04.04.2005

ANTHROPOLOGIETriebstau im Neandertal

7000 Jahre alte Pornofiguren aus Sachsen und ein Erotiktempel mit Lehmbrüsten entfachen eine Debatte um das Liebesleben in der Steinzeit. Trieben es unsere Vorfahren so enthemmt wie die Bonobos? Oder wurde der Sex bereits durch Kulthandlungen streng reglementiert?
Flott schabte der Baggerfahrer im Erdreich bei Leipzig, um eine Gasleitung zu verlegen. Dabei stieß er auf eine 7200 Jahre alte Abfallgrube aus der Bandkeramik-Zeit, gefüllt mit Müll der ersten Ackerbauern Europas.
Archäologen eilten hinzu und entdeckten einen 8,2 Zentimeter großen Torso im Boden. Beine, Bauch und Kopf fehlten. Das Wichtigste aber war noch dran: Die Forscher vermeldeten ein "wohlgeformtes Gesäß" sowie einen Penis, "kurz, aber mächtig".
Seit seiner Auffindung am 19. August 2003 sorgt der zersplitterte "Adonis von Zschernitz" im Landesamt für Archäologie in Dresden für Hochstimmung. Sorgfältig formte der Bildhauer die Gesäßfalte; Muskelansätze und auch die Eichel sind deutlich zu sehen. Erstaunt zeigt Ausgräber Harald Stäuble auf den Hodensack.
Ein einmaliger Fund, keine Frage. Weltweit wurde noch nie ein so altes Tonmännchen entdeckt.
Doch inzwischen hat das Projekt eine spannende Wendung genommen. Beim Durchsieben der Abfallgrube kamen weitere Fragmente zutage. Eines der Teile, es reicht von der linken Wade bis zum Becken, gehört offenbar zu einer weiblichen Statue: Adonis hatte eine Gefährtin.
In einem Artikel, der demnächst im Fachblatt "Germania" erscheint, wagt Stäuble erstmals eine Zuordnung des Puzzles. "Vieles spricht für eine Kopulationsszene."
Aus den Bruchstellen sei ersichtlich, dass der Mann mit leicht angewinkeltem Becken dastand. Die Frau davor beugte sich fast im 90-Grad-Winkel nach vorn (siehe Grafik). Auch der identische Maßstab der Figuren - beide waren ursprünglich knapp 30 Zentimeter groß - deutet an, dass sie zusammengehören.
Bislang waren erst von den Griechen - gemalte - Geschlechtsaktdarstellungen bekannt. Die aber sind über 4000 Jahre später entstanden. Entsprechend groß ist nun die Verwirrung. Von "Spielzeug" ist die Rede. Vielleicht sei es "schick" gewesen, solche Skulpturen in den "Häusern der ersten Bauern zwischen Saale und Elbe aufzustellen", spekuliert das Fachblatt "Archäo". Die Forscher sprechen von "Fruchtbarkeitskult" - was ebenso schlicht wie schwammig klingt.
Die Ratlosigkeit ist typisch. Wenn es ums diluviale Liebesleben geht, stockt der Fachwelt der Gedankenfluss. Allzu lang sei das Sozialverhalten der frühen Menschen "vernachlässigt" worden, klagt die Historikerin Angelika Dierichs aus Münster.
Wann schämte sich der erste Mensch? Wer erfand das Inzestverbot und die Einehe? Schliefen bei den Neandertalern Oma, Vater und Tochter alle gemeinsam in der Grashütte? Wer diese Fragen beantworten könnte, besäße einen Schlüssel, um das Tor ins Reich der Urzeit aufzustoßen.
Statt Lösungen tun sich überall Lücken auf: Nebel umhüllt die Bettstatt von Adam und Eva. Doch langsam kommt Bewegung in die Sexfront.
Ebenso spektakulär wie die Erotikfigur aus Sachsen ist ein Fund vom Bodensee. Dort wurde ein Tempel entdeckt, aus dessen Wänden einst üppige Lehmbrüste herausquollen. Das von Archäologen in Ludwigshafen zutage geförderte "Kulthaus" ist fast 6000 Jahre alt.
Auch die Wanderausstellung "100 000 Jahre Sex", die derzeit durch die Republik tingelt, bemüht sich um eine neue Bestandsaufnahme*. Gezeigt werden Reizwäsche aus der Bronzezeit, deftige Fresken aus Athen und Stoffkondome, die in Milch getaucht wurden.
Doch wie sind die jüngsten Funde zu interpretieren? Aufgrund der neuen Entdeckungen ist ein alter Zwist wieder entfacht. Zwei Lager streiten um ein grundsätzliches Problem. Die Frage lautet: Lebten unsere Vorfahren locker und ungehemmt? Oder war in der Urwelt Askese angesagt?
* Soziobiologen unterstellen den frühen Hominiden promiske Wurzeln. Liebestoll seien sie durch die Flora gesprungen, einem genetischen Diktat überschießender Hormone folgend.
* Die "Tabuisten" dagegen nehmen an, dass bereits auf den Urmenschen ein strenges System aus Triebverzicht und Enthaltsamkeit lastete - kein Spaß im Neandertal.
Welten treffen da aufeinander. In dem einen Szenario wird gerammelt und geschleckt; die Steinzeit-Frauen, meint die US-Anthropologin Helen Fisher, "schlugen sich ständig mit anderen Partnern in die Büsche" - im anderen Szenario dagegen herrscht die meiste Zeit über tote Hose.
Der sächsische Sexprotz und die Lehmbrüste vom Bodensee lassen sich denn auch völlig unterschiedlich deuten. Für die Tabuisten gehörten diese Kunstwerke zu streng reglementierten Fruchtbarkeitskulten. Die Soziobiologen hingegen sehen in ihnen einen Beweis dafür, dass die frühen Ackerbauern Tag und Nacht nur das eine im Kopf hatten und es folglich nach Lust und Laune miteinander trieben.
Besonders hitzig wogt die Debatte auch um die altsteinzeitlichen Phallusstäbe. Bis zu 32 000 Jahre sind die Pikser alt. Die einen deuten sie als Dildos zum lustvollen Einführen in die Vagina. Die anderen sehen darin Werkzeuge, mit denen einst die Mädchen der Eiszeit rituell entjungfert wurden.
Immerhin kann sich die Tabu-Fraktion auf große Vordenker stützen. Schon Charles Darwin nahm an, dass die Menschen einst in "kleinen Horden" lebten, geleitet von Anführern, die alle Frauen bewachten. "Nach allem, was wir von der Eifersucht wissen", schreibt er, sei "eine allgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich".
Statt Lust und Erotik, so Darwins Vermutung, tobte in der Altsteinzeit ein Dauerstreit. Die stärksten Macker legten sich einen Harem zu. Wer leer ausging, machte auf schwul oder begann (wie die Schimpansen) zu onanieren. Oder er sann auf Rache und ermordete den Anführer.
Um den permanenten Unfrieden zu stoppen und überhaupt im sozialen Verband leben zu können, glaubte auch Sigmund Freud, habe das aufrecht gehende Wesen das älteste Sittengesetz der Welt ersonnen: den Totemismus.
Dieses System sorgte zwar für Ruhe und Ordnung. Zugleich aber bürdete es dem Einzelnen einen horriblen Triebverzicht auf.
Tatsache ist: Noch im 19. Jahrhundert lebten viele Naturvölker in Afrika und Australien in totemistischen Gemeinschaften. Sie begegneten sich scheu und schamhaft. In einigen Stämmen durfte der Bruder
die Schwester nicht beim Namen nennen. Sie zu berühren war ihm verboten. Eine Heirat innerhalb des Dorfes war nahezu unmöglich (siehe Grafik Seite 151).
Die Tabuisten sind sicher: Bei ungebremster Gier und Wollust wäre der Mensch nie zur Krone der Schöpfung aufgestiegen.
Nur im Ritus - an wenigen, besonderen Tagen des Jahres - sei der rauschhafte Durchbruch der Sinne erfolgt. In leidenschaftlichen Orgien und Gelagen schufen sich die Clans ein Ventil für den im Alltag angestauten sexuellen Überdruck, der im Lauf der Zivilisation immer weiter anwuchs.
Wie sich dieser Weg vom Tier zum schamhaften Menschen im Detail vollzog, ist indes umstritten. Schon der Homo erectus baute vor 370 000 Jahren kleine Grashütten, mit Platz für vier bis acht Personen. Für Intimität war da kein Platz.
Wie also half sich der erigierte Erectus? Bat er seine Frau zum Quickie zwischendurch, wenn die anderen im Wald Beeren sammelten? Oder stöhnten die beiden nachts ihren Mitbewohnern die Ohren voll?
"Schon vor 40 000 Jahren gab es strenge Sexualgebote", glaubt zumindest der Berliner Ur- und Frühgeschichtler Svend Hansen. "Hohe Geburtenraten waren unter wildbeuterischen Lebensbedingungen nicht willkommen."
Der Grund: In Gruppen von 15 bis 30 Personen zogen die fellbewehrten Steinzeit-Jäger durchs Biotop. Jedes Baby war ein gefährlicher Ballast. Schwer lag es auf dem Rücken der Mutter.
Deshalb mussten die Nomaden die Fruchtbarkeit eindämmen. Neben "pflanzlichen Verhütungsmitteln und einem Verbot des Geschlechtsverkehrs durch Tabus", so Hansen, habe man auch zu blutigen Mitteln wie "Abtreibung und Kindstötung" gegriffen.
Ergebnis: Die Bevölkerung blieb über Jahrzehntausende stabil. Revierstreitereien mit den Nachbarclans blieben die Ausnahme.
Dass die Urmenschen dem Eros dennoch einen hohen Stellenwert einräumten, leugnen auch die Tabuisten nicht. Aber statt sich ständig zu begatten, so ihre Ansicht, hätten die Geröllheimer ihr geschlechtliches Verlangen gezügelt, "sublimiert" und zu Kunst umgeformt.
Auch für diese Annahme liegen jetzt neue Indizien vor: Es geht um die berühmten drallen Damen aus dem Lande Feuerstein, die "Venus-Statuetten".
Losgetreten wurde dieser Kult vor 35 000 Jahren von den ersten modernen Menschen, die ins kalte Europa vordrangen. Kaum auf dem Kontinent angekommen, erfanden sie die Bildhauerei - und nutzten diese Kunstfertigkeit sogleich, um Nackedeis zu formen.
Liebestollen Steinmetzen gleich begannen die Männer zu klopfen und zu hämmern. Über 200 Venus-Statuetten sind bekannt - allesamt adipöse Schönheiten mit Körbchengröße DD und Speckhüften. Manche tragen Armbänder oder Gürtel, was ihre Nacktheit noch zu steigern scheint.
Lange Zeit galten die Statuen als Pin-up-Girls. "Rohe animalische Wollust" hätten die Künstler wecken wollen, befand der Prähistoriker Rudolf Feustel. Eine der Figuren wurde sogar als SM-Sklavin gedeutet. Sie trägt Armbänder, die wie Fesseln aussehen.
Den Soziobiologen passen solche Hinweise in den Kram. Sie nehmen die Skulpturen als Beleg, wie zügellos es einst am Lagerfeuer zuging.
Aber wurden die rubenshaften Püppchen tatsächlich in pornografischer Absicht gefertigt? Neue Untersuchungen legen nahe, dass die dargestellten Frauen nicht einfach propper, sondern schwanger sind. Die Venus von Monpazier (Frankreich) hat eine geöffnete Vulva. Bei einer anderen ist der Bauch nach unten gewölbt, im Schoß steckt ein Zapfen - der Moment der Geburt.
Statt geil zu wirken, dienten die Statuetten offenbar als Objekte der Verehrung. Es waren Ur-Mamas, Symbole der Fruchtbarkeit und Schöpferinnen des Lebens.
Detailgetreu sind die Damen geformt, einige haben Schamhaare, Locken und einen großen Bauchnabel - Meisterwerke aus der Eiszeit.
Gleichwohl beruht das Hohelied der Schwangerschaft, das die Männer des Gravettien (vor 30 000 bis 24 000 Jahren) sangen, wohl nur auf einer Wissenslücke. Die Kerle hätten schlicht "die biologische Funktion des Sex nicht verstanden", glaubt Jill Cook vom British Museum in London.
Erstaunt beäugten die Herren des Keulenzeitalters den weiblichen Leib, der zuweilen anschwoll wie der Mond, bis dem Schoß ein kleiner Schreihals entstieg. Was für ein Wunder!
Sie selbst schienen an dem Vorgang keine Anteil zu haben. Entsprechend groß, so Cook, war die Ehrfurcht vor den Müttern. Mit Lüsternheit habe all das nichts zu tun gehabt.
Bald aber schwante den Männern offenbar doch eine Beteiligung. Vor etwa 20 000 Jahren brach der Venus-Kult ab. Ein neues Motiv kam in Mode, die "vermischten Bilder": Der Begriff steht für die gemixte Darstellung männlicher und weiblicher Genitalien.
Regelrecht beschmiert ist die Höhle von La Marche in Westfrankreich. An ihren Wänden prangen 14 000 Jahre alte Zeichnungen wie aus dem Kamasutra.
Ein Bild wirkt wie die Darstellung von Oralsex - ein Kopf versinkt zwischen
den Oberschenkeln einer Frau. Eine anderes zeigt ein stehendes Paar, das sich umschlingt, während der Penis des Mannes in die Partnerin eindringt.
Als Beweis für freie Liebe im Paläolithikum können die Graffiti allerdings kaum gelten. Sie sind wenig sorgsam hingekritzelt und erinnern an Kloschmierereien - als hätte ein einsamer Fred Flintstone seine erotischen Phantasien mit dem Ritzmesser ausgelebt.
Gleichwohl sind die Bilder von enormer Bedeutung. Viele Forscher sehen in ihnen den Beginn einer neuen Epoche. Umgeben von tropfenden Gletschern, hart am Rande der Sesshaftwerdung habe der Mensch die Verbindung zwischen Zeugung und Geburt erkannt. Deshalb sei der Geschlechtsakt ins Zentrum seines Interesses getreten.
All diese Überlegungen gewinnen durch den Adonis von Zschernitz nun jäh an Gewicht. Übergroß ist der Penis der bei über 600 Grad gebrannten Tonpuppe modelliert. Auf ihrem Hintern befinden sich geritzte Dreiecke. Womöglich sind es Tätowierungen.
Mit Fragen der Fortpflanzung kannte sich sein Schöpfer gut aus. Er lebte in einer urigen Siedlung mit Reetdachkaten. In den Pferchen brüllten Rinder und Schweine, die durch Auslese schon gezielt gezüchtet wurden.
Von der weiblichen Statue sind nur noch die Oberschenkel übrig. Die Bruchstelle zeigt jedoch, dass sich darüber ein ballonartiges Gesäß wölbte.
Harald Stäuble vermutet, dass die 30 Zentimeter hohen Figuren an einem hervorgehobenen, sakralen Ort standen. Schließlich seien sie absichtlich zerbrochen und in den Müll geworfen worden, um deren "magische Kraft" zu zerstören.
Nur, welches Fruchtbarkeitsfest wurde hier gefeiert? Von Ethnien aus Afrika ist bekannt, dass sie in Kornfeldern kopulierten, um das Getreide zum Wachsen zu bringen. Auch bei den Bandkeramikern vor 7000 Jahren drehte sich alles um Aussaat, Reife und Ernte.
Womöglich standen die Idole aber auch im Mittelpunkt einer Art Karneval, einer trunkenen Orgie, bei der die ersten Farmer Europas sich austobten.
Dass es bereits zu diesem frühen Zeitpunkt - lange vor dem Pyramidenbau - spezielle Erotikriten gab, belegt der mysteriöse Ur-Tempel vom Bodensee.
"Das Kulthaus stand auf Pfählen direkt am Ufer", erklärt der Ausgräber Helmut Schlichtherle. Innen war es mit weißen Tupfen bemalt.
Das Besondere: Aus den Wänden wuchsen acht große Brüste aus Lehm heraus - ein Bild wie im Eros-Center.
Dass es in dem Heiligtum einst hoch herging, mit Nebelschwaden und Ekstase, dafür liegen Indizien vor. Feinste Stoffreste kamen zum Vorschein, es könnten Teile von Priestergewändern sein. Zudem lag im Schutt ein prachtvolles Zeremonialgefäß, gefüllt mit Birkenpech.
Unter Erwärmung gibt diese Substanz einen betörenden Duft ab. Birkenpech war der Weihrauch der Steinzeit. MATTHIAS SCHULZ
* Das Begleitbuch "100 000 Jahre Sex" ist im Theiss-Verlag, Stuttgart, erschienen; 108 Seiten; 22 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 14/2005
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