27.08.1979

NORWEGENDoppelt peinlich

Im größten Wirtschafts-Strafprozeß Norwegens steht der Tanker-Magnat Hilmar Reksten wegen Steuerhinterziehung und illegalen Devisentransfers vor Gericht.
Nach seinem Einkommen vom vergangenen Jahr gefragt, bemühte sich der Angeklagte sogar noch bei der ersten Position hinter dem Komma um Präzision: "0,0". Auch auf die Frage nach dem persönlichen Vermögen antwortete er "0,0", fügte dann aber hinzu: "Oder wohl noch weniger."
Großreeder Hilmar Reksten, 81, noch vor wenigen Jahren als einer der erfolgreichsten Tanker-Magnaten der Welt gefeiert, ist finanziell auf Null. Und der einstige bp-Unternehmer könnte womöglich noch tiefer sinken.
In einem Strafprozeß, der Anfang vergangener Woche vor dem Stadtgericht von Bergen eröffnet wurde, wirft Staatsanwalt Karstein Espelid dem Reeder den weitaus größten Steuer- und Devisen-Schwindel vor, den je ein Norweger gefingert haben soll.
Reksten habe in seinen Glanzzeiten, so will der Ankläger nach fast dreijährigen Recherchen herausgefunden haben. den norwegischen Fiskus um Millionen-Einnahmen geprellt, indem er Gewinne in Höhe von 435 Millionen Kronen (heute: 157 Millionen Mark) in die Steueroasen Panama, Liberia und Bermuda verschob. Darüber hinaus habe der Schiffseigner durch heimliche Finanzmanöver illegale Devisentrans* Mit seinem verteidiger im Stadtgericht von Bergen.
aktionen im Werte von insgesamt 670 Millionen Kronen (241 Millionen Mark) vorgenommen.
Für den greisen Reeder, der sich als völlig unschuldig bezeichnet, ist diese Anklage doppelt peinlich: Die seit der Ölkrise 1973/74 schwer angeschlagene Reksten-Flotte (zwölf Supertanker, ein Gastanker) hält sich nämlich nur noch mit öffentlichen Bürgschaften in Höhe von 900 Millionen Kronen über Wasser. Diese Kredit-Garantien aber hatte das vom Staat unterstützte "Garanti-Institutet" nur auf die Zusicherung hin erteilt, daß Reksten keine Vermögenswerte im Ausland versteckt halte.
Durch einen Schuldspruch würde Reksten die Herrschaft über eine Schifffahrts-Gruppe verlieren, die er in 50 Jahren schon einige Male an den Rand des Konkurses gesteuert, aber noch stets gerettet hatte.
Unter den internationalen banker-Königen war der Bergener Seemanns-Sproß, der seine Reeder-Karriere 1929 mit dem Kauf eines kleinen 2100-Tonnen-Frachters namens "Trajan" begonnen hatte, immer einer der wagemutigsten gewesen.
Vorsichtige griechische Tanker-Reeder wie Limos und Niarchos oder die Hongkong-Tycoons Pao und Tun vercharterten ihre Schiffe schon vor Vergabe des Bauauftrages auf Jahre hinaus und fuhren damit sichere, wenn auch begrenzte Gewinne ein.
Reksten hingegen spezialisierte sich auf das riskante "Spot"-Geschäft. Auf diesem Markt mieten die Ölkonzerne, die selbst die gewaltigsten Tankerflotten der Welt besitzen, im Bedarfsfall zusätzliche, kurzfristig verfügbare banker für einzelne Transporte an.
In Boom-Zeiten, in denen die Multis dringend weitere Schiffe benötigen, schießen die Frachtraten für die wenigen noch freien banker oft so stark in die Höhe, daß die "Spot"-Reeder Super-Gewinne kassieren. In Flauten dagegen, in denen die Konzerne nur ihre eigenen und langfristig gecharterte Schiffe bewegen, können die "Spot"-Raten rasch in ruinöse Tiefen stürzen.
So stand Tanker-Spekulant Reksten 1967 wegen anhaltend niedriger Frachtraten kurz vor dem Gang zum Konkursgericht. Doch mit dem Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges in Nahost war der risikofreudige Norweger über Nacht saniert.
Denn nach Sperrung des Suezkanals boten die Ölkonzerne fast jeden Preis, um zusätzliche banker-Tonnage für die lange Fahrt ums Kap der Guten Hoffnung zu ergattern. Und Reksten sahnte kräftig ab.
Im Jahre 1970 beispielsweise vercharterte er den größten Teil seiner banker-Flotte für insgesamt 59 Reisen an den britischen Ölkonzern BP. Rekstens durchschnittlicher Gewinn pro banker-Fahrt: gut sieben Millionen Kronen (damals etwa 3,6 Millionen Mark). So wurde das Brutto-Vermögen des Beinahe-Bankrotteurs von 1967 schon vier Jahre später auf 4,6 Milliarden Kronen geschätzt.
Bis 1973 expandierte der Tankreeder munter weiter. Er kaufte zahlreiche Pakete norwegischer Industrie-Unternehmen auf und stieg in so viele in-- und ausländische Schiffahrts-Gesellschaften ein, daß kein Außenstehender mehr das verschachtelte Imperium durchschauen konnte.
Dann aber wurde Reksten laut eigener Aussage "das Opfer eines globalen Erdbebens". Nach der Ölkrise 1973/74 fielen die banker-Raten so abrupt, daß für die besonders verwundbare Reksten-Gruppe bald das Finanzpolster aus fetten Jahren nicht mehr reichte.
Zeitweise lagen alle Reksten-banker still. Darüber hinaus wurden 1975 Konventionalstrafen in Höhe von 320 Millionen Kronen fällig, weil der Reeder die Bauaufträge für vier Supertanker stornieren mußte.
Daher konnten auch die 206 Millionen Kronen, die der norwegische Staat für die Übernahme der Reksten-Anteile an 21 anderen Reedereien und an Industrie-Unternehmen überwies, die leck geschlagene Konzernkasse nicht mehr genügend füllen. Bis Ende 1978 summierten sich die Verluste der Reksten-Gruppe auf 790 Millionen Kronen -- davon 323 Millionen Kronen allein 1978.
Der finanziell wie juristisch in die Defensive gedrängte Reeder hat jetzt nur noch ein großes Ziel. "Ich will um jeden Preis rehabilitiert werden, bevor ich sterbe", erklärte der angeblich schwerkranke Greis bei Prozeßbeginn, "und daher habe ich es jetzt eilig."

DER SPIEGEL 35/1979
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