04.04.2005

CHRISTDEMOKRATENBlutige Hände

Helmut Kohl erlebt in der CDU ein Comeback - zumindest bei den Jungen, die sich nach der guten alten Zeit sehnen. Der Altkanzler genießt Kultstatus.
Besonders schöne Stunden hatte Barbara von Wnuk-Lipinski, wenn sie mit ihrem Idol zusammensaß, nur sie und er in seinem Büro. Ihre Stimme klingt samtig, als sie darüber spricht: "Er hat ganz, ganz weiche Hände und eine wahnsinnige Ausstrahlung. Er kennt die Zusammenhänge. Ich musste nicht viel erklären."
Die Rede ist von Helmut Kohl, der am Sonntag 75 Jahre alt wurde. Wnuk-Lipinski ist 28, war Vorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten und sitzt im Bundesvorstand der CDU. Ihre Schwärmerei ist typisch für die Konservativen ihrer Generation in Oldenburg.
Seit der Spendenaffäre halten nur noch die ganz Alten ohne Wenn und Aber zu dem Altkanzler - und die ganz Jungen. "Kohl ist für uns ein Held", sagt Philipp Mißfelder, der Vorsitzende der Jungen Union. Auf deren Deutschlandtag im Oktober vergangenen Jahres wurde der frühere Regierungschef gefeiert, als hätte er die CDU gerade zum ersten Mal an die Macht gebracht. "Wir haben ein Idol, Helmut Kohol", sangen die Delegierten.
Das war mal anders. Mißfelders Vorgängerin Hildegard Müller stieg in der Partei auf, weil sie wider die Sozialpolitik des Langzeitkanzlers stänkerte. Sie unterstützte Angela Merkel gegen die Anhänger Kohls im Establishment der Partei. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 schnauzte der Patriarch sie im Parteivorstand an: "Die JU hat gewollt, dass ich die Wahl verliere."
Heute ist Kohl Kult. Die Jungen kennen ihn nicht als rücksichtslosen Machtpolitiker wie Hildegard Müller, sie haben sich nicht blutige Nasen geholt im Kampf gegen diesen Koloss. Sie waren Kinder, als Kohl regierte, und es war keine schlechte Zeit für eine Kindheit. "Es ging allen gut, man hatte kaum noch Angst, und wenn man den Fernseher anmachte, sah man immer Helmut Kohl", schreibt Florian Illies in seinem Bestseller "Generation Golf".
Als Leute wie Mißfelder Kohl kennen lernten, war er nicht mehr gefährlich für die eigene Karriere, nicht mehr im Weg. Er war eine historische Gestalt, und mit ihm verband sich das große politische Ereignis ihrer Kindheit.
"Ich sah den Fall der Mauer im Fernsehen und war elektrisiert", sagt der JU-Vorsitzende. "Seither schwärme ich für Kohl." Im Herbst 1989 war Mißfelder zehn Jahre alt, er war nie Anhänger der Bonner Republik und schlug sich nicht herum mit Bedenken zur Einheit. Er ist in das größere Deutschland hineingewachsen. Kohl ist für Mißfelder wie der Gründer des Staates, in dem er lebt.
Die Spendenaffäre wirkt für ihn klein dagegen. Er zuckt mit den Schultern: nicht so wichtig.
Für viele Junge in der Union zählt nicht mehr die reale Gestalt mit ihren Schwächen und Fehltritten, sondern der Mythos. Dies führt zu einer Verehrung, über die sich ein Popstar freuen könnte. "Für unseren Bundeskanzler klatsche ich, bis mir die Hände bluten", sagte Karolina Swiderski auf dem Deutschlandtag der Jungen Union. "So einen wie ihn wird es nie wieder geben."
Sie ist 19 Jahre alt und Vorsitzende der Schüler Union. Sie macht bald Abitur. "Es ist wichtig für unsere Generation, Vorbilder zu haben", sagt sie. Und warum Kohl? "Für ihn sind christliche Werte wichtig, für ihn war die Religion immer eine Kraftquelle." Natürlich sind die christlichen Werte nicht immer ganz einfach zu leben, schon gar nicht, wenn man 19 Jahre alt und lebensfroh ist. Aber, sagt Swiderski: "Man muss es versuchen."
Sie war zwei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern aus Polen in die Bundesrepublik zog. Schon in Polen haben ihre Eltern Kohl bewundert. Das hat sich auf die Tochter übertragen. "Wenn man nicht gezeigt bekommt, wer die Respektspersonen sind, wird man nicht weit kommen im Leben", findet die Schülerin. "Unsere Generation hat gesehen, dass man Grenzen setzen muss."
Auch deshalb ist es für den konservativen Nachwuchs eine Zumutung, von Rot-Grün regiert zu werden. Die Fischers und Schröders stehen bei ihnen im Ruch der Schlampigkeit, des liederlichen Betragens. Je vier Ehen sind für junge Menschen wie Swiderski, die an Liebe und Beständigkeit glauben wollen, ein Horror.
Sie hat Sehnsucht nach jemandem, der solchen Halodris Einhalt gebietet. Die Erinnerung an Kohl ist eine Erinnerung an Machtfülle. Bei den Spitzenpolitikern der Union von heute sehen die Jungen erschreckende Ohnmacht. CDU-Chefin Angela Merkel gilt auch in den eigenen Reihen vielen als Leichtmatrosin.
"Kohl kann zuspitzen, und er grenzt sich klar vom politischen Gegner ab", schwärmt Peter Tauber, 30, Vorsitzender der Jungen Union in Hessen. Er sagt sogar: "Kohl spricht das Lebensgefühl der Jungen Union an."
Politik soll nicht nur "business" sein. Tauber will auch, dass es um persönliche Verbindungen geht, um Freundschaft. Mit diesem Konzept verbindet er Kohl, nicht Angela Merkel. "Die steht dem Lebensgefühl der JU eher skeptisch gegenüber. Zumindest versteht sie es nicht."
Es ist eine sehnsüchtige Generation, die da in der Union heranwächst. Sie guckt zurück und sieht eine bessere Welt. Das ist klassisch konservativ. "Wir sind konservativer als die Generation vor uns", sagt Philipp Mißfelder.
Aber es gibt, gerade bei ihm, auch einen schnöden Aspekt des demonstrativen Bekenntnisses zu Helmut Kohl. Man kann Angela Merkel zeigen, was man von ihr hält, ohne sie direkt anzugreifen.
RALF NEUKIRCH
Von Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 14/2005
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