12.07.1947

Mehr Bilder als Backwaren

In Düsseldorf gibt es jetzt wieder, was es seit 14 Jahren nicht mehr gegeben hat: eine Kunstausstellung bei Mutter Ey. In den 20er Jahren war die Bäckersfrau zur Mäzenin moderner Kunst und zur geliebten "Mutter" der jungen Maler geworden. Vor 14 Jahren klebten die ersten Boykottzettel auf den Schaufenstern der Kunsthandlung von Mutter Ey.
Man hat es fertig gebracht, aber auch 1 1/2 Jahr gebraucht, in der trümmerreichen Düsseldorfer Altstadt 1000 cbm Schutt beiseite zu schaffen und, fast unbemerkt, die hellen, schönen Räume aufzubauen, in denen Mutter Ey und ihre Bilder und einiges mehr nun eingezogen sind.
Gleich am Eingang und in den schmalen Ausstellungsräumen, die in Zukunft jeden Monat eine andere Ausstellung moderner Kunst beherbergen werden, hängen Bilder der alten Freunde von Mutter Ey. Viele dieser alten Freunde, denen Mutter Ey zum Aufstieg verholfen hat, waren selbst bei der Eröffnung anwesend.
Unter denen, die sich in der Künstlerstube Johanna Eys trafen, waren u. a. die Maler Robert Pudlich, Otto Pankok (mit seinem grauen Vollbart und den langen Künstlerhaaren), Professor Häuser (mit seiner Shag-Pfeife) und auch ein Sprecher des NWDR (mit dem Mikrophon).
Mutter Ey trug bei der Feier den Arm in der Binde. Sie war vor einiger Zeit in ihrem Zimmer gefallen und hatte sich den Arm gebrochen und das Gesicht blutig geschlagen.
Das hat aber ihrer Lebhaftigkeit keinen Abbruch getan. Mutter Ey will 102 Jahre alt werden und an ihrem 102. Geburtstag ein französisches Chanson im Rundfunk singen.
Auch ihr mütterliches Gefühl für die Künstler ist unverändert. Es hat sich auch den Leutchen vom "Kommödchen", der kleinen Literaten-, Maler- und Schauspielerbühne Düsseldorfs, zugewandt. Sie werden vom Dienstag ab einen Monat lang auf der Bühne in Mutter Eys Ausstellungsräumen ein Gastspiel geben.
Zu den Räumen der alten Mutter Ey gehört jetzt auch ein kleines Künstlercafe, in Erinnerung an die kleine Kaffeestube der jungen Mutter Ey, in der es "mehr Bilder als Backwaren" gab.
Wenn man die 83jährige mit der freundlichen Leibesfülle und dem faltigen Gesicht, das jeden Maler reizen muß, trifft, sei es auch beim Möhrenschrappen, erzählt sie gern. (Obwohl sie nicht viel für Presseleute übrig hat. "Sie lügen alle", meint sie lakonisch.)
Vergnügt zeigt sie Bilder aus ihrem vielfarbigen und lebhaften Leben, Bilder ihrer selbst. Otto Dix läßt sie als einen sehr dicken Engel mit einem Geldschein durch die Lüfte schweben. G. A. Wollheim gibt sie als Landesmutter mit der Krone wieder. I. D. Hundt hat sie als Fallschirmspringerin gemalt. Als Eselreiterin sollte sie nach einem Modell von Bernhard Sopher im Düsseldorfer Hofgarten aufgestellt werden.
Mutter Ey hat große Pläne. Sie möchte unbedingt noch ins Ausland reisen. Sie freut sich, daß man ihr als erste Ehrenbürgerin der Stadt Düsseldorf einen Ehrensold ausgesetzt hat, der sie ohne finanzielle Sorgen leben läßt. Ein wenig erbost ist sie allerdings darüber, daß ihr die Stadt noch nicht die 20 Bilder zurückgegeben hat, die man ihr 1933 fortgenommen hatte.
Frau Johanna Ey Die jüngste Photographie
Mutter Ey Das jüngste Gemälde (von K. Barz)

DER SPIEGEL 28/1947
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