05.11.1979

MEDIZINFreie Bahn

Göttinger Mediziner haben eine neue Methode zur Behandlung des akuten Infarkts entwickelt: Sie öffnen die verschlossene Blutbahn im Herzen mit Hilfe von Drahtspiralen und Medikamenten.
Für die Mannschaft des Göttinger Kardiologen Peter Rentrop war es eine Routinesache: Zu Diagnosezwecken schoben die Ärzte dem Patienten, einem 45jährigen Lkw-Fahrer, eine biegsame Sonde durch die Armarterie bis ins Herz vor. Doch plötzlich wurde der Fall dramatisch.
Ausgelöst durch den im Blutstrom vordringenden Katheter, verstopfte ein Blutgerinnsel eine Herzkranzarterie und schnitt einen Teil des Herzmuskels von der Blutversorgung ab: Infarkt auf dem Katheter-Tisch.
Medikamente halfen nicht. Da entschloß sich Rentrop, "das Gefäß mechanisch wieder aufzukriegen". Ein Draht wurde durch den Plastikschlauch des Katheters bis zur Verschlußstelle vorgeschoben und durchstieß den Blutpfropfen. Nach zwei Minuten verspürte der Patient Erleichterung, sein Elektrokardiogranim normalisierte sich.
Aus diesem "Not-Eingriff", der 1978 erstmals an der Göttinger Universitätsklinik glückte, haben Rentrop und sein Team nun eine neue Strategie zur Behandlung des Herzinfarkts entwickelt: Sie gehen den Infarkt im akuten Stadium an, direkt im betroffenen Blutgefäß. Anfänglich rein mechanisch, dann auch mit Hilfe medikamentöser "Lösungsmittel" öffneten die Mediziner blockierte Arterien. Gelang der Eingriff rechtzeitig -- innerhalb weniger Stunden nach dem Infarkt -, konnte der Herzmuskel zumindest teilweise vor dem Absterben bewahrt werden.
Allenfalls chirurgisch, mit Herz-Lungen-Maschine und mehrstündiger Operation, gingen bisher einige Kliniken den frischen Infarkt an: Mit einem "Bypass", einer Umgehungsader, wird die verstopfte Stelle in den Herzkranzgefäßen überbrückt.
Schneller und weniger aufwendig, so schloß das Göttinger Team nach dem ersten erfolgreichen Versuch, müßte der Verschluß mit Katheter oder Draht durchgängig zu machen sein.
Geeignetes Gerät wurde dann im Tierexperiment erprobt: konisch zulaufende Gefäßkatheter und metallene Drahtspiralen, höchstens einen Millimeter dick und so biegsam, daß damit der Blutpfropf, nicht aber die innerste Schicht der Gefäßwand durchstoßen werden kann.
Bislang haben die Göttinger die "Rekanalisation" bei insgesamt 16 Patienten versucht, die mit Herzinfarkt in die Uniklinik kamen. Erster Schritt der Prozedur ist die Röntgenuntersuchung der Kranzgefäße: Durch die Arm- oder durch die Beinschlagader in der Leistengegend dirigieren die Ärzte einen Katheter bis ins Herz. Injiziertes Kontrastmittel macht dann den Verschluß sichtbar, in dem das Gerinnsel festsitzt. (Bei den Göttinger Fällen vergingen zwischen Infarkt und Eingriff durchschnittlich fünf Stunden.)
Bei zehn der Patienten gelang es sodann, eine neue Passage für das Blut zu eröffnen: Der im Katheter vorgeschobene Draht oder ein zweiter dünner Spezialkatheter "rutschten wie durch Butter" (Rentrop) -- der Pfropfen hatte sich noch nicht verfestigt.
Kontrollaufnahmen ergaben, daß sich die durch den Pfropf vom Kreislauf abgeschnittenen Gefäße sogleich wieder mit Blut füllten. Auch nach Wochen lag der neue, wenngleich enge Kanal offen; bei sechs Patienten hatte er sich sogar noch erweitert. Nebenwirkungen traten nicht auf.
Aus der spontanen Erweiterung des mechanisch geschaffenen Kanals schlossen Rentrop und seine Mitarbeiter, daß der Körper das Gerinnsel in den Wochen nach dem Infarkt teilweise wieder auflöst. Hieraus ergab sich der nächste Schritt: Im Anschluß an die Rekanalisation mit Draht injizierten die Ärzte Streptokinase, ein gerinnungslösendes Enzympräparat, direkt vor die Verengung. Innerhalb von Minuten erweiterte sich der Kanal, das Blut floß wieder.
In einem dritten Schritt zur Vereinfachung der Methode verzichteten die Mediziner auf mechanische Hilfsmittel: Durch den Röntgenkatheter spritzten sie Streptokinase in das verschlossene Gefäß. Schon nach einer Viertelstunde, so zeigte sich in bisher acht Fällen, besserte sich die Durchblutung.
Alle drei Verfahren sind der herkömmlichen Infarktbehandlung mit Bettruhe und Medikamenten überle* Mit Mitarbeitern Dr. Blanke, Professor Köstering und Dr. Karsch.
gen: Nach der örtlichen Rekanalisation leistete das Herz bessere Pumparbeit als bei Patienten der Vergleichsgruppen, das Blutgefäß wurde schneller und häufiger wieder durchgängig, der betroffene Herzmuskel überlebte.
Nach den ersten Erfolgen in Göttingen wird die neuartige Infarkt-Behandlung nun auch an anderen Kliniken erprobt, beispielsweise am Massachusetts General Hospital in Boston sowie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Dort gelang Dr. Detlef Mathey vor zwei Wochen die Rekanalisation bei einer 81jährigen Patientin.
Die alte Dame hatte sich bei einem Motorradrennen so aufgeregt, daß sie einen Infarkt erlitt. Als das blockierte Herzkranzgefäß mit Hilfe von Streptokinase nach 15 Minuten wieder durchgängig war, drängte sie schon auf Entlassung -- zum Birnenernten.

DER SPIEGEL 45/1979
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