27.08.1979

FDPViel Zirkus

Die Liberalen hoffen, mit Walter Scheel auf Stimmenfang gehen zu können. Doch der Altbundespräsident zögert noch.
Der Vorsteher auf dem Bremer Hauptbahnhof entschuldigte sich. Leider habe er keinen roten Teppich, bedauerte der Bundesbahner im Gespräch mit dem FDP-Vorsitzenden der Hansestadt, Horst-Jürgen Lahmarm; gerne hätte er sonst dem hohen Besuch einen würdigen Empfang bereitet.
Um 21.19 Uhr am vorletzten Sonntag traf der Gast mit dem Intercity 516 ein, in bester Laune, auch wenn kein Teppich für ihn ausgerollt war: Altbundespräsident Walter Scheel ... Ein wunderbarer Zug", schwärmte er über den "Senator-Expreß", der ihn von Köln nach Bremen gebracht hatte. wunderbar habe er sich "die Beine vertreten", und auch den Besuch im Speisewagen fand er wunderbar.
Die Polizisten, die zu seinem Schutz angerückt waren, hieß er gleich wieder abtreten ("brauchen wir nicht"). Den ganzen Abend verbrachte er auf der Party eines Parteifreundes, scherzte und alberte, zog sich auch mal zu ernstem Gespräch in eine Ecke zurück. "Er hatte Gelegenheit", so Lahmarm über die Fete, "sich ganz als Privatmann, nicht als Parteimann zu fühlen."
Locker inszenierte Walter Scheel, der nur widerwillig aus dem Präsidentenamt geschieden war, seine Rückkehr in die aktive Politik. Der Ehrenvorsitzende der Liberalen hatte sich zur Sitzung des FDP-Präsidiums in Bremen angesagt: der erste halböffentliche Auftritt nach seinem Abschied aus der Villa Hammerschmidt, und sicher nicht der letzte.
Walter Scheel, neuer Hit der Vor-Wahl-Saison. der seine gewaltige Popularität als liebenswürdiger Mensch, dazu noch sein politisches Renommee als geachteter Ex-Präsident zum Wohle der Liberalen einsetzt? Bange Fragen, große Hoffnungen -- je nach Couleur.
Die Aussicht mobilisiert die Phantasie des freidemokratischen Parteivölkchens. Den soliden, umgänglichen, aber nicht gerade mitreißenden Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher schätzen alle, gewiß. Aber die Liberalen sehnen sich doch nach ein bißchen mehr Faszination. Und viele glauben, entwöhnt, wie sie sind, Scheel sei der Wundermann. dem es gelinge, die arg geschrumpfte FDP in neue Höhen hinaufzuführen.
Skrupel, ob denn das einstige Staatsoberhaupt zurück ins Parteigetümmel dürfe, ob nicht die Würde und Neutralität des einstigen hohen Amtes Überparteilichkeit auf Lebenszeit gebiete, plagen die FDP-Leute nicht "Er kommt doch nicht aus dem großen Teich, wo der Storch die kleinen Kinder holt", belustigt sich der Abgeordnete Friedrich-Wilhelm Hölscher über derlei krause Ideen, "sondern aus unserer Partei."
Eher gibt es schon solche, die gar nicht genug von dem großen Freund kriegen können, die ihn gerne wieder wie früher an der Spitze ihres Häufleins sähen oder gar als Außenminister, der die Welt mitregiert.
"Eine Art Stufenplan" schwebt dem Bundestagsabgeordneten Klaus-Jürgen Hoffie bereits vor, wie "bei der Polarisierung im kommenden Bundestagswahlkampf die einmalige liberale Potenz genutzt" werden kann. Aber es wäre "blöd", meint der hessische PR-Experte, wenn der Plan "jetzt schon in die Wahlkampfbüros der Gegner gehängt würde".
Die Unionschristen zeigten sich prompt irritiert. Drohend erinnern sie an ungeschriebene Gesetze und Traditionen, appellieren an die Fähigkeit des einstigen Präsidenten, die Grenzen zu wahren. Als CSU-Anstandsapostel beschimpfte Fritz Zimmermann, ausgerechnet, die Freidemokraten, sie würden ihren Renommier-Liberalen "parteipolitisch vermarkten"; und für die CDU ereifert sich Kurt Biedenkopf über die "parasitäre Publizität".
Doch Walter Scheel (Wahlspruch: "Bis ganz dicht an die Grenzen herangehen") hat sich seit eh und je als Meister im Spiel mit und ohne Grenzen erwiesen. Auch in Bremen hielt er sich
* Links: mit Altbundespräsident Theodor Heuss und dem damaligen FDP-Chef Erich Mende; rechts: für die nordrheinwestfälischen Kommunalwahlen am 30. September.
"auf eine äußerst feinsinnige Art" (Lahmarm) an unsichtbare Grenzen.
Zwei Stunden, von neun bis elf, saß der FDP-Ehrenvorsitzende letzten Montag unter den Präsiden. Die Runde sprach über die nächsten Termine, über Steuern, den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen und die Lage der Union wie der eigenen Partei. Walter Scheel steuerte viel Optimismus und gute Laune bei, so daß Generalsekretär Günter Verheugen fand, alles sei "mehr eine Plauderei" gewesen.
Dann aber, um elf, als die Herren vom Landesvorstand dazukamen, um die anstehende Wahl in Bremen vorzubereiten, erhob sich der Zugereiste, verabschiedete sich und sagte: "Ich gehe jetzt spazieren." In der Fußgängerzone ließ er sich vom Volk begrüßen und bestaunen. kaufte Wurst und Pralinen für die Familie und fand sich pünktlich zur Besichtigung der Becks-Bier-Brauerei, wo der alte Fliegerkamerad Knickmeier als Vertriebsdirektor wirkt, wieder ein.
Politisches und Privates. Heiteres und Ernstes zwanglos gemischt, so kennen die Liberalen ihren Walter -- und so wollen sie auch ihre künftigen Wahlkämpfe in den Ländern und 1980 im Bund anlegen.
Den Präsidiumsmitgliedern konnte Scheel, der "junge Mann" ("Bild"), glaubwürdig versichern, in die aktive Parteipolitik kehre er nicht zurück. Orts- und Kreisverbänden, die ganz kribbelig den Matador für Auftritte buchen wollen, schreibt die Bonner Zentrale mit Bedauern, das müßten sie sich aus dem Kopf schlagen.
Bescheiden und artig erklärte Scheel in Bremen nur, daß er gerne in den Gremien dabeisein wolle, um sich zu informieren oder auch, wenn?s gewünscht wird, seinen Rat zu erteilen. Und vielleicht wolle er auch mal auf einem Parteitag eine Rede halten.
Den Freidemokraten ist es recht -- sozusagen unanfechtbar kann der heimliche Chefliberale auf dies Weise als eine besonders vornehme Art Sandwichman für die Seinen werl: en, auf Spaziergängen, Partys oder in Festzelten. Auf Anzeigen, in fröhlichei Runde mit erhobenem Bierglas, ist er bereits jetzt gemeinsam mit dem Kölner FDP-Mäzen und Vorsitzenden seines Golfklubs, Jan Brügelmann, zu sehen.
Mit solchen Wahlkampfplänen wiederholen die Freidemokraten einen Stil, der 1972 unter dem Generalsekretär Karl-Hermann Flach respektierliche 8,4 Prozent einbrachte. "Wahlkampf -- ganz fröhlich und warm", hatte Flach proklamiert, dazu "leichte Zirkusatmosphäre" gewünscht, and der damalige FDP-Chef Scheel hatte den Stimmenfang mit flotten Sprüchen ("Wir jagen sie jedem ab") angeheizt.
Flach-Nachfolger Verheugen möchte gerne Rezept und Erfolg von damals plagiieren. "Heiter, locker, un konventionell" soll es zugehen: "Wir werden uns nicht als Staatspartei darstellen, die vor lauter Würde nicht mehr laufen kann."
Sein Rezept: Weniger Großveranstaltungen, die der kleinen Partei doch nicht viel bringen, wenigei Lautsprechereinsätze in den Einkaufsstraßen der Großstädte, statt desser soll die "Nachbarschaftsparty" als PR-Gag der Zukunft kultiviert werden. Die Parteifreunde brauchen nur, so die Anleitung, Nachbarn und Bekannte (50 bis 80) einzuladen, einen prominenten Gast anzukündigen, Bier und belegte Brötchen kalt zu stellen -- und schon kommen mehr Menschen zusammen als beim Dämmerschoppen im Wirtshaus.
Die Sache ist erprobt und "prima eingeschlagen" (Verheugen), nicht nur in Bremen, wo Genscher am Sonntag morgens zum Frühschoppen schon angefangen und insgesamt fünf Partys beehrt hat. In Berlin ließ sich der FDP-Chef von einem Taxifahrer einladen, der holte 80 Kollegen und Nachbarn in die gute Stube. Verheugen: "Was meinen Sie, was die überall erzählt haben."
Viel Zirkus, mit und ohne Walter Scheel, wenig Politik? Keineswegs, beteuert Verheugen. Vielmehr soll die FDP gerade "eine Entpolitisierung verhindern". Zwischen Kanzler Helmut Schmidt und dem CSU-Herausforderer Franz Josef Strauß dürfe es nicht zu einer "Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht" kommen, wie es Schmidt und Strauß, so der FDP-Generalsekretär, wohl gerne hätten.
Die Liberalen wollen ihre Politik, und ein bißchen natürlich auch ihre Minister, als klare "Alternative 80" (vorläufiger Arbeitstitel) anpreisen, und zwar "mit mehr· Biß als früher" (Verheugen).
Doch stimmen erste Wähleranalysen die FDP-Planer nicht gerade heiter. Das traditionelle FDP-Reservoir der Wechselwähler ist nämlich, wie Meinungsforscher herausfanden, in den wichtigsten politischen Fragen zu gleichen Teilen in Anhänger und Gegner der Liberalen gespalten. "Wir können uns also aussuchen", so Verheugen selbstironisch, "wen wir verärgern."
Zudem haben die Spitzenliberalen bislang die falschen Zielgruppen poussiert. Die meisten Jungen zum Beispiel, bisher umworbene Klientel, sind wie für alle Parteien so auch für die FDP unerreichbar geworden, weil sie das ganze System ablehnen. Dafür sollen künftig die bisher vernachlässigten Alten für die FDP gewonnen werden.
Als falsche Strategie hat sich auch das Werben um die Aufsteiger erwiesen. Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff erhält statt dessen den Auftrag, den selbständigen Mittelstand (2,3 Millionen potentielle Wähler), den die FDP bislang als sterbende Schicht abgeschrieben hatte, wieder zu versöhnen, wenigstens mit schönen Reden. "Denen fehlt nur", glaubt Verheugen, "daß sich mal einer zu ihnen bekennt."
Ob die Neuorientierung die Freidemokraten in eine bessere Zukunft führt, werden die Landtagswahlen zeigen. Sollten sich die Strategen irren, wird am Ende, wie viele glauben, der Ruf in der Partei nach dem Retter immer lauter werden.
Und Walter Scheel hat, vieldeutig wie eh und je, niemand die Hoffnung auf sein Comeback genommen. "Nun, Gott noch mal", sagte der "Mitbürger besonderer Art" ("FAZ") auf die Frage, ob seine Absage vielleicht nur vorläufig sei, "Ewigkeitsaussagen kann kein Mensch machen."

DER SPIEGEL 35/1979
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