08.10.1979

KERNKRAFTWERKEEventuell Radi

Zum erstenmal soll in der Bundesrepublik ein Kernkraftwerk geschleift werden -- wertvoller „Modellfall“ oder „Beseitigung einer gigantischen Fehlinvestition“?
Wenn Bayerns Umweltminister Alfred Dick zum Wochenende heimfährt ins niederbayrische Straubing, dann begegnen ihm etwa auf halber Strecke, bei Landshut an der Isar, Aufstieg und Fall der Atomenergie.
Beides liegt dort ganz nahe nebeneinander: das 870-Megawatt-Kernkraftwerk Isar, trotz einiger Störfälle immer noch Demonstrationsstück der bayrischen Nuklearenergie; und das ehemalige Kernkraftwerk Niederaichbach, das seit fünf Jahren als stillgelegte Reaktorruine im "gesicherten Einschluß" vor sich hin strahlt.
Doch just das "nutzlose Monster" ("Die Zeit") scheint immer wieder richtungsweisende Funktion zu erlangen, nachdem es mit 230 Millionen Mark von Bund, Freistaat Bayern und Siemens AG als "Prototyp einer Schwerwasser-Druckröhren-Reaktoranlage" in die Isarauen gesetzt worden war. Schon ein Jahr nach Baubeginn, 1967, war zwar absehbar, daß diese Baulinie im Vergleich zum preisgünstigeren Leichtwasserreaktor "keine technische Zukunft" (so der damalige Bonner Forschungsminister Hans Matthöfer) mehr haben würde. Aber Niederaichbach wurde, trotz bereits bestehender Stillegungsabsichten, mit restlichen 100 Millionen Mark fertiggestellt -- um, wie Minister Dick rechtfertigte, "wertvolle technische Erfahrungen für andere Vorhaben" zu sichern.
Und als der überholte Prototyp 1975, nach anderthalb Jahren Probelauf mit mageren 18 Tagen Stromabgabe, für 32 Millionen Mark zubetoniert wurde, lieferte er seinem Betreiber, dem weitgehend bundeseigenen Kernforschungszentrum Karlsruhe (KFK), immerhin "wertvolles Stillegungs-Knowhow" sowie, laut Dick, "allgemeine verfahrens- und kraftwerkstechnische Erkenntnisse".
Aber erst jetzt avanciert das Atommausoleum endgültig zu einer "Pilotanlage", wie Josef Vogl sagt, Präsident des Bayerischen Landesamts für Umweltschutz. Denn Niederaichbach wird "ein Modellfall für die Beseitigung von Kernkraftwerken, die auf lange Sicht bestimmt öfter stattfinden wird".
Zum erstenmal soll in der Bundesrepublik ein Kernkraftwerk bis aufs Betonfundament geschleift und abschließend zugedeckt werden -- mit vier Metern Erde, in der eventuell "bayrischer Radi angepflanzt werden könnte" (so der KFK-Projektleiter Hans Gallenberger). Nach zwei Jahren Vorbereitung, in denen, wie Gallenberger hofft, auch das Problem der atomaren Endlagerung "bestimmt gelöst sein wird", sollen in weiteren vier Jahren 130 000 Tonnen Baumasse demontiert werden -- 2000 davon radioaktiv. Gallenberger: "Man kann ja nicht gleich mit Preßlufthammer und Spitzhacke drauflosgehen."
Zurück zur grünen Wiese -- diese Radikallösung, die wegen der hohen Gefahr radioaktiver Strahlung während eines Jahre dauernden Abbruchs früher kaum erwogen wurde, wäre auch international als Pionierleistung zu bewerten. Zwar sind nach einer jüngst vorgelegten Berechnung der Wiener Internationalen Atomenergie-Organisation seit 1960 schon 65 Kernreaktoren stillgelegt worden. Doch dabei handelte es sich überwiegend um kleinere Forschungs- und Demonstrationsanlagen und fast ausschließlich um "gesicherten Einschluß" in Betongruften.
Nur wenige Atommeiler wurden teilweise abgerissen oder "eingemottet", und nur ein einziger, der Elk-River-Reactor im US-Staat Minnesota, wurde in den Jahren 1972 bis 1974 total abgewrackt. Die amerikanischen Erfahrungen lassen sich zudem, so der technische Geschäftsführer Rainer Schwarzwälder von der Hanauer Nuklear-Ingenieur-Service GmbH (NIS), "insbesondere auf deutsche Verhältnisse nur begrenzt übertragen".
Deutsche Experten sind andererseits auch schon seit Mitte der siebziger Jahre davon überzeugt, daß die Beseitigung von Kernkraftwerken zumindest technisch "keine unüberwindlichen Probleme mehr aufwirft". Zu diesem Ergebnis kam bereits 1976 eine Untersuchung der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke, die sogar ausgesprochen "stillegungsfreundliche Merk
* In der Kontrollschleuse des Kernkraftwerkes Isar bei Ohu.
male von Kernkraftwerken" feststellte, etwa "gute Zugänglichkeit" und "leichte Demontage", "abnehmbare Isolierungen" oder "bewegliche Strahlenabschirmmittel".
"Die Entscheidung wird", versichert KFK-Sprecher Klaus Körting, "in Zukunft sicherlich immer für den Abriß fallen" -- nach Niederaichbach womöglich für das Anfang 1977 abgeschaltete Kraftwerk Lingen/Ems. Das entspricht auch dem 1974 von Bonn aufgestellten Sicherheits-"Kriterium 2.10" zur "Stillegung und Beseitigung von Kernkraftwerken": "Ein Konzept für eine Beseitigung nach der Stillegung unter Einhaltung der Strahlenschutzbestimmungen muß vorhanden sein."
Und das Geld auch: Die Wiener Atombehörde kalkulierte die Mindestabbruchkosten für einen kommerziellen Kernreaktor auf zehn bis fünfzehn Prozent der ursprünglichen Kapitalinvestition; Schätzungen der Hanauer NIS für den 1200-Megawatt-Riesen Biblis schwanken zwischen 12 und 150 Millionen Mark. Präziser ermittelte der hannoversche Reaktortechniker Winfried Buschmann in einer Doktorarbeit den Demontagepreis für Obrigheim (328 Megawatt): 67 Millionen Mark bei Abriß unmittelbar nach Stillegung, aber nur mehr 26 Millionen Mark nach 15 Jahren Abklingzeit -- weil dann wegen der reduzierten Radioaktivität auch weniger Arbeitskräfte benötigt würden.
Auch funktionstüchtige Kernreaktoren, so die Wirtschaftlichkeitsüberlegungen der KKW-Betreiber, leben nicht länger als 30 bis 40 Jahre -- je länger, desto besser für "eine Art Pensionsrückstellung", wie sie Kraftwerksplaner Jürgen Vollradt von den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen empfiehlt. Und je nachhaltiger Radioaktivität abklingt, desto billiger die Beseitigung.
Bei diesen Punkten ist der "Modellcharakter" von Niederaichbach, dessen Abbruchkosten auf 60 bis 70 Millionen Mark taxiert werden, allerdings nicht zu sehen. Der Abriß wird nicht aus einer Pensionskasse finanziert, sondern aus Steuergeldern, und in der bayrischen Atomruine, die kaum richtig gebrannt hat, herrscht nur ein winziger Bruchteil der Strahlenbelastung, die in gedienten Reaktorveteranen noch nach jahrelangem Abklingen zu bewältigen wäre -- kaum Musterbedingungen.
Gleichwohl soll das Unternehmen in Prinzip und Technik beispielhaft sein. Kernprobleme: Komplizierte ferngesteuerte Manipulatoren müssen vor Ort bei räumlich begrenzten Verhältnissen aufgebaut werden, um den Reaktordruckbehälter möglichst gefahrlos von oben nach unten auszunehmen; Umluft- und Sauganlagen sollen das Aufkommen und Entweichen von radioaktiven Aerosolen verhindern oder wenigstens reduzieren; Verpackungsapparaturen werden die Eingeweide des Reaktors innerhalb einer abgedichteten Schleuse in Betonpaketen isolieren.
Einstweilen werden die Abbruchgeräte -- Fräsen, Sägen, Rolischeren, Greifer -- von der einschlägig erfahrenen Firma Georg Noch in Würzburg entwickelt, die den Abbau-Auftrag zusammen mit der Hanauer NIS erhielt. Demnächst üben Noell-Beschäftigte den Ernstfall an einer Reaktorattrappe.
Kritiker des Niederaichbacher Sechs-Jahres-Plans hegen "Zweifel, ob das ein Modellfall für Risikobeherrschung" wird -- so der Bremer Physiker Professor Dieter von Ehrenstein. Der Wissenschaftler, der zur Beurteilung einer "realistischen Reaktordemontage" noch immer eine "grundlegende Untersuchung über die Gesamtdosisbelastung der handelnden Personen" vermißt, hat den "Verdacht, daß hier im wesentlichen ein Türke gebaut wird unter dem Motto: Hier zeigen wir euch, wie ein Atomkraftwerk abgerissen wird".
Als "Spielzeugvariante" bezeichnet auch, gewiß polemisch überspitzt, der Energieexperte der bayrischen SPD-Landtagsfraktion, Joachim Schmolcke, die Niederaichbacher Aktion. Unter dem "Mäntelchen einer Musteroperation", meint er, werde die "Beseitigung einer gigantischen energiewirtschaftlichen Fehlinvestition auf Kosten der Steuerzahler" betrieben.
Wie lehrreich der Präzedenzfall Niederaichbach auch immer ausgehen mag, daß wenigstens danach über dem "Denkmal einer falschen Politik" ("Süddeutsche Zeitung") das Gras wächst, scheint keineswegs gewiß. Denn: "Die Elektrizitätsversorgungsunternehmen", so ein Abriß-Gutachten der NIS-Hanau, "sind sich der Tatsache bewußt, daß günstige Standorte in der Bundesrepublik nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, und möchten die Wiedergewinnung günstiger Standorte gesichert sehen."
Soll heißen: Wo künftig ein Kernkraftwerk verschwindet, kann auch leicht wieder eins gebaut werden -- wenigstens nicht anderswo.

DER SPIEGEL 41/1979
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