20.08.1979

FERNSEHENHalbierte Eule

Ein Auftritt der deutschen Rocksangerin Nina Hagen in der „Club 2“-Talkshow des ORF brachte Österreich in Wallung -- und den Sender in Bedrängnis.
Es war so lieb gemeint. "Ich hab doch nur gezeigt, wie ich es mache", denn viele Frauen würden glatt wahnsinnig, weil sie keinen Orgasmus kriegten. "Das muß doch nicht sein.
Nina Hagen, 24, Deutschlands kesse Punk-Jule mit der großen Rock-Röhre, hat es den Österreichern gezeigt -- via Live-Fernsehen, vorletzten Donnerstag in der legendär freisinnigen ORF-Oase "Club 2", der Talk-Soiree, in der auch schon Rudi Dutschke und Cohn-Bendit für Aufregung sorgten.
Doch diesmal war es, als dräuten die Türken wieder vor Wien. "Medienterrorist" hieß ein Partei-Sprecher die wilde Nina, das Volk stand auf ("Hure", "Drecksweib"), ein Papier-Sturm brach los: Historische Dimensionen wurden aufgerissen ("Größter Skandal in der Geschichte des ORF"), Austrias Sonne ging definitiv unter ("Sittliche wie geistige Bankrotterklärung"). Die drei großen Parteien gaben Parlaments-Erklärungen ab, Politiker forderten, was sie bei den ORF-Leuten noch vermuten, Köpfe.
Eine Maus hat gekreißt und einen Berg geboren. Denn knappe 20 Sekunden währte Ninas sexualkundlicher Anschauungsunterricht -- harmlos wie "Heidi". Sie reckte den Po, stramm in Rockerleder, und demonstrierte Bekanntes: Frauen müßten, wenn sie "mit Boys schlafen", hier und da selbst Hand an sich legen, um auch in die Zielgerade einzulaufen.
Teils schläfrig, teils besäuselt, es ging bereits an Mitternacht, nahmen die "Club"-Gäste Ninas Lebenshilfe gelassen hin -- wie auch anders. An die zwei Stunden schon hatte ihnen der singende Derwisch, dämonisch bemalt, auf der Nase herumgerockt, Faxen gemacht, berlinernde Sprüche geklopft, gepöbelt und gepopelt, Eigenwerbung betrieben, die Schuhe ausgezogen, aus der Bibel gelesen, in Comics geschmökert und mit ihrem Leib-Gitarristen geschmust: Nina live.
"Was ist los mit der Jugendkultur", so hieß das "Club"-Thema. Geladen waren ein reifer abgerundeter Dichter, Humbert Fink, und ein junger namens Hintze, eine Journalistin, ein uralter Österreicher von 18 Jahren und ein blondes Sacher-Torterl, 16; ein adretter Krauskopf, Dr. jur. Dieter Seefranz, moderierte.
Der setzte sich, anders als deutsche Master, nicht eitel in Pose, die Runde paralysierend, sondern ließ den Dingen legeren Lauf. Folge: eine lustvoll entspannte Atmosphäre, schön chaotisch zuweilen, und wenn dann allen mal nichts mehr einfiel und Schweigen anhob, hieß es einfach: "Wir verkörpern unser Thema, statt darüber zu reden."
Hintze? der junge Dichter, entschwebte zwischendurch ins Reich seiner Phantasien. Er sah plötzlich eine "halbierte Eule" vor sich, einen "Baum, der zerspringt", einen "See voll Pech", sodann einen "onanierenden Bach", einen Schmetterling, den Mond und, logo? "den Koitus".
Humbert Fink, der für die Hexe Nina kein Humbert Humbert sein wollte, grantelte über die Jugend, die ihm die ägäischen Inseln versaue, mochte das "Gejeiere der Damen" über Orgasmusschwierigkeiten nicht mehr hören, das interessiere ihn nicht, und lief damit voll in Ninas rotzige Schimpfwort-Schleuder.
Die steckt nun augenblicklich tief in der Frauenbewegung, weiß vom Leid der Schwestern, die viele "Orgasmüsser wünschen. Nina, mittlerweile von Berlin nach Amsterdam übersiedelt, ist, das kam in der Sendung gar nicht voll heraus? überhaupt auf dem kämpferischen Weg:
"Die Erwachsenen", sagt sie, "sind die Feinde der Nation." Sie heißt sieh eine "gottgläubige Kommunistin", die "neue Heilige Johanna der Schlachthöfe", sie stehe wie "Spartacus im Felde" und wolle nicht mehr zurück. Credo: "Man soll so ehrlich sein wie ein Kind, auch wenn man erwachsen ist."
Ein Kind, das nicht an des Kaisers neue Kleider und die Tempel-Rituale des Fernsehens glaubt. Glückliches Österreich, das noch eine TV-Sendung hat? in der es wie im Leben und nicht wie im Marionetten-Theater zugeht.
Das Feurio der Heimatpresse, freilich, und das Kopfjäger-Latein der Politiker brachte die Führungsfront des ORF ins Wanken. Die Anstalt, eh in einer delikaten Situation, reagierte wie die angebohrte "Titanic".
Seit geraumer Zeit hämmern die großen Parteien auf den "Monopolcharakter" des ORF ein, keine fühlt sieh breit genug vertreten; die längst geplante Programm-Reform bewegt sich nach Art einer Springprozession; ärgster Dorn im Auge der Volksvertreter ist der "Club 2".
Nina Hagens Extratour kam den Grollkommandos deshalb sehr gelegen, die große Keule hervorzuholen. Der rechtsgeneigte Generalintendant Gerd Bacher, einst CDU-Kohl-Berater, zog den Glatzkopf ein und gab die Hiebe nach unten weiter: "Durch solche und ähnliche Mißverständnisse von Freiheit und Liberalität ist der "Club? berüchtigt geworden." Doch der Nina-,?Club" sei kein Beweis gegen das "Club"-Konzept, "sondern gegen die Verantwortlichen".
Schreckreaktionen: Moderator Seefranz wurde aus dem "Club"-Team ausgestoßen, zwei freie "Club"-Mitarbeiterinnen gefeuert und ein "Regulativ" mit 17 Kontrollmechanismen über den "Club" verhängt, inclusive striktem Alkoholverbot.
Ende letzter Woche freilich ließ der Nina-Effekt schon nach. Die Disziplinar-Maßnahmen wurden als "vorläufig" abgemildert und Endgültiges einem künftigen Termin anvertraut. Der Bacher wird's schon richten.

DER SPIEGEL 34/1979
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