25.12.1978

SOWJET-UNIONEwiger Sommer

Einige große Flüsse sollen in eine andere Richtung fließen. Gelingt der Plan, ändert sich womöglich auch das Wetter in Westeuropa.
Sibirien-Forscher Rusinow sagte eine Umweltkatastrophe voraus: "Pflanzen und Fische würden aussterben, und auch mit der Flußschiffahrt wäre es wohl vorbei", prophezeite der Direktor des Forschungsinstituts für Hydraulik und Landerschließung im Moskauer Gewerkschaftsblatt "Trud".
Der Grund für Rusinows Befürchtung: Sowjetische Wissenschaftler wollen die sibirischen Flüsse Ob, Irtysch und Jenissej nach Süden umleiten. Bislang fließen die drei Ströme zur Nordküste und münden dort ins nördliche Eismeer.
Das Projekt soll den in Mittelasien gelegenen Aral-See vor der Austrocknung bewahren. Weil der Wasserspiegel sinkt, befürchten Wissenschaftler, könnte dort in zwanzig bis dreißig Jahren ein Sumpfgebiet entstehen.
Auf ähnliche Art soll das Kaspische Meer gerettet und der Wolga neues Wasser zugeführt werden, das durch Fabriken und Städte immer knapper wird. Die Pläne sehen vor, die nordrussischen Flüsse Petschora, Wytschegda und die nördliche Dwina durch Kanäle mit der Kama zu verbinden und das Wasser über die Wolga ins Kaspische Meer zu leiten (siehe Graphik Seite 96).
Mit den Projekten wollen Wissenschaftler vor allem der Landwirtschaft helfen. Denn in Mittelasien werden 95 Prozent der sowjetischen Baumwolle, 40 Prozent Reis und 25 Prozent Gemüse angebaut. Doch die fruchtbare Region hat so gut wie kein Wasser. Fachleute nehmen überdies an, daß sieh der Wasserverbrauch in Zentralasien bis zum Jahr 2000 verdoppeln wird.
Wegen des Wassermangels haue der Ingenieur Demtschenko schon vor hundert Jahren vorgeschlagen, sibirische Flüsse in den Süden umzuleiten. Denn dort liegen So Millionen Hektar Agrarfläche brach, während in Sibirien 60 Millionen Hektar Sumpfgebiet trockengelegt und nutzbar gemacht werden könnten. Doch dem zaristischen Rußland fehlte es an Geld und technischem Wissen -- Demtschenkos Pläne wurden verworfen.
Ähnlich erging es dem Leningrader Hydrologen Dawidow, der sieh nach dem Zweiten Weltkrieg für Demtschenkows Ideen stark machte. Dawidow wollte an der Einmündung des Irtysch in den Ob das erste sibirische Meer schaffen -- einen riesigen Stausee, von dem aus das Wasser über den Fluß Tobol und die Turgai-Höhen zum Aral-See fließen würde. Doch Dawidows Vorschläge waren zu aufwendig.
Was den beiden Ingenieuren mißlang, schaffte Sowjet-Premier Kossygin: Als er heim 25. Parteitag der KPdSU im März 1976 Mängel in der Wasserversorgung rügte, nahmen die Delegierten die Fluß-Projekte in den Fünfjahresplan für 1976 bis 1980 auf. Gleich nach dem KP-Kongreß begannen Experten mit den Vorbereitungen.
Seit langem schon regulieren sowjetische Wissenschaftler den Wasserhaushalt durch Kanäle: Bereits 1932 bauten sie den Ostsee-Weißmeer-Kanal, um kleineren Schiffen auf der Fahrt von Leningrad zum Weißen Meer den Umweg um die skandinavische Halbinsel zu ersparen. Fünf Jahre später wurde bei Moskau ein Kanal fertig, der den Fluß Moskwa mit der Wolga verbindet und die sowjetische Hauptstadt auch zu Wasser erreichbar macht.
Mit dem Lenin-Kanal koppelten die Sowjets 1932 den Don an die Wolga an. hei der belorussischen Stadt Pinsk führten sie durch einen Kanal die Flüsse Dnepr und Bug zusammen. Und schließlich fließt über den 460 Kilometer langen Irtysch-Karaganda-Kanal schon seit 1965 sibirisches Wasser nach Kasachstan.
Anders als hei den bisherigen Wasserbauten sollen die Flüsse jetzt nicht nur miteinander verbunden, sondern ihre Richtung auch noch umgedreht werden "ein Projekt. das in der Welt seinesgleichen sucht", erklärte Nikolai Baibakow, Chef der obersten sowjetischen Planungsbehörde. Experten schätzen denn auch, daß die Realisierung dieses Vorhabens mindestens 20 Jahre dauern wird.
Ob es jemals soweit kommt, ist freilich ungewiß. Zwar sind die gigantischen Fluß-Projekte technisch ausgereift, doch die Folgen solcher Umwelt-Manipulation können selbst Wissenschaftler kaum absehen. Daß sich das Klima ändert, wenn Ob, Irtysch und Jenissej umgedreht werden, gilt als sicher -- aber wie das Wetter dann wird, kann niemand sagen.
Einige Exerten sehen den ewigen Sommer voraus. Ihre Vision: Da das arktische Meer weniger Frischwasser bekommt. schmelzen die Eisberge. In Sibirien gibt es dann keinen Frost mehr, und Mitteleuropa wird vielleicht zur Steppe. Andere Forscher prophezeien das Gegenteil und befürchten eine neue Eiszeit.
Umstritten ist auch, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. So fragt der Wärmephysiker Michail Schukow: "Ist es wirklich nötig, Wasser nach Kasachstan zu leiten, um dort die Baumwollernte zu verbessern? Sinnvoller wäre es doch, eine Baumwollart anzubauen, die sich der Trockenheit besser anpaßt als die herkömmlichen Sorten."
Kritiker der Flußprojekte würden es vorziehen, mehr Grundwasser in Mittelasien zu nutzen, den Aral-See sowie das Kaspische Meer stärker zu entsalzen und den Wasserverbrauch zu drosseln.
Manche Hydrologen befürchten sogar, das Umdrehen der Flüsse könnte das Wasser in Sibirien knapp machen -die in der wegelosen Taiga und Tundra unentbehrliche Schiffahrt müßte wohl eingestellt werden. Womöglich -- so die Experten -- sterben auch die Fische aus.
Selbst wenn alle diese Schwierigkeiten beseitigt sind, bleibt noch ein Hindernis: Da der Bau der geplanten Kanäle mit Bulldozern und Traktoren allein nicht zu schaffen ist, möchten die Sowjets Atomenergie einsetzen. Doch nach dem internationalen Abkommen über den Stopp nuklearer Versuche sind oberirdische Kernexplosionen verboten.
Von allen utopischen Fluß-Visionen hat deshalb vorerst nur das Vorhaben, den Ob durch einen Kanal mit der Petschora zu verbinden, Aussichten auf Verwirklichung. Allerdings soll der Welt viertgrößter Strom dem Süden nur mit zwei bis drei Prozent seines Wassers helfen.

DER SPIEGEL 52/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SOWJET-UNION:
Ewiger Sommer