03.09.1979

FILMDenkmal im Depot

„Der Mann aus Marmor“. Spielfilm von Andrzej Wajda. Polen 1976, 161 Minuten. Farbe.
Die feierliche Schlußmusik zur Filmpremiere kam im Kino von Breslau aus dem Parkett: Die Zuschauer erhoben sich und stimmten die polnische Nationalhymne an.
Aufgerüttelt und zum spontanen Gesang bewegt hatte sie der Film "Der Mann aus Marmor" des polnischen Kino-Altmeisters Andrzej Wajda ("Asche und Diamant"), der einen Blick in eine lange verdrängte Vergangenheit der Volksrepublik freigibt.
1976 fertiggestellt, im Februar 1977 uraufgeführt, liefert Wajdas Film eine rücksichtslose, mit Intelligenz und Kino-Phantasie geführte Abrechnung mit den "Fehlern" und "Abweichungen" der stalinistischen Zeit. Energisch, mit zupackender Erzählkraft, ohne sich in wohlfeilen Gewißheiten zu wiegen, zeigt Wajda die Auswirkungen von Heuchelei und Lügen früher Jahre auf das unterschwellig registrierbare politische Klima der polnischen Gegenwart.
Hartnäckig hatte Wajda, 53, 13 Jahre auf die staatliche. Drehgenehmigung für das heikle Sujet warten müssen. Und als der Film dann vorlag, konnte er erst nach längeren internen Partei-Diskussionen anlaufen. Zunächst fürs Ausland gesperrt, erschien der Film 1978 überraschend im Programm des Festivals von Cannes und ist jetzt auch in der Bundesrepublik zu sehen.
Auf mehreren souverän ineinander verflochtenen Erzähl-Ebenen entfaltet Wajda sein episches Film-Fresko. Mit subtiler Rückblenden-Technik kreist er die Ursachen geschichtlicher Entwicklungen ein und springt aus der Gegenwart Polens zurück bis in die Nachkriegszeit. Seine Erinnerungsarbeit, gegen das saturierte Gewissen des politischen Establishments gerichtet, bürstet die Partei-Geschichtsschreibung kräftig gegen den Strich.
Wie der Reporter Jerry Thompson, der in Orson Welles? "Citizen Kane" die Biographie eines monumentalen US-Menschen erkundet, ist die polnische Filmstudentin Agnieszka, 23 -eine nervöse, meist etwas zickig überdrehte Wahrheitssucherin -, hinter Zeugen her, die etwas über den Gegenstand ihrer Recherchen wissen. Für
*Mit Jerzy Radziwillowicz als Maurer Birkut.
einen Fernseh-Dokumentarfilm will sie alles über Birkut rauskriegen, einen in der Versenkung verschwundenen Aktivisten der frühen sozialistischen Aufbauphase.
Dabei trifft sie auf resignierte Menschen, die nur ungern über den Star der Stalinismus-Ära plaudern, oder auf Zyniker, denen die Erinnerung an den Aufstieg und Fall des Maurer-Idols keine Wunden mehr schlägt.
Agnieszka vertieft sich in Propaganda-Filme aus den fünfziger Jahren, die den strahlenden Vor-Arbeiter Birkut als Beispiel sozialistischer Aufbau-Begeisterung präsentieren.
Der hatte, nachdem er vorher sozusagen im Trainingslager auf seine heroische Tat vorbereitet worden war, in einer Acht-Stunden-Schicht im Scheinwerferlicht eines Filmteams über 30 000 Backsteine vermauert. Mit seinem inszenierten Rekord wurde er zu einer gefragten Show-Nummer.
Auf Provinz-Tourneen führte der Held der Arbeit seine Maurer-Künste vor. Weil er aber mit seinen Sonntagsleistungen den Kollegen vom Bau immer höhere Normen bescherte, schob ihm hei einem Schau-Mauern auf dem flachen Land einer von der Brigade einen glühend heißen Stein in die Hand. Als Früh-Invalide machte Birkut weiter PR für die Partei.
Der ungekrönte König aller Baustellen ist indes kein sturer Polit-Roboter, sondern von dem Wunsch erfüllt, sich für den beschleunigten Aufbau von Wohnungen und Fabriken einzusetzen. Als sein Freund und Mitmaurer Witek aus fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis geworfen wird, wehrt sich Birkut mit naiver Ehrlichkeit gegen die stalinistische Bürokratie. Auch er landet hinter Gittern und kommt erst 1956 mit dem beginnenden Tauwetter wieder frei.
Längst ist Birkuts in Marmor gehauenes überlebensgroßes Ebenbild, ein bombastisches Exemplar sozialistisch-realistischer Bildhauerkunst, ins Museums-Depot gewandert, sind die Riesenport räts des staatlich verordneten Werktätigen-Idols von den Fassaden verschwunden.
Und Birkut selbst, so erfährt Agnieszka von dessen Sohn, einem Werftarbeiter, den sie in Danzig aufgespürt hat, ist inzwischen gestorben -- ohne Partei-Nachruf, in aller Stille,
Bei ihrer Schürfarbeit stößt Wajdas Reporterin auf Widerstände im Fernsehen, das die Konfrontation mit der verdrängten Geschichtsepoche nicht zulassen möchte. Ein Vierteljahrhundert nach Terror und brutalen Wahrheitsverbiegungen stellt sie fest, daß sich die Täter und Opfer stalinistischer Gewalt inzwischen opportunistisch mit dem Staat arrangiert haben.
In der Schilderung von Agnieszkas Recherchen nimmt Wajda keine Rücksicht auf die Verwalter offizieller Geschichtsschreibung, sondern rekonstruiert die Ursachen für die gegenwärtige Teilnahmslosigkeit vieler Polen an der eigenen Geschichte,
Dabei deckt er auf, wie staatliche Meinungsmacher und Fakten-Verbreiter, vor allem die Hersteller verlogener Hurra-Filme, die Kluft zwischen historischer Wahrheit und parteilicher Wunsch-Realität vergrößert haben.
Und der Jugend gibt Wajda Auskunft darüber, "warum ihre Väter so nervös sind, warum sie lügen, warum sie Wodka trinken und warum sie Sorgen haben".
Arnd Schirmer

DER SPIEGEL 36/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung