02.05.2005

KINOReise nach Jerusalem

Der Regisseur Ridley Scott erzählt in seinem Actionfilm „Königreich der Himmel“ von blutrünstigen Glaubenskriegern - den christlichen Kreuzrittern.
Seit dem Erfolg des Römer-Epos "Gladiator" wagt sich Hollywood auf der Suche nach Schauplätzen für spektakuläre Kriegsfilme immer wieder in die Antike ("Troja", "Alexander"), aber auch ins mittelalterliche England ("King Arthur") und sogar ins Japan des 19. Jahrhunderts ("Last Samurai").
Richtigen Ärger handelte sich nun der britische Regisseur Ridley Scott mit seinem jüngsten Projekt ein. Er war lange vor allem in düsteren Phantasiewelten zu Hause ("Alien", "Blade Runner") und löste dann mit "Gladiator" (2000) die jüngste Historienwelle aus. Scotts neues Werk "Königreich der Himmel", das diese Woche in die Kinos kommt, betritt das heikle Terrain des Heiligen Landes. Der Film spielt zu der Zeit, als die Kreuzritter aus Europa gen Jerusalem zogen, um die Stadt von den sogenannten Ungläubigen (lies: Muslimen) zu befreien - ein Konflikt, dessen Echo bis in die Reden von George W. Bush nachhallt.
"Sehr besorgt" über Scotts 130-Millionen-Dollar-Projekt zeigte sich das Amerikanisch-Arabische Anti-Diskriminierungs-Komitee, und ein Professor für Islamisches Recht an der Universität von Kalifornien klagte, Muslime würden wieder einmal als "dämlich, beschränkt und rückwärts gewandt" dargestellt. Er befürchtete "Bilder von Muslimen, die Kirchen angreifen und Kreuze von den Wänden reißen". Scott, vor zwei Jahren von der Queen zum Ritter geschlagen, kroch zu Kreuze: Er werde nicht "auf dem Koran herumtrampeln".
Tatsächlich bemüht sich Scott nach Kräften, den religiösen Kontext der Geschichte zu verschleiern. Sein Held, ein junger Kreuzritter in spe namens Balian (Orlando Bloom), reist nicht nach Jerusalem, um die Muselmanen mit dem Schwert zu bekehren. Er will nur der heimatlichen Tristesse entkommen: Seine Frau und sein Kind sind tot, er selbst hat im Affekt einen Menschen umgebracht. So fehlt im fertigen Film jene Szene aus frühen Drehbuchversionen, in welcher der Papst den Kreuzrittern seinen Segen gibt. Übrig blieben der Spruch "Religion ist etwas für Verrückte" und Bachs "Jesu meine Freude" auf der Tonspur.
Ansonsten hält sich Scott weitgehend an historische Fakten. Die Bösewichte sind die Tempelritter um Guy von Lusignan (Marton Csokas), den seine Frau Sibylla (Eva Green) zum König von Jerusalem krönt. Guy, von Historikern als "hübscher, kleiner Nichtsnutz" beschrieben, stillt seinen Blutdurst meist an Muslimen - bis diese im Jahr 1187
unter Saladin zum finalen Gegenschlag ausholen und die Stadt erobern.
Im Schnittstakkato der zahlreichen Schlachtszenen läuft der Actionfilmer Scott zu großer Form auf: Tausende marokkanische Statisten reiten durch die Wüste, der aufgewirbelte Feinstaub leuchtet malerisch im Gegenlicht. Deutlich schwerer tut sich der Regisseur mit den Szenen zwischen den Kämpfen. Dann behandelt er die Zuschauer fast wie jene jungen Männer, die im Film zu Rittern geschlagen werden: Mit den Worten "Damit du dich immer daran erinnerst" bekommen sie eine Ohrfeige.
Leicht paradox ist die Botschaft, die Scott dem Betrachter aufs Auge drückt: Gewalt, schon klar, lohnt sich nicht - aber die besseren Kinobilder liefert sie allemal. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 18/2005
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DER SPIEGEL 18/2005
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