23.07.1979

NICARAGUATiefe Wunden

Der Krieg gegen den Diktator Somoza hat die kleine Republik ausgeblutet. Die Sieger treten ein schweres Erbe an.
In den Zimmern des Intercontinental Hotels zu Managua lagen kugelsichere Westen, Militärstiefel, Generalstabskarten herum, dazwischen leere Whiskyflaschen, ein paar Rollen Porno-Filme, ein Band mit den Memoiren des gestürzten US-Präsidenten Richard Nixon:
So überstürzt waren vorige Woche die Bewohner -- Generalstab und Polit-Führung des langjährigen Diktators von Nicaragua, Anastasio Somoza -- aus dem Hotel abgezogen, daß das Personal keine Zeit mehr zum Aufräumen fand, bevor neue Gäste einrückten.
Doch die Neuen -- junge Guerillakrieger der Sandinistischen Befreiungsfront -- störten sich nicht an dem Durcheinander. Wer kein Zimmer mehr bekam, nahm einfach ein Bad bei einem glücklicheren Genossen und ließ sich dann bequem in der Eingangshalle nieder. "Dies", sagte einer vergnügt, "ist jetzt befreites Gebiet."
Fast kampflos nämlich gab überall die gefürchtete Nationalgarde des Diktators auf, nachdem ihr Herr sich vorigen Dienstag ins Exil nach Miami abgesetzt hatte. Hals über Kopf suchten Soldaten und Offiziere ihr Heil in der Flucht, einige sogar, indem sie vom Roten Kreuz für Hilfsflüge gecharterte Maschinen auf Managuas Flugplatz Las Mercedes kaperten und auf Kurs ins Ausland zwangen.
Das "dauerhafteste System persönlicher Herrschaft, das in der modernen Welt noch übriggeblieben war" -- so die offizielle Verlautbarung des US-Außenministeriums zum Umbruch in Nicaragua -- konnte auch der vom Gestürzten noch handverlesene Nachfolger Francisco Urcuyo nicht mehr verlängern. Der verkündete zwar, er wolle bis 1981 im Amt bleiben. Doch dann mußte auch er ins Exil.
Vorigen Freitag schließlich konnte die provisorische Regierung der siegreichen Somoza-Feinde Sitz in Nicaraguas Hauptstadt nehmen -- spektakulärster Erfolg eines Guerillakrieges in Lateinamerika seit Fidel Castros Machtübernahme auf Kuba, vor 20 Jahren.
"Bruder, wir haben es geschafft, Nicaragua ist frei", rief einer der Guerilla-Kommandeure, die Ende voriger Woche in Kleinflugzeugen von den verschiedenen Kampffronten Nicaraguas nach Managua einflogen. Alle umarmten einander. Zehntausende jubelten in den vom Krieg verwüsteten Straßen, als Somozas Bezwinger in Managua einzogen.
Doch die Sieger haben wenig Grund zum Jubeln. Denn dem Land, das sie übernehmen, hat der anderthalbjährige Krieg gegen die Diktatur so tiefe Wunden geschlagen, daß es sich ohne Hilfe von außen kaum wieder erholen wird.
Schätzungsweise 20 000 Menschen kamen in den Kämpfen oder durch die Bomben um, die Somoza über den Städten und Dörfern Nicaraguas abwerfen ließ. Rund ein Viertel der etwa 2,3 Millionen Einwohner Nicaraguas hat keine Bleibe mehr, kaum jemand noch einen Arbeitsplatz, und nur wer Geld hatte, konnte zuletzt auf dem schwarzen Markt noch etwas zu essen kaufen -- etwa eine Wassermelone für neun Mark.
Sämtliche Fabriken und Industrieunternehmen stellten in Managua und fast allen übrigen Städten vor Wochen den Betrieb ein, viele von ihnen wurden zerstört oder schwer beschädigt. Die Landwirtschaft, die in normalen Zeiten eine halbe Million Nicaraguaner beschäftigt und 80 Prozent der Devisen in die Staatskasse bringt, liegt weitgehend brach.
Fachleute schätzen die Kriegsschäden für Nicaraguas Wirtschaft auf 800 Millionen bis eine Milliarde Dollar -- und das in einem Land, das schon 1978 nach Angaben des Präsidenten der Zentralbank zahlungsunfähig war.
Damals hatte Somoza gerade den ersten großen Aufstand niedergeschlagen, mit dem die Opposition ihn im September vergangenen Jahres zu stürzen versuchte. Unter dem Druck der neuen US-Menschenrechtspolitik verschob daraufhin der Internationale Währungsfonds die Gewährung eines 20-Millionen-Dollar-Kredites, einheimische Unternehmer wollten nichts mehr investieren und brachten ihr Geld ins Ausland -- rund 233 Millionen Dollar bis Ende 1978.
Zugleich aber wurde die Rückzahlung der meisten, nach der Erdbebenkatastrophe von 1972 erhaltenen Auslandskredite fällig; mit rund 1,2 Milliarden Dollar war Nicaragua Ende vergangenen Jahres im Ausland verschuldet. Das Defizit der Zahlungsbilanz betrug bis dahin über 220 Millionen Dollar.
Seither ist das Bild noch düsterer geworden -- die Auslandsschuld beträgt schon jetzt rund 1,8 Milliarden Dollar.
Zudem wurde dieses Jahr weit weniger Baumwolle angepflanzt, die für Nicaragua nach dem Kaffee wichtigstes Exportprodukt ist, weil die meisten Versicherungsfirmen sich weigerten, für die von den September-Unruhen verursachten Schäden aufzukommen. Und wie die Baumwollernte hat auch der Kaffeeanbau unter dem Krieg gelitten.
Großgrundbesitzer trieben außerdem ganze Viehherden über die Grenze in die Nachbarländer. 60 000 Rinder wurden allein bei der kleinen Ortschaft Somotillo nahe der Grenze zu Honduras illegal aus Nicaragua verschoben -- so schätzt das örtliche "Notstands- und Zivilverteidigungskomitee".
Der Hunger könnte sich bald zur Hungersnot im ganzen Land auswachsen, fürchtet der nicaraguanische Wirtschaftler Edmundo Jarquín. Alle Läden, vor allem in den Städten, wurden längst geplündert, nicht nur von hungernden Zivilisten, sondern auch von Somozas Nationalgardisten. Neue Warenlager aber wurden nicht angelegt, weil kein Geld da war. "Bald wird es nicht einmal mehr Eier geben", so Jarquín, "weil die Legehennen aufgegessen wurden."
Schon vor ihrem Sieg setzte deshalb die von der Befreiungsfront gebildete "Junta des Nationalen Wiederaufbaus" eine aus rund vierzig nicaraguanischen Wirtschaftsexperten bestehende Beratergruppe auf ein wirtschaftliches Notprogramm an, das "Opfer und Sparsamkeit" erfordern wird, so der Ökonom Roberto Mayorga. Ob sich im neuen Nicaragua schließlich linkssozialistische oder bürgerlich-liberale Vorstellungen durchsetzen, ist bislang noch offen.
Fest steht jedoch schon jetzt, daß die Junta die Zugriffsmöglichkeit auf gewissen Privatbesitz erweitern will -- besonders auf den der Familie Somoza. Denn dem Clan des Diktators gehörte in Nicaragua das wohl größte private Wirtschaftsimperium Lateinamerikas: rund ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Staates, samt Tabak-, Zucker-, Reis- und Kaffeeplantagen, ferner Textilfabriken, Bauunternehmen, die einzige Fluggesellschaft des Landes, eine Reederei, eine Bank, eine Zeitung, Radio- und Fernsehsender, Finanzierungsgesellschaften und das Hotel Intercontinental in Managua.
Durch Verstaatlichung des Somoza-Besitzes hofft die Junta, unter anderem die Mittel für die Versorgung der unmittelbar betroffenen Kriegsopfer sicherstellen zu können.
Das künftige Schicksal seiner Unternehmen in Nicaragua bekümmere ihn nicht sonderlich, erklärte der abgesetzte Herrscher und behauptete: "Die Geschichte wird mir recht geben, weil ich mein Leben lang gegen den Kommunismus gekämpft habe."
Denn "wenn man für eine Philosophie kämpft", so tönte der auf eine halbe Milliarde Dollar Privatvermögen geschätzte Somoza in Miami, "dann bedeutet Geld einem nichts".

DER SPIEGEL 30/1979
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