08.10.1979

Rom kann aufatmen

Horst Herrmann, 39, katholischer Priester und Professor für Kirchenrecht an der Universität Münster, verlor wegen seiner Kritik am autoritären kirchlichen Lehramt 1975 die kirchliche Lehrerlaubnis. Seither kann er zwar als Professor lehren aber keine katholischen Theologen mehr ausbilden.
Die erste, freudige Phase des "Ajatollah-Phänomens" muß inzwischen, so hat es wenigstens den Anschein, die katholische Welt erreicht haben. Erlebt man nämlich den Papst-Taumel mit, welcher eben wieder -- für ein ganzes Dutzend Tage -- Massen und Medien erfaßt hat, so fühlt man sich unwillkürlich an die Ausstrahlung jenes bärtigen Religionsführers erinnert, der seinerzeit, im französischen Exil, soviel vorrevolutionäre Sympathien hatte auf sich ziehen können.
Der überzeugte Katholik Johannes Paul II. steht dem überzeugten Moslem Chomeini jedenfalls an Breitenwirkung in nichts nach, das wird allen beiden jeder Neid lassen müssen, und nicht von ungefähr beginnen manche Atheisten schon wieder, schlecht zu schlafen.
Ausgerechnet die organisierte Religion, die so viele bereits untergegangen glaubten, sammelt ja vor einem nach Millionen zählenden Publikum Punkt um Punkt. Und viele Zuschauer sind der Meinung, endlich sei da, in diesem Papst, ein Repräsentant der Kirche über dem gewohnten Durchschnitt aufgetaucht, endlich hebe dieser auch seine eigene Institution aus dem großen Vergessen heraus.
Nun, die Reaktion der vielen auf die spektakuläre Frömmigkeit des einen spricht für die Qualität der Inszenierung. Der Diplomat Wojtyla darf mit dem Schauspieler gleichen Namens zufrieden sein, und Rom kann aufatmen. Die Durststrecke scheint überstanden, die Talsohle des Unglaubens ist durchmessen. Johannes Paul II. erzielt Wirkung.
Er hebt sich, ein blendender Werbeträger, geradezu wohltuend von den Trauergestalten ab, die gemeinhin Schlagzeilen machen. Er nutzt auf seinen Kundgebungen die emotional bestimmte Kohärenz von Religion und Nationalität. Und er macht dies sehr, sehr gut. Inzwischen hat er sogar hinzugelernt.
Konnten westliche Beobachter nämlich noch die Polenreise des Papstes mit all ihren Schrecknissen für die Herrschenden in solch einem überkatholischen Land als eine Art Heimatfest bewerten, so ist Karol Wojtyla jetzt einen wichtigen Schritt weitergegangen. Seine Bewegung hat die westlichen Kernlande, "Amerika, die schöne", erreicht. Und die Show hat dabei gewiß keinen Schaden genommen.
Für die Fernsehketten der USA war denn auch die Programmgestaltung der vergangenen Woche so gut wie gelaufen. Bild und Farbe stimmten: Dieser Papst, der da für seine Sache Werbung lief, ersetzte spielend eine Hundertschaft professioneller Unterhalter. Seine Gesten, sein Mienenspiel, seine Reden und sogar seine Lieder forderten aus eigener Kraft zum Nachahmen auf.
Bald werden sie auch einen immer länger werdenden Schweif von Imitation in Wort und Bild hinter sich herziehen. Einschlägige Verlage haben Hochkonjunktur. Herr Wojtyla versteht sein Geschäft -- und, ein seltener Glücksfall, er weiß es nicht einmal so recht, will es vielleicht gar nicht wissen.
Seine Taktik wirkt nicht einstudiert. Sie ist Talent. Solch einen Mann auch nur für eine einzige Saison zu engagieren, böte Las Vegas Unsummen, und Hollywood auch. Wer weiß, wie viele Filme dem Live-Auftritt noch folgen werden. Zur Zeit wenigstens hätten weder "Exorzist" noch "Pate" eine echte Chance gegen "Papst".
Die Identifikationsfigur in Weiß ist unbezahlbar. Ein richtiger Papst interessiert sich ja nicht unbedingt für "Credite", er hat allein das Credo zu verkörpern. Und er weckt gerade dadurch, auf eine ziemlich mühelose Weise, die vielfältigsten Sehnsüchte und Hoffnungen.
Ja, fast könnte man meinen, zumindest dieser Nachfolger des so spröden Paul VI. werde denn auch -- nach all den miesen Erfahrungen mit den Ersatzreligionen unserer Zeit -- den "Durchbruch" schaffen und die eigene Kirche wieder zum Gegenstand allgemeinen Interesses machen. Fast, fast.
Es wird nämlich bei diesem bloßen "beinahe" bleiben, solange nicht mehr passiert. Johannes Paul II. hat ja bislang in der Kirche nichts bewegt, sich selbst natürlich ausgenommen. Und er wird auch gar nichts in Bewegung setzen, falls er seine bisherige Linie fortsetzt.
Das haben viele, die ihm und seinem Amt wirklich wohlwollen, bereits deutlich erkannt. Das aber sollten sie ihm auch sagen, solange noch Zeit ist. Nicht in nörglerischer, rechthaberischer Attitüde, nein, ein wenig Verständnis für die Wahrheit aller Religion reicht schon.
Findet sich denn niemand, der einem Karol Wojtyla in aller Nüchternheit zu verstehen gibt, daß Emotionen sich besonders schnell abnutzen, daß auf "Liebe" solcher Art weder Hoffnung noch Glaube gegründet sein können, daß persönliches Charisma wenig, Folklore gar nicht weiterhilft, wo Fragen gestellt werden, die früher oder später nach Antwort verlangen?
Ich hoffe, daß diese Feststellung noch keine Majestätsverletzung, noch keine "Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhauptes" in sich birgt. Vielleicht darf in der Tat noch nachgefragt werden, wenn die richtig guten Gläubigen in Johannes Paul II. bereits den neunten "großen Papst" unseres Jahrhunderts erblicken, und dies in ununterbrochener Reihenfolge.
Probleme gibt es doch zur Genüge. Bisher sind sie nur überspielt worden. Nicht zuletzt jene berühmte "Kontinuität des Amtes", auf die sich die jeweiligen Amtsinhaber und deren Vordenker wie Nachredner so gerne berufen, hat dazu beigetragen, daß die großen Fragen in einem wahren Schwall von Floskeln von Papst zu Papst weitergereicht werden konnten, ohne je einer Lösung näherzukommen.
Antworten gab es also keine, doch
die Lehre der Kirche, gleichsam auf direktestem Wege von oben mitgeteilt, wankte nie. Die Steine der Doktrin stehen denn auch heute unverrückt, mögen sie auch immer wieder von reformistischen Bubenhänden bekritzelt werden.
Papst Wojtyla hat keinen Zweifel daran gelassen, daß auch er nichts Wesentliches ändern wird. Im Gegenteil, das katholische Irland, in seiner Treue ähnlich immergrün wie Polen, hat zu hören bekommen, Abweichungen von der starren Linie der Orthodoxie führten allein ins kirchliche Verderben. Und dabei bleibt es. Mehr Mühe macht man sich nicht.
Hinter den massenwirksamen Auftritten, dieser dramaturgischen Meisterleistung des Papstes, verbirgt sich ja ein unerschütterlich wirkender Glaube an die überkommenen Wahrheiten. Daß Wojtyla eben diesen Glauben auch mit Pathos vorzutragen weiß, hat ihm natürlich viele Herzen gewonnen.
So ist gar zu hören, daß solch ein sympathischer Mann plötzlich alles "dürfe", was seinen Vorgängern noch verübelt worden sei: Sein Nein zur Pille, sein Nein zur Abtreibung, sein Nein zur Priesterehe, sein Ja zur Marienverehrung, sein Ja zum Index der verbotenen Bücher, sein Ja zum voll abgebremsten Fortschritt "kommen an". Weder Polen noch Lateinamerika noch die USA sind daher verloren.
"Darf" Johannes Paul II. aber wirklich? Aus dem verblüfften wie verblüffenden Schweigen etwa der protestantischen Kirchen zu all den päpstlichen Aufzügen der Gegenwart könnte man solches schließen. 450 Jahre nach der Protestation zu Speyer sind, so scheint es, die Evangelischen hierzulande verstummt.
Finden sie etwa alle nicht mehr aus dem Bann einer Persönlichkeit heraus? Fragen sie nicht mehr zur Sache zurUck? Martin Luther dagegen, vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch seiner, hat einmal ein Vierteljahrhundert lang Zeugnis wider den "Antichristen zu Rom" abgelegt.
Dabei hat sein großer Zorn recht gut
zwischen Person und Amt der angegriffenen Päpste zu unterscheiden gewußt. Diese damaligen Gegner Luthers waren nun aber, alles in allem, keine Größen. Niemand sah in ihnen ein persönliches Vorbild. Ihre Beispiele schreckten ab. Ihren Lebensstil anzugehen fiel kaum schwer.
Dennoch hat Luther, daran darf erinnert werden, ungleich seltener die kleinen Amtsträger als die Institution selbst attackiert. Sein Credo stand nicht gegen Menschen, sondern gegen ein anderes, ein als unchristlich erachtetes, das aus Rom kam. An eben diesem römischen Glauben aber hat sich, was die Wesensinhalte betrifft, seit Luthers Tagen so gut wie nichts geändert.
Von da her gesehen kann man sich kaum vorstellen, daß ein Luther sich heute hätte von dem persönlichen Charme eines römischen Papstes beeindrucken und vom eigentlichen Credo ablenken lassen. Der Wittenberger Doktor hätte nicht geschwiegen. Warum nun schweigen diejenigen, die sein Bekenntnis in unsere Zeit weitertragen?
Hoffentlich kann man dies noch immer fragen, selbst in einem Lande, in dem eine theologische Publicity wagen durfte, ausgerechnet den Papst zum Jubiläum der "Augsburger Konfession" einzuladen, als sei Luthers Lebenswerk schon längst dieser Art "Ökumene" geopfert.
Nein, "Rom" hat sich nicht geändert. Der gegenwärtige Papst vertritt das traditionelle Credo nur etwas wirksamer als seine Vorgänger. Von Reform hingegen, die über Kosmetik hinausreichte, will auch er nichts wissen. Die Institution, welche er nach außen repräsentiert, vermag daher nach wie vor selbst die winzigsten Reformen abzublocken, sobald diese beginnen, Wirkung zu zeigen.
Johannes Paul II. ist auf diese Weise schon längst hinter Johannes XXIII. zurückgefallen, an dessen -- übrigens von allen Show-Effekten freies -- Charisma hier auch erinnert werden soll.
Rom hat die Zeit gut genutzt. Die Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben nämlich fast alle damaligen Hoffnungen der Welt zunichte gemacht, die einem Papst Roncalli entgegengebracht worden waren. Die Kirche ist inzwischen wieder zur gewohnten Tradition zurückgekehrt, und die ganz gewöhnliche Gewalt eines spätklerikalen Alltags hat ihre Bastionen zurückerobert, die vielen Sehnsüchte der Menschheit abgefangen -- und sich selbst nicht verändert.
Die institutionelle Geschlossenheit, zu der gar das von Papst Wojtyla gewünschte "priesterliche Kleid" beitragen soll, darf daher wieder triumphieren. Allerdings entbehrt es nicht einer gewissen Komik, daß Johannes Paul II. programmatische Forderungen der Aufklärung wie Menschenwürde und Religionsfreiheit immer wieder in einem Rahmen zur Sprache bringt, der gegenreformatorisch geprägt ist. Die liturgische Folklore hilft damit, einen rational verantworteten Glauben zu verschütten. An dieser Feststellung kommt man kaum vorbei, so schmerzlich sie auch noch viele berühren mag.
Ändert Johannes Paul II. daher nicht radikal den Stil seines Pontifikats, so wird er die Agonie seiner Institution schneller einleiten, als ihm lieb ist. Sehnsüchte dürfen ja nicht nur geweckt werden. Sie erwarten zu Recht auch Antworten.
Es ist eben nicht ganz ungefährlich, etwa in Lateinamerika von allem Anfang an die politisch tragfähigen Hoffnungen auf Veränderung zu zerstören und in Irland, in Polen und vor den Vereinten Nationen Hoffnungen zu wecken, welche die Kirche Roms nicht mehr einlösen kann.
Die Sogwirkung eines Show-Geschäftes, dessen Mechanismen ständig nach neuen Nummern verlangen, die Wojtyla jedoch nach seinem Selbstverständnis nicht erbringen will, ist unbarmherzig. Die Medien verlieren sehr schnell ihr Interesse an einer Person, deren Sache ihnen nicht viel bedeutet.
Eines nicht zu fernen Tagen wird denn auch die Qualität eines Papstes nicht mehr allein daran gemessen werden, wie viele Kinder er streichelt, wie viele Kranke er segnet, wie viele Böden wie vieler Länder er küßt, sondern -- theologisch um einiges ehrlicher -- daran, bis zu welchem Grad er sich bereit und fähig zeigt, seine Appelle an den guten Willen der anderen auch auf die eigene Kirche auszudehnen.
Niemand nimmt ihm nämlich auf Dauer ein doppeltes Maß ab, welches beispielsweise Demokratie und Menschenrecht für die Welt da draußen fordert, aber in der Kirche selbst nicht realisiert.
Es kann eben nicht immer nur lautstark die Rede von "Demokratie" sein, wenn es im politischen Clinch mit den Staaten darum geht, der Kirche bestimmte Freiheiten zuzuwenden, und man darf eben nicht immer dann verstummen, wenn auch andere dieselben Forderungen "nach innen" erheben.
Gerade die Mehrheit jener so begeisterungsfähigen Jugend, die dem Papst noch wie einem Popmusiker zujubelt, wird nämlich bald ihre ernüchterten Fragen stellen und einmal mehr zu neuen Ufern aufbrechen, wenn die Antworten dieser Kirche ausbleiben.
Sie läßt sich nicht mehr mit dem Hinweis denkentwöhnter Schultheologen abspeisen, "Gott selbst" habe seiner Kirche nun einmal entmündigte Nichtkleriker oder von allen Führungspositionen ausgeschlossene Frauen und im übrigen bloße Caritas statt Freiheit, Gnade statt Recht verordnet.
Der Papst wird sich daher bald entscheiden müssen, ob er auch diese junge Mehrheit ernstnehmen will, oder ob er sich mit jener Minderheit bescheidet, der immer alles recht ist, wie es eben ist.
Karol Wojtyla hat sich in Zugzwang gebracht. Die Klärung seiner Situation mag man für dringend halten oder nicht. Bevor sie aber nicht geschehen ist, kann man nur wünschen, daß die bisherige Inszenierung "Wojtyla in Wonderland" eine Episode bleibe und sich nicht zur Epoche ausweite -- Show verträgt nur Vorläufigkeit, nicht Dauer.
Löst sich aber aller Zuckerguß, so kommt der Kern zum Vorschein, die Grundfrage nämlich, ob Kirche, ja ob Religion überhaupt noch Probleme der Menschen zu lösen wisse oder ob sie beide längst überfragt seien.
Von Horst Herrmann

DER SPIEGEL 41/1979
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