großes Galakonzert gegeben werden. Das Programm wurde in bewährter Weise zusammengestellt: Tanz-Ensembles, gemischte Chöre von einem Umfang, daß bei ihrem Gebrüll die Fensterscheiben rausfliegen. Dann eine ganze Kollektion von Schwänen. Erst tanzen die kleinen Schwäne, dann die großen, die sterbenden, die wiederauferstehenden. Tänze mit Schwänen, Lieder über Adler. Also ornithologische, zootechnische Thematik für das Programm.
Man brachte Stalin das Programm zur Genehmigung. Es war sein Hobby, verschiedene Programme und Listen zu genehmigen: das Parteiprogramm, Listen von Verurteilten. Und ganz besonders liebte er es, die kaukasische Weinliste zu genehmigen.
Nun erhebt sich die Erzählung in überirdische Höhen. Ein Lakaienhöhenflug. Stalin mochte offenbar die dicke Fischsuppe und die kaukasischen Weine nicht mehr. Das Menü war ihm langweilig geworden. Sein Geschmack hatte sich verfeinert. Schwäne und Adler strich er aus, an ihre Stelle setzte er die 9. Symphonie von Beethoven. Seid umschlungen, Millionen.
Er selbst schrieb das auf! Eigenhändig! Dem Lakaien stockte der Atem. Wie glücklich macht uns doch unser Wohltäter! Er macht Beethoven glücklich!
Ich glaube kein Wort davon. Alles ist erstunken und erlogen.
Erstens: Niemand konnte mir exakt sagen, welcher Parteitag mit Beethoven enden sollte. Jeder nannte einen anderen. Zweitens: Warum sollte nur an einem einzigen Parteitag Beethoven diese Generalsehre erwiesen werden? Warum tanzten und sangen sie an allen anderen? Sie besangen den Adler Stalin, wie es sich gehört. Zum Glück gab es immer genügend Lieder über dieses Thema, ewig frisch und ergreifend. Ich glaube, es waren 20 000.
Aber auch wenn die fragwürdige Geschichte mit der 9. Symphonie stimmen sollte, beweist das noch gar nichts. Am allerwenigsten Stalins Liebe zu Beethoven. Nehmen wir die Aufführung der "Walküre" im Bolschoi-Theater auf Stalins direkten Befehl am Vorabend des Krieges. Beweist dies, daß Stalin Wagner liebte? Eher doch, daß er Hitler liebte.
Die Geschichte mit der "Walküre" ist so schmählich, daß ich sie erzählen will. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt war schon in Kraft. Wir hatten nun also die Faschisten zu lieben. Es war eine späte, daher um so leidenschaftlichere Liebe. So wie eine Witwe in mittleren Jahren ihren jungen Nachbarn liebt.
Aus allen mehr oder weniger bedeutenden Posten wurden die Juden davongejagt, damit sie die Augen der Deutschen nicht beleidigen. Litwinow war schon früher als Volkskommissar des Äußeren entlassen worden. Doch das alles waren nur negative Aktionen, positive mußten folgen.
Man lieferte Hitler ein paar hundert deutsche Antifaschisten aus, darunter deutsche Juden, die in der Sowjet-Union Zuflucht gesucht hatten. Die Auslieferung ging still und geräuschlos vor sich, ohne Fanfaren und Tamtam. Lediglich eine kleine Aufmerksamkeit unter Geschäftsfreunden.
Aber Fanfaren wollte man außerdem. Leidenschaftliche kaukasische Liebe wollte man. Hohe Emotionen. Herrlichen Tee, herrliches Konfekt -- wie der Dichter sagt. Und da erinnerte man sich an Wagner.
Mit Wagner passierten in Rußland die komischsten Sachen. Zuerst prügelten sich seinetwegen die russischen Musiker. Doch bald hörten sie damit auf und lernten viel von ihm. Das spielte sich natürlich innerhalb der Grenzen einer nicht eben großen Gruppe von Berufsmusikern ab.
Dann aber -- vor dem Ersten Weltkrieg -- wurde Wagner über Nacht populär. Der Zar befahl, den "Ring des Nibelungen" im Kaiserlichen Mariinski-Theater aufzuführen. Die gesamte Adelsbürokratie, das Offizierkorps, die ganze Beamtenschaft begeisterte sich für Wagner.
Und nun urplötzlich Krieg! Es ist noch dazu der Vetter, der drauflosschlägt. Das ist beleidigend, so beleidigend, daß man heulen möchte. Die Wilden hauen in solchen Fällen ihre hölzernen Götzen. In Rußland haute man statt dessen Wagner. Hochkantig flog er aus dem Repertoire des Mariinski-Theaters wieder heraus.
Nach der Revolution erinnerte man sich wieder an Wagner. Denn man brauchte ein Opernrepertoire, das der Epoche entsprach: Zaren und Bojaren können ja nicht mehr auf der Bühne erscheinen. Man nahm an, daß in westlichen Opern der revolutionäre Geist viel weiter entwickelt sei. Da gerieten sie an Wagners "Rienzi".
Ich mag diese Oper nicht besonders. Sie erscheint mir pompös und aufgeblasen. Ihre Idee ist unselbständig, die Musik mittelmäßig. Nur das Sujet taugt wirklich als revolutionäres Stück. Für eine Oper gehört dies aber nicht zu den wichtigsten Kriterien.
Meine Einschätzung Wagners wechselte verschiedentlich. Er hat geniale Seiten, schrieb viel gute und viel mittelmäßige Musik. Er verstand es aber, seine Ware gut zu verkaufen. Dieser Typ des Komponisten als Reklametrommler ist mir fremd, er hat in der russischen Musik keine Tradition. Vielleicht ist deshalb die russische Musik im Westen weniger populär, als sie es verdient.
Glinka, unser erster Berufsmusiker, sprach dies offen aus: "Ich verhökere meine eigenen Sachen nicht." Und dann Mussorgski. Er schlug alle Einladungen Liszts, der für ihn die Reklametrommel rührte, aus. Mussorgski zog es vor, in Rußland zu bleiben und zu komponieren. So ein unpraktischer Mensch.
Von den großen russischen Komponisten haben sich nur zwei gut verkauft: Strawinski und Prokofjew. Nicht zufällig sind sie beide Komponisten der neuen Zeit, und in einem gewissen Sinne sind sie -- wenn auch adoptierte -- Kinder der westlichen Kultur. Lust und Geschmack an Reklame -- das ist es meiner Meinung nach, was Strawinski und Prokofjew hinderte, wirklich russische Komponisten zu sein.
Hier ist irgendein seelischer Knick, wichtige moralische Positionen waren aufgegeben worden. Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Man darf einen Menschen nicht unverdient kränken. Strawinski ist vielleicht der genialste Komponist des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber er sprach immer nur für sich, ausschließlich für sich. Während Mussorgski sowohl für sich wie für sein Land sprach. Aber er hatte keinen guten Reklameapparat.
Jetzt wird vielleicht klarer, weshalb ich Wagner gegenüber zwiespältige Empfindungen hege. Russische Komponisten haben von Wagner wohl das Orchestrieren neu gelernt, aber nicht, wie man sich gut verkauft oder erfolgreich intrigiert.
All die Jahre bis zum Krieg wurden Wagner-Opern bei uns aufgeführt, aber? welk, dürr und schwächlich. Das hatte ideologische Gründe. Man entdeckte in Wagners Werken Idealismus, Mystizismus, reaktionäre Romantik und kleinbürgerlichen Anarchismus, schrieb allerlei Beleidigendes über ihn.
Dann änderte sich die Situation wieder ganz plötzlich. Das Wort "plötzlich" gerät mir im Zusammenhang mit Wagner ständig in den Mund. Es ist wie bei einem schlechten Theaterstück: ein Bote tritt auf und meldet: "Deine Liebste ist tot." Oder: "Der Feind ist in die Stadt gedrungen." Plötzlich.
Das ist schlecht. Schlechte Dramatiker benutzen dieses Verfahren. Und ich bin ein schlechter Erzähler. "Plötzlich" geschieht überhaupt nichts. Stalin wollte bloß Hitler noch fester an die Brust drücken mit schmetternder Begleitmusik. Alles sollte sich -- wie schon einmal -- unter Verwandten abspielen. Wilhelm II. war mit der Zarenfamilie blutsverwandt. Stalin und Hitler waren Geistesverwandte.
Wagner erwies sich als der bestgeeignete Komponist, die russisch-germanische Freundschaft musikalisch zu untermalen. Eisenstein erhielt den Befehl, unverzüglich die "Walküre" im Bolschoi-Theater zu inszenieren.
Warum ausgerechnet Eisenstein? Der Filmregisseur? Ein berühmter Name mußte her. Wagners Oper mußte mit Aplomb herausgebracht werden, so lautstark wie die Musik selber. Und das wichtigste: Der Regisseur durfte kein Jude sein. Eisensteins Vater war sogar Deutscher gewesen, ein getaufter Jude.
Eisenstein erkannte zunächst das Pikante dieser Einladung nicht. Er rief Alexander Tyschler an, einen jüdischen Maler, und bat ihn, die bühnenbildnerische Leitung zu übernehmen. Tyschler war ein weiser Mann. Er fragte Eisenstein: "Was fällt Ihnen ein? Sind Sie verrückt geworden? Die ganze Produktion soll doch judenfrei sein.
Eisenstein lachte. Er merkte noch immer nicht, was vorging. Vielleicht tat er auch nur so. Er erwiderte Tyschler: "Ich garantiere Ihnen die Mitarbeit an dieser Aufführung." Ein paar Tage später rief er Tyschler wieder an. Dieses Mal lachte er nicht. Er entschuldigte sich: "Sie hatten recht." Und hängte auf.
Angriffe auf die Deutschen wurden verboten.
Warum trat Eisenstein von dem Auftrag nicht zurück, als er begriff, in welch schändliche Sache er hineingezogen wurde? Bei uns sagt man oft von einem Menschen: Er arbeitet nicht aus Angst, sondern aus Gewissensgründen. Nun, ein Gewissen besaß Eisenstein nicht, aber Angst hatte er. Große Angst. Den Auftrag abzulehnen, bedeutete den Kopf zu riskieren.
Mir wurde erzählt, er habe sich sehr gequält, habe gräßlich gelitten, sich aber schließlich mit dem Gedanken beruhigt, daß es interessant sei, am Bolschoi zu arbeiten, und daß "Die Walküre" trotz allem eine geniale Oper sei.
Kürzlich sprach ich mit einem Musikwissenschaftler über diese Wagner-Inszenierung. Er verteidigte Eisenstein: Der hätte sich schon so lange sehnlichst gewünscht, eine Oper zu inszenieren, hätte so viel und so gründlich über eine Synthese der Künste nachgedacht und dann endlich die Möglichkeit bekommen, einige seiner Ideen auf der Bühne des Bolschoi zu realisieren.
Ich erinnerte den Musikwissenschaftler daran, daß Eisenstein die Möglichkeit, seine epochalen Ideen zu realisieren, auch bei einer anderen Oper gehabt hätte, auch in Moskau. Komponist dieser Oper war überdies sein guter Freund Prokofjew. Ich meine die Oper "Semjon Kotko". Hier geht es um die Okkupation der Ukraine durch die Deutschen 1918, die als grausame Teufel dargestellt werden.
Als Prokofjew die Oper schrieb, entsprach dies genau der damals gültigen politischen Linie. Überhaupt zeichnete sieh die Oper durch eiserne ideologische Disziplin aus: Es gab Bolschewiki, es gab Kulaken-Schädlinge, den Schwur der roten Partisanen am Sarge des Kommissars, den Volksaufstand.
Meyerhold selbst hatte mit der Probenarbeit an "Semjon Kotko" im Stanislawski-Operntheater begonnen. Es war die letzte Theaterarbeit des großen Regisseurs. Er konnte sie nicht mehr zu Ende führen, wurde mitten aus der Arbeit heraus verhaftet. Die Arbeit an der Oper ging weiter, als sei nichts geschehen.
Dies gehörte zu den schrecklichsten Charakteristika der Epoche: Ein Mensch verschwindet. Alle übrigen tun, als sei überhaupt nichts passiert. Der Name Meyerhold verschwand augenblicklich aus sämtlichen Gesprächen. Das war alles. Im ersten Augenblick zitterten alle. Jeder dachte: Ich bin der nächste. Und jeder betete -- ich weiß nicht zu wem -, daß nicht er der nächste sein möge, jeder andere, nur nicht er.
Es kam kein Befehl, die Proben einzustellen, also mußte man weitermachen. Offenbar hielt man "oben" diese Arbeit für nützlich. Und vielleicht gelang es ja auch, durch die Weiterarbeit das eigene Leben zu retten.
Prokofjew wandte sieh an seinen Freund Eisenstein. Er bat den Filmregisseur, die Arbeit an "Semjon Kotko" zu Ende zu führen. Eisenstein lehnte ab. Die außenpolitische Lage hatte sich nämlich inzwischen gewandelt. Angriffe auf die Deutschen, sei es auch nur in einer Oper, waren in jener wundervollen Periode bereits verboten, das Schicksal der Aufführung damit recht zweifelhaft geworden. Warum soll man sich in ein politisch fragwürdiges Unternehmen verwickeln lassen? Und Eisenstein sagte: "Ich habe leider keine Zeit."
Für die "Walküre" dagegen hatte er Zeit. Die weiteren Geschicke der beiden Opern sind lehrreich; sehr, sehr lehrreich.
Die Premiere der "Walküre" fand mit bombastischem Pomp statt. Den zauberischen Tönen lauschten sowohl unsere Partei- und Regierungsführer wie die Diplomaten der faschistischen Botschaft. Die Zeitungen brachten überschwengliche Kritiken. Mit einem Wort: ein neuer Triumph an der Kunstfront.
"Semjon Kotko" kam keineswegs komplikationslos zur Welt. Natürlich. die blutrünstigen Deutschen waren verschwunden. Es traten nur irgendwelche Okkupanten auf, ohne nähere Bezeichnung ihrer Nationalität. Die Obrigkeit war trotzdem unzufrieden.
Stalin hatte panische Angst davor. die Deutschen zu verärgern. Auf jeder Probe des "Semjon Kotko" waren irgendwelche Beamte aus dem Volkskommissariat des Äußeren erschienen. hatten unzufrieden die Stirn gerunzelt und waren dann, ohne ein Wort zu verlieren, wieder verschwunden. Ein sehr schlechtes Vorzeichen. Schließlich war sogar Wyschinski gekommen, Stalins rechte Hand, ein Lump und Henker sondergleichen.
Unter der weisen Leitung des Staatsanwalts der UdSSR Wyschinski wurde die Oper in die nötige Kondition gebracht. Wyschinski überzeugte sich. daß das Sujet im großen und ganzen annehmbar war, man mußte nur die Deutschen oder die Okkupanten auf ein Minimum reduzieren. Statt der Deutschen konnten ja die russischen Weißgardisten die Feinde sein "Wo sind die Feinde?" sang der Chor in einer anderen Oper ...
Solange nur Feinde da sind, ist die Sache in Ordnung. Die Hauptsache: Es gibt Feinde, die zu bekämpfen und zu besiegen sind. Wer sie im einzelnen sind, braucht man gar nicht so genau zu wissen.
"Die Jungen sehen das dreckige Stück zum ersten Mal."
Und so wurde diese halblebige Oper aufgeführt. Und niemand fand Gefallen daran. Wagner dagegen liebten alle. Denn alle wußten, daß der Führer und Lehrer Wagner liebte.
Und dann plötzlich aus heiterem Himmel wieder Krieg! Und wieder flog der -- jetzt faschistische -- Wagner aus dem Repertoire. Wieder war er in schlechte Gesellschaft geraten.
Und alle unsere Professoren und Dozenten, auch unsere führenden und folgenden Musikkritiker begannen, Wagner Mores zu lehren, nach den Methoden, mit denen man minderjährige Kriminelle in den Arbeitserziehungskolonien umerzieht.
Wagner hatte die falschen Freunde gehabt, hatte an den falschen Orten verkehrt und hatte falsche Dinge getan.
* Beim Anhören der Radiomeldung über den deutschen Einmarsch.
Von Liebe zu Wagner war keine Rede mehr.
Das also ist die traurige Geschichte in zwei Akten mit Prolog und Epilog. Die Geschichte, wie wir sehen, wiederholt sich eben doch. Ein und dieselbe Farce kann man zwei-, drei-, auch viermal im Leben sehen; vorausgesetzt, man hat Glück und ist geschickt genug, in unserer stürmischen Zeit einige äußerst bedrohliche Hürden zu überspringen und älter als sechzig Jahre zu werden.
Du kannst die abgedroschene Farce schon längst nicht mehr komisch finden. Und wenn neben dir trotzdem gelacht wird, dann sind es junge Leute. Für sie ist die Sache komisch, sie sehen das dreckige Stück zum ersten Mal. Ihnen irgend etwas erklären zu wollen, hat keinen Zweck.
Du suchst nach Zuschauern in deinem eigenen Alter. Die wissen ja, die verstehen. Mit ihnen kann man reden. Doch du findest niemanden. Sie sind gestorben. Und die Überlebenden sind hoffnungslos dumm. Nur deshalb konnten sie überleben. Oder sie haben sich dumm gestellt, auch das ist hilfreich.
Nie und nimmer glaube ich, daß es ringsum nur Dummköpfe gibt. Maskierung, Taktik ist im Spiel, um ein Minimum von Anständigkeit wahren zu können.
Im nächsten Heft
Schostakowitsch wird zum Komponisten des "Großen Vaterländischen Krieges" -- Stalin ist eifersüchtig auf Schostakowitschs Ruhm im Westen -- Auf Stalins Befehl nach Amerika
"Chaos statt Musik"
Die "Prawda" über die Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth"
Eine willige Musikkritik preist
diese Oper bis in den Himmel hinauf und bedeckt sie mit lautem Ruhm. Der junge Komponist bekommt statt der ernsthaften Kritik, die ihm hätte helfen können, nur begeisterte Komplimente.
Den Hörer verblüfft von der ersten Minute an ein bewußt disharmonischer Klangfluß. Dieser "Musik" zu folgen ist schwer, sie zu behalten ist unmöglich. Der Gesang auf der Bühne wird durch Schreien ersetzt. Und wenn der Komponist auf den Weg einer einfachen und verständlichen Melodie gerät, dann wirft er sich sofort, als ob er darüber erschrocken sei, in den Dschungel eines musikalischen Chaos, der hin und wieder in Kakophonie übergeht.
Das alles kommt nicht von der Talentlosigkeit des Komponisten. Auch nicht von seiner Unfähigkeit, durch die Musik einfache und starke Gefühle ausdrücken zu können. Diese Musik, die sich vorsätzlich "den Kragen andersherum anzieht", ist so, daß nichts mehr an die klassische Opernmusik erinnern soll. Sie soll nichts Gemeinsames haben mit den symphonischen Klängen, mit der einfachen, allgemein zugänglichen musikalischen Rede.
Diese Musik, die nach dem gleichen Prinzip der Negation der Oper aufgebaut ist wie die "linke" Kunst, verneint überhaupt die Einfachheit, den Realismus, das Verständnis für die Gestalten, den natürlichen Wortklang im Theater. Dieses "linke" Chaos ersetzt die natürliche menschliche Musik.
Die Fähigkeit einer guten Musik, die Massen mitzureißen, wird den kleinbürgerlichen formalistischen Anstrengungen geopfert und dem Bemühen, Originalität mit den Mitteln eines billigen Originalismus zu schaffen. Das ist ein ausgeklügeltes Spiel, das sehr schlecht enden kann.
Die Gefährlichkeit einer solchen Richtung in der sowjetischen Musik ist klar. Die "linke" Mißgestaltung in der Oper entstammt der gleichen Quelle wie die "linke" Mißgestaltung in der Malerei, in der Poesie, in der Pädagogik, in der Wissenschaft. Die kleinbürgerliche "Novitätensucht" führt zum Bruch mit der wahren Kunst, der wahren Wissenschaft, der wahren Literatur.
Der Autor der "Lady Macbeth von Mzensk" hat sogar, um seinen Helden "Leidenschaft" zu verleihen, die nervöse verkrampfte dekadente Musik des Jazz ausgeliehen. In einer Zeit, in der unsere Kritik, darunter auch die Musikkritik, auf den sozialistischen Realismus eingeschworen wird, reicht uns die Opernbühne in der Schostakowitsch-Schöpfung den gröbsten Naturalismus dar.
Der Komponist hat sich offenbar nicht die Aufgabe gestellt, hinzuhören, was das sowjetische Auditorium in der Musik erwartet. Er hat sämtliche Klänge so durcheinandergemischt, daß seine Musik nur die ästhetischen Formalisten erreichen kann, die den gesunden Geschmack verloren haben.
"Lady Macbeth" hat beim bourgeoisen Publikum im Ausland Erfolg. Warum lobt aber das bourgeoise Publikum, daß diese Oper chaotisch und absolut apolitisch ist? Doch wohl nur deshalb, weil das Stück den widernatürlichen Geschmack des bourgeoisen Auditoriums durch seine verzerrte, schrille, neurasthenische Musik kitzelt.

DER SPIEGEL 38/1979
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