10.09.1979

„Das ist abgebrannt wie ein Feuerwerk“

In Budapest kamen sie beide ans Ruder. Bundeskanzler Helmut Schmidt, als er am Mittwoch vergangener Woche das Steuer des Dampfers "Hunyadi" übernahm und ihn der Hauptstadt zulenkte; fünf Wochen vorher Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, als er sich auf der Brücke des Donaudampfschiffahrts-Veteranen "Petöfi" produzierte. Allerdings steuerte der Bayer Gegenkurs.
Auch sonst ähnelten die äußeren Bilder einander, schien es Unterschiede bei den Besuchen der deutschen Wahlkampfkontrahenten in Ungarn nur bei Nebensächlichkeiten zu geben.
Vor deutschen Fernsehkameras warb ein cooler Kanzler für Frieden und Entspannung auf dem Vorschiff, auf dem Hinterdeck tönte ein dampfender Strauß, "daß wir "ja" meinen, wenn wir "ja"? sagen" zu Entspannung und Frieden, sein blaues Hemd glich einer vom Schweiß gezeichneten Landkarte.
Locker wie Ungarns Parteichef Janos Kádár mit Helmut Schmidt über die Freuden des Schachspiels plauderte -- Schmidt: "Ich höre, Sie sind ein großer Schachspieler" -, scherzte er mit Strauß über die Leidenschaft zur Jagd. Kádár: "Mir wurde berichtet, Sie sind ein großer Jäger."
Und wo beim Bummel durch Buda und Pest Franz Josef Strauß Anfang August Autogramme für Deutsche aus Eisenach verteilte, schallte es fünf Wochen später: "Hallo, Helmut, Weimar grüßt dich."
Zigeunerprimas György Lakatos fiedelte Schmidt wie Strauß ungarische Tänze von Brahms in die Ohren, dieselben stolzen Rennfahrer der Polizei preschten auf BMW-Maschinen den deutschen Autokolonnen voraus, um die Gäste wieselten dieselben ungarischen Sicherheitsbeamten, und in dem Ballsaal des Hotel Duna. wo am Mittwoch Helmut Schmidt die Ungarn bewirtete, hatten die Magyaren auch Franz Josef Strauß zu Tisch gebeten.
Was Wunder, daß die Zigeunerversion vom "Dritten Mann", die das Cymbal im Budapester Hilton-Hotel dem Kanzler zum Abschied vorzitherte, wie eine hämische Anspielung wirkte: Der Bayer war immer dabei.
Zwar verwahrte sich der Bundeskanzler gegen die Frage, ob er sich sozusagen als Strauß-Nachhut empfinde: "Ich bin nicht auf seinen Spuren." Im Gegenteil, da teilte Helmut Schmidt die Einschätzung des Parteiorgans "Népszabadsäg", dessen außenpolitischer Mitarbeiter János Hajdu schrieb, daß die Herren der bundesrepublikanischen Opposition ihre "Visumfähigkeit" für "Ostreisen" schließlich den Entspannungsbemühungen der Regierungen Brandt und Schmidt verdankten.
Tatsächlich aber ließ sich der Kanzler jede Presseanspielung auf Strauß von seinen Mitarbeitern "unterkringelt" (ein Beamter) vorlegen, ließ er keine Gelegenheit aus, sich an dem Reisevorgänger und potentiellen Nachfolger im Amt zu wetzen.
Zweimal erläuterte Schmidt Kádár, was er von der Ostpolitik seines CSU-Konkurrenten im besonderen und von Strauß im allgemeinen halte. Dessen in Ungarn vorgetragene Spruchweisheit Pacta sunt servanda" sei nicht zufällig lateinisch abgefaßt, spottete der Kanzler. Denn daß Verträge einzuhalten seien, habe eben schon im Altertum gegolten. Gezielte ostpolitische Essenz vermöge er da nicht zu sehen.
Am nächsten Tag setzte Schmidt nach: "Täuschen Sie sich nicht in Strauß", beschwor er warnend seinen Gastgeber, um dann überraschend fortzufahren: "Ein Nazi ist der nicht." Das hatte Kádár zwar auch nicht behauptet, aber Schmidt wollte offenbar ganz sichergehen: "Ein Konservativer ist Strauß, ein Nazi nicht."
* Mit Ministerpräsident György Lazar.
Mit den Belehrungen allerdings verließ Helmut Schmidt die abwiegelnde Marschroute, wie er sie Journalisten einzureden versucht hatte: daß nämlich der Strauß-Besuch an der Donau "in der Bundesrepublik viel mehr beachtet worden ist als in Ungarn selbst".
Beachtet wurde der Einfall des gestandenen kalten Kriegers von der Isar mit 254 Mann bayrischen Jubelgefolges in Budapest, versteht sich. Aber Beachtenswertes nachgeblieben scheint wenig -- außer einer gewissen Ratlosigkeit, wie sie der Vizepräsident der ungarischen Nationalbank, János Fekete, begehrter Gesprächspartner beider Deutscher, formulierte: "Der Strauß entwickelt sich. Aber weiß ich, wohin?"
Tatsächlich war der Besuch des Bayern eher eine Art knalliges Gastspiel, inszeniert und aufgeführt von den Mitgliedern des Staatszirkus zu München. Oder, wie es der deutsche Botschafter in Budapest, Johannes Balser, ausdrückt: "Das ist abgebrannt wie ein Feuerwerk. Dann war es vorbei."
Das hängt wohl damit zusammen, daß Franz Josef Strauß sich lieber eigene Realitäten schafft, als Wirklichkeiten wahrzunehmen. Der Bayer, der vor allem deswegen immer als Teufelskerl auftreten kann, weil er behauptet, um ihn herum sei die Hölle los, lebte an der Donau in einer selbstkreierten Welt von spektakulären Halbwahrheiten.
Wer beide Ungarn-Fahrer beobachtete, der bekam das Gefühl, nach fünf Wochen zwar zum selben Ort, aber in verschiedene Welten gereist zu sein.
Mit Helmut Schmidt begegnete man einem -- gewiß rotweißgrün eingefärbten -- Sozialismus, und der Kanzler machte klar: "Es hat keinen Zweck, Unterschiede in politischen Überzeugungen und sozialen Systemen zu leugnen, wenn man praktische Probleme lösen will, die sich aus diesen Unterschieden ergeben."
Franz Josef Strauß aber fand: "Es hat keinen Zweck, hier als ideologischer Besserwisser aufzutreten", ignorierte konsequent die Realitäten eines von ihm sonst düster gemalten volksrepublikanischen Alltags, den er üblicherweise gern mit dem Begriff "Zwangsstaat" verbindet.
Natürlich kamen die Umstände diesem Eindruck entgegen. Bei allem Respekt vor der "großen staatlichen Note" (CSU-Generalsekretär Stoiber), die Straußens Visite in Ungarn zweifellos hatte -- ein bißchen größer und staatlicher war der Regierungsbesuch des Kanzlers schon. Und selbstverständlich trat der sozialistische Charakter Ungarns beim dröhnenden Moskauer Paradeschritt der ungarischen Volksarmee stärker zutage als bei den Dorftänzen des Nationalballetts für den Bayern.
Notgedrungen konkreter war endlich auch der Inhalt der Gespräche zwischen dem Kanzler und Kádár, wo es um Details von KSZE. MBFR und Salt ging, als die Variationen des weitschweifigen Bayern zum Thema: "Der Frieden kommt nicht von alleine (Strauß).
Die pfiffigen Ungarn trugen zu dem unterschiedlichen Bild noch bei, Wer Franz Josef Strauß zwischen Gold und Stuck, rosa Marmor und roten Teppichen ins altertümelnde Prachtparlament zum Gespräch lädt, Helmut Schmidt dagegen zum eigenen Arbeitszimmer im Gebäude des Zentralkomitees durch eine Tür führt, über der eine 46bändige blauleinene Marx-Engels-Ausgabe prangt, der denkt sich was dabei.
Den kleinen Unterschied zwischen Kanzler und Kandidat entdeckte auch der ungarische Botschafter in Bonn Péter Kövári: "Von der politischen Wirklichkeit in Ungarn hatte Strauß keine Ahnung, das war alles angelesen", beobachtete er bei der Begleitung des bayrischen Gastes. "Jetzt hat er gesehen und wird sich wohl alles durch den Kopf gehen lassen", hoffte er an Bord des Kanzlerschiffes.
So bleibt denn auch fraglich, ob Strauß mit den Bildern etwas anfangen kann und will, die ihm Helmut Schmidt letzte Woche nachlieferte: Kranzniederlegungen auf dem deutschen Soldatenfriedhof und am jüdischen Ehrenmal von Budapest zum Beispiel -- dergleichen hätte vor fünf Wochen nie und nimmer in die Csárdás- und Tokajer-Atmosphäre seiner Ungarn-Visite gepaßt. Und wohl auch sonst nicht.
Denn was Franz Josef Strauß zu diesem Themenbereich zu sagen pflegt, verschluckt er gegenwärtig, nicht nur in Ungarn. Schließlich hat er augenblicklich gerade seine Kreidezeit.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 37/1979
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