24.12.1979

KINOMARKTHarte und Zarte

Massenstarts von Unterhaltungsfilmen blockieren immer mehr Kinos und nivellieren so das diesjährige Weihnachts-Filmprogramm.
In nicht weniger als acht Hamburger Kinos läuft zur Zeit derselbe Film, die Disney-Produktion "Das Dschungelbuch". Von dem zwölf Jahre alten Trickfilm werden im Augenblick über 200 Kopien im Bundesgebiet gezeigt.
Schlimmer noch: Pünktlich zum Christfest hat der Tobis-Verleih den neuen Klamauk von Bud Spencer und Terence Hill, "Das Krokodil und sein Nilpferd", mit insgesamt 275 Kopien gestartet. Damit blockieren zwei Filme zur attraktiven Weihnachtszeit das Gros der begehrten City-Kinos.
Die Folge dieser programmierten Marktverstopfung ist ein langweiliges, dürftiges Filmangebot zum Jahresende. Die übrigen Dezember-Premieren waren dünn gesät, ambitionierte Neuheiten blieben an den Rand gedrängt.
Und auf Filme, die seit langem im Gespräch sind, von den "Muppets" über Loseys "Don Giovanni" bis zu Bertoluccis "La Luna", können deutsche Zuschauer noch Monate warten; die Verleiher hätten für solche anspruchsvollen Titel nur mehr kleine, drittklassige Häuser bekommen.
Die robuste Bestsellerpolitik ist ein Symptom für die Entwicklung des deutschen Kinomarkts zu einem der umsatzstärksten der Welt. Auch der Kinobesuch steigt wieder an: Die 3220 westdeutschen Kinos verbuchten 1979 einen neuen Besucheranstieg um 4,4 Prozent und in den letzten drei Jahren insgesamt eine Zuwachsrate von 20 Prozent.
Doch je besser das Geschäft, desto rauher die Sitten. Horst Wendlandts Berliner Tobis, abonniert auf das Erfolgsduo Spencer-Hill, hat auf dem deutschen Markt das Prinzip eingeführt, auf einen Schlag und in kurzer Zeit bundesweit "abzukochen", mit preisgünstig im Ausland gezogenen Kopien, deren Kosten durch Massenrabatt nochmals reduziert werden.
Wendlandts 275 Einsätze in diesem Dezember sind ein neuer Rekord. Hämischer Branchenkommentar: Die Firma könne wohl kein großes Vertrauen haben in ein Produkt, das sie so eilig zu verramschen versuche.
Aber die Tobis und ebenso die Spencer-Hill-Klamotten haben einen hohen Marktwert, der Coup wird wohl gelingen. Nicht zuletzt, weil es zu diesem System gehört, die Konkurrenz von vornherein auszuschalten: Lukrative Starttermine wie Ostern und besonders Weihnachten werden langfristig im voraus blockiert, oft mit Phantasietiteln. Im Augenblick feilscht die Branche um die Weihnachtstermine für 1983. Verleiher und Erstaufführer haben sich daran gewöhnt, über Filme zu verhandeln, die noch gar nicht gedreht sind.
Ein anderer Grund für die Großeinsätze von Filmen sind die gigantischen Werbekampagnen. Denn anders als in Frankreich, Italien, England, Spanien, wo sich das große Geschäft auf wenige Metropolen beschränkt, ist der deutsche Markt dezentralisiert. Hier rentiert sich nur die flächendeckende Wer--
* Mit Bud Spencer und Terence Hill.
bung in überregionalen Zeitungen und Zeitschriften, in Radio und TV, in Regleitaktionen und im Medienverbund mit Buch, Platte, Spielzeug.
Allein die bundesweite TV-Werbung für einen Film kostet aber circa 700 000 Mark, der PR-Etat für den Verleih klettert damit rasch auf eine Million und mehr. Folge: Um die Fehlstreuung des hohen Aufwands zu vermeiden, muß der Film am Zieltag möglichst überall anlaufen; Starts mit rund 100 Kopien sind längst üblich geworden. Die Kinos muß man zu den Massenstarts nicht überreden, im Gegenteil: Jeder möchte am großen Geschäft des mit allen Mitteln ins Gespräch gebrachten neuen Titels teilhaben.
Genauso steigt aber auch die Bereitschaft, einen Film, sobald er nicht am ersten Wochenende die gewünschten Einspielergebnisse erzielt, wieder rauszuschmeißen und auf den nächsten potentiellen Hit zu setzen: ein gnadenloser Erfolgszwang, dem nicht nur die Sintflut kommerzieller Durchschnittsware zum Opfer fällt, sondern zunehmend auch das Quantum anspruchsvoller Filme im Kinoprogramm.
Anders gesagt: Immer weniger Filme machen immer mehr Geld, denn die wachsende Zahl von Kinobesuchern kommt den wenigen Produktionen zugute, die die etwa zehn marktbeherrschenden Firmen als ihre erfolgversprechenden Knüller anpreisen und vermieten.
Und damit vergrößert sich rapide die Kluft zwischen den Harten und den Zarten, den großen Kinoereignissen und den bescheidenen, stillen, schwierigen oder intelligenteren Filmen also auch den meisten deutschen.
Doch deren Vertreter üben sich in Bescheidenheit. Als habe es die Kassenerfolge "Die Blechtrommel", "Die Ehe der Maria Braun", "Wehe, wenn Schwarzenbek kommt" und "Nosferatu" nicht gegeben, widerspricht die Branche nicht der selbstmörderischen Devise, das Heil der Deutschen liege im bescheidenen Schmuddelkino, im "kleinen schmutzigen Film". Wer sich freiwillig an den Katzentisch setzt, darf sich nicht wundern, wenn er übersehen wird.

DER SPIEGEL 52/1979
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