02.05.2005

STIFTUNGEN„Harte Auswahl“

Christiane Nüsslein-Volhard, 62, Nobelpreisträgerin für Medizin und Direktorin am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, über eine von ihr gegründete Stiftung, mit der junge Forscherinnen bei der Kinderbetreuung unterstützt werden sollen
SPIEGEL: Welche Art von Förderung sollen die ausgewählten Wissenschaftlerinnen mit Kindern erhalten?
Nüsslein-Volhard: Wir sind in der Lage, jedes Jahr sieben oder acht hervorragenden Forscherinnen monatliche Zuschüsse zu geben, mit denen sie sich Putzhilfen, Babysitter oder Einkaufshilfen leisten können. Vor allem junge Doktorandinnen haben es häufig schwer, weil sie nicht genug Geld verdienen, um gute Kinderkrippen oder den Babysitter zu bezahlen. Diese Frauen sollen sich mit dem Zuschuss Zeit für die Wissenschaft erkaufen können. Putzen, Einkaufen oder das Kind von der Krippe abholen muss man nicht unbedingt selbst machen, das können auch andere übernehmen.
SPIEGEL: Was hat Sie zu dieser Art von Forschungsförderung bewogen?
Nüsslein-Volhard: Es gibt viel zu wenig Frauen in der Wissenschaft - und die wenigen haben meistens keine Kinder. Viele werden davon abgeschreckt, Forschung zu betreiben, weil sie von vornherein die Schwierigkeit sehen, Familie und Beruf zu vereinen. Wer Karriere machen will, kann aber nicht einfach aussetzen oder jahrelang Teilzeitjobs übernehmen; dazu ist die individuelle Erfahrung in der Forschung viel zu wichtig. Wir möchten den Frauen helfen, die Zeit, in der ihre Kinder noch klein sind, zu überbrücken, ohne dass sie die Arbeit im Labor aufgeben müssen. Die Fähigkeit zur Wissenschaft und der Kinderwunsch sind häufig beide da. Wenn das eine für das andere geopfert werden muss, ist das einfach ungerecht.
SPIEGEL: Wie wollen Sie geeignete Kandidatinnen aus ganz Deutschland herausfiltern?
Nüsslein-Volhard: Die Frauen müssen wirklich für eine wissenschaftliche Karriere geeignet sein. Die Auswahlkriterien werden auf jeden Fall sehr hart sein. Es müssen Bewerberinnen sein, denen man zutraut, dass sie weiter in der Forschung bleiben können und die nicht einfach nur ihr Studium abschließen wollen.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass männliche Forscherkollegen die Nase über Ihre ungewöhnliche Stiftung rümpfen werden?
Nüsslein-Volhard: Im Moment bekomme ich nur Lob, keine Kritik. Vielleicht äußern sich die Skeptiker hinter vorgehaltener Hand.

DER SPIEGEL 18/2005
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