08.10.1979

ZEITGESCHICHTESelten Skrupel

Viele neue Bücher über die nationalsozialistische Ära auf der Frankfurter Buchmesse: Ihr aufklärerischer Wert ist zweifelhaft.
Die Welle der Bücher über das Dritte Reich rollt und rollt. Seit "Holocaust" die Nation aufschreckte, mühen sich Westdeutschlands Verlage, den jäh geweckten Hunger der Öffentlichkeit nach Informationen über das düsterste Kapitel deutscher Geschichte mit immer neuen Titeln zu stillen.
Buch auf Buch verließ nach dem TV-Spektakel die Druckereien: Erst waren es Taschenbücher mit den Fernsehdiskussionen, dann folgten Erlebnisberichte aus der Hölle der nazistischen Vernichtungslager, schließlich kamen Darstellungen über Teilaspekte der faschistischen Barbarei.
Jetzt rollt die zeitgeschichtliche Buchwelle einem neuen Höhepunkt entgegen: Die Frankfurter Buchmesse soll wieder dokumentieren, wie ernst es bundesdeutsche Verleger mit der Aufarbeitung der Vergangenheit meinen. "Rund 35 Neuerscheinungen zum Thema Hitler/Drittes Reich" hat das Branchenblatt "Buchreport" im Herbstkatalog der größeren Publikumsverlage ausgemacht, und die Zahl wächst noch; vor allem kleinere Verlage melden weitere NS-Titel an.
Doch die Masse der sogenannten Neuerscheinungen täuscht über ihre inhaltlichen Schwächen hinweg. Ihr aufklärerischer Wert ist gering, kaum eines der vielen Bücher erweitert und vertieft das Wissen über das nationalsozialistische Regime.
Nur ein paar Fachhistoriker lassen ahnen, auf welch hohem Niveau sich auch die breitere zeitgeschichtliche Literatur in diesem Lande bewegen könnte, wenn manche Verleger einen sichereren Blick für die Attraktionen der modernen Forschung hätten.
Klaus Hildebrand, Professor an der Universität Münster, beweist mit seinem Buch "Das Dritte Reich" (R. Oldenbourg Verlag, München), wie sich in knappen, präzisen Strichen die ganze Entwicklung des NS-Systems nachzeichnen läßt, ohne lückenhaft zu wirken. Im Gegenteil: Zum erstenmal wird hier eine Gesamtgeschichte des Dritten Reiches skizziert, die neuesten Fragestellungen der Historiographie voll berücksichtigt.
Auch Hildebrands Bonner Kollege, Professor Hans-Adolf Jacobsen, erarbeitete sich Neuland. Seine zweibändige Biographie des NS-Geopolitikers Karl Haushofer (Harald Boldt Verlag, Boppard) vermittelt wichtige Einblicke in die Mentalität konservativer Führungseliten, die ein dritter Historiker, der Hamburger Professor Klaus-Jürgen Müller, in einer geistvollen Arbeit analysiert.
Vor allem Müllers "Armee, Politik und Gesellschaft in Deutschland 19331945" (Verlag F. Schöningh, Paderborn) dürfte der Diskussion über das Verhalten der Deutschen unter Hitler ganz neue Akzente verleihen. Müller, bekannt geworden durch sein brillantes Standardwerk "Das Heer und Hitler", wendet sich gegen "die Unschärfe, ja die Aporie des traditionellen Widerstandsbegriffs" und weist am Beispiel der Militäropposition nach, daß der Widerstand "differenzierter und problembeladener war, als frühere Betrachtungen es vermittelten".
Mit diesen drei Historiker-Büchern erschöpfen sich jedoch schon die zeitgeschichtlichen Neuheiten der Messe. Was allenfalls noch bemerkenswert bleibt, sind Memoiren ehemaliger Häftlinge des Regimes: der erschütternde Bericht des Tschechoslowaken Filip Müller, der einem Häftlings-Sonderkommando im Krematorium von Auschwitz zugeteilt war ("Sonderbehandlung", Steinhausen), oder "Nacht und Nebel" des Holländers Floris B. Bakels (5. Fischer, Frankfurt).
Doch solche Erlebnisberichte bedürfen der Einordnung in eine Gesamtgeschichte des nazistischen Massenmords, sie können nicht die deskriptiv-analytische Darstellung ersetzen. Eine überzeugende Darstellung aber fehlt nach wie vor -- trotz aller guten Vorsätze der Verleger.
Wie hörte man es doch noch vor einem halben Jahr, unter dem Schock der "Holocaust"-Sendung, so anders! Da schworen sich die Verleger, endlich die seit Jahren überfällige Übersetzung von Raul Hilbergs unübertroffenem Standardwerk über die Judenvernichtung ("The Destruction of the European Jews") in Angriff zu nehmen.
Die großen Worte sind vergessen, man weicht ins Altbekannte aus. Die Europäische Verlagsanstalt verlegt wieder das Auschwitz-Buch von H. G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner (1964 zum erstenmal erschienen), Limes liefert ein Reprint der Schellenberg-Memoiren (1956), Athenäum/Droste offeriert Jacques Delarues "Geschichte der Gestapo" (1964) und Heyne eine TB-Version von Eugen Kogons "Der SS-Staat" (1946).
Schneekluth wiederum bietet die Heß-ist-nicht-Heß-Burleske des britischen Arztes Hugh Thomas an, und schon gab es vollmundige Anzeigen ("Jetzt auch in Deutschland!"), die Laslo Havas' Mär von dem Mordanschlag deutscher Geheimdienste auf Churchill, Stalin und Roosevelt ankündigten -- zum Glück kamen Verleger Dietrich Pinkerneil noch rechtzeitig Bedenken.
Solche Skrupel sind freilich selten. Seit Jahren wissen zum Beispiel Verleger und Lektoren, daß wesentliche Partien von Kogons Buch, diesem ältesten Klassiker der antifaschistischen Nachkriegsliteratur, überholt sind. Viele Zahlen- und Detailangaben sind unkorrekt, manche von Kogon überlieferte Episode hat sich als Legende erwiesen, die Darstellung einiger SS-Organisationen ist lückenhaft, zum Teil sogar völlig falsch.
Martin Broszat, heute Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, schrieb längst eine sehr viel genauere Darstellung des KZ-Systems, junge Historiker wie der Hamburger Bernd Wegner und der Brite Gunnar C. Boehnert haben durch ihre sozialwissenschaftlichen Forschungen Kogons SS-Soziologe (Wegner: "Fehlerhafte Rekonstruktion") revidiert.
Gleichwohl könnte Kogons "meisterliche Schrift" (Broszat) ihren früheren Rang zurückerlangen, würde man sie revidieren. Doch die Verlage drucken den alten Text ungerührt weiter, ohne ein Wort der Korrektur -- zur Freude der Unbelehrbaren, die sich der Fehler des Buches für ihre Zwecke bedienen.
Der Fall Kogon steht nicht vereinzelt da, er ist nur der prominenteste unter vielen. Die Gestapo-Chronik des ehemaligen Surete-Kommissars Delarue mit ihren vielen, oft abstrusen Legenden und Halbwahrheiten blieb ebenso unkorrigiert wie das Memoirenbuch Schellenbergs, das heute nur noch in einer historisch-kritischen Edition vertretbar wäre.
Aber selbst jüngere Bücher erweisen sich als rechte Abladeplätze zeitgeschichtlicher Schludereien. Christian Zentners "Lexikon des Zweiten Weltkriegs" erschien zuerst 1977 als Hardcover, jetzt bietet es Bastei/Lübbe noch einmal als Taschenbuch an -- unkorrigiert, versteht sich.
"Lexikon": Das klingt nach Genauigkeit, nach Freude am Detail. Tatsächlich aber gibt es kaum eine Seite in diesem Lexikon, die ein wachsamer Historiker unbeanstandet passieren ließe. Ob es die Personalien prominenter Militärs sind, ob Angaben über Affären des Dritten Reiches oder NS-Institutionen -- häufig stimmt etwas nicht.
Gar nichts Solides mehr? Heinz Artzt, Autor des neuen Buches "Mörder in Uniform" (Kindler Verlag, München), war Erster Staatsanwalt in Braunschweig und leitete 13 Jahre lang als stellvertretender Chef die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.
Also ein Mann, der es wissen muß -- denkt der Leser (und hat wohl auch der Verlag gemeint). Leider irrt sich der Ex-Staatsanwalt Artzt allzu häufig in Details und offenbart erstaunliche Wissenslücken in diesem "Band, der Klarheit in das Gewirr der NS-Organisationen bringt und unerläßliche Informationen bietet", wie es in der Verlagsankündigung so schön heißt.
Derartige Ungereimtheiten in Büchern, die der Aufklärung über die braune Vergangenheit dienen, sollten die Verlage alarmieren. Sie müssen endlich lernen, ihre Autoren zu größerer Genauigkeit anzuhalten und deren Texte von Fachhistorikern sorgfältig überprüfen zu lassen.
Sie sollten freilich nur Historiker konsultieren, die genügend Zeit haben, fremde Texte gründlich zu prüfen. Sonst ergeht es ihnen wie jüngst dem Kindler Verlag, der einen der verdienstvollsten Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte, Hermann Graml, mit der kritischen Durchsicht von Werner Rings? lesenswertem, aspektereichem Widerstands-Buch "Leben mit dem Feind" beauftragte.
Graml hatte offenbar nicht die Muße, den Text gründlich zu lesen. Manche bizarre Formulierung blieb stehen, wie sie halt einem Autor einfällt, dem die Primärquellen seines Themas unbekannt sind. Da werden ständig die Generale Otto und Carl-Heinrich von Stülpnagel miteinander verwechselt, Invasionstermine verraten, die es noch nicht gab, und Phänomene wie das Gleiwitz-Unternehmen und die Wlassow-Bewegung so unzulänglich dargestellt, als habe es nie eine Forschung gegeben.
So bleibt auch das Rings-Buch unfreiwillig ein Plädoyer für mehr Genauigkeit und Sorgfalt. Der zeitgeschichtliche Autor, der die neueste Forschung nicht kennt, bedarf der Hilfe des Fachhistorikers. Sonst klaffen populäre Aufklärungsliteratur und Geschichtswissenschaft vollends auseinander -- zum Schaden der historischen Wahrheit. Heinz Höhne

DER SPIEGEL 41/1979
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