01.10.1979

RASSISMUSGänzlich schmerzlos

Eine geheime Massensterilisierung im Jahre 1937 ging auf Pläne zurück, die zehn Jahre davor offiziell in der Weimarer Republik erwogen worden waren.
Die Gestapo legte sich ins Zeug, als gelte es einen Hochverräter zu fassen. Verbissen fahndeten Beamte aus Düsseldorf, Ludwigshafen, Mainz und Köln nach einem 1 7jährigen Schiffsjungen, der auf einem Rheinfrachter fuhr. Nach einer Woche fanden sie endlich den Gesuchten und holten ihn in Mainz von Bord.
Noch am gleichen Tag, dem 29. Juni 1937. wurde der Junge in Köln als "Lfd. Nr. 357" einer Kommission vorgeführt. Das von der Gestapo eingesetzte Gremium aus Ärzten und Juristen stellte außer den Personalien des Jungen nur noch fest, daß er "Abkömmling eines Angehörigen der farbigen ehemaligen Besatzungstruppen" sei und "entsprechende Merkmale" aufweise. Beschluß: "Er ist deshalb unfruchtbar zu machen."
Schon am nächsten Tag lag der "Malayen-Mischling" auf dem Operationstisch des Evangelischen Krankenhauses in Köln-Siilz. Der Chefchirurg Professor Nieden nahm selber die Sterilisation an dem Gesunden vor.
Am 12. Juli wurde der Patient "als geheilt entlassen", wie Nieden in einem Geheimbericht vermerkte, den er per Einschreiben abschickte. Und am 10. September schließlich wurde der Fall "Lfd. Nr. 357" in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße abgeschlossen. Von der Gestapo-Zentrale gingen die Vormundschaftsakten des Schiffsjungen "nach Gebrauch zurück" an das zuständige Amtsgericht.
Der sterilisierte Junge war ein Produkt der sogenannten Schwarzen Schmach -- der Besetzung des linken Rheinufers nach dem Ersten Weltkrieg durch französische Truppen, zu denen auch 30 000 Farbige gehörten.
Daß manche dieser Farbigen sexuell mit deutschen Frauen verkehrten, ergrimmte damals viele Deutsche mehr als der verlorene Krieg. Das Wutgeschrei ließ erst nach, als sich herausstellte, daß nur eine Mutter eines farbigen Besatzer-Kindes angab, ihr sei Gewalt angetan worden. Mithin mußten schätzungsweise rund 500 "Rheinlandbastarde", so der Terminus der Rassehygieniker, einverständlich gezeugt worden sein.
Fortan fehlten die Mischlingskinder in allen offiziellen Erörterungen der Schwarzen Schmach. Sie waren faktisch vergessen, bis unlängst der Historiker Reiner Pommerin im Archiv des Auswärtigen Amtes "auf erste Spuren farbiger Kinder aus der Zeit der Besetzung des Rheinlandes" stieß.
Pommerin, Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Köln, recherchierte gründlich und kam in einer jetzt erschienenen Abhandlung zu dem Schluß, daß die Nationalsozialisten nur vollendeten, was Rassehygieniker und Behörden der Weimarer Republik zwar gewünscht, doch nicht gewagt hätten: Sterilisierung der "Bastarde"**.
Von ihnen war 1920 noch nicht die Rede, als die deutschnationale Empörung auch auf Sozialdemokraten übergriff. Da tönte der frühere SPD-Wehrminister Gustav Noske im Verein mit
* Aus dem NS-Organ "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie", 1937.
** Reiner Pommerin: "Sterilisierung der Rheinlandbastarde" Droste Verlag, Düsseldorf; 116 Seiten; 26 Mark.
rechten Abgeordneten: "Unsere Jugend in Pfalz und Rheinland wird geschändet, unser Volk verseucht, die Würde der Deutschen und der weißen Rasse zertreten."
Den gesamten Reichstag, mit Ausnahme der USPD, einte die Einsicht: "Für deutsche Frauen und Kinder -- Männer wie Knaben -- sind diese Wilden eine schauerliche Gefahr." Auch Bayerns Ministerpräsident Gustav von Kahr fühlte namens seiner christkatholischen Regierung "tief die brennende Schmach".
Sogar der biedere SPD-Reichspräsident Ebert lief aus dem Ruder und beklagte "die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von der hohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer".
Adolf Hitler, eben dabei, sein Buch "Mein Kampf" zu schreiben, griff 1924 in seiner Landsberger Festungszelle die allgemeinen Schmach-Tiraden auf und spitzte sie noch antisemitisch zu: Die Juden, schimpfte er, schickten die Schwarzen an den Rhein -- "immer mit dem gleichen Hintergedanken und klarem Ziel, durch die dadurch zwangsläufig eintretende Bastardierung die ihnen verhaßte weiße Rasse zu zerstören".
Vor Ort sorgte sich in der besetzten bayrischen Pfalz der "Pfalzkommisssar", wie der Vertreter der bayrischen Landesregierung hieß, über "das Heranwachsen von Mischlingen, die sich nach nicht ferner Zeit fortpflanzen können".
Dieser Pfalzkommissar, ein Beamter namens Jolas, aber war es, der auf die Idee kam, sich der Schwarzen Schmach mit einem Radikalmittel zu entledigen. Er drängte im Juli 1927 seine Vorgesetzten, das Berliner Reichsgesundheitsamt möge nachforschen lassen, "ob sich zur Reinerhaltung der Rasse im besetzten Gebiet von farbigem Blute nichts machen läßt und ob etwa irgendeine diesem Zweck dienende Maßnahme erwogen wird". Fachmännisch klärte Jolas die Adressaten auf, daß "die Unfruchtbarmachung von Mischlingen durch einen gänzlich schmerzlosen Eingriff zu erzielen" sei. Bedauernd fügte er hinzu, er sei sich darüber klar, "daß solcher Eingriff nach der gegenwärtigen Rechtslage unzulässig ist".
Ein Vierteljahr später distanzierte sich denn auch der Reichsminister für die besetzten Gebiete von den Wunschvorstellungen zahlreicher Staatsdiener: Zwangsmaßnahmen gegen die Mischlingskinder seien "rechtlich ausgeschlossen", da sie, Bastard hin, Bastard her, nun einmal "deutsche Reichsangehörige" seien.
Als die Nazis die Macht ergriffen hatten, standen sie vor den gleichen Problemen. Jahrelang konnten sich Innen- und Außenministerium über "die Lösung der Bastardfrage" nicht einigen.
Einige fanatische Bevölkerungspolitiker wollten sofort die Sterilisierungen per Gesetz ermöglichen, doch das Auswärtige Amt legte sich quer. Sein Argument: Das im Juli 1933 verkündete "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" habe im Ausland schon genügend unliebsames Aufsehen erregt; man möge doch "der feindlichen Propaganda nicht durch die Farbigen-Frage neuen Stoff für die Bekämpfung des neuen Deutschland geben
Blieb mithin nur die illegale, geheime Sterilisierung, zu der jedoch die Mütter ihr schriftliches Einverständnis erklären mußten. Das sei, darin waren sich die Rasse-Monomanen einig, "die Hauptschwierigkeit".
Schließlich nahm sich die Gestapo des Problems an. Von ihr ließen sich die Mütter leicht überzeugen, wie nützlich die Sterilisierung sei. Der Rest war Routine auf einem vorgedruckten Formblatt: "Er/sie ist deshalb unfruchtbar zu machen."
Innerhalb weniger Wochen im Sommer 1937 war die Aktion beendet -- so unauffällig und geheim, daß nicht einmal die sonst so wachsame katholische Kirche etwas davon gemerkt hatte.
Da die meisten Akten des Unternehmens vernichtet worden sind, läßt sich die Zahl der Zwangssterilisierten nur schätzen. Und es spricht alles dafür, daß sämtliche 385 offiziell registrierten "Rheinland-Bastarde" auch sterilisiert worden sind.

DER SPIEGEL 40/1979
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