13.08.1979

IRAKNur Scherben

Kaum allein an der Macht, ließ Staatschef Saddam Hussein seine politischen Gegner hinrichten.
Über Saddam Husseins Aufstieg Mitte Juli zum Präsidenten des Iraks, nachdem er zehn Jahre schon der eigentlich starke Mann im Lande war, lag ein finsterer Schatten.
Denn zur Zeit der Diskussion, ob es nun geboten sei, den kränkelnden Staatschef Bakr in den Ruhestand zu schicken, machte Mohje Abd el-Hussein, Generalsekretär des Kommandorates der Revolution, ein Geständnis: Seit Jahren werde gegen Saddam Hussein in den höchsten Rängen von Baath-Partei und Armee konspiriert.
Saddam Hussein, 42, ging unverzüglich an die Arbeit. Weil "schicksalhafte und entscheidende Entschlüsse" gefaßt werden müßten, beriet er eine Partei-Massenveranstaltung nach Bagdad ein. Ohne Handschellen saß in der Versammlung der Verräter.
Die qualvolle Prozedur, die dann folgte, ist auf Videoband gespeichert, um sie heimgerufenen Botschaftern und anderen Politikern vorzuführen: Noch einmal gestand Mohje Hussein, um die 200 Namen nannte er, und jedesmal, wenn ein Name fiel, erhob sich der Würdenträger -- meist aus dem Kommandorat, der höchsten politischen Instanz des Irak, aber auch aus der Partei oder der Armee -- und wurde von Militärpolizisten abgeführt. Ein gewaltiger Aderlaß unter der Politprominenz war beschlossen. Nach einer geheimen Sondergerichtsverhandlung wurden wegen Verschwörung und Hochverrats 22 Todesurteile ausgesprochen, eins davon in Abwesenheit des Verurteilten, 33 Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren verhängt.
Die Todesurteile wurden am vorigen Mittwoch vollstreckt.
Fünf Mitglieder des Kommandorats waren unter den Hingerichteten, und der Sunnit Saddam Hussein mußte als Mitglied des Tribunals und somit Zeuge der Erschießung Abschied nehmen von einem Freund: dem schiitischen Vizepremier Adnan Hussein Hamdani.
Einer "fremden Macht" hätten die Verschwörer gedient, verlautete lediglich offiziell -- Grund genug für die wildesten Spekulationen, denn der Irak liegt mit einer Reihe fremder Mächte im Hader:
* mit Ägyptern, Amerikanern, Israelis, weil Saddam Hussein der Anführer der härtesten Gegner eines Separatfriedens im arabischen Lager ist;
* mit der Sowjet-Union, weil im Irak, wo der linke Flügel der Baath-Partei regiert, Kommunisten hingerichtet werden;
* mit dem Iran, weil der Ajatollah Chomeini die schiitische irakische Moslem-Gemeinde zu mehr Machtansprüchen gegenüber der sunnitischen Führungsclique inspiriert. Am wahrscheinlichsten aber ist jene fremde Macht angesprochen, von der Saddam Hussein noch vor einem guten Monat im SPIEGEL-Gespräch sagte: "Wir werden ein einziger Staat sein: eine Armee, ein Außenministerium, eine Nationalhymne, eine Flagge, eben alles, was zu einem Staat gehört" -- das Nachbarland Syrien.
Einer der Hingerichteten, Mohammed Aisch, Ex-Industrieminister und Mitglied des Kommandorats, war mit Syriens Staatschef Hafis el-Assad übereingekommen, Saddam Hussein aus mehreren Gründen zu entmachten.
Einer davon ist Husseins antischiitischer Trend. Ihm wird von den Syrern verübelt, daß er 1978 den Schiitenpapst Chomeini aus der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf auswies.
In Syriens gemäßigtem Baath-Flügel haben gegenwärtig die schiitischen Alawiten das Sagen, und sie sind die natürlichen Bundesgenossen der schiitischen Irakis, die etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, in den obersten Polit-Gremien aber nicht repräsentativ vertreten sind.
Obere Ränge nehmen im wesentlichen sunnitische Offiziere aus dem Raum Takrit ein, und der Familienname Takriti war im Revolutionsrat und in der Armee so häufig, daß sein Gebrauch jetzt untersagt ist; auch Bakr und Saddam Hussein halten sich daran.
Saddam Husseins harter Kurs gegen die syrische Palästinenser-Organisation Saika war den Syrern verhaßt und schließlich die Tatsache, daß er einen Mann an hervorragender Stelle des Einheitsstaats unterbringen wollte, der in Syrien zum Tode verurteilt war: Michel Aflak, Gründer der Baath-Partei, ein syrischer Christ.
Nach seiner Verurteilung war der inzwischen begnadigte Aflak nach Bagdad geflüchtet und lebt dort als Baath-Generalsekretär und Chefideologe. Rundfunk, Fernsehen und Presse bringen Aflak-Nachrichten stets vor den News vom Staatschef, um die Bedeutung der Partei zu unterstreichen.
Ihn muß Saddam Hussein hätscheln, wenn er Assad übertrumpfen will auf seinem Weg zum Ober-Baathisten. Weder das eine noch das andere paßt Syriens Assad, der eine Beteiligung am irakischen Komplott dementiert.
An Aflak schon drohte die Vereinigung Iraks mit Syriens zu scheitern. Saddam Hussein hat jetzt zwar die Macht im eigenen Haus gefestigt, aber der zweite Einheitsversuch -- das erste Angebot galt Ägypten und Syrien -- ist im Irak, das sich als einziges arabisches Land offiziell als Teil einer arabischen Nation bezeichnet, jetzt gänzlich ausgeträumt.
Blieb den Irakis vom ersten Einigungsversuch wenigstens noch eine Fahne, drei grüne Sterne auf rot-weißschwarzem Grund, so sind es jetzt nur Scherben. "Wer über unsere Gartenmauer klettert", so formulierte Saddam Hussein gegenüber dem SPIEGEL, "in dessen Grundstück steigen auch wir ein.

DER SPIEGEL 33/1979
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