09.05.2005

HAUPTSTADTFeld ohne Eigenschaften

Jürgen Leinemann über das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und den historisch kontaminierten Platz, auf dem es in Berlin errichtet wurde
Die Dachterrasse der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz in Berlin ist schon seit Monaten ein rege besuchter Ort. Tagaus, tagein, berichtet Karl-Heinz Klär, 58, der Chef der Mainzer Vertretung in der Hauptstadt, seien zahlreiche Besucher gekommen, um dort auf einen Ort hinunterzustarren, an dem "die Erinnerung an das zutiefst Verdorbene der jüngeren deutschen Geschichte und das achtbar Gelungene unmittelbar aufeinander prallen": ein bis vor kurzem noch verstepptes Brachland, zunächst Ministergärten, dann Endkampfstätte des Hitler-Untergangs, schließlich Minenfeld und Schusszone der DDR - eine Ödnis, vollgesogen mit Geschichte.
Jetzt breitet sich dort die graue Stelenlandschaft des Denkmals für die ermordeten Juden Europas aus, das am Dienstag dieser Woche feierlich der Öffentlichkeit übergeben wird. Klär: "Wenn die Besucher, vor allem die jüngeren, von hier oben auf das Mahnmal schauen, erschrecken sie. Weil es so groß ist, ein symbolisches Gräberfeld. Und dass hier ehedem Mauer und Todesstreifen waren, macht die Sache nicht besser."
Dann ist es an ihm zu erklären. Und er beginnt damit, dass er auf eine geschmiedete Büste im Garten der Vertretung weist - einen eisernen Kanzler, Willy Brandt. Vier Jahre lang, von 1983 bis 1987, ist Klär in Bonn Büroleiter und Redenschreiber des alten SPD-Vorsitzenden gewesen, enger Vertrauter in der Zeit des Mauerfalls. Jetzt bedeutet ihm der von Burkhard Mohr geformte Kopf seines politischen Lehrers nicht nur ehrendes Gedenken. Klär empfindet "Willy Brandt in Sichtweite" als historische Überlebenshilfe. Denn der hat, wie Klär sagt, das 20. Jahrhundert "ausgemessen" - erfahren und bedacht, erlebt und verarbeitet, gerade auch an dieser Nahtstelle der deutschen Geschichte.
Ein Zufall ist es deshalb nicht, dass auch der Förderkreis privater Bürger um die Publizistin Lea Rosh und den Historiker Eberhard Jäckel, der in 17 Jahren zäher Beharrlichkeit das Monument durchsetzte, seine Anstrengungen mit einem Zitat von Willy Brandt begründet: "Unsere Würde gebietet einen unübersehbaren Ausdruck der Erinnerung an den Mord an den europäischen Juden." Der Brandt im Garten der Mainzer Vertretung kehrt dem Ergebnis seiner Forderung den Rücken zu. Hat man das Wort "unübersehbar" überinterpretiert?
Keine Frage, das Bauwerk ist pathetisch. Aber monströs? Es erhebt sich nicht. Von der Straße aus gesehen ragen die Blöcke nirgends über Augenhöhe hinaus. Nein, "ein fußballfeldgroßer Alptraum" ist es nicht geworden, wie Martin Walser und andere Kritiker polemisiert hatten, keine "Monumentalisierung der Schande", kein "Wahnmal" und kein "megalomaner Trauerkitsch".
2711 kantige Betonquader von unterschiedlicher Höhe reihen sich auf 19 073 Quadratmetern zu Steinwänden, zwischen denen schulterbreite wellige Pfade auf- und ablaufen. 54 von Nord nach Süd, 87 von West nach Ost. Aus der Vogelperspektive fügen sie sich zu einem Gitterraster mit geringfügigen, aber verstörenden Abweichungen. Das Stelenfeld ist von allen Seiten zu betreten. Von innen sind die Wege ins Freie an jedem Punkt sichtbar.
Ein "im doppelten Sinn offenes Kunstwerk" nennt Bundestagspräsident Wolfgang
Thierse diese begehbare Skulptur. Offen ist sie ganz konkret in einem sichtbaren Sinne, einbezogen ins Berliner Straßensystem, umstellt von DDR-"Wohnanlagen mit Sonderplatte", Nachwende-Luxushotels, Bürobauten, Botschaften. Vor allem aber ist das Monument erlebnisoffen - ein architektonisches Event, ohne Gebrauchsanweisung.
Kein Hinweisschild, kein bildhaftes Zeichen, keine Inschrift gibt eine Deutung vor. Der amerikanische Architekt Peter Eisenman hat tatsächlich "ein Feld ohne Eigenschaften" geschaffen. Jeder bringt das Wissen mit, das er hat. Dann ist er allein mit seinen Empfindungen und Assoziationen.
Dass vielen Friedhofsanalogien einfallen, ist beabsichtigt - schließlich steht das Denkmal für Millionen Tote. Aufragende, liegende und versenkte Betonblöcke erinnern an Stelen, Sarkophage und Grabplatten. Aber hier ist niemand begraben, nicht einmal das symbolische unbekannte Opfer, weshalb das Mahnmal als offizielle staatliche "Kranzabwurfstelle" nicht taugt. Ohnehin eignet sich die hart gerasterte Gradlinigkeit der Eisenman-Skulptur weder für "demonstratives zeremonielles Gehabe" (Thierse) noch für selbstmitleidiges Zerknirschungspathos.
Eher provoziert das scharfe Betonblocksystem Assoziationen zu jener "Geometrie des Todes", die der ungarische Schriftsteller György Konrad als Elfjähriger in der seelenlosen Mordfabrik Auschwitz erlebte: "Vollkommene Geometrie. Unendliche Ruhe breitet sich aus, nirgendwo wird die Gerade gebrochen, nichts gibt es, was nicht geplant, geregelt wäre."
Das sind Assoziationen, wie sie nur Zeitgenossen haben können, Überlebende und ihre Angehörigen. Bilder, die von Erinnerungen ausgelöst werden. Was aber bedeutet das Mahnmal für die Nachgeborenen? Werden die Jungen gar nichts empfinden, wenn sie darin herumlaufen, wie Holocaust-Überlebende argwöhnen? Wird sie der Gang durch das steinerne Meer langweilen? Ärgern? Ratlos lassen?
Der jüdische Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel aus den USA hat in einer Gedenkstunde im Bundestag den jungen Deutschen prophezeit: "Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz ein Teil Ihrer Geschichte bleiben." Aber wird das Berliner Mahnmal dazu beitragen, sich dessen weiter bewusst zu sein? Oder wird Erinnerung bedeutungslos, wenn sie zu Denkmälern versteinert ist?
Der überwältigende Andrang zur feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte, zu der sich auch Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder angesagt haben, hat die Veranstalter überrascht. Gewiss hat er auch damit zu tun, dass der 60. Jahrestag des Kriegsendes die wohl letzte Gelegenheit für Überlebende sein wird, an solchen Gedenkfeiern teilzunehmen. "In zehn Jahren, 2015, wenn man des 70. Jahrestages gedenkt", sagte der spanische Schriftsteller Jorge Semprún, 81, den die Gestapo nach Buchenwald deportiert hatte, "werden wir, die Überlebenden der KZ, tot sein ... Das wird dann zugleich ein anderes Erinnern sein."
Niemand weiß, wie dieses "andere Erinnern" in zehn Jahren in Berlin aussehen wird. Aber Wolfgang Thierse glaubt schon jetzt Anzeichen dafür erkennen zu können, dass der emotionale Druck, den das Bauwerk auf seine Besucher ausübt, auch bei völlig Ahnungslosen die Frage auslöst: Was wird hier erinnert?
Konkrete Antworten wird dann das unterirdische Informationszentrum liefern, das im Verlauf der Diskussion dem Denkmal angefügt wurde (SPIEGEL 18/2005). Und ausgeschlossen ist es nicht, dass die von Eisenman beabsichtigte "Störung" darüber hinaus auch eine Art Hallo-Wach-Effekt auslöst für die historisch aufgeladene Umgebung.
Schon jetzt ist schwer vorstellbar, dass mangels unmittelbarer Beziehung des Mahnmalortes zu Opfern und Tätern das Monument - wie vielfach geargwöhnt wurde - zu einem Schlussstein der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen des Judenmords werden könnte. Dagegen spricht nicht nur, dass es im touristischen Zentrum Berlins schnell zu einem Sightseeing-Hit werden dürfte. Auch der historisch-kulturelle Kontext sollte das verhindern: Die Nähe zum Kanzleramt und zum Bundestag im Reichstag, zum Brandenburger Tor, zur Wilhelmstraße, zum Bundesrat im ehemaligen Preußischen Herrenhaus und zum Potsdamer Platz bettet den Stellvertreterort symbolträchtig ein in das deutsche Schicksal der vergangenen 150 Jahre.
Lange war um die endgültige Lage gerungen worden. Danach aber klangen die Begründungen so, als hätte es gar nicht anders kommen können: Mit der Anlehnung an das neuentstandene Parlaments- und Regierungsviertel wollte der Bundestag deutlich machen, schreibt Wolfgang Thierse, "dass
wir mit dem für uns so glücklichen Ausgang der Nachkriegszeit nicht die stille Hoffnung verbinden, das schlimmste Kapitel unserer Geschichte nun schließen zu können".
Im Gegenteil. Die Platzierung der Gedenkstätte in das Umfeld von Adolf Hitlers Reichskanzlei - "auf den Trümmern des Zentrums der Nazi-Macht", wie der Förderverein formulierte - zielte demonstrativ auf moralische Aufladung.
Tatsächlich hat sich wohl an keinem Ort in Deutschland Geschichte in so rasantem Wechsel von Aufbau und Zerstörung manifestiert. Nahezu jedes Ereignis oder Phänomen der jüngsten Vergangenheit, das für das Schicksal Berlins von Bedeutung war, hat hier eine konkrete Verankerung.
Berliner Geschichte? Deutsche Geschichte. Nichts ist in die Vergangenheit eingegangen. Alles gespenstert gefühlsgeladen herum, abrufbar mit Namen und Daten.
Preußen natürlich zuerst, wie auch seine schamlose wilhelminische Entartung oder Vollendung. Die vor 1989 missglückenden deutschen Revolutionen und die Schande angezettelter und verlorener Kriege. Die Wucht der industriellen Modernisierung, das Elend der städtischen Massen und der kulturelle Glanz der "goldenen zwanziger Jahre". Die Inflation.
Das "braune Berlin" der Nazi-Barbaren und das "rote Berlin" des heimlichen und offenen Widerstands. Die Judenvernichtung und die fanatische Antwort auf die Goebbels-Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Das Inferno des Untergangs im Bombenhagel, die Hunger- und Schwarzmarktjahre, der 17. Juni 1953 - zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz ballen sich die Erinnerungen.
Wer mit Willy Brandt in den ersten Jahren nach dem Mauerbau auf dem "Abscheugerüst" gestanden hat, wie die West-
Berliner spöttisch jenes Holzpodium nannten, von dem aus internationalen Besuchern der DDR-Grenzwall vorgeführt wurde, der kann nicht vergessen haben, dass er damals bewegter war, als die triste Realität zu rechtfertigen schien. Denn was war schon zu sehen? Der Todesstreifen, ein paar durch Ferngläser starrende Grenzer, leere Flächen, im Hintergrund zwischen belanglosen Fassaden ein paar Passanten in der sich öffnenden Leipziger Straße.
Gewiss, das hatte seine Schrecken. Aber mehr noch galt, was der Berliner Essayist und Verleger Wolf Jobst Siedler damals notierte: "Die Faszination der Schauenden kommt rein aus der Vorstellung; nicht das Betrachtete mobilisiert die Empfindung, sondern das Wissen, dass von hier an alles anders ist."
Willy Brandt wusste. Als Emigrant hatte der junge Sozialist hier, während er 1936 von Norwegen aus als geheimer Beobachter die Stimmung erkundete, die Nazis im Hochgefühl ihrer Macht erlebt. Hitler in der Reichskanzlei, Görings Reichsluftfahrtministerium, Goebbels'' Propagandazentrale - alles umbrandet von quirligem Leben, das vom Potsdamer Platz quoll.
In den beiden Wilhelmstraße-Palais Nr. 72 und Nr. 73, auf deren Gärten heute das Mahnmal steht, residierten damals die Hitler-Vasallen Joachim von Ribbentrop, Außenminister, in Nürnberg hingerichtet, und Richard Walther Darré, Landwirtschaftsminister und "Reichsbauernführer", der schon seit 1931 das "Rasse- und Siedlungshauptamt" der SS leitete.
Von Darré stammt die NS-Formel "Blut und Boden", mit der die Eroberung von Lebensraum für die nordische "Herrenrasse" theoretisch untermauert wurde. 1942 entließ ihn Hitler wegen persönlichen Versagens. Er starb 1953 in München, nachdem er 1949 vom Nürnberger Militärgerichtshof der Alliierten zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber schon nach einem Jahr begnadigt worden war.
Im Garten des Landwirtschaftsministers - dem derzeit entstehenden Neubau der amerikanischen Botschaft benachbart - hatte Propagandaminister Joseph Goebbels schon 1938/39 eine Dienstvilla errichten lassen, in der er wohnte, bis sie in den letzten Kriegswochen durch Bomben zerstört wurde. Die Reste und einen Bunker legten Arbeiter beim Bau des Mahnmals frei.
Das meiste aber hatten schon die DDR-Grenzer abgeräumt. Als der Regierende Bürgermeister Willy Brandt nach dem Mauerbau in den sechziger Jahren ausländischen Besuchern - von Robert Kennedy und Martin Luther King bis Moïse Tshombé und Königin Elizabeth II. von Großbritannien - das Niemandsland zwischen den beiden Deutschlands erklärte, waren die ausgebrannten Minister-Palais an der Wilhelmstraße längst geschleift, die dazugehörigen Gärten zum Grenzstreifen planiert.
Die Besucher hätten viel Vorwissen mitbringen müssen, um wenigstens vage den Ort ausmachen zu können, an dem - als längst ganz Europa und Berlin brannten - am 30. April 1945 auch die Leichen Adolf Hitlers und Eva Brauns verkohlten.
Das musste nahe jenem kleinen versandeten Hügel gewesen sein, der sich hinter der zweiten Mauer in die versteppte Todeszone aufbuckelte. Dort verbargen sich die gesprengten Reste von Ausgang und Luftschacht des ehemaligen großen Führerbunkers, der 16 Meter tief unter der Erde lag, 1200 Meter lang, geschützt durch fast 3 Meter dicke Decken. Der Ost-Berliner Stadtgärtner, der den Einfall hatte, die Betontrümmer mit einer dünnen Erdschicht zu bedecken und Rasen draufzusäen, wurde von Walter Ulbrichts Funktionären heftig für dieses "altgermanische Hünengrab" getadelt.
Nur keine Anhaltspunkte übrig lassen. Alte und neue Reichskanzlei, der berüchtigte
Volksgerichtshof - alles wurde abgeräumt, planiert, festgewalzt.
Im Westen gab es viele, die sich mit dieser Wunde im Zentrum der alten deutschen Hauptstadt nicht einfach nur abfanden. Im Gegenteil - linke Intellektuelle und Politiker wie Günter Grass und Joschka Fischer betrachteten die deutsche Teilung sogar als verdiente Strafe für deutsche Schuld, als Sühneopfer für Auschwitz.
Damit - so der Historiker Heinrich August Winkler - war die Berliner Mauer den westdeutschen Linken zu etwas geworden, woran ihre Erbauer nie gedacht hatten: Sie diente als jenes "riesige, unübersehbare Monument zum Gedenken an die über fünf Millionen ermordeten Juden", dessen Errichtung Lea Rosh im November 1988 im sozialdemokratischen "Vorwärts" forderte.
Nachdem dann am 9. November 1989 die Mauer gefallen war, verwilderte das Niemandsland im einstigen Zentrum Berlins. Wirklichkeitsleer und zeitlos wehte Sand über die Schotterfläche - eine Mondlandschaft, Tabula rasa.
Wo heute Eisenmans Betonquader emporragen, wuchsen 1990 im August 250 rostige Moniereisen aus dem Boden, an denen kleine Papierfähnchen im Wind wisperten. "Hain der abgelegten Leiden" nannte der Architekt und Stadtplaner Manfred Forstreuter seine Installation, die ein Jahr lang Fragen aufwarf. War das noch Ruine? Oder schon Kunst? "Immer wieder" stand auf einem Fähnchen, "Gericht" auf einem anderen, "Befehl" und "Stärke". Stimmen der Erinnerung.
Später sähten andere Künstler Klatschmohn und Lupinen aus auf dem "geschichtlich kontaminierten Areal", wie es vom Naturschutz- und Grünflächenamt des Bezirks Mitte genannt wurde. "Misstraut den Grünanlagen", hieß die wichtigste Regel, die der Berliner Schriftsteller Heinz Knobloch Erkundern der Hauptstadt mitgab.
Bis heute ist Berlin ein Ort für Identitätssuche, Selbstvergewisserung und Träume geblieben. Anders als Rom oder Jerusalem war das frühe Berlin niemals ein mythischer Ort. Aber hundert Jahre haben genügt, diese Stadt so zu zerschlagen und mit Schicksal aufzuladen, dass sie geradezu gepflastert ist mit symbolträchtigen Resten einer unverarbeiteten Vergangenheit.
Träume und Alpträume machen sich an banalen Gegenständen und Zeichen fest, hängen sich an Baudenkmäler wie den Reichstag und das Brandenburger Tor, den Fernsehturm im Osten und die Gedächtniskirche im Westen. In Berlin bedeutet nahezu alles etwas über sich selbst hinaus.
Der Philosoph Walter Benjamin, der sich auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm, pflegte von der Geschichte als einer "einzigen Katastrophe" zu sprechen, "die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft". In bestimmten Augenblicken und an gewissen Orten aber - so glaubte er - fügten sich unscheinbare Details dieses Trümmerhaufens zu Konstellationen, die schlagartig Vergangenheit und Gegenwärtiges zu Erkenntnissen mit Bedeutung für die Zukunft verdichteten.
Immer schon und überall habe es in Berlin solche "Schwellen" gegeben, die "geheimnisvoll zwischen Bezirken der Stadt sich erheben", notierte Benjamin in seiner "Berliner Chronik", abgestorbene Orte, denen die Kraft innewohnt, den Menschen ein Bild des Bevorstehenden zu vermitteln. Er nannte sie "weissagende Winkel".
Könnte nicht das Mahnmal, das der Historiker Reinhart Koselleck einen "Stolperstein" nennt, ein solcher Platz werden?
Natürlich sorgt die pädagogische Handreichung im unterirdischen "Ort der Information" dafür, dass - bei aller Offenheit der Gedenkstätte - die Deutung des Monuments als Erinnerung an den Holocaust dominiert. Aber wird es so eindeutig bleiben?
Die symbolische Topografie der Berliner Republik ist noch unfertig und veränderbar. Der Generation nach der Generation der Zeitgenossen erscheinen die Formen, die an den "labyrinthhaften Koloss des NS-Regimes" - wie sich die Schriftstellerin Tanja Dückers, 37, ausdrückt - erinnern, nicht immer überzeugend. Eisenmans "Aufschrei der Stille" müssten jene als "aufdringlich und unverstehbar" empfinden, schreibt der Freiburger Publizist Gert Keil, 57, die den Nationalsozialismus nur aus Geschichtsbüchern, aus Erzählungen oder aus der Literatur kennen - "und das sind demnächst alle".
Kein Wunder, dass Ambivalenzen im kollektiven Gedächtnis für Überraschungen und immer neue Identifikationsschübe sorgen. Galt nicht die Kuppel des Reichstags zunächst als unerwünschtes und kostspieliges Relikt aus schwülstiger wilhelminischer Zeit? Heute ist sie geradezu das Symbol von Transparenz und Zukunftsglauben des vereinigten Deutschlands. Sollte nicht das Jüdische Museum des Daniel Libeskind eine lokale Erinnerung an die Alltagsgeschichte der Berliner Juden sein? Inzwischen ist der metaphorische Bau selbst zu einem Holocaust-Mahnmal geworden.
Pariser Platz, Schlossplatz, Leipziger Platz - in Berlin ist kein Mangel an unfertigen Orten, die befrachtet sind mit Erinnerungen an versunkene Welten. Nein, verlässlich plan- und voraussagbar ist der Definitionsprozess der Berliner Republik noch lange nicht.
Noch prägt vor allem die Generation der Kriegskinder den Diskurs über die Nazi-Vergangenheit in Deutschland. Das galt auch für die jahrelangen Auseinandersetzungen über das Holocaust-Mahnmal, das deshalb in der Tat - wie der Historiker Michael S. Cullen prophezeite - mehr über diejenigen aussagt, die es errichtet haben, als über die Täter und Opfer, für die es errichtet werden sollte. Mehr auch "über die Zeit, in der es errichtet wurde, als über die Zeit, deren Wiederkehr es uns ersparen will".
Das Ergebnis ist, wie Willy Brandt es wollte - "unübersehbar". Welchen symbolischen Stellenwert es aber in zehn Jahren haben wird, bleibt abzuwarten. Es liegt an den Jüngeren, dafür zu sorgen, dass die deutsche Geschichte nicht in Versteinerungen erstarrt.
* 1964 an der Berliner Mauer mit US-Justizminister Robert Kennedy (4. v. l.). * Mit seinem Adjutanten Julius Schaub (l.).
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 19/2005
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