06.08.1979

KANZLER-REISEMit Koks und Suppe

Auf einem schwimmenden Museumsstück -- einem Segler von 78 Jahren -- schippert Kanzler Schmidt über die Ostsee zu Polens Parteichef Gierek.
Den merkt man an Bord gar nicht", urteilt Kapitän Walter Griese über den Mann an Deck, "wenn der ans Ruder geht, fragt er nur: "Welchen Kurs?", ich sag zum Beispiel, "92 Grad", dann geh' ich weg und brauch' mich um gar nichts mehr zu kümmern."
Auch "guckt" dieser tüchtige Rudergänger "bloß nach oben" zum Stander im Masttopp, der den Einfallswinkel des Windes anzeigt "und weiß sofort, ob eine Schot dichtgeholt werden muß oder nicht". Kurzum, so Griese, 64, Schiffsführer des 86,1 Bruttoregistertonnen großen Seglers "Atalanta", das sei "einer, der von der Segelei 'nen ganzen Haufen versteht".
Der Decksmann, den Schiffer Griese rühmt, ist Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Hochachtung des Fachmannes erwarb sich der Jollensegler vom Brahmsee, als Schmidt im Juli letzten Jahres, zusammen mit Kanadas damaligem Premier Trudeau, unter Grieses Kommando auf der "Atalanta" zu einer Stippvisite bei Dänemarks Ministerpräsident Anker Jörgensen nach Faborg auf Fünen reiste. Passagier Schmidt "bestand" damals darauf, wie die bezahlte Crew seine "Zwei-Stunden-Wache" am Ruder zu gehen.
Wiederum als Gast des "Atalanta"-Eigners, des Hamburger Bankiers Eric Warburg -- Schmidt-Freund schon aus der Zeit, da der Sozialdemokrat noch hanseatischer Senator war -, wird der Kanzler auf dem hölzernen Schoner nächste Woche auch zu seinem inoffiziellen Besuch bei KP-Chef Edward Gierek in Polen schippern; via Bornholm, wo Schmidt kurz beim Dänen Jörgensen vorbeischauen will.
Schmidt wird von Staatssekretär Bölling begleitet und auf hoher See, in gebührendem Abstand, von einer Einheit der Bundesmarine, "was Kleines, das nicht viel kostet und nicht viel Sprit braucht" (Bölling). Die Stippvisiten in Dänemark und Polen sind typisch für die politische Privattouristik Schmidts, der befreundete Politiker auch aufzusuchen pflegt, wenn er nicht auf Staatsbesuch, sondern eben "in der Gegend" ist, und auch den polnischen Kommunisten Gierek, als einzigen Ostblock-Politiker, zählt der Kanzler zu seinen "persönlichen Freunden".
Schmidt hält Gierek für einen Politiker von Qualität, den er, wäre dieser ein Bundesdeutscher, "auch ins Kabinett" nehmen würde, "sagen wir als Arbeitsministier". Daß er in Polen nicht nur aufs Wetter, sondern auch auf die Weltlage, wohl auch auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Polen, zu sprechen kommt, versteht sich von selbst.
Nördlich von Danzig wird der Kanzler an Land gehen, als erster westdeutscher Staatsmann, der sich dem Ostblock auf einem schwimmenden Museumsstück nähert. Denn die 28 Meter lange "Atalanta" gehört zum Urigsten und Ältesten, was heute noch unter deutscher Flagge segelt. Sie ist das letzte erhalten gebliebene Exemplar der wegen ihrer Seetüchtigkeit einst gerühmten Elbe-Lotsenschoner.
Vom Jahrgang 1901 und von der Werft Hugo Peters in Wewelsfleth aus zehn Jahre abgelagerter slowakischer Steineiche für den Einsatz in den rauhen Gewässern der Außenelbe gebaut, versah sie bis in die 20er Jahre unter dem Namen "Cuxhaven" vor der Elbe und auch im englischen Kanal Versetzdienst. Ausschließlich unter Segeln, wie damals noch üblich, brachte sie Lotsen auf einkommende Schiffe und holte sie von ausgehenden wieder ab.
Als die Lotsen auf handlichere, maschinenbetriebene Versetzboote umrüsteten, ging der Schoner an private Eigner über, erhielt selbst eine Hilfsmaschine, war Ausbildungsschiff einer Jachtschule, dann der Luftwaffe und gammelte nach Kriegsende in Schulau an der Elbe als schwimmende Flüchtlingsunterkunft dahin.
Seit Anfang der 50er Jahre hält der Hanseat Warburg für Freunde und Gäste seines Bankhauses die "Atalanta" wieder unter Segel, an der Fachleute vor allem die ungebrochene Tradition loben: Im Gegensatz zu manchem Veteranen, den Nostalgiker in den letzten Jahren von Schiffsfriedhöfen holten und wieder aufmöbelten, blieb das Schiff äußerlich fast so erhalten, wie es 1901 vom Stapel glitt.
Auch das Interieur der "Atalanta" schätzt Kapitän Griese, schon 29 Jahre an Bord, so ein, wie es einem um die Jahrhundertwende für Arbeit und harte Segelei gebauten Schiff eben zukommt: "spartanisch einfach". Auf dem ehemaligen Lotsenschoner gibt es inzwischen zwar Kokszentralheizung, und in der Kombüse wird vierflammig auf Gas gekocht -- vorwiegend Suppe während Schmidts Törn, und "weil der Kanzler die gern ißt", will sich Griese "beim Provianteinkauf darauf auch spezialisieren".
Die Kammern, in denen der Kanzler und sein Staatssekretär nächtigen werden, sind so komfortabel wie die eines betagten Knabeninternats: Krankenhausweiß ringsum, ein Waschbecken (nur kaltes Wasser), Konsole, Glashalter, Spiegel, Spind. Für Bordneulinge liegt eine dreisprachige "Bedienungsanweisung für die Schiffstoilette" bereit: "Fußpedal drücken, Handhebel einige Male kurz betätigen, bis das Becken sauber ist. Handhebel beim Pumpen nicht mit Gewalt betätigen."
Der seebefahrene Kanzler kennt sich da natürlich aus. Einen neuen Sinngehalt mag er aber einem Spruch zumessen, der auf dem Zifferblatt einer Uhr in der Messe des Schoners hängt: "In Bayern gehn die Uhren anders."

DER SPIEGEL 32/1979
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KANZLER-REISE:
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