19.07.1947

„Arche Nora“ läuft vom Stapel

Hamburg hat nun doch ein Filmatelier. In dem früheren Gasthaus in Ohlstedt, wo bisher nur englische Filme synchronisiert wurden, hat die Real-Film mit den Aufnahmen für "Arche Nora" begonnen. Es ist der erste Film dieser Gesellschaft, die vor einem Jahr von Walter Koppel gegründet worden ist.
H. G Petersson, der Autor vieler Filme für Pola Negri, Hans Albers und Sybille Schmitz {deren Mann er ist) hat das Drehbuch geschrieben. Der Film behandelt das Schicksal von Menschen, die von den Härten des Krieges schwer getroffen worden sind, und das ihrer "Gegenspieler", an denen der Krieg fast spurlos vorübergegangen ist.
Zwei junge Leute (Harry Meyen und Klaus Hofer) bauen sich in einem Segelschiffswrack ein neues Heim. Das Schiff hieß einmal "Arche Noah". Als Nora (Edith Schneider) in ihr Leben tritt wird es umgetauft.
Die Freunde wissen nicht, daß Nora verheiratet ist. Das gibt Komplikationen Noras Ehemann (Peter Schütte), weniger robust als die Freunde, droht auf der Arche Schiffbruch zu erleiden. Es geht aber alles gut aus. Die vier jungen Leute boxen sich gemeinsam mit dem Leben herum.
Willi Maertens, Direktor des Hamburger Thalia-Theaters, in Käutners "In jenen Tagen" zum erstenmal vor der Kamera, spielt den Besitzer des Grundstücks, auf dem das Arche-Wrack liegt: Er ist vom Autor dazu ausersehen, beunruhigende Verwicklungen in den Existenzkampf der Freunde zu bringen.
Als Regisseur hat die Real-Film Werner Klingler gewonnen. Er hat zuletzt bei der Defa "Razzia" gedreht und als letzten Film vor dem Zusammenbruch "Solistin Anna Alt" Architekt ist Herbert Kirchhoff. An der Städtischen Oper in Berlin hatte er einen großen Erfolg mit den Dekorationen für die englische Oper "Peter Grimes". Er war auch beim Käutner-Film "In jenen Tagen" dabei.
Jetzt leistet er eine "historische" Aufgabe: Zum erstenmal seit 16 Jahren werden in Hamburg für einen Film wieder Atelierdekorationen gebaut. (Es soll kein "Trümmerfilm" werden.)
Das Ohlstedter Synchron-Atelier war früher ein Tanzsaal. In dem für normale Filmverhältnisse kleinen Raum kann immer nur eine Dekoration gebaut werden. Jetzt strahlen die Scheinwerfer das Innere der Arche Nora an.
Es hat schon einmal ein Miniatur-Babelsberg in Hamburg gegeben. 1919-1924 wurden im Glashaus der Vera-Film Stummfilme gedreht. "Liebestaumel", "Sklaven der Rache", "Die rote Nacht" und so. Rudolf Forster, Käthe Haack, Lil Dagover, Hans Brausewetter und viele andere Stars der späteren Tonfilmleinwand spielten hier im Frühling ihres Ruhms.
Sogar Großfilme mit Komparserie-Heeren wurden in Hamburg hergestellt. Mit Vorliebe exotische Filme. Hagenbecks Tierpark Stellingen lieferte die Naturdekoration und die Mitspieler. Denn damals waren die Völkerschauen modern. Margarete Lanner, der Hamburger Star jener Zeit, zwischen zähnefletschenden Original-Buschnegern, das war ein großer Effekt.
Als der amerikanische Film Boden gewann, wurde der Hamburger Filmbetrieb unrentabel. Man stellte auf Kulturfilm um. 1931 kam noch einmal Filmleben nach Hamburg. Einer der ersten Tonfilme, "Razzia in St. Pauli", wurde im Vera-Glashaus gedreht. Jetzt fängt man wieder von vorne an.
So fingen sie an: Rudolf Forster, Käthe Haack, M. Lanner und H. Brausewetter

DER SPIEGEL 29/1947
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