25.04.2005

FOTOINDUSTRIEBlende zu

Die Traditionsfirma Leica steht vor dem Aus. Zu lange hat der letzte namhafte deutsche Kamerahersteller den Trend zur Digitaltechnik unterschätzt.
Hanns-Peter Cohn gab sich ganz zuversichtlich. "Die Digitaltechnik", erklärte der Chef der Kamerafirma Leica, sei "wie die E-Mail ein Ausdruck unserer Zeit" - also nur ein kurzes "Intermezzo". "Fotografieren", sinnierte der Manager im September in einem SPIEGEL-Interview, "ist etwas anderes, etwas Besinnliches - das wird es immer geben."
Zumindest für den traditionsreichen Kamerahersteller Leica ist das keineswegs mehr gewiss. Wenige Wochen nach seiner vollmundigen Ewigkeitsprognose für die herkömmliche Fotografie gab Cohn seinen Job in der Leica-Zentrale im hessischen Solms auf. Mitte April musste auch Cohns Nachfolger den Chefsessel räumen. Seither versucht der neue Interimschef Josef Spichtig, das Unternehmen vor dem finanziellen Kollaps zu retten - Ausgang offen.
Die Umsätze brechen weg, und mit einem Minus von 15,5 Millionen Euro rutschte die Kultfirma im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr tiefer in die roten Zahlen als je zuvor im vergangenen Jahrzehnt. Kommt Ende Mai die eilig geplante Kapitalerhöhung nicht zustande, dürfte für die Firma, in der vor 80 Jahren die erste Kleinbildkamera der Welt in Serie ging, der Weg zum Konkursrichter unausweichlich sein.
Für Branchenkenner grenzt es ohnehin an ein Wunder, dass die Firma als letzter bedeutender Vertreter der einst legendären deutschen Kameraindustrie so lange überlebt hat. Unternehmen wie Rollei, Voigtländer oder Zeiss Ikon sind längst unter dem Ansturm der japanischen Konkurrenten zusammengebrochen. Leica dagegen stellt noch immer einen Großteil der bis zu 10 000 Euro teuren Kameras in Handarbeit her - und schien dennoch allen Umwälzungen des Fotomarkts zu trotzen.
Dabei mangelte es nicht an Krisen in dem 1869 von Ernst Leitz in Wetzlar gegründeten Optik-Unternehmen, das sich zunächst auf Mikroskope spezialisiert hatte, ehe es sich 1925 mit den Leitz-Cameras (Markenname Leica) zu einem Pionier der Fotografie wandelte. Schon Anfang der siebziger Jahre, als Firmen wie Canon, Nikon und Minolta die japanische Offensive einleiteten, stand die Firma am Abgrund. Nur der Verkauf an die schweizerische Industriellenfamilie Schmidheiny rettete die Firma, die alle technischen Spielereien der neuen Konkurrenten aus Asien strikt ablehnte und stattdessen auf Präzision und Langlebigkeit ihrer Kameras setzte.
Das Festhalten an der Tradition bewirkte Anfang der neunziger Jahre eine Renaissance der Kultmarke - innerhalb weniger Jahre verdoppelte sich der Umsatz auf umgerechnet über 100 Millionen Euro. Und die Schweizer Besitzer sahen mit einem Mal eine gute Chance, die lange kriselnde Firma doch noch mit Gewinn abzustoßen.
Der Börsengang im Jahr 1996 gab sogar schon eine Vorahnung auf den Hype der bald folgenden Ära der New Economy. Fast 20fach überzeichnet waren die zum Preis von umgerechnet 24 Euro angebotenen Aktien der Leica Camera AG.
Doch damals wie heute basierte das Geschäftsmodell auf dem Prinzip Hoffnung. Bis zum Geschäftsjahr 1998/99, so die rosarote Prognose des damaligen Managements, sollte der Umsatz auf 170 Millionen Euro steigen - ein Wert, der niemals erreicht wurde. Aus den versprochenen Gewinnen wurden bald herbe Verluste. Der 1999 als Sanierer berufene Cohn setzte die Schönfärberei seiner Vorgänger fort. "Wir haben Leica saniert und gehen jetzt in die Offensive", verkündete er im April 2000, als nach drastischen Kostensenkungen gerade wieder die Gewinnzone erreicht war.
Ein Jahr später gab er das Motto aus: "Blende auf für schwarze Zahlen". Die Haltbarkeit solcher Prognosen war begrenzt. Schon im Geschäftsjahr 2002/03 rutschte die Firma wieder tief in die Verlustzone. Jetzt droht der endgültige Filmriss. Nun rächt sich, dass die Traditionsfirma viel zu lange den Trend zur Digitaltechnik unterschätzte. Zwar hat Leica seit einigen Jahren auch Digitalkameras im Programm, doch die stammen im Wesentlichen aus Japan und bringen kaum Geld in die Kasse.
Eine digitale Spiegelreflexkamera für hohe Ansprüche, wie sie Canon, Nikon und Minolta seit langem im Angebot haben, fehlt. Eine Kombi-Lösung, bei der analoge Spiegelreflexkameras mit ein paar Handgriffen in eine Digitalkamera verwandelt werden können, sollte eigentlich im Oktober auf den Markt gebracht werden und verzögert sich immer weiter. Nach neuester Planung sollen die 4500 Euro teuren Adapter im Mai in die Geschäfte kommen.
Dann könnte es womöglich zu spät sein. Mindestens 22 Millionen Euro muss Leica bei den seit Jahren vom Kursverfall gebeutelten Aktionären einsammeln, um weitermachen zu können. Bislang haben nicht einmal die beiden Großaktionäre, der französische Luxuskonzern Hermés sowie die österreichische Unternehmerfamilie Kaufmann, eine Garantie abgegeben, dass sie bei der Kapitalerhöhung mitziehen.
Derweil macht Betriebsratschef Edgar Zimmermann der Belegschaft unverdrossen Mut. In seinem Büro hängt eine Karikatur mit einem Frosch, der schon halb im Schnabel eines Storchs steckt. Mit letzter Kraft umklammert der Frosch den langen Hals des Vogels und verhindert so, gefressen zu werden. Die Deutung ist für Zimmermann klar: "Niemals aufgeben." KLAUS-PETER KERBUSK
Von Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 17/2005
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