23.07.1979

BRAUEREIENAus einem Topf

Mit Pilsener und Alt machen kleinere Brauereien gute Geschäfte. Die großen Brau-Gruppen haben Absatzprobleme.
Die Vielfalt des deutschen Bierangebots ist nicht jedermanns Sache. Auf dem "heillos zersplitterten Biermarkt", fand Guido Sandler, Generalbevollmächtigter des Oetker-Konzerns, sei es höchste Zeit für eine Rodung unter den 6000 Biermarken.
Das ging gegen die kleinen Brauereien. inzwischen, fast eineinhalb Jahre nach Sandlers Drohung, haben Oetkers kleine Braukonkurrenten ihre Angst vor dem drittgrößten deutschen Bier-Imperium (Oetkers Jahresausstoß: sieben Millionen Hektoliter) verloren. Denn seit 1977 büßten Sandlers Brauereien mehr Umsatz ein als viele der rund 1500 kleineren Produzenten zwischen Flensburg und Oberstdorf.
Aber nicht nur der Oetker-Konzern -der mit Bier und Pudding, mit Schiffen und Versicherungen Milliarden-Umsätze macht -- hat Verdruß mit seinem Braubesitz. In den vergangenen beiden Jahren hat jeder Deutsche, wohl aus Angst vor Übergewicht und Führerscheinentzug, im Schnitt 5,3 Liter weniger Bier getrunken. Und die Mäßigung traf vor allem die großen Braugruppen.
Neben Oetker klagen die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank (Bayernhypo) in München, mit 15 Millionen Hektoliter Jahresausstoß Deutschlands größter Brauereibesitzer, und die Hamburger Zigarettenfabrik Reemtsma (gut sieben Millionen Hektoliter). Mit insgesamt etwa 100 inländischen Sudhäusern haben die Großen unter den Brauern mehr Kapazität aufgebaut, als die Bierfreunde vertragen.
Seit Beginn der siebziger Jahre versuchten die Münchner Bankiers, der Bielefelder Oetker-Konzern und die Hamburger Zigarettenfabrikanten sich gegenseitig beim Aufkauf von kleineren Brauereien zu überbieten. Mit rund 40 Braubeteiligungen wurde schließlich die Bayernhypo die Nummer eins im Braugeschäft.
Beim Wettbewerb um den Bierausschank in Gasthöfen und beim Verkauf von Flaschenbier an Einzelhandelsketten und Verbrauchermärkte lieferten sich die drei Braukonzerne erbitterte Preis- und Umsatzkämpfe. Dabei vergaßen die ehrgeizigen Konkurrenten allzuoft, sich nach den Wünschen ihrer Kunden zu richten.
So entgingen ihnen neue Trends. Sie übersahen zum Beispiel, daß einige nordrhein-westfälische Brauereien in den letzten Jahren mit hochwertigen Spezialbieren nach Pilsener Brauart weiterhin zweistellige Zuwachsraten erzielten, während die meisten Großbrauereien kaum noch ein Produktionsplus schafften.
Die Duisburger König-Brauerei ("König-Pilsener") etwa konnte innerhalb von zehn Jahren ihren Ausstoß auf mittlerweile 2,29 Millionen Hektoliter verdoppeln. Liebhaber-Marken wie "Warsteiner" und "Bitburger" meldeten selbst 1978 -- als der Umsatz der Branche insgesamt stagnierte -- stattliche Zuwächse von 12,1 und 6,4 Prozent. Auch in den rheinischen "Alt"- und "Kölsch"-Brauereien gärte mehr Bier als je zuvor. Im vergangenen Jahr tranken die Liebhaber des dunkelbraunen obergärigen Altbiers 1,6 Prozent mehr als im Vorjahr (insgesamt 4,24 Millionen Hektoliter). Der Absatz des hellen "Kölsch" kletterte um ein Prozent auf 3,5 Millionen Hektoliter.
Selbst kleinste Brauhäuser paßten sich rechtzeitig der neuen Geschmacksrichtung deutscher Biertrinker an und füllten hochwertige Spezialbiere in Fässer, Flaschen und Dosen. Die drei Braugiganten dagegen suchten Umsatz und Gewinn noch immer durch Expansion bei Billigbieren zu steigern.
Gefragt war die Einheitsmarke: Die Bier-Strategen in Hamburg, Bielefeld und München wetteiferten lange Jahre darum, wer mehr Trinker im Norden und im Süden an die Geschmacksrichtung der jeweiligen -- millionenfach gezapften -- Hausmarke gewöhnen könnte. Die Gewinner des Wettkampfes sind die Zuschauer.
"Der deutsche Biertrinker hat sich zum Glück von den Großen nicht vergewaltigen lassen", freut sich Josef Schnitzler, Inhaber der kleinen Düsseldorfer Altbier-Brauerei "Zum Uerige". Viele Freunde des Gerstensaftes, meint auch Rudolf Stuiber, Verbandsgeschäftsführer der bayrischen Mittelstandsbrauer, wollten kein Massenprodukt, sondern suchten mehr und mehr die "individuelle Geschmacksnote".
Das schlägt sich zunehmend auch in den Bilanzen der drei Brauriesen nieder. Oetkers Dortmunder Actien-Brauerei (Beteiligung: 44 Prozent) verbuchte im letzten Jahr einen Verlust von über 70 Millionen Mark.
Die Berliner Kindl Brauerei (Oetker-Anteil: 57 Prozent) überwies 1978 ebenfalls keine Gewinne mehr auf die Konten des Großaktionärs. Denn in den letzten sieben Jahren hatten die Braumeister an der Spree den Ausstoß um über 20 Prozent drosseln müssen und waren damit sogar unter die Hektoliter-Million gesackt.
Vor wenigen Monaten schließlich wurde Sandler auch das Biergeschäft im Ausland verdorben. Eine 1976 für 25 Millionen Mark in Alaska gebaute Brauerei mußte aufgeben.
Den bayrischen Bankiers vergeht ebenfalls mehr und mehr der Geschmack am Bier. Ihr einst stolzester Branchenbesitz, die Dortmunder Union-Schultheiss AG, mußte drei Brauhäuser schließen und ihre Belegschaft in nur drei Jahren um über 1200 Mann (rund 13 Prozent) reduzieren. Seit 1976 hatte das Unternehmen über eine Million Hektoliter (fast 15 Prozent) eingebüßt.
Die Reemtsma-Gruppe hatte vor allem im Süden wenig Glück. Die Nürnberger Brau-AG, gut zur Hälfte in Reemtsma-Besitz, machte in den letzten sieben Jahren so schleppende Geschäfte, daß die Hanseaten den Ausstoß der fränkischen Tochter nur durch Zukäufe künstlich knapp oberhalb der Grenze von einer Million Hektoliter halten konnten.
Allein in den Jahren 1972 und 1973 schluckten die Nürnberger sechs bayrische Konkurrenten. Viel gebracht hat das nicht: Der Umsatz war ein Jahr später noch geringer als vor dem Zukauf der Brauereien.
Zum blinden Eifer beim Aufkauf kleinerer Brauereien kamen schwere Marketing-Fehler. Häufig boten die großen Braufirmen gleichzeitig Billig- und Qualitätsbier an, "und alles aus einem Topf", urteilte Richard Dusch, Vertriebschef der Paulaner-Salvator-Thomasbräu in München, über die Fehler der Kollegen. Dusch: "Da zog eine Marke der anderen den Boden weg."
Vor allem bei Flaschenbier lieferten sich die drei Braugiganten erbitterte Umsatz- und Preiskämpfe. Die Folge: In zehn Jahren wurde hier -- zum Ärger der Hersteller, zur Freude der Trinker der durchschnittliche Bierpreis nur wenig erhöht.
Jetzt ziehen die großen Braugruppen die Konsequenzen und verkünden eine neue Bierstrategie. Die Dortmunder Union-Schultheiss AG will sich stärker als bisher vom Sortiment der Konkurrenz absetzen. Auch Oetkers Dortmunder Actien-Brauerei meldete, sie wolle den Ausstoß von Qualitätsbieren erhöhen.
Oetker-Manager Sandler hat erkannt, worauf es ankommt: "Wer langfristig mit der Brauerei leben will, muß jetzt und in Zukunft mit seinen Investitionen zuallererst den Absatz sichern." Wohlgesetzte Worte für eine schlichte Wahrheit: Wer Bier braut, muß auch Bier verkaufen.

DER SPIEGEL 30/1979
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1979
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRAUEREIEN:
Aus einem Topf

  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar