04.04.2005

Tanz die Armut

Ortstermin: Der Menschenfreund Herbert Grönemeyer wirbt in Berlin für sein moralisches Universum.
Was jetzt kommt, macht keinen Spaß. Man muss durchhalten. Es wird moralisch, pathetisch. Es geht um das, was sonst keine große Rolle spielt, was gern verdrängt wird, Hunger, Krankheit, Armut in fernen Ländern. Es folgt eine Standpauke.
Vielleicht hilft es, dass sie von Herbert Grönemeyer gehalten wird. Vielleicht hilft es, dass ein bisschen Glamour und Schönheit vorkommen. Anders lässt sich ja kaum noch Aufmerksamkeit erringen. Man braucht, in diesem Fall, Claudia Schiffer, Hugh Grant, Bono und, ganz zum Schluss, Kylie Minogue. Alles Menschen, die mit ihrem Ruhm Armut bekämpfen wollen.
Eben noch hat Wirtschaftsminister Wolfgang Clement - ruhmlos - im Haus der Bundespressekonferenz wieder eine Arbeitslosenzahl von über fünf Millionen eingestanden. Eben noch hat der Minister erklärt, dass alles besser wird, das wird es immer in Clements Welt. Eben noch das deutsche Elend, jetzt läuft im selben Haus die Not der Welt, ein Film mit Claudia Schiffer, Hugh Grant, Bono und anderen Stars, die merkwürdig mit den Fingern schnippen. Ein Schnippen dauert drei Sekunden, und man liest dazu: "Alle drei Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen extremer Armut."
Nicht in Deutschland. Es geht uns vergleichsweise sehr gut. Daran erinnert Reinhard Hermle, der den Werbespot präsentiert. Er ist Vorsitzender des "Verbandes Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen". Hermle hat eine große Sorge: Weil es in Deutschland über fünf Millionen Arbeitslose gibt, könnten die Deutschen vergessen, dass es anderen Völkern weit schlechter geht. Er ist heiser an diesem Tag, er spricht leise. Aber auch wenn es seinen Stimmbändern besser geht, wird einer wie er kaum gehört. Deshalb hat er Herbert Grönemeyer mitgebracht, den Popstar.
Grönemeyer sieht nicht aus wie ein Popstar, sondern wie die Politiker, die sonst in der Bundespressekonferenz sitzen. Sein Haar klebt glatt und brav am Schädel, sein Gesicht ist ziemlich rund. Er trägt einen dunklen Anzug mit Nadelstreifen und ein schwarzes Hemd. Nur die Krawatte fehlt, und die Manschetten sind offen.
Noch darf er nicht reden. Noch kommen die Fakten. Es gibt ein Versprechen, krächzt Hermle. Im Jahr 2000 haben die reichen Staaten versprochen, dass die Armut bis 2015 halbiert wird, dass die Kinder- und Müttersterblichkeit sinkt, dass alle eine "gewisse Grundbildung" bekommen, dass HIV energisch bekämpft wird. Was die Politiker tun, um diese sogenannten Millenniumsziele zu erreichen, sei "völlig unzureichend", krächzt Hermle. Deutschland habe einst versprochen, 0,7 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben. Derzeit sei man bei 0,28 Prozent.
Dann ist Hermle fertig. Dann kommt die Stimme, die man von dem Lied "Mensch" kennt, von "Bochum", von "Männer", laut und klar, eine Röhre.
"Da ich eine große Klappe habe und singen kann", sagt Grönemeyer, wolle er sich hier mal zu Wort melden. Dass so wenig passiere, sei "eine Gemeinheit gegenüber den ärmsten Ländern der Welt". Es sei jetzt an der Zeit "abzugeben, aufzurütteln". Denn: "Wir sind nicht nur eine Welt, wir sind auch ein moralisches Universum."
Wer jetzt nicht helfe, "werde lebenslänglich mit der Schande leben müssen". Die späteren Generationen würden dereinst sagen: "Ihr wusstet davon."
"Etwas zu tun, ist nichts, alles zu tun, ist Pflicht", sagt Grönemeyer. Die Deutschen sollten sich "nicht wehleidig hinter sich selbst verstecken", sie sollten morgens in den Spiegel gucken und sagen: "Guten Tag, ich gehe die Probleme an." Es könne viel mehr getan werden für die armen Länder.
"Das schult, das macht Spaß, das gibt uns allen Sinn in diesem Leben", röhrt Grönemeyer. Es ist sein Sound, der aus den Liedern. Nach dem Tsunami hätten die Deutschen gezeigt, dass sie zur Hilfe bereit sind. Aber täglich stürben 50 000 Menschen an ihrer Armut. "Das ist ein Tsunami wöchentlich", sagt Grönemeyer.
Er ruft nicht zu Spenden auf. Er appelliert an den Bundeskanzler, mehr zu tun gegen die Armut. Der "Gerhard" solle nicht nur "intern" Probleme lösen, sondern auch in den armen Ländern. "Das kannst du beides machen", ruft ihm Grönemeyer zu.
Damit der Kanzler das kapiert, gibt es jetzt eine Unterschriftenaktion im Internet (www.weltweite-aktion-gegen-armut.de).
Wer "Mensch" ist im Sinne Grönemeyers, macht da mit.
Als Grönemeyer fertig ist, herrscht Stille in der Bundespressekonferenz. Es ist wie immer nach solchen Standpauken: Man fühlt sich nicht schlechter, sondern besser. Endlich hat es mal wieder jemand ausgesprochen, und man war dabei und hat zugestimmt. Draußen leuchtet der Frühling.
Es fehlt noch was: Kylie Minogue, wie versprochen. Sie ist derzeit auf Tournee in Deutschland, und bei ihren Konzerten wird der Spot mit den schnippenden Stars gezeigt, erzählt Grönemeyer. Tanzen und sich dabei ein paar Gedanken um den Zustand der Welt machen, das ist sein Konzept vom Menschen. Es ist nicht das schlechteste. DIRK KURBJUWEIT
* Auf dem Bildschirm eine Szene aus dem Solidaritäts-Spot mit Filmschauspieler Hugh Grant.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 14/2005
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