11.04.2005

MUSIKKlopfzeichen des Schicksals

In nur sechs Jahren hat sich der mexikanische Tenor Rolando Villazón an die Weltspitze gesungen. Im Sommer will er erstmals in Salzburg auftreten.
Er wollte als Priester predigen oder als Clown Faxen machen, doch schließlich nahm er Schauspiel- und Ballettunterricht - und wurde erst mal Grundschullehrer. Der Wirrwarr der Berufe und Berufungen in Rolando Villazóns Leben legte sich erst, als er seine Bestimmung gefunden hatte: die Opernbühne.
Heute, nach nur sechs Jahren internationaler Gesangspraxis, gilt Villazón, 33, als herausragende Begabung unter den jungen Tenören, gebucht in Los Angeles wie in New York oder Salzburg. Seine Auftritte werden bejubelt, seine beiden Arien-Alben - zuletzt eine CD mit französischem Repertoire - sind Verkaufshits. Kritiker attestieren ihm "Ausnahmerang".
"Wir, die junge Generation", sagt Villazón selbstkritisch über seine Blitzkarriere, "brauchen den schnellen Erfolg, wir müssen aber gleichzeitig ernsthaft und geduldig sein, damit wir uns nicht zu etwas zwingen, wozu wir noch nicht reif sind." Spätestens seit der "Carmen"-Premiere Ende des vergangenen Jahres an der Berliner Staatsoper unter den Linden wissen auch die deutschen Musikfreunde, dass der Mexikaner reif für Superlative ist.
Dort interpretierte er Carmens eifersüchtigen Liebhaber Don José als einen an sich selbst leidenden Mörder wider Willen, und die ansonsten nicht zu Überschwang
neigende "Frankfurter Allgemeine" überschüttete den Sänger mit einer Lobeshymne, für die sich eine PR-Agentur wegen unverfrorener Unbescheidenheit schämen müsste: "Für diesen jungen mexikanischen Tenor allein lohnt es sich, dieser Tage in die Lindenoper zu laufen", hieß es dort, "oder, wenn es sein muss, bis ans Ende der Welt."
Und die Fans kommen in Scharen nicht nur wegen seiner Stimme, die kraftvoll, aber nicht protzig tönt und in der Höhe mit lyrischem Schmelz glänzt - der Mann mit den schwarzen Locken und dem leidenschaftlichen Blick kann auch noch spielen. Mit vollem Einsatz stürzt er sich in die Rollen und macht aus Museumsstücken der Musikgeschichte zeitlose Lebensdramen.
Für die Opernbühne wurde Rolando Villazón erst spät entdeckt. Er begann als Elfjähriger in seiner Geburtsstadt Mexico City an einer Musikakademie zu studieren, aber es dauerte sieben Jahre, bis ihm der Bariton Arturo Nieto Mut machte, es mit der Oper zu versuchen.
Erst als er sein Pädagogikstudium beendet und für kurze Zeit als Geschichtslehrer gearbeitet hatte, absolvierte Villazón Meisterklassen bei der emeritierten Operndiva Joan Sutherland in San Francisco und ein Engagement beim "Young Artists Program" der Oper von Pittsburgh mit ersten Auftritten in Bellini- und Donizetti-Produktionen. Aber erst als er 1999 den zweiten Platz im Operalia-Gesangswettbewerb von Plácido Domingo belegte, wurden die großen Opernhäuser der Welt hellhörig. Noch im selben Jahr sang Villazón in Genua den Chevalier Des Grieux in "Manon" von Massenet, danach war sein Terminkalender voll.
Die Ochsentour durch die Provinz blieb ihm erspart. Villazón musste und durfte sich aus dem Stand bewähren und trat bald schon mit Anna Netrebko auf, der russischen Beauty des Belcanto. In Los Angeles sang er mit der jungen Primadonna in Gounods "Roméo et Juliette". In diesem Sommer ist das aktuelle Traumpaar der Opernszene bei den Salzburger Festspielen für "La Traviata" engagiert.
Man müsse sich um ihn nicht sorgen, sagt der Sänger, er habe sich bei seinem internationalen Blitzstart durchaus "reif für die großen Bühnen" gefühlt: "Die Chance klopft bei dir an, und du klopfst bei der Chance an." Solche Klopfzeichen des Schicksals zu überhören wäre fatal. Plattenindustrie, Opernbetrieb, aber auch das Publikum haben kaum noch Geduld mit jungen Talenten: Top oder Flop.
Weil Villazón so rasant durchstartete, ist sein Repertoire immer noch klein und beschränkt sich im Kern auf die schmachtenden Helden aus der Evergreen-Abteilung, Marke "Tosca" oder "La Traviata".
So arbeitet er weiter an der Technik und an den Rollen und hofft, "nicht die Kunst an den Ruhm und das glanzvolle Leben" zu verraten. Aber auch die Seele braucht Pflege. Regelmäßig konsultiert Villazón immer noch seinen in Mexico City residierenden Psychoanalytiker, der ihm sogar beruflichen Rat erteilt - wenn es sein muss per Telefon.
20 Jahre auf der Opernbühne hat der Sänger erst einmal im Visier. In diesem Zeitraum will er sich das schwerere Tenorfach erarbeiten und, wenn es denn hinhaut, wie sein Vorbild Domingo auch zu Richard Wagners Helden wechseln.
"Bis ich 50 bin, will ich alles singen, was ich mir zu singen vorgenommen habe. Danach werden wir sehen." Zur Not, scherzt er, könne er immer noch in Paris auf dem Montmartre-Hügel vor der Kirche Sacré Coeur als Karikaturist arbeiten. Denn Cartoons zu zeichnen ist Villazóns Hobby. Und mindestens das hat er mit dem Größten seines Fachs gemeinsam: mit Enrico Caruso. JOACHIM KRONSBEIN
* Oben: in der Los Angeles Opera; unten: in der Donizetti-Oper "L''elisir d''amore" in der Berliner Staatsoper (2002).
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 15/2005
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