20.08.1979

„Windstärke 8 - das hätten wir abgewettert“

Lorck-Schierning ist Eigner und Skipper der "Jan Pott", Ullrich Libor, Gewinner zweier Olympiamedaillen, sein Steuermann; die "Jan Pott", Baujahr 1978, wiegt 9,5 Tonnen und ist 13,72 Meter lang. Lorck hat siebenmal am Fastnet-Rennen teilgenommen.
SPIEGEL: Mindestens 17 Tote, 23 Schiffe gesunken oder aufgegeben, mehrere Dutzend schwer beschädigt -- das ist die Bilanz dieser Regatta. Auch Sie sind in Seenot geraten, Ihre "Jan Pott" verlor den Mast, drei Mann an Bord erlitten Verletzungen. Ist dies noch Sport?
LORCK-SCHIERNING: Ein Toter ist bereits zu viel. Hier noch Preise zu verteilen, das hieße die Grenzen des guten Geschmacks übertreten. Das wäre wirklicher Zynismus. Das alles ist tragisch.
SPIEGEL: Wäre dieses Desaster zu verhindern gewesen?
LORCK-SCHIERNING: Unfälle auf der See kann man grundsätzlich nicht verhindern. Die da rausgehen, kennen die Risiken und wissen, worauf sie sich einlassen. Natürlich werden auf den Jachten, die am Admiral's Cup teilnehmen, viele neue Materialien ausprobiert, da können natürlich Materialfehler vorkommen, die zu Problemen werden. Aber wenn man niemals neue Stoffe erprobt hätte, neue Entwicklungen wagen würde, dann gäbe es heute keine Flugzeuge, dann könnten Sie auch die Autoentwicklung vergessen.
SPIEGEL: Wird Sicherheit bewußt gegen Geschwindigkeit eingetauscht?
LORCK-SCHIERNING: Natürlich sind einige schwarze Schafe dabei, deren Konstruktionen Sicherheit bewußt vernachlässigen. Aber die verallgemeinernde Behauptung, die modernen Schiffe seien unter extremen Bedingungen nicht voll belastbar und seetüchtig, ist einfach falsch.
SPIEGEL: Waghalsig nennen britische Zeitungen beispielsweise die dünnen Masten, die in diesem Rennen oftmals wie Streichhölzer abknickten.
LIBOR: Wenn diese richtig verstagt, das heißt befestigt sind, bedeuten sie kein Sicherheitsrisiko, sondern eine sinnvolle Weiterentwicklung, sowohl was Geschwindigkeit als auch Sicherheit angeht. Die dünnen Masten bieten weit weniger Angriffsfläche für den Wind und verringern dadurch den Druck auf das Schiff. Nehmen Sie dieses Rennen: Schiffe mit dünnen Masten haben oft mehr ausgehalten als die mit dickeren Konstruktionen,
SPIEGEL: Wenn es nicht das Material war, was war dann schuld an dieser Katastrophe?
LORCK-SCHIERNING: Die Stärke des Windes.
SPIEGEL: War die in den Wetterberichten nicht mitgeteilt worden?
LORCK-SCHJERNING: Nein, die Voraussage, die wir von dem "Royal Ocean Racing Club" (Rorc) vor dem Start erhalten hatten, lautete: Wind aus Südwest, Stärke 3 bis 4. Das traf für die ersten beiden Tage zu. Erst Montagnachmittag hörte ich zufällig über einen englischen und dann auch über einen französischen Sender etwas von einer Sturmwarnung. Ich konnte weder feststellen, welcher Sender es war, noch welches Gebiet die Sturmwarnung betraf. Am Montag um 13.55 Uhr gab der Wetterbericht der BBC an: "Für die Irische See und Fastnet Windstärken 5 bis 6, steigende Tendenz, örtlich 8." Das ist zwar ganz schön viel, doch das hätten wir abgewettert. Die eigentliche Sturmwarnung erhielten wir erst, als wir mittendrin saßen.
SPIEGEL: Aber Ihr Barometer muß doch die Wetterveränderung angezeigt haben.
LIBOR: Wir haben geahnt, was auf uns zukommen würde; es sackte in einer Stunde um vier Millibar und fiel schließlich auf 983 Millibar, was auf außergewöhnlich schweres Wetter hindeutete.
SPIEGEL: Es traf Sie doch nicht vollkommen unvorbereitet?
LIBOR: Es brach mit einer ungeheuren Schnelligkeit und einer solchen Wucht über uns herein, daß wir die erforderlichen Manöver, wie etwa das Bergen der Normalbesegelung und Setzen der Sturmsegel, erst in letzter Sekunde schafften.
LORCK-SCHIERNING: Vergessen Sie bitte nicht, es war picke-packe duster.
LIBOR: Die zwölf Meter hohen Wellen haben wir in der Nacht nicht gesehen. Wir hörten es nur rummeln.
LORCK-SCHIERNING: Eine See wie diese habe ich noch nie erlebt, und ein paar Törns habe ich ja nun schon hinter mir. Das waren mindestens zehn Windstärken. Wir selbst haben 63 Knoten (117 km/h) gemessen, auf der "Condor of Bermuda", dem größten Teilnehmer, haben sie in Böen bis zu 75 Knoten registriert. Dazu kamen sogenannte Freak-Wellen, die ungleich höher sind als alle anderen und -- wie man vermutet -- sich aus zwei bis drei zusammenlaufenden Wellen aufbauen.
SPIEGEL: Wäre es da nicht richtig gewesen aufzugeben?
LIBOR: Als uns der Hammer traf, blieb uns keine bessere Möglichkeit, als auf dem Regatta-Kurs abzulaufen. Nach Cork einzulaufen, der einzige Hafen Irlands, den wir theoretisch erreichen konnten, erschien uns zu riskant. Da mußten wir befürchten, der Sturm würde uns irgendwo auf die irische Küste werfen. Außerdem lag das Boot nach dem Runden der Wendemarke Fastnet Rock bei etwas achterlichem Wind weit ruhiger als vorher. Zuweilen fühlten wir uns wie auf einer Achterbahn, doch wir konnten die Wellen gut abreiten und machten Speed zwischen sechs und zehn Knoten. Das Rudergehen freilich erforderte höchste Konzentration, da jederzeit die Gefahr bestand, daß eine der sich im Kamm brechenden Wellen das Schiff umschlägt.
SPIEGEL: Eine dieser Wellen hat Sie dann doch erwischt ...
LIBOR: ... ich stand am Ruder und sah, wie eine riesige See kam. Ich dachte noch, die trifft uns, wäscht aber nur, wie die anderen auch, über Deck. Dann merkte ich einen irrsinnigen Druck auf Arm und Körper und klammerte mich nur noch ans Ruder. Mein einziger Gedanke: Nur nicht loslassen. Dann verschwand ich im Wasser und stand plötzlich frei vom Wasser wieder da. Mein Stand-by-man Bernie, der vor mir gesessen hatte, und der Mast waren weg.
SPIEGEL: Eine volle Seitenrolle im Wasser?
LIBOR: Ja, eine komplette Durchkenterung, einmal rum. Bernie, der an seinem Life belt gesichert war, hatte sich schon mit eigener Kraft wieder in die Nähe der Bordwand gebracht. Mit vereinten Kräften gelang es uns, ihn bei der nächsten Welle an den Füßen an Bord zu ziehen. Der Mast, der noch an allen Stags und Wanten hing, war Gott sei Dank nach Luv (dem Wind zugewandte Seite des Schiffes) gefallen, so daß wir nicht befürchten mußten, er werde das Schiff lecksehlagen.
SPIEGEL: Damit war die "Jan Pott" ein Seenot-Fall?
LORCK-SCHIERNING: Ja, wir haben zunächst Rot geschossen, bis uns klarwurde, daß das Abschießen von Seenot-Raketen eher ein Witz war, denn sie kamen mit dem Wind nicht sehr hoch und fielen gleich wieder runter.
LIBOR: Das war so, als wollte ein Autofahrer nachts auf einer einsamen Straße mit einem Streichholz auf einen Unfall aufmerksam machen. Wir hatten nicht nur den Mast, sondern überdies auch die Verbindung zur Außenwelt verloren: Unsere gesamte Elektronik war ausgefallen, ein Wassereinbruch hat die Geräte buchstäblich vom Sockel geschlagen.
LORCK-SCHIERNING: Unter Deck war alles beschmiert mit Hydraulik-Öl, es war glatt wie auf der Eisbahn. Wir sägten Stags und Wanten durch und entfernten uns nach Lee von dem treibenden Mast. Um das Schiff auf Kurs halten zu können, warfen wir ein Spinnaker-Segel an einer langen Leine im Sack achtem aus. So hatten wir eine Art Treibanker. Wir hatten keine Panik an Bord. Die Mannschaft war diszipliniert. Als am Mittwochmorgen um 4.30 Uhr ein Rettungshubschrauber über uns kreiste, haben wir mit einer Taschenlampe Signal gegeben, daß wir keine Hilfe wollten. Unter Maschine und mit einem Not-Rigg sind wir immerhin wieder in Plymouth eingelaufen.
SPIEGEL: Glück oder Können? LORCK-SCHIERNING: Es war uns nur eines geblieben: elementare Seemannschaft wie vor 200 Jahren.
SPIEGEL: Es waren über 300 Boote am Start, manche davon offenbar mit Besatzungen, die sich unter dieser Regatta nicht eines der härtesten Hochseerennen der Welt vorgestellt hatten, sondern eine angenehme Segeltour. Müßte man das Teilnehmerfeld nicht begrenzen?
LORCK-SCHIERNING: Die Kleinen wird man jetzt wohl abhängen, obgleich es alle Klassen getroffen hat. Kleine Boote haben es zu erheblichen Teilen besser überstanden als wir.
SPIEGEL: Sind Sie beim Fastnet 1981 wieder mit dabei?
LORCK-SCHIERNING: So furchtbar dies alles war, man gibt die Segelei nicht auf. Ob es 1981 das Fastnet sein muß, hängt von den Dispositionen 1981 ab.
LIBOR: Das nächste Fastnet, das steht für mich schon heute fest, werde ich allein schon aus Respekt vor den vielen Opfern nicht mitsegeln. Ich bin tief betroffen. Der Admiral's Cup und das Fastnet 1979 waren grauenhaft.

DER SPIEGEL 34/1979
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DER SPIEGEL 34/1979
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