24.12.1979

STARSWild und tiefschwarz

Buch und Ballett, Platten und Fernsehen: Bescherung mit Medien-Multi Leonard Bernstein.
Leonard Bernstein, Leonard! Singender Vogel der Ewigkeit! Schönheit Wahrheit, Wahrheit Schönheit, Nektar Einzigartigkeit Eure Göttlichkeit. Natürlich steht der indische Mystiker Sri Tschinmoi mit seinem Glona auf L. B., wie seine Plattenfirma "Deutsche Grammophon Gesellschaft" ihren jüngsten Darling liebevoll gestutzt hat, nicht allein unter den dichtenden Zuckerbäckern. Auch die Gurus aus der deutschen Kritiker-Kaste tippen so ihr Kandiertes.
Der Größte unter ihnen hört bei Bernstein-Brahms den "symphonischen Himmel wild und tiefschwarz verfärbt", die "Moll-Gewalten logisch und ungeheuerlich", dazu "Größe und hinreißend herzliche Entsagungs-Gebärde". O-Ton Joachim Kaiser.
Sicher ist L.B. für den Kniefall seiner Jünger ins stilistische Fettnäpfchen ebensowenig verantwortlich wie für den Fußtritt seiner Schmäher. Nur macht es stutzig, daß gerade für ihn die Federn so tief in Tran oder Galle getaucht werden. Ein Chamäleon zwischen Music-Hall und Musikvereinssaal, Glamour und Inbrunst?
Die Hälfte seiner Gagen stiftet er für Amnesty International, gibt Benefize für hungernde Kinder, dirigiert Israels Philharmoniker stets gratis. Er denkt viel und schreibt klug über Musik (so in seinem letzten Buch "Musik -- die offene Frage"), verkriecht sich nicht vor der Politik in die reinen Quinten -- seltener Fall im Gewerbe.
Aber beim "Rosenkavalier" gab er manche Einsätze per Handkuß, flüchtete in der Pause der Hamburger "West Side Story" "tränenüberströmt ins Treppenhaus" und "küßte sich den Weg dorthin frei" ("Hamburger Abendblatt"). Beim Debüt mit den Berliner Philharmonikern Anfang Oktober legte er eine zugeworfene Rose in die Mahler-Partitur, küßte sie und hob sie ins Rampenlicht wie eine Hostie -- seltener Fall im Gewerbe. Darf man Beethoven in solche Kußhände legen?
Ein "Medienereignis", "spektakulären" als alles Dagewesene, soll jetzt der "Deutschen Grammophon Gesellschaft" zufolge auch der hiesigen Klassik-Gemeinde Augen, Ohren und Geldbörsen öffnen für den "Beethoven-Zyklus zum neuen Jahrzehnt", also multimedialen Zugang verschaffen zu einem geläuterten L.B.
Nach standesgemäßer Ouvertüre am Samstag -- Empfang mit L.B. für die Herren der Medien nachmittags, am Abend Bernstein-Ballett-Premiere in der Hamburgischen Staatsoper -- schaltet sich am 23. Dezember die ARD in die symphonische Bescherung ein: Da dirigiert L.B. die Symphonie Nr. 1 von L. v. B., Heiligabend Nr. 2, am Zweiten Weihnachtstag Nr. 3, Neujahr Nr. 4, den Rest das Jahr über. Schon am 2. Januar bringt die Deutsche Grammophon alle Neun in die Läden.
Ein Dienst an der Menschheit. Denn "wir bewegen uns ständig am Rande der Vernichtung unseres Planeten", begleitet L. B. seinen Beethoven apokalyptisch in die Hit-Listen, "der Knopf kann jeden Augenblick gedrückt werden, aus tausenderlei Gründen. Bleibt uns etwas Besseres, als Beethoven zuzuhören?"
Bestimmt am Bildschirm. Denn die Einf alt, mit der die Münchener "Unitel" (die in Wien jede der neun Symphonien zweimal live aufzeichnete) die Doubletten zu einer TV-Komposition verschnitt, erinnert peinvoll an die symphonischen Ansichtskarten aus Holzamers Tagen.
Da streifen sechs Kameras in verlegener Würde über den schwarzgewandeten Klangkörper, fahren gelegentlich auf einen streichfähigen Wiener Philharmoniker und halten, wenn der österreichische Schaffensdrang optisch abschlafft, stur auf L. B. der sein Podium trotz seigneuraler Zurückhaltung immer noch als Sprungbrett benutzt.
Zur illustrierten Monotonie ein Klang von nostalgischer Blässe. Kein Glanz, keine Transparenz, keine Eruptionen -- der Zyklus zum neuen Jahrzehnt fällt tonlich zurück zu Mono selig. Zwar bot sich Abhilfe an, gebieten die Sender der ARD doch auch über Ultrakurzwellen. Doch einender Kunstverstand hat diese Arbeitsgemeinschaft noch selten ausgezeichnet; die Herren vom Radio wollten sich nicht zu Lakaien der Television erniedrigen. Was die ARD für rund zwei Millionen Mark sehen läßt, können nur bundesdeutsche Minderheiten, voran in Berlin und Bremen, auch angemessen hören.
Ob sich der andere Maestro darob schadenfroh die Hände reibt? Karajan wollte nämlich in seinem Mainzer Stammkanal ein kleines Kontrast-Programm zu L. B. dirigieren, das "Silvesterkonzert". Doch da das ZDF keine Radio-Wellen sein eigen nennt und folglich nicht die gewünschte akustische Breitseite liefern konnte, winkte Karajan ab (und Solti sprang ein).
Auch das Platten-Paket von L. B. soll H. v. K., Branchen-Rumor zufolge, nicht gern gesehen haben, und einzig der Hinweis, Bernstein produziere doch live und folglich mit allen Störfaktoren des vollen Menschenlebens, vermochte seinen Unmut über die Beethoven-Konkurrenz auf demselben Grammophon-Label zu mildern.
Doch da dürfte sich Karajan zu früh beruhigt haben. Denn das Beethoven-Album seines US-Kollegen ist aufnahmetechnisch ein Prachtstück (und stellt Unitel/ARD vollends bloß). Die Wiener Philharmoniker klingen geschmeidig, rund und studiosauber. Auch Bernstein agiert in Top-Form: Waren seine alten New Yorker Beethoven-Einspielungen scharf, rauh und voll vulgärer Effekthascherei, so musiziert er jetzt beherrscht, flexibel und notengetreu.
Also doch ein geläuterter L. B.? Mit den Symphonien hat er auch Beethovens Streichquartett Opus 131 eingespielt, eines der rätselhaften, spröden Spätwerke. Aber wo sich sonst vier Streicher abrackern, da setzt er nun 60 Wiener Philharmoniker ein. "Ich möchte einigermaßen tollkühn behaupten", verlautet dazu der Singende Vogel der Ewigkeit, "daß wir etwas vorstellen, was Sie später vielleicht als Beethovens "Zehnte" Symphonie ansehen könnten." Warum nur muß er mit Streichern und Worten so dick auftragen?
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 52/1979
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