23.07.1979

BIOGRAPHIENAuf der Flucht

Zwei US-Journalisten schrieben die erste ungeschönte Biographie über den Milliardär Howard Hughes -- das Ende der Legende vom erfolgreichen Tycoon, der geheimnisvoll aus dem Hintergrund sein Imperium lenkt.
Der Geheimdienstchef rühmte den Großindustriellen für seine Mitarbeit. Er habe, zur Tarnung einer Spionageaktion, seinen Namen und seinen Ruf hergegeben. Ein wahrer Patriot.
Nur: Der Patriot wußte gar nichts davon.
Um ein gesunkenes sowjetisches Unterseeboot unauffällig aus pazifischen Tiefen bergen zu können, hatte der amerikanische Geheimdienst CIA das Hebeschiff als Bohrschiff deklariert und unter dem Decknamen "Hughes Glomar Explorer" auf große Fahrt geschickt.
Howard Hughes war erst gar nicht gefragt worden. Der legendäre Milliardär hatte auch ganz andere Dinge im Kopf.
Als der Spionagedampfer im Dezember 1971 auf Kiel gelegt wurde, schlug Hughes sich, in einem abgedunkelten Hotelzimmer auf den Bahamas, mit seinem Kopfkissen herum, schluckte sechs Valium 10 und sah sich vom Bett aus den Film "Zehn kleine Negerlein" an.
Dreieinhalb Jahre später, als das (kostspielige und mißglückte) "Unternehmen Jennifer" von den Medien aufgedeckt wurde, hatte Patriot Hughes nur noch ein Problem.
Wiederum in einem abgedunkelten Hotelzimmer, die Fenster nun zusätzlich mit Leukoplast verklebt, rang er um die Entscheidung, ob und wann er ein Klistier haben sollte -- denn auch 20 Abführdragees zeigten bei dem Bettlägerigen nach ungezählten Injektionen von Codein, Coffein, Phenacetin keine Wirkung mehr.
Der Held des Jahrhunderts ein süchtiges Wrack, eher Bruchpilot als Ikarus, nicht Midas, sondern ein Murkser, der Superman ein Zauderer und Versager, hinter dem Mythos nur eine traurige Krankengeschichte -- diese Tycoon-Tragödie über "Leben, Legende und Wahnsinn des Howard Hughes" dokumentieren jetzt die US-Journalisten und Pulitzerpreisträger Donald L. Barlett und James B. Steele*.
Vier Jahre recherchierten die Zeitungsleute für ihre Anatomie eines Niedergangs, vor und nach dem Tode des Sonderlings im April 1976. Ihr Buch ist, im Urteil der "New York
*Donald L. Barlett und James B. Steele: "Empire". W. W. Norton & Company, New York; 688 Seiten; 15,95 Dollar.
Times", von allen Hughes-Büchern "das beste": nun endlich wohl jenes akkurate und faktenreiche Psychogramm, das (der Memoirenfälscher) Clifford Irving "gern geschrieben hätte".
Es erscheint zu einem Zeitpunkt, zu dem der Erbfolge-Krieg um das neuerdings wieder profitable Hughes-Imperium in die entscheidende Schlacht geht -- zwischen 22 Anverwandten auf der einen und zwei leitenden Angestellten auf der anderen Seite.
Denn Hughes hinterließ nicht nur seinen Konzern als Trümmerhaufen, er schied auch ohne Testament und ohne Vermächtnis.
Die Hinterlassenschaft besteht unter anderem aus einer Fluggesellschaft und einer Hubschrauberfabrik, vier Hotels, sechs Spielkasinos und ausgedehntem Grundbesitz, vor allem aber aus einer der größten Luft- und Raumfahrtfirmen Amerikas.
Andererseits hinterließ der Magnat eine Luftflotte, deren Maschinen zum Teil nie geflogen sind, eine Filmgesellschaft, die seit 30 Jahren keinen Film mehr produziert hat, Bergwerke ohne Erze, Dutzende hochbezahlter Angestellter ohne Aufgabe und Funktion und ein museales Sperrholz-Flugboot, desen Aufbewahrung 500 000 Dollar jährlich kostet.
Das Finanzamt schätzt das verbliebene Vermögen vorläufig auf 600 Millionen Dollar; bis zu 78 Prozent davon kann es an Erbschaftssteuern eintreiben lassen. Allein für Brachland müssen schon jetzt jährlich 2,5 Millionen Dollar Grundsteuer gezahlt werden. Der Nachschlag für den Fiskus ist nur eine der zahlreichen Ironien in der Biographie eines Mannes, der keinen festen Wohnsitz nahm und sich schließlich ins Ausland absetzte, weil er partout keine Steuern zahlen wollte.
Lange wurde er zu den zehn erfolgreichsten Geschäftsleuten Amerikas gezählt -- obgleich er allein mit einer Gesellschaft über drei Jahrzehnte zweistellige Millionenverluste machte, die Hollywood-Firma RKO in Grund und Boden wirtschaftete, die Fluggesellschaft Trans World Airlines (TWA) an den Rand des Ruins brachte und schätzungsweise eine Milliarde, wenn nicht zwei Milliarden Dollar einfach verplemperte.
Seine krankhafte Bazillenangst trieb ihn in die Selbstisolierung, in eine nahezu hermetisch verklebte Welt, wo ihm Gewünschtes nur mit abgewandtem Gesicht, nur mit Handschuhen und Kleenextüchern, und zwar in einem Winkel von 45 Grad gereicht werden durfte (beispielsweise drei Exemplare einer Zeitung, von denen er dann das mittlere nahm) -- und da dämmerte der Mächtige, nackt und ungewaschen, mit filzigem Haar und wackligen Zähnen, überlangen Nägeln an Fingern und Zehen, urinierte in Flaschen, die er versiegeln und im Schrank stapeln ließ, und gab seinen Kot, wenn überhaupt, auch mal ins Bett ab.
Er war besessen von Phobien und fixen Ideen. Er litt unter dem Zwang, schon zu Lebzeiten zur Legende werden zu wollen. Er suchte eine Perfektion, die das Scheitern einprogrammierte -- wollte Filme nicht nur produzieren, sondern auch selbst inszenieren, Flugzeuge nicht nur bauen, sondern Prototypen auch selbst einfliegen. Der Mann, der die Welt meistern wollte, wurde am Ende nicht einmal mit sich selber fertig.
Von dem Leblosen, der am 5. April 1976 unter dem Pseudonym John T. Conover in ein Krankenhaus in Houston eingeliefert wurde, mußten auf Geheiß Washingtons Fingerabdrücke genommen werden, um die Identität des Toten zu sichern.
Howard Hughes besaß keinen gültigen Paß und keine Geburtsurkunde; er war, am Heiligen Abend 1905, ebenso mysteriös angekommen, wie er schließlich abtrat.
Sein Leben lang, meinen Barlett und Steele, habe ihm die Ehrfurcht vor seinem Vater, einem erfolgreichen Fabrikanten, im Wege gestanden. Der Mann aus Iowa hatte die Ölsuche mit einem Bohrer revolutioniert, den die Männer auf den Feldern als "Felsenfresser" bewunderten.
Sein Leben wurde aber auch durch die Fürsorge seiner Mutter und seiner Tanten geprägt, die dem Einzigen, "Sonny" genannt, die Pflege seiner Gesundheit aufgaben.
Nachdem seine Mutter 39jährig und Vater Hughes 54jährig gestorben waren, war Howard junior -- im Alter von 18 Jahren -- zwar Millionär, aber auch Hypochonder. Fortan verfolgte ihn die Furcht vor frühem Tod.
Der schüchterne Eigenbrötler ging zwar eine (flüchtige) Ehe mit einer angesehenen Texas-Tochter ein, doch sein Herz hängte er schnell an die Sensationen der Zeit: Fliegen und Film. Die Mittel für seine kostspieligen Hobbys flossen reichlich aus der florierenden Hughes Tool Company.
Hughes ging nach Hollywood, lernte fliegen, entdeckte die Albinoblondine Jean Harlow und drehte den Fliegerfilm "Hell's Angels"; er brach Geschwindigkeitsrekorde und flog im Juli 1938 in drei Tagen, 19 Stunden und 17 Minuten um die Welt: Konfettiparade auf dem Broadway für den Wolkenstürmer, für Hollywoods begehrtesten, von Ginger Rogers und Ava Gardner umschwärmten, Junggesellen und glücklichen Millionenerben.
Babys und Flughäfen wurden nach ihm benannt. Howard Hughes war in den Schlagzeilen, in denen er vier Jahrzehnte bleiben sollte. Doch der Ton änderte sich schnell.
Der Zweite Weltkrieg sei für Hughes, meinen Barlett und Steele, eine "Periode bitterer Enttäuschungen und persönlicher Traumata" geworden: ihm gelang "nichts von bleibendem Wert". Einzig der Büstenhalter, den er für Jane Russell in dem Vulgärwestern "Geächtet" entwarf, wurde ein (publizistischer) Erfolg. Ansonsten litt seine Reputation -- als Konstrukteur, als Pilot, als Geschäftsmann.
Er jagte Rüstungsaufträgen von der Regierung nach, er wollte zu den Giganten der Lüfte gehören, wie Boeing, Lockheed, Douglas. Doch die von ihm gegründete Hughes Aircraft Company bekam bis Kriegsende keinen Vogel hoch. 40 Millionen Dollar Steuergelder und zusätzlich viele Millionen aus eigener Tasche investierte er für zwei untaugliche Typen.
Sein achtmotoriges Flugboot "Hercules", 1942 in Auftrag gegeben, flog zum ersten- und letztenmal im November 1947 -- dann landete es im Trockendock. Die "Queen Elizabeth der Lüfte", wie ein Regierungssprecher sie genannt hatte, hieß bei Spöttern fortan "Weihnachtsgans".
Auch 100 Aufklärungsflugzeuge, 1943 in Auftrag gegeben, bekamen nie Flügel. Mit einem Prototyp raste Hughes im Sommer 1946 in ein Haus in Beverly Hills; er trug Knochenbrüche, Schnittverletzungen und Verbrennungen von der Nase bis zum Gesäß davon (und legte sich danach einen Schnurrbart zu). Den zweiten Prototyp ließ die US-Luftwaffe drei Jahre später verschrotten.
Schon im Sommer 1944 hatten Hughes Nerven unter der Last der Verantwortung versagt, der Firmenchef setzte sich ab und war auf Wochen unauffindbar.
Nach dem Absturz in Beverly Hills nahm der schmerzgeplagte Rekonvaleszent mehr Codein, als ihm gut tat -- schleichend begann seine Drogenabhängigkeit, lange Zeit das bestgehütete Geheimnis in seinem geheimnisvollen Leben. Als er im Sommer 1947 in Washington vor einem Senatsausschuß erscheinen mußte, um sich wegen der Verschwendung von Rüstungsmillionen zu rechtfertigen, flackerten die ersten Symptome einer Paranoia auf, die sich später zum chronischen Verfolgungswahn verfestigen sollte.
Hughes erfuhr, daß ein Polizeileutnant das Telephon seines Hotelzimmers angezapft hatte. Seitdem litt er zunehmend unter der Zwangsvorstellung, beschattet und belauscht zu werden.
Ähnlich, wie er Mitmenschen grundsätzlich als Bazillenträger fürchtete, sich nicht berühren und sieh nicht von vorn ansprechen ließ -- entsprechende Memoranden für Bedienstete verfaßte er in dritter Person -, vermutete er fortan immer und überall Lauscher. Um ihnen ein Schnippchen zu schlagen, verlegte er Konferenzen in Seitenstraßen oder Toilettenräume, wo er auch noch den Wasserhahn aufdrehte.
Zehn Jahre später schien ihm selbst das zu riskant. Mitte 1958, nach einem zweiten Nervenzusammenbruch, ging er für immer in Klausur. Barlett und Steele: Hughes' lange "Reise in den Wahnsinn" begann.
Dabei hatte die Dekade der fünfziger Jahre, mit dem Korea-Krieg, gut für ihn angefangen. Die Hughes Aircraft Company machte zum erstenmal in ihrer bis dahin 18jährigen Geschichte Profit. Neue Leute an der Spitze entwickelten elektronische Waffensysteme für Abfangjäger und Raketen; allein 1953 kaufte die Air Force bei Hughes für 200 Millionen Dollar ein.
Indessen weigerte er sich strikt, das Werk in Kalifornien zu erweitern -- denn mehr Profit hätte auch mehr Steuern bedeutet, und die wollte der Multimillionär um keinen Preis zahlen.
Um die kalifornischen Steuergesetze zu umgehen, verkaufte er sein Haus, wohnte nur noch zur Miete und in Hotels und hielt sich immer häufiger und immer länger in Nevada auf: Er wollte lediglich als "Besucher" Kaliforniens gelten.
Durch einen Trick befreite er sieh schließlich von der florierenden Company: Er gründete, im steuerfreundlichen Delaware, das angeblich wohltätige "Howard Hughes Medical Institute", beantragte in Washington Steuerfreiheit (wie sie die Boy Scouts oder die YMCA genießen) und vermachte dem Institut die Raketen-Fabrik. Kurator wurde natürlich er.
Nebenher erwirtschaftete er bei der Filmfirma RKO in fünf Jahren 22 Millionen Dollar Verluste. Notfalls hätte er die Studios sogar ganz geschlossen, um sie von "roten" Autoren zu befreien -- denn außer Bazillen fürchtete Hughes nichts so sehr wie Kommunisten. Hughes war eigentlich unpolitisch, er hat nie gewählt und Demokraten wie Republikaner gleichermaßen geschmiert; doch beim Kreuzzug gegen die rote Gefahr, etwa gegen seinen Drehbuchautor Paul Jarrico oder Charles Chaplin, verbündete er sich gern mit den Rechtsaußen von der Legion.
1955 -- nach einen letzten Versuch mit Jane Russell in 3-D -- verkaufte er die Hollywood-Gesellschaft für 25 Millionen Dollar an eine Reifenfirma; doch gemessen an dem Debakel, das ihm bald darauf drohte, war der Betrag ein Klacks.
Hughes mußte die Trans World Airlines auf Düsenflugzeuge umrüsten. Er brauchte mehr als 60 neue Maschinen für rund 400 Millionen Dollar. Die Herrschaft über die TWA -- er hielt 78 Prozent -- wollte er mit niemandem teilen. Zudem wollte er, wieder mal, das Finanzamt prellen. Doch anstatt die Finanzierung zu sichern und die Flotte beizeiten zu ordern, war er zunächst ganz damit beschäftigt, den Außenanstrich der neuen Maschinen zu entwerfen.
So begann das Düsenzeitalter für TWA mit einem wirtschaftlichen und organisatorischen Chaos. Der Beinahe-Absturz der Airline kostete Hughes am Ende doch die Kontrolle. Noch schlimmer erging es der Herstellerfirma Convair. Sie erlitt durch Hughes? Manipulationen den bis dahin höchsten Verlust einer Einzelfirma in der Geschichte des Kapitalismus: 490 Millionen Dollar.
Bis dahin war Hugbes' Gemischtwaren-Konzern auch noch stetig gewachsen. Mitte der fünfziger Jahre beschäftigte er 50 000 Leute und erzielte Tageseinkünfte von 1,4 Millionen Dollar. Nervenzentrum dieses Imperiums war eine ehemalige Bäckerei in der Hollywooder RomaineStreet, wo eine Gruppe ausgesuchter Abstinenzler, die "Mormonen-Mafia", unter der Bezeichnung "Operations" als Generalstab fungierte. Nur der General selbst war nie anwesend.
Seine Befehle -- ob ein Millionenauftrag oder die Anweisung, daß Schranktüren nur noch unter Zuhilfenahme von mindestens 15 Kleenex zu öffnen seien -- erreichten "Operations" aus einer Schattenwelt.
Fernmündlich feuerte Hughes nach 32jähriger Zusammenarbeit seinen Finanzberater Noah Dietrich. Fast ausschließlich fernmündlich verkehrte er auch mit seiner zweiten Ehefrau Jean Peters.
Unter der Last der TWA-Krise verkroch er sich für mehrere Monate in einem Filmvorführraum am Sunset Boulevard, wo er sich -- inmitten von Stapeln ungelesener Zeitungen, Batterien von Mineralwasserflaschen und Gebirgen aus Kleenex-Kartons -- Filme ansah, sofern er nicht auf dem Klo hockte, einmal 26 Stunden.
Die erste frei gewählte geschlossene Anstalt, in der er sich verbarrikadierte, wurde im Spätsommer 1958 der Bungalow 4 im Beverly Hills Hotel.
In der Wohnzimmermitte, die er zur "bazillenfreien Zone" erklärt hatte, verharrte er in einem weißen Ledersessel, nackt zumeist, ungewaschen, betrachtete Filme oder telephonierte mit Bankern, Rechtsanwälten, Direktoren, um sein bedrohtes Empire zu retten. Am häufigsten freilich wischte er Staub -- "Staub und Bazillen
Das änderte sich in den folgenden Asylen in Rancho Santa Fé und Bel Air insofern, als er dort das Bett nur noch verließ, um das Bad aufzusuchen. Außerdem erweiterte er sein Sortiment an Narkotika um "blue bombers": Valium.
Für die Öffentlichkeit war er, zu Beginn der sechziger Jahre, zum "Phantom-Industriellen" geworden: Reporter, Detektive, Rechtsanwälte orteten ihn ebensowenig wie die Gerichte. Eines Tages, im Juni 1966, lag er im Ritz-Carlton zu Boston, vier Monate später im Desert Inn in Las Vegas. Seine Flucht aus Kalifornien hatte einen sehr realen Grund: Hughes hatte seine 6 584 937 TWA-Anteile für 546 549 171 Dollar veräußert und fürchtete den Zugriff des Finanzamts. Da bot sich als neues Domizil das Steuerparadies Nevada an.
Hughes pachtete das Desert Inn bis zum Jahre 2022 und gab nun durchschnittlich 178 000 Dollar am Tag aus. Er kaufte Hotels mit insgesamt 2000 Zimmern, Spielcasinos, eine Charter-Fluggesellschaft, den Flughafen von Las Vegas, eine Fernsehstation sowie Boden in Stadt und Land -- er avancierte, vom Bett aus, zum größten privaten Grundbesitzer und Arbeitgeber Nevadas.
Auch Nevada enttäuschte ihn. Hier wurde sein Kredo erschüttert, daß Geld die stärkste Waffe sei: "I can buy any man in the world, or I can destroy him." Denn nicht mit Geld (für die rivalisierenden Politiker Humphrey und Nixan) und nicht mit guten Worten (in einem Schreiben an Präsident Johnson) konnte er die Atombombenversuche stoppen.
Und hier irritierte ihn, in einem Lokalblatt, ein Wort, das ihm im Zusammenhang mit seiner Person undenkbar schien: Er wurde als "Millionär" bezeichnet "einfach als Millionär", wie er sich in einem Memo an seinen Stab entrüstete.
Es war an der Zeit, diese Stadt zu verlassen, diesen Staat -- die Staaten. Dieser Entschluß reifte im Jahr 1970: Die Geschäfte gingen schlechter denn je. An einem Auftrag der US-Army über 793 Hubschrauber für Vietnam hatte er, durch eigene Fehlkalkulation, 90 Millionen Dollar verloren.
Im Rechtsstreit mit der TWA wurde er zu einer Geldbuße von 145 448 141,07 Dollar verurteilt. Für 90 Millionen Dollar erwarb er die Air West, eine Fluggesellschaft, die ihr erstes Geschäftsjahr mit 25 Millionen Dollar Verlust abgeschlossen hatte.
Hughes verlor die Kontrolle über sein Empire. Seit Jahren hatte er von der Welt nur noch zwölf Menschen gesehen: die mächtige Clique seiner fünf Diener, drei Ärzte, Koch und Kellner, einen Barbier und einen Anwalt. Die Direktoren benutzten seinen Namen ohne sein Wissen.
Er verlor seine Frau: Jean Peters, der Fernsprech-Ehe müde, reichte die Scheidung cm. Und er zerfiel.
Die Ärzte konstatierten Blutarmut. Seine Nieren schrumpften. Die Knochen wurden spröde, die Zähne verrotteten. Er hatte Geschwüre im Verdauungstrakt und eine Geschwulst am Kopf. Die chronische Verstopfung wurde so schmerzhaft, daß er örtliche Betäubungen benötigte.
Doch die Illusion, daß dieses Gespenst auch weiterhin die Organisation kontrollierte, wurde aufrechterhalten -- Geschäfte und Karrieren gründeten sich darauf. " Sie zu erschüttern", so Bariett und Steele, "hätte zu einem beispiellosen Alptraum in Amerikas Wirtschaftsgeschichte geführt."
So verließ, am Thanksgiving Day 1970, ein 1,90 Meter langes, kaum zentnerschweres Skelett auf einer Tragbahre das Desert Inn. Howard Hughes
oder was von ihm übrig war -- wurde außer Landes geflogen, erst sein Leichnam sollte wieder in die USA zurückkehren.
Erste Station der Odyssee war das Britannia Beach Hotel auf Paradise Island, Bahamas. Von dort nahm Hughes im Januar 1972 noch einmal Kontakt zur Außenwelt auf: In einem Telephon-Interview entlarvte er den Schriftsteller Clifford Irving, der 230 000 Wörter angeblicher Hughes-Memoiren auf den Markt bringen wollte.
Nächste Station war Managua, wo er, für eine knappe Stunde, sogar den Diktator Somoza traf.
Nach dem Erdbeben im Dezember 1972 ließ er sich nach London fliegen, wo ihn der Gouverneur von Nevada sehen durfte (zuvor hatte Hughes 100 Milligramm Valium geschluckt).
Nach diesem "gesellschaftlichen Trubel" (Barlett und Steele) verschlechterte sich sein Gesundheitszustand weiter: Hughes stürzte auf dem Weg zur Toilette und brach sich die linke Hüfte; danach verließ er das Bett ohne Hilfe überhaupt nicht mehr.
Er hatte eine "Haut wie Pergament" und "Fingernägel wie ein chinesischer Mandarin", erinnerte sich der Londoner Arzt, der ihn operierte. Howard Hughes siechte dahin. Noch einmal wurde er auf die Bahamas geflogen. Dann erreichte er seine letzte Station: Acapulco, Mexiko.
Seine Direktoren fragten ihn schon längst nicht mehr. Sie hatten die Ölbohrerfahrik verkauft und als neue Holding des Hughes-Imperiums die "Summa Corporation" gegründet.
Hughes: "Was zum Teufel bedeutet das?" Er wußte nicht mal mehr, wie er den neuen Namen seines Imperiums aussprechen sollte.
Es gehörte ihm ohnehin nur noch auf dem Papier. Noch vor seinem Tod gaben die höheren Angestellten sich selbst neue Verträge und erhöhten ihre Bezüge insgesamt um mindestens zehn Millionen Dollar.
"Es war, als ob IBM zwei Tochtergesellschaften gegründet hätte", umschreiben Barlett und Steele den Zustand des Empire zu jener Zeit, "eine für Profite und die andere für Verluste." Die eine, die Hughes Aircraft Company, hatte Hughes Anfang der fünfziger Jahre in die Autonomie entlassen. Die andere, Summa Corporation, wurde von seinen Mormonen verwaltet.
Die Aircraft Company war zu einem Spitzenbetrieb mit 36 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Dollar gediehen. Sie baute Satelliten wie "Early Bird", die Mondkapsel "Surveyor", Luft-Boden-Raketen, Laser-Computer, und sie rüstete das Frühwarnsystem der Nato aus.
Bei der Summa schmolzen die Konten währenddessen um eine halbe Milliarde in zehn Jahren um 137 000 Dollar täglich.
Sinnbild für die Verwahrlosung der Corporation: Im Desert Inn sperrte das Gesundheitsamt 90 Zimmer aus hygienischen Gründen -- "Howard Hughes war der erste Slumhotelbesitzer am glitzernden Las Vegas Strip geworden".
Derweil lag der Konzernherr in Acapulco im Bett und konzentrierte seine letzte erlöschende Kraft auf den Versuch, die Vene zu finden. Schon steckte ein halbes Dutzend abgebrochener Nadeln in seinen zerstochenen, grün und blau verfärbten, dürren Armen. Lallend sang er "Hey bop a ree bop".
* Zeichnung aus "Time".
In der teuersten Suite des teuersten Hotels von Acapulco dämmerte einer der reichsten Männer Amerikas in den Tod eines Bettlers.
Zu spät beschlossen die Bosse in Los Angeles, den Siebzigjährigen nach Hause zu holen. Am 5. April 1976, um 13.27 Uhr, war Howard Hughes tot. Sein Herz blieb auf dem Heimflug nach Amerika stehen.

DER SPIEGEL 30/1979
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Auf der Flucht