02.05.2005

MANAGERUnter Strom

Utz Claassen ist nicht der größte, aber der lauteste Energie-Baron der Republik. Seit er vor zwei Jahren die Vorstandsspitze der EnBW übernahm, lässt er es krachen - mit fast allen Mitteln.
Medium rare", sagt Utz Claassen, 41. Der Gastgeberin ist nicht ganz klar, wie sie das Rinderfilet denn nun servieren soll. "Blutig?" Claassen erwidert: "Ja, blutig." Zufrieden mit sich und dem Fleisch sitzt der Vorstandsvorsitzende des Stromkonzerns Energie Baden-Württemberg (EnBW), des drittgrößten Energieversorgers Deutschlands, am Tisch seines Freundes Nikolaus Fuchs über den Dächern Berlins. Fuchs hatte gerade seinen 50. Geburtstag, und weil Claassen zur eigentlichen Party nicht kommen konnte, wird nun im allerkleinsten Kreis nachgefeiert.
Genüsslich erzählen sich die alten Freunde, die sich aus gemeinsamen Beratertagen bei McKinsey kennen, Anekdoten aus der gefährlichen Welt von Hochfinanz und Jetset. "Einmal", sagt Claassen, "wachte ich nachts auf und sah den Piloten der kleinen Maschine mit einer Taschenlampe nach draußen auf die Tragfläche leuchten. 'Womöglich ein Strukturschaden', sagte der Pilot." Fuchs hat noch eine bessere Beinahe-Absturz-Geschichte parat: Sein Flugzeug habe mal in 11 000 Meter Höhe Treibstoff verloren, und er allein hat es bemerkt.
Okay, da muss Claassen natürlich noch mal nachlegen. Als Finanzvorstand bei der angeschlagenen VW-Tochter Seat in Barcelona habe er in den neunziger Jahren derart Tabula rasa gemacht, dass er "im fahrenden Auto beschossen" wurde. Die Kugel steckte im Türrahmen. "Damit muss man wohl leben, wenn man sauber macht."
"Sauber machen" ist eine von Claassens Lieblingsvokabeln. Er ist kein Mann der leisen Töne. Zurückhaltung und Taktgefühl sind nicht seine Art. Unter Sanieren versteht er vor allem Planieren. Überall geht es blutig zu - beim Rinderfilet, im Unternehmen, in der Wirtschaft generell.
Seit der wuchtige Niedersachse die Vorstandsspitze von EnBW übernahm, ist mehr über den Energieversorger berichtet worden als in der gesamten knapp siebenjährigen Amtsperiode des Vorgängers Gerhard Goll. Es sind allerdings immer seltener Jubelgeschichten.
Inzwischen überrollt die Welle sogar den, der sie einst lostrat. Und wenn ihm einer dumm kommt, hagelt es bei Claassen Gegendarstellungen, Unterlassungserklärungen und Hausverbote. Der Bulle aus Baden - wie soll man sagen?! - mag's nur blutig, wenn er nicht selbst serviert werden soll. Mit allen und jedem liegt er nun im Clinch - von seiner Lokalpresse zu Hause bis hoch zu Teilen der Regierung in Berlin.
Von Bundesumweltminister Jürgen Trittin sieht er sich mitunter verfolgt, weil der ihn bei der Atomaufsicht des Kernkraftwerks Philippsburg lange an der kurzen Leine gehalten hat. Und dass Trittin bei der Abschaltung des angejahrten EnBW-Meilers Obrigheim so aufs Tempo drückt, bringt den Manager erst recht auf. Nicht mit ihm! Nicht mit Utz! Da kann man ihn mal kennen lernen.
Ein anderer Tag, eine andere Schlachtplatte: Claassen sitzt im Auto, Trittin ist am Telefon. Es geht um den Abschalttermin für Obrigheim. Man redet sachlich, verhandelt über das konkrete Datum. Kaum liegt der Hörer wieder auf der Gabel, poltert Claassen bei Tempo 260 los. Sein Verhältnis zum Minister, sei zwar auch durch "ideologische Fixierungen" Trittins nicht getrübt, aber unternehmerisch denken könne der nicht. Dem hat er's aber gezeigt.
Mit Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Ernst Pfister gab es auch schon schwere Differenzen, weil der FDP-Mann Claassens "Null-Toleranz-Politik" bei der Kernkraftüberwachung kritisierte und vermutete, auf diese Weise würden mögliche Fehler vertuscht. Wie unter Strom bescheinigt Claassen Pfisters Büro im Gegenzug "Chaos" und "wenig Professionalität".
Zwischen ihm und dem Landesminister gebe es keine Meinungsverschiedenheiten, sondern ein "intellektuelles Verständnisproblem", was so viel heißen soll wie: Pfister kapiert nix. Professor h. c. Claassen muss alles dreimal erklären. Kein Wunder, dass dann schnell Worte wie "selbstherrliche Arroganz" gefallen sind.
Für den Energiemanager sind das alles kleinkarierte Provinzpossen. Für seine Frau Annette stecken Intrigen und Missgunst dahinter. Die Energiekonzerne seien traditionell konservativ, deren Manager meist über Jahrzehnte im Geschäft. Ihr
Mann entspreche eben nicht dem Klischee des klassischen Strommanagers. Da hat sie sicher recht.
Seinen Bauch trägt Claassen denn auch ganz ungeniert über der Hermès-Gürtelschnalle. Das Schnauzbärtchen stutzt er exakt einen Zentimeter über der Oberlippe. Und das Goldkettchen am Handgelenk legt er nur abends beiseite, wenn er zu Bett geht. Die verknöcherten Hierarchen in seiner Umgebung seien eben etwas überfordert, wenn "jemand so jung, dynamisch und erfolgreich in ihre Bastionen einbricht", sagt Frau Claassen über ihren Utz.
Außerdem: Wen interessiert schon der baden-württembergische Wirtschaftsminister, wenn man doch beste Kontakte zum Bundeskanzler pflegt? In Gerhard Schröders Beratergremium "Partner für Innovation" nimmt Claassen inzwischen genauso selbstverständlich Platz wie in der Regierungsmaschine, wenn Auslandsreisen anstehen.
Dort huldigt der Neu-Karlsruher schon mal unter den peinlich berührten Blicken der Mitreisenden "dem Türöffner" der Wirtschaft im Ausland: "Was der Kanzler hier macht, ist sinnvoll und vorbildlich."
Zwar leugnet er jedwede parteipolitische Ausrichtung, sein Verhältnis zu Schröder aber sei von "einer tiefen und belastbaren Freundschaft geprägt". Natürlich sucht er nicht des Kanzlers Nähe, aber er strengt sich schon sehr an, sie dauernd zu finden.
Den Auftritt Schröders am EnBW-Stand auf der Hannover-Messe und den obligatorischen Händedruck ließ er filmen und ins Internet stellen. Auf dem jüngsten Treffen der "Partner für Innovation" in Berlin vor zwei Wochen tänzelte er so lange um Schröder herum, bis ein Fotograf die beiden zusammen ablichtete. Claassens Sendungsbewusstsein treibt ihn nicht nur zu "Sabine Christiansen", sondern auch zu Frank Elstners "Menschen der Woche" ins dritte Programm des SWR.
Doch mit der gleichen Verve, mit der er auf dem großen Medienparkett zu reüssieren versucht, verbeißt er sich dann wieder in die Ränder des Tagesgeschäfts. Mal kümmert er sich um die Belange eines Fußballvereins, den sein Konzern sponsert. Dann duelliert er sich mit einem Kommunalpolitiker, der ihm vorwirft, er würde sich "wiederholt als Rambo unter den deutschen Managern" gerieren und "nach Gutsherrenart" seinen Konzern regieren.
Auslöser dieses Schlagabtauschs waren zwei besonders blutige Vorwürfe, die selbst für seine Verhältnisse arg elektrisierend wirken: Bespitzelung und Erpressung.
Eberhard Grauf, jahrelang Chef im Reaktorblock II des Kernkraftwerks Neckarwestheim, wurde von der EnBW nach einem heftigen Disput im Sommer 2004 fristlos vor die Tür gesetzt. Weil Grauf angeblich "grob unwahre" und "unkollegiale" Ausfälle hatte und generell "querulatorisches Verhalten" an den Tag lege, degradierte ihn Claassen vom weltweit anerkannten Atomexperten, vom Mitglied der deutschen Reaktorsicherheitskommission zum "Sicherheitsrisiko" für EnBW. Grauf hatte "auf Probleme im weiteren Umfeld" des Reaktors hingewiesen.
Doch Claassen waren diese Hinweise alles andere als willkommen, weshalb EnBW veranlasste, Grauf mehrere Tage von Detektiven bespitzeln zu lassen. Sogar Claassens Vorgänger Goll fühlte sich zeitweilig beschattet, womit die EnBW jedoch nichts zu tun haben will. Für Goll jedenfalls ist klar: "Wenn was war, kommt's auch raus."
Auch der neue Fußballtrainer des Karlsruher SC war Claassen alles andere als willkommen. Der Ende Dezember engagierte Reinhold Fanz hatte zwar bei seinem ersten Spiel als Coach gleich 8:0 gewonnen. Für den EnBW-Chef, der dem Verein Jahr für Jahr fast eine Million Euro Sponsorengelder überlässt, war er als Trainer trotzdem untragbar. Kein Wunder: Man kennt sich. Vor Jahren geriet Sportsfreund Claassen, der ein kurzes Intermezzo als Präsident von Hannover 96 hatte, mit dem damaligen hannoverschen Fußballlehrer Fanz gerichtlich aneinander. So etwas vergisst man nicht. Sollte Fanz Trainer bleiben, drohte Claassens Vorstandskollege Detlef Schmidt, werde die EnBW "ihr Engagement über die vertraglich vereinbarte Laufzeit nicht verlängern". Kurz: Entweder der Trainer verschwindet - oder die Kohle der Stromer. Nach sieben Tagen war Fanz entlassen.
"Ein Vorstandschef, der im Jahr 4,2 Millionen Euro verdient, sollte sich nicht auf Nebenschauplätze wie ein Fußballfeld oder ein Detektivbüro begeben", sagt einer aus Claassens Führungsetage. "Das ist unsouverän, schadet dem Unternehmen und nützt nur dem eigenen Ego."
Claassen selbst glaubt sich derweil auf dem richtigen Weg. Innerhalb eines Jahres drehte er das Konzernergebnis von minus 1,2 Milliarden Euro in ein Plus von 308 Millionen Euro. Möglich wurde dieses Wunder vor allem deshalb, weil er den Energiekonzern gründlich entrümpelte, also sauber machte.
Um die Fusion der Badenwerk AG und der Energie-Versorgung Schwaben AG zu EnBW im Jahr 1997 durchzuboxen, hat- te Vorgänger Goll allerlei Ballast in die Firmenstruktur aufnehmen müssen. Unternehmen für Fensterprofile gehörten plötzlich genauso zu EnBW wie der Parkhausbetreiber Apcoa oder die Schuhmarke Salamander.
Exakt 154 der einst 395 Firmenbeteiligungen "entkonsolidierte" Claassen und machte damit ein paar schnelle Euro - vielleicht zu schnelle. Denn möglicherweise hat er den Wert von einigen Beteiligungen zu gering eingeschätzt und entsprechend zu wenig für die Verkäufe erzielt.
Gegen Claassens Vorgänger Goll hat die Staatsanwaltschaft bereits vor eineinhalb Jahren ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil der die Beteiligungen angeblich mit zu hohen Werten in seine Bilanzen schrieb. Auslöser der Ermittlungen war eine Anzeige eines Grünen-Abgeordneten des Ravensburger Kreistages - just nach einem Claassen-Besuch dort, bei dem er die "konstruktive Ergebnisgestaltung" Golls rügte.
Wahrscheinlich bedauert Claassen inzwischen, die Grünen derart angestachelt und das Verfahren ausgelöst zu haben. Heute sagt Claassen, Goll habe die Bilanz schon allein deshalb nicht fälschen können, weil er von Betriebswirtschaft nichts verstehe.
Der Grund für die Rolle rückwärts liegt wohl darin, dass die Staatsanwaltschaft Mannheim schon Anfang März ihren Blick auf den aktuellen Vorstandschef lenkte. Sie glaubt, Claassen könnte seine eigene Bilanz bewusst "unrichtig dargestellt" haben, um schmerzhafte Einschnitte im Unternehmen durchzusetzen. Claassen hält diese Vorwürfe natürlich für abwegig.
Die Staatsanwaltschaft bestätigt, inzwischen ein formelles Ermittlungsverfahren gegen ihn angestrengt zu haben. Es bleibt blutig. So oder so. JANKO TIETZ
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 18/2005
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