04.04.2005

INTELLEKTUELLEDer ewige Rebell

Jean-Paul Sartre war vielen verhasst und schien zuletzt fast vergessen, doch zum 100. Geburtstag entdeckt Frankreichs Kultur-Establishment den Denker und Schriftsteller neu - und gestattet dem rätselhaften großen Mann eine überraschende Rückkehr aus dem Fegefeuer.
Der plötzliche Ruhm stieß ihm zu wie ein Unfall. "Die Bekanntheit, für mich war sie der Hass", schrieb Jean-Paul Sartre später. Sein Vortrag "Der Existentialismus ist ein Humanismus" im Oktober 1945 hatte einen ungeheuren Widerhall ausgelöst. Kommunisten und Christen fielen gleichermaßen über den Ketzer her, Fotografen verfolgten ihn wie einen Filmstar auf der Straße, Sartre war in allen Zeitungen, Frauen sanken bei seinem Anblick in Ohnmacht, und wenn er mit seiner Gefährtin Simone de Beauvoir das Café de Flore in Saint-Germain-des-Prés betrat, ging ein raunendes Gewisper durch die Menge der anwesenden Gäste. Aber auch zwei Sprengstoffanschläge gegen seine Wohnung wurden verübt.
Der Hass ist verflogen, die Faszination – in seinem Fall eine einzigartige Mischung aus Bewunderung, Abscheu und Hohn – ist geblieben. 100 Jahre nach seiner Geburt am 21. Juni 1905 und 25 Jahre nach seinem Tod am 15. April 1980 erregt Sartre noch immer die Leidenschaft der französischen Nation, die in ihm den vollkommenen, den totalen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts sieht: Philosoph, Romancier, Dramatiker, Agitator, Publizist und Kunsttheoretiker in einem.
"Man muss alles von Sartre wiederlesen. Alles", befiehlt kategorisch Bernard-Henri Lévy, gefeierter wie umstrittener Medienautor des Werks "Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts" und selbst doch nur ein schwacher Abklatsch des Meisters.
Die Französische Nationalbibliothek widmet dem Denker in allen seinen Lebensabschnitten eine monumentale Ausstellung mit unzähligen Dokumenten und Manuskripten aus ihrem gewaltigen Fundus, darunter auch einigen unveröffentlichten Texten. Auf dem Umschlag des Katalogs prangt Sartre in einer Aufnahme, die 1946 während der Proben zu seinem Theaterstück "Die ehrbare Dirne" gemacht wurde – schielend, die rechte Hand merkwürdig gekrümmt. Die bedenkenvollen Herausgeber haben die Zigarette wegretuschiert, die der Kettenraucher auf dem Original zwischen den Fingern hielt – als gelte es, die Jugend auch heute noch vor den Regelverletzungen und Grenzüberschreitungen des großen Verführers zu schützen. Political correctness als hygienische Zensur.
Zweifellos war Sartre einer der bedeutendsten Zeugen seiner Zeit. Mit seinem Genie, seinen Widersprüchen und seinen Verirrungen blieb der ewige Rebell sich treu im Kampf für die Freiheit des Einzelnen wie der Nationen. Seine Bücher und seine Worte haben den ganzen Planeten umkreist, Amerika feierte ihn, Italien wurde seine zweite Heimat, die Dritte Welt sah in ihm ihren klügsten und radikalsten Fürsprecher.
Als er 1980 starb, ein erschöpfter Greis mit erloschenen Augen und zahnlosem Mund, aus dem mit schwacher Stimme undeutliche letzte Worte klangen, trat dieser Papst der 68er-Bewegung augenblicklich ins Reich der Legende ein – vergrößert, verklärt, entrückt. Gut 50 000 Menschen, darunter Bernard-Henri Lévy, hatten sich dem Trauerzug zum Friedhof von Montparnasse angeschlossen. Die, die ihm Lebewohl sagten, nahmen auch Abschied von einer Epoche. Doch die Apotheose schien zugleich Vergessen und Gleichgültigkeit einzuleiten: Wurden mit Sartres Leichnam nicht auch seine Werke und Gedanken beerdigt?
Jetzt, im 100. Geburtsjahr des Aufklärers und Verblenders, setzt in Frankreich und darüber hinaus eine erstaunlich intensive Wiederbesinnung ein. Etwa 15 Kolloquien und Tagungen in Paris, Lyon, Amiens, aber auch in Italien und Spanien beschäftigen sich mit dem Prototyp des revolutionären Intellektuellen. Der elitäre Radiosender France Culture strahlt fast zwei Wochen lang ein Sartre-Kompaktprogramm aus. Sein Verlag Gallimard veröffentlicht sämtliche Theaterstücke in einer Neuausgabe und wirbt für die Tagebücher aus der "Drôle de guerre", der Zeit zwischen dem 2. September 1939, als Sartre mobilisiert wurde, und seiner Gefangennahme 1940 durch die Deutschen mit anschließender Verwahrung im Stalag XII D bei Trier.
Eine Welle neuer Studien und Biografien spült in die Buchhandlungen. Literarische und historische Magazine setzen ihn auf den Titel, als würfe der "kleine Mann", wie seine Jugendfreunde ihn nannten, plötzlich wieder einen langen Schatten, mit Schlagzeilen wie: "Muss man Sartre verbrennen?" Oder: "Sartre ohne Tabu."
In der Wiederbeschäftigung wird der rätselhafte große Mann jenseits blinder Gefolgschaft oder hasserfüllter Gegnerschaft neu entdeckt, interpretiert und größtenteils rehabilitiert – eine überraschende Rückkehr aus dem Fegefeuer.
Nun, zum "centenaire", steht Sartre im kollektiven Gedächtnis der französischen Nation wohl endgültig in einer Reihe mit Voltaire, Victor Hugo und Emile Zola. Aber in diese Anerkennung mischt sich eine gehörige Portion Nostalgie – die Ahnung, dass Sartre womöglich das letzte Monster einer aussterbenden Art war, ein "philosophischer Dinosaurier" (Lévy), einer jener verfluchten und geliebten Söhne der Republik, die gerade durch ihren systematischen Widerstand gegen die Herrschenden und ihre Institutionen im Namen der Unterdrückten und Entrechteten Frankreichs Ruhm als universale Stimme des Gewissens in der Welt verbreiteten.
Der Berufsintellektuelle im modernen Sinne des Wortes ist in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts während der Dreyfus-Affäre entstanden. Akademiker, Künstler und Schriftsteller, allen voran Zola ("J'accuse"), ergriffen öffentlich Partei für den zu Unrecht von einem Militärgericht wegen Spionage verurteilten jüdischen Hauptmann, mit Petitionen, Denkschriften, in Kundgebungen und Vereinigungen für die Menschenrechte. Als die Justiz ihren Irrtum erkennen musste, entschuldigte sich der Kriegsminister zerknirscht im Kabinett: "Meine Herren, wir sitzen in der Scheiße, aber sie ist nicht meinem Hintern entkrochen."
Dieser Sieg war der Geburtsakt der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Sie hatten Recht behalten gegen die Staatsgewalt, die Ehre eines Unschuldigen gerettet und "dienten damit als Vorbild für die Intellektuellen der ganzen Welt", so die US-Forscherin Venita Datta.
Dieser Glanz strahlte so hell, dass die Intellektuellen danach ihre Autorität selbst dann nicht verloren, wenn sie ungeheuerliche Fehler begingen. Sartre verteidigte nacheinander Stalin, Mao, Castro und Ché Guevara, Chruschtschow, Tito, Pol Pot und die terroristische Rote Armee Fraktion in Deutschland (mit seinem spektakulären Besuch bei Andreas Baader im Hochsicherheitstrakt von Stammheim). Er erlag allen großen politischen Irrtümern und dem Totalitarismus der zweiten Hälfte seines Jahrhunderts. Nach seinem Gespräch mit Baader, zu dem ihn Daniel Cohn-Bendit als Dolmetscher begleiten wollte, soll er immerhin eingestanden haben: "Was für ein Arschloch, dieser Baader!"
Bei seinen Reisen in die Sowjetunion, nach Kuba, China oder Jugoslawien fiel der scharfe Denker erstaunlich leicht auf propagandistischen Schwindel herein: "Die Freiheit der Kritik ist in der UdSSR total", behauptete Sartre nach einem Besuch 1954. Und: "Wenn jemand mir noch einmal zu sagen versucht, dass in der Sowjetunion die Religion verfolgt oder verboten wird, schlage ich ihm die Fresse ein."
Er lobte die rasch hochgezogenen Mietskasernen in den Moskauer Vororten und empfahl sie seinen Landsleuten zur Nachahmung – was in den Pariser Banlieues leider geschah, mit teilweise katastrophalen sozialen Folgen wie der Entstehung krimineller Ghettos.
In Litauen fragte ihn ein sowjetischer Journalist, was er von dem US-Vorwurf halte, die baltischen Völker würden in der Sowjetunion unterdrückt. "Ich habe keine Sklaven getroffen", antwortete Sartre, "die Menschen machen einen fröhlichen Eindruck." Trotzdem setzte der Geheimdienst auf den prominenten Fellowtraveller, der freilich 1968 nach der Unterdrückung des Prager Frühlings endgültig mit dem Kommunismus in dessen sowjetischer Variante brach, eine junge Frau an, die ihn mühelos verführte und bespitzelte. Ihre Berichte wurden 1991 teilweise veröffentlicht – Dokumente von erschütternder Peinlichkeit, vergleichbar den Stasi-Akten deutscher Prominenter.
Kurz vor seinem Tod war Sartre – krank, unfähig zu lesen und zu schreiben, die meiste Zeit im Dämmerzustand – drauf und dran, sich gewissermaßen zu bekehren. Er setzte noch einmal an, sich wie ein begnadeter Phönix neu zu entfalten, im letzten seiner eigenen Widersprüche.
Zusammen mit dem Totalitarismus-Kritiker Raymond Aron, den er als Student kennen gelernt hatte und mit dem er seit 30 Jahren verfeindet war, und dem eine Generation jüngeren Philosophen André Glucksmann bat Sartre den ansonsten verachteten Staatschef Valéry Giscard d'Estaing darum, vietnamesischen Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Er wollte diesen Boatpeople, die in überfüllten Kähnen das Weite über den Ozean suchten, ein "Auschwitz auf dem Wasser" ersparen. Was am Ende für ihn zählte, war nur noch das Leiden der menschlichen Kreatur, nicht die Verheißung eines paradiesischen Endzustands der Geschichte.
Der revolutionäre Intellektuelle, der "Spinoza und Stendhal zugleich" sein wollte, betrachtete das Schreiben als eine Form des Handelns, denn damit verbrachte er die meiste Zeit. Bis er erblindete, schrieb Sartre jeden Tag sechs Stunden wie ein Getriebener, gedopt durch Zigaretten, Alkohol und Amphetamine.
700 Seiten für "Das Sein und das Nichts", 2000 Seiten Romane in der Dünndruckausgabe der Pléiade, 1300 Seiten für die "Kritik der dialektischen Vernunft", 3000 Seiten für die Flaubert-Studie "Der Idiot der Familie". Allein in den zehn Jahren zwischen 1943 und 1953 veröffentlichte er vier philosophische Essays, drei Romane, einen literarischen Essay, ließ sechs Theaterstücke aufführen, redigierte zwei Filmdrehbücher, verfasste ein Chanson für Juliette Gréco und gründete die einflussreiche Monatszeitschrift "Les Temps Modernes", zu deren erstem Mitarbeiter er wurde.
"Kein französischer Intellektueller kann ihm in dieser Zeit den ersten Platz streitig machen; kein Schriftsteller, kein Philosoph kann mit seiner immensen Produktion wetteifern. Es gibt tatsächlich ein Phänomen Sartre, so wie im vorangegangenen Jahrhundert ein Phänomen Hugo", resümiert der Historiker Michel Winock.
Seine Wörter waren wie Waffen, sie sollten verletzen und seine Gegner sogar zerschmettern. Der Polemiker schreckte nie vor Beleidigungen und Demütigungen zurück; weil er seine eigene Sache mit der des Volkes identifizierte, behielt er in seinen Augen immer Recht – und das letzte Wort, egal welche Wendungen er vollzog. So erhob er die Verantwortungslosigkeit des revolutionären Schriftstellers zur absoluten Norm: "Ich bin durch nichts gebunden, was ich geschrieben habe."
Wie konnte sich der freieste Mensch, der beste Schriftsteller, der bis zum Schluss bekennende Antiautoritäre, der als Existentialist die radikale Freiheit des Einzelnen propagierte, in einen intellektuellen Scharfrichter verwandeln, worüber frühzeitig die Freundschaft mit dem empfindsamen Albert Camus zerbrach?
Sartres intellektuelle Schizophrenie ist nicht einfach ein Produkt verschiedener biografischer Phasen, sie folgt nicht der Chronologie eines letztlich tragischen Lebenslaufs. Es gibt nicht zuerst den guten, reinen, mitleidenden Sartre (etwa den des "Ekels" oder den der "Wege der Freiheit") und dann den bösen, verirrten Apologeten der Gewalt (etwa in der "Kritik der dialektischen Vernunft"). Beide sind ständig vermischt, existieren auf bizarre Weise miteinander, als hätte Sartre im Denken und Schreiben gleichzeitig zwei Stadien der Inspiration durchlaufen: das Gute und das Böse, das Verlangen nach Freiheit und die Lust an der Unterdrückung.
Dieser Zwiespalt schuf am Ende das mythische Bild eines zugleich abstoßenden und angebetenen Schriftstellers. Als Denker wirkte Sartre wie ein Magnet, um den sich die Widersprüche seiner Epoche positiv und negativ anordneten. Der Umfang, die Vielfalt, die Evolution des gewaltigen und eindrucksvollen Werks spiegeln Sartres Jahrhundert in einem Konzentrat, scharf und verzerrt zugleich.
Die ewige Wiederkehr der Enttäuschung, der Niederlage und der Desillusionierung ist das eindeutigste Symptom des Fluchs, der von Anfang an über den französischen Intellektuellen lastete. Auch darin ist Sartre exemplarisch. Der Zusammenbruch des Kommunismus und der Arbeiterbewegung hat dem Typus des revolutionären Intellektuellen seine Existenzgrundlage entzogen.
Deshalb sieht die Zukunft der Intellektuellen in Frankreich seit Sartres Tod trübe aus. Régis Debray, der 1967 mit Ché Guevara durch den bolivianischen Dschungel zog und später Präsidentenberater bei François Mitterrand wurde, hat das Endstadium konstatiert: "I.T., Intellectuel Terminal". Die Helden des Denkens sahen ihre Mission darin, als Wissende den Mächtigen im Namen der Unterdrückten die Wahrheit entgegenzuschleudern und die "Verräter" am Volk zu bekämpfen. Doch dafür brauchten sie starke soziale Strömungen und Klassenkämpfe, auf die sie ihre Analysen und Predigten aufbauen konnten und die ihren Thesen realen Widerhall gaben. Seit diese gesellschaftlichen und politischen Stützen weggebrochen sind, durchlaufen die Intellektuellen in Frankreich orientierungslos eine tiefe Krise.
Die Zeit des engagierten Philosophen à la française, der ebenso gut Guerillero wie Agitator, Schriftsteller wie Journalist und Wissenschaftler sein konnte, ist abgelaufen. Er ist gewissermaßen ein Kollateralopfer der Globalisierung geworden.
"Zuerst die Intellektuellen verteidigen!", gab der vor drei Jahren verstorbene Soziologe Pierre Bourdieu, wichtigster Theoretiker der Globalisierungsgegner, fast verzweifelt als Losung aus. Doch sie werden nicht mehr wirklich ernst genommen, seit die Geschichte ihre Ohnmacht erwiesen hat. Die jungen Denker von heute in Frankreich verlassen den Morast der Politik und der sozialen Auseinandersetzungen; sie ziehen sich auf den öden, aber festen Boden ihrer Spezialität oder ihrer Wissenschaft zurück – in ihrer Mehrzahl angepasste Regierungsintellektuelle, die bestenfalls moderate Reformpläne in offiziellen Kommissionen ausarbeiten.
Für Sartres Nachfolge ist weit und breit kein Kandidat in Sicht. Schade, denn dem kleinen Mann, der sein Leben lang unter seiner krötenhaften Hässlichkeit litt und doch die Welt eroberte, fehlte es weder an Größe noch an Charme. ROMAIN LEICK
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 14/2005
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