27.08.1979

IRANKranke Armee

Chomeini führt Krieg gegen die kampfstärksten Minderheiten seines Landes, die Kurden. Doch die sind bestens gerüstet -- unter Anleitung von Schah-Generälen.
Wenn innerhalb von 24 Stunden nichts Positives geschieht", drohte Iran-Herrscher Ruhollah Chomeini, "werden die Befehlshaber der Streitkräfte und der Staatspolizei verantwortlich gemacht."
Positives erwartete der Ajatollah von seinen Soldaten im Kampf gegen die Kurden. Und um der Drohung mehr Druck zu verleihen, ernannte er sich selbst zum "Oberkommandierenden der bewaffneten Streitkräfte". "Die Armee tut nichts", klagt der kämpferische Heilige von Ghom, "um in Paweh Ordnung zu schaffen."
Denn dort, an der iranisch-irakischen Grenze, belagerten kurdische Aufständische die Stadt Paweh, die von Chomeinis paramilitärischen "Wächtern der Revolution" verteidigt wurde. Ihnen war Mustafa Tschamran, Vize-Premier und Chef des neuen Geheimdienstes Savama, zu Hilfe geeilt und hatte Munition herbeigeschafft.
Von der Armee freilich war trotz Marschbefehl wenig zu sehen: "Wir haben den Belagerten von Paweh zusätzliche Einheiten der Revolutionsmilizen und Truppen geschickt", verteidigte sich Verteidigungsminister Taghi Riahi. Aber "sie konnten noch nicht dorthin gelangen, weil die Gegend sehr unwegsam ist und die Bergpässe in kurdischer Gewalt sind".
So überrannten die Kurden, nachdem sie zwei Phantombomber abgeschossen hatten, mehrere Viertel der Stadt und enthaupteten 18 Revolutionswächter. Dann kämpfte sich Vizepremier Tschamran mit seinen Milizen wieder frei. Ergebnis: 400 Tote.
Chomeini schickte seinen Blutrichter Scheich Sadigh Chalchali, der die Chomeini-Komitees gleich nach seiner Ankunft zu fragen pflegt: "Wen soll ich töten?" Sogleich ließ der Großinquisitor des Schiitenpapstes 32 gefangengenommene Kurden hinrichten. Er hatte sie pauschal für schuldig befunden, "korrupt auf Erden zu sein und gegen Gott und seinen Propheten zu kämpfen".
Ob er Erfolg damit hat, ist zweifelhaft, denn die Kurden geben den Kampf nicht auf. Am Freitag vergangener Woche griffen 2000 schwerbewaffnete Kurden die Garnison von Sakkes an. Mit Phantom-Jägern, Kampfhubschraubern und Artillerie wehrte sich die eingeschlossene Armee-Einheit.
Seit dem Sturz des Schah versuchen die Kurden mit allen Mitteln, ihre Autonomiewünsche durchzusetzen: Sie nahmen 60 Eisenbahner als Geiseln und legten den Schienenverkehr zwischen dem Iran und der Türkei lahm. Sie griffen sechs Grenzposten an und entwaffneten die Polizisten. Elf Ortschaften sollen in ihre Hand gefallen sein. Das 64., in Urumieh stationierte Regiment zwangen sie zum Rückzug und nahmen 20 Offiziere gefangen.
Als in Mariwan, einer Kleinstadt von 10 000 Einwohnern nahe der irakischen Grenze, kurdische Bürgerkomitees durch Chomeinis "Wächter der Revolution" abgelöst werden sollten, verließ die Bevölkerung aus Protest die Stadt und kampierte zwei Wochen lang in den umliegenden Bergen. Die zurückgebliebenen schwerbewaffneten Männer empfingen die Revolutionswächter mit Granatwerfern.
Von der 50 Kilometer entfernten Stadt Sanandadsch zogen daraufhin etwa 10 000 Einwohner aus, um die Mariwaner zu unterstützen. Unterwegs schlossen sich nochmal so viele Dörfler an. Als 14 vom Innenminister Haschim Sabaghian geschickte M-47-Panzer anrückten, legten sich Männer, Frauen und Kinder auf die Straße. Die Soldaten kehrten wieder um.
Ein provisorischer Stadtrat drohte Chomeini in einem Telegramm, die Mariwaner würden in einem anderen Land um politisches Asyl nachsuchen. Der zog daraufhin seine Milizen zurück.
Wie die Kurden kämpfen auch die Araber im südlichen Chusistan, die ihnen benachbarten Bachtiaren sowie die Belutschen an der Grenze zu Afghanistan gegen die Zentrale in Teheran. Zwar ist jede der Völkerschaften des Iran nur eine Minderheit, zusammen aber bilden sie über die Hälfte der Nation.
"Wenn die Minderheiten ihr Stück vom Kuchen haben wollen", versichert ein Militärexperte in Teheran, "dann gibt es im heutigen Iran nichts, was sie aufhalten könnte."
Am wenigsten die Armee. Sie hat der neue Oberbefehlshaber selbst entmannt. Von 500 Generälen aus der Schahzeit behielt er nur 30. Verteidigungsminister General Riahi: "Ich glaube, die Entlassung fast aller Offiziere war ein Fehler."
Wer nicht gefeuert wurde, ging von selbst. Der Oberkommandierende der Luftwaffe, General Afschar Imamian, trat zurück, als Außenminister Jasdi Anfang August die 78 mit den modernsten Luftkampfraketen dr Welt ("Phoenix") ausgerüsteten F-14-Jäger verkaufen wollte. Bereits fünf Milliarden Dollar hatte das Land in die Schwenkflügler investiert. Selbst Premierminister Mehdi Basargan klagte: "Der Verlust wird ungeheuer sein." Als Chomeini im Juli das Militärbudget um 60 Prozent kürzte, hatte er sein Ziel, die Streitkräfte auf die Hälfte zu reduzieren, bereits erreicht. Heute stehen noch höchstens 230 000 Mann der ehemaligen Schah-Streitmacht im Sold der Regierung, manche behaupten gar nur noch 120 000.
Und die sind völlig demoralisiert. In der 151. Brigade beispielsweise trägt kaum noch jemand eine Uniform, jeder vierte Soldat geht in Zivilkleidung auf Wache, auch Offiziere ziehen sich leger an, aus Angst vor Schwierigkeiten mit ihren Untergebenen.
Statt Helmen oder Militärkäppis wickeln sich die Soldaten alte T-Shirts um die Köpfe. Die Füße stecken in Turnschuhen, Sandalen oder gar Pantoffeln -- Stiefel sind eine Ausnahme. Nur eine Toilette funktioniert noch im Lager. Die US-Panzer stehen zwar noch, die meisten sind allerdings funktionsunfähig.
Denn seit Februar beschäftigten sich die Militärs hauptsächlich damit, Komitees zu bilden und die politische Diskussion zu pflegen. So weigerten sich "revolutionäre Einheiten" der Luftwaffe, die vom Generalstab ernannten Offiziere zu akzeptieren, und wählten selbst ihre Kommandanten.
Marinesoldaten halfen nur dann, Kisten zu transportieren, wenn die Offiziere mit zupackten. "Wir sind jetzt alle gleich", erklärte einer.
Vor allem aber weigerten sich die Soldaten, in den Unruheprovinzen Chusistan und Kurdistan einzugreifen. "Niemals mehr werden wir als Polizisten dienen", versicherte ein Offizier. "Unsere einzige Aufgabe besteht darin, die Grenzen zu verteidigen."
In Chusistan verweigerte ein junger Offizier den Befehl, auf demonstrierende arabische Arbeiter zu schießen. Er wollte später nicht unter der Anklage stehen, "das Volk zu unterdrücken". Auch ein Flugzeuggeschwader konnte nicht aufsteigen, weil die Piloten den Befehl nicht gutheißen.
In Urumieh in West-Aserbaidschan setzten am 7. August 200 Soldaten der 64. Armeedivision Militärbaracken in Brand. Sie protestierten damit gegen die Hinrichtung des Obersten ibrahim Huschangi und des Feldwebels Iskanderi.
Beide waren am Tag vorher erschossen worden, weil sie angeblich im Februar auf Demonstranten gefeuert haben. Tatsächlich hatten sie gerade das verweigert.
Sie wollten keine Befehle mehr von Teheran entgegennehmen, verlangten die Soldaten daraufhin, solange diese Richter nicht von einem Militärgericht abgeurteilt worden seien.
Selbst auf die Luftwaffe kann sich Chomeini nicht mehr verlassen. Die "Homafar", die wohlorganisierten Bodentechniker, die für Chomeini zu Zeiten des Schah die Flugplätze lahmlegten, streikten im Sommer für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Mitspracherecht bei der Weiterentwicklung der Luftwaffe. Chomeini lehnte ihre Wünsche ab.
Nicht mal die Offiziere halten noch etwas von der Gehorsamspflicht. Brigadegeneral Rahimi nahm beispielsweise seine Entlassung vom Verteidigungsministerium nicht an: "Ich habe 7000 bewaffnete Männer zur Verfügung", drohte er, "ich bin stärker als das Ministerium."
Der erste Oberste Befehlshaber der Streitkräfte wiederum trat zurück, weil er den damaligen Verteidigungsminister Madani nicht als Chef anerkannte. Sein Stellvertreter, General Farbod, quittierte den Dienst, weil das iranische Militär "nicht als Werkzeug benutzt werden sollte, um politische Demonstrationen zu unterdrücken". "Die Armee ist krank", urteilte Befehlsverweigerer Rahimi, "ihre Befehlshaber sind unfähig."
So blieben dem Oberbefehlshaber Chomeini nur seine paramilitärischen "Wächter der Revolution" übrig. Die im Mai gegründete Spezialtruppe ist heute etwa 30 000 Mann stark und nur dem geheimen religiösen "Revolutionsrat" verantwortlich. Die von libanesischen Schiiten-Guerillas trainierte Garde sollte ursprünglich Armee und Polizei durchsetzen -- eine Art militärischer Savak.
Doch jetzt muß sie kämpfen. Als Chomeini zum Feldzug gegen die Kurden aufrief, requirierten seine Garden in Teheran Taxen, Lastwagen und selbst einen doppelstöckigen Stadtbus. Die Fahrer erhielten Order, unverzüglich gen Kurdistan aufzubrechen.
Dort aber erwartet sie ein Gegner, dem die Chomeini-Horden zumindest vorerst kaum gewachsen sein dürften.
* Elizabeth Taylor.
Denn die Kurden sind im Iran, was die Gurkhas einst für die britische Armee waren: eine furchtlose Elitetruppe.
Sie stellten -- zusammen mit den benachbarten Minderheiten der Aserbaidschanis und Chusistanis -- ein Drittel der Piloten und die Hälfte des Bodenpersonals der Luftwaffe. Als Chomeini einst die Armee aufforderte, zu desertieren, türmten sie -- 80 000 bis 90 000 Kurden, zumeist mit ihren Waffen.
Die bilden heute, zusammen mit Teilen der Marine der Region um die südpersische Hafenstadt Chorramschahr, die Hauptstreitmacht, geführt von den Schah-Generälen Ah HusseinPalisban und Gholamali Oweissi.
Verbündet haben sich die Offiziere in Paris, dem Hauptquartier des letzten Schah-Premiers Schahpur Bachtiar. Dort tauchte am 31. Juli auch General Palisban auf. "Vielleicht ist die Armee nicht hundert Prozent für mich", urteilt Bachtiar, "aber sie ist hundert Prozent gegen Chomeini."
Die "Organisation der freien Offiziere" will den Widerstand vom Ausland her koordinieren. Sie versorgt die Kurden mit Waffen und gibt ihnen militärische Anleitung. Schon tauchen im kurdischen Kampfgebiet Luft- und Panzerabwehrwaffen wie die sowjetischen RPG-7 auf. In Paweh focht die von Palisban rekrutierte Truppe des Schah an der Seite der Kurdenrebellen.
Finanziert werden die Generäle vom Flirt Liz Taylors und Ex-Botschafter des Schah in Washington, Ardeschir Sahedi. Der war vor kurzem an der irakisch-iranischen Grenze und brachte Palisban das Geld für die Bewaffnung kurdischer Legionäre: insgesamt 200 Millionen Dollar.

DER SPIEGEL 35/1979
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