02.05.2005

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMein Sohn, der Serienkiller

Wie ein Vater mit den Verbrechen seines Sohnes umgeht
Der Mann auf dem Video trägt einen sauber rasierten, roten Backenbart, eine gefleckte Militärweste und eine graue Kapuzenjacke. In der Anfangssequenz sieht man ihn mit Plastikfesseln an den Händen, dann kommt jemand und schneidet sie ihm vorsichtig ab. Der Mann setzt sich an den Tisch, er sieht entspannt aus. Vor ihm liegt eine Schachtel Marlboro Light, manchmal kippelt er gelangweilt ein bisschen mit dem Stuhl. Der Name des Mannes lautet Richard Paul White, und das Video zeigt sein Geständnis bei der Polizei. Richard White ist ein Serienmörder.
Man kann dieses Video auf DVD kaufen, es kostet 39,95 Dollar. Ein Teil des Erlöses geht an die Hinterbliebenen der Opfer. So behauptet es jedenfalls der Mann, der das Mordgeständnis übers Internet vertreibt. Es ist Randolph White, der Vater des Mörders. "Ich will damit kein Geld verdienen", sagt er, "das müssen Sie mir glauben."
Dass mit seinem Sohn etwas nicht stimmt, ahnte Randolph White seit Jahren. Diese Gewaltphantasien, dieses nervende Gerede vom Töten, dieser ganze Quatsch mit Gottes Stimme, die er immer hört - das war schon nicht mehr normal. Einerseits.
Aber deswegen denkt man doch nicht, dass einer ein Mörder ist - und schon gar nicht der eigene Sohn. "Sie müssen verstehen", sagt Randolph, "er ist ja eigentlich ein netter Kerl."
Gut, da gab es vor zwei Jahren die Sache mit Randolphs Smith&Wesson, dem fünfschüssigen Revolver. Richard hatte sich die Waffe heimlich aus der Schublade genommen, er habe sie eben benötigt, sagte er später. Und der Vater fragte nicht weiter.
Damals, im Spätsommer 2003, war Richard 30 Jahre alt. Er lebte allein in Denver, nahe der East Colfax Avenue, dort, wo die Huren unter den Dächern der Bushaltestellen stehen. Richard war kein Siegertyp: die Schule abgebrochen, keine Freundin, immer wieder Ärger mit der Polizei. Nach einer Prügelei mit dem Chef verlor er die erste feste Stelle seines Lebens, einen Aushilfsjob in einer Druckerei.
Nachts ging Richard zu den Huren, oder er zog los, um Junkies und Kleindealer auszurauben. Dealer waren gute Beute, die gingen nicht zur Polizei hinterher.
Manchmal, wenn er Geld brauchte, fuhr Richard raus zu seinem Vater, in ein 120-Seelen-Nest an der Grenze von Colorado und New Mexico. Randolph und Richard White verstanden sich gut, sie kauften ihr Marihuana beim selben Händler ein - bis Richard einmal die Tochter des Dealers blutig prügelte, danach fielen ihre gemeinsamen Einkaufsfahrten weg.
Randolph White hielt seinen Sohn für unbeherrscht und für ein bisschen irre. Aber für gefährlich hielt er ihn nicht. Vielleicht wollte er es so genau aber auch gar nicht wissen.
Anfang September 2003 fuhren die beiden an einem toten Reh vorbei, das am Straßenrand lag. Richard erzählte seinem Vater, wie schwer es ist, einen Toten zu begraben. Die Erde werde so schnell weggeweht. Das Grab halte die Toten nicht fest.
Junge, Junge, dachte der Vater.
Und dann, so erinnert sich der Vater heute, sagte Richard den Satz: "Weißt du, Daddy, ich hab einen umgebracht."
Wenig später, in der Nacht zum 10. September, wurde Richard White in einer Hütte im Pike-Nationalpark bei Denver verhaftet. Er hatte tatsächlich jemanden erschossen, einen Freund, der ihm seinen Truck nicht leihen wollte. Die Polizei wusste damals nicht, dass dies gar nicht sein erster Mord war. Noch in der gleichen Nacht, frühmorgens um halb vier, begann auf der Polizeiwache das Verhör. Oben in der Ecke des Zimmers hing die Videokamera. Ein Tonband lief. "Kann ich eine Zigarette haben, bitte?", fragte Richard, "ich werde Ihnen etwas Besonderes bieten, ehrlich." Die Polizisten ließen ihn rauchen.
"Ich habe noch mehr Menschen umgebracht", sagte Richard White. Dann begann er zu erzählen, vier Stunden lang. Wie er im Januar 2002 eine Prostituierte fesselte, wie er sie würgte und wie lange es dauerte, bis sie endlich tot war: "Die Leute sagen, man stirbt schnell. Aber wissen Sie was? Es dauerte zehn Minuten."
Vier weitere Morde gab White zu, alle Opfer waren Prostituierte, alle hatte er gefesselt und vergewaltigt. Immer auf Befehl Gottes, angeblich. "Huren sind leichte Opfer. Sie steigen freiwillig ins Auto. Niemand vermisst sie."
"Sehen Sie", sagt sein Vater heute, "er ist ein Feigling."
Ein Jahr später wurde Richard zu lebenslanger Haft verurteilt, die Todesstrafe blieb ihm erspart, weil er der Polizei bei der Suche nach den Leichen half. Das Band mit seinem Geständnis gilt nach dem Prozess als öffentliches Eigentum: Jeder darf es sich ansehen.
Randolph White, der Vater, hat es unzählige Male gesehen. Aber es hat ihm keine Antworten gegeben. Er weiß bis heute nicht, ob er Richard lieben oder verachten soll, ob Gott die Schuld an den Morden trägt oder sein Sohn. Oder ob er selbst etwas falsch gemacht hat.
Anfang April ließ Randolph White aus dem Band die 80-minütige DVD herstellen und bot sie übers Internet an. Er will der Welt zeigen, wie es im Kopf eines Mörders zugeht, das sei sein einziges Motiv, beteuert er. Dennoch gilt er in den amerikanischen Medien als gewissenloser Geschäftemacher, die Internet-Bank kündigte ihm Mitte des Monats das Konto.
Von der DVD hatte White bis dahin 14 Exemplare verkauft. ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 18/2005
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