06.08.1979

ARCHITEKTURBetten auseinander

Unter westdeutschen Architekten grassiert ein Modewort: „Biologisch bauen“. Denn Krebskrankheit, Hormonstörungen und Impotenz sind nach Ansicht der Bio-Bauer Folgen der Stahlbeton- und Kunststoffära.
Die Szene hat alle Züge einer Slapstick-Komödie: Zwei Herren betreten eine Wiese. Der erste bettet sich ins Gras. Der zweite heftet Elektroden an die Gliedmaßen des ersten und beobachtet aufmerksam die Bewegungen eines Zeigers auf einem Diagnosegerät. Mal nickt er zustimmend, mal wiegt er bedenklich den Kopf.
Doch am Schluß der merkwürdig anmutenden Szene gibt es keine Diagnose über den Zustand von Herz oder Hirn, sondern einen Grundriß. Denn was wie ein Routineakt zwischen Arzt und Patient anmutet, ist neuerdings oft das erste Zusammenwirken von Architekt und Bauherr.
Manche Baumeister, beispielsweise der Bayer Richard J. Dietrich, suchen nun, bevor sie ans Reißbrett treten, den günstigsten Aufstellplatz für das Bett. Der soll störungsfrei sein frei von irritierenden Reizen durch "terrestrische Strahlung".
Dietrich will "biologisch richtig" bauen, "naturintegral". Das ist aber "mit der bloßen Hereinnahme natürlicher Baustoffe keineswegs getan". Das verlangt mehr. "Bauen heißt", spricht Dietrich, "steuernd in das bio-kybernetische System eingreifen, das der Mensch mit seiner Umwelt bildet."
Eine ganze, neue Disziplin hat sich geschworen, das im Wortsinn -- "Reform-Haus" zu fördern, so wie die Gesundkostläden das Grahambrot oder das Bircher-Müsli. Hochtrabender Name der neuen Fachrichtung: "Baubiologie" -- und das Geschäft blüht.
Die Firma "Biohaus" bietet das "Spezialhaus für den gesundheitsbewußten Bauherrn" an, von der Parzelle bis zum Garten schlüsselfertig. "Biologa", das "biologische Versandhaus", schickt sogar Fertighäuser -- "vollbiologisch und vollgesund nach Dr. med. Palm".
Doch Voll-Kybernetikern vom Kaliber eines Dietrich geht es, wenn sie für solvente Bauherren zugange sind, nicht nur um Holz und Roßhaar, Leinöl und Linoleum, sondern um die "biologische Gesamtresonanz". Ein Haus muß nicht nur aus natürlichen Materialien sein, es muß, vor allem, seine "ganzheitliche harmonikale Ordnung" haben -- errichtet auf "geobiologisch einwandfreiem Platz".
Und so erscheint manchen Architekten heute die Wünschelrute zumindest ebenso wichtig wie der Zollstock, sind nunmehr Rutengänger und Pendelforscher im Baugeschehen willkommen, wie es vor zehn, zwölf Jahren noch Soziologen und Psychologen waren.
Wo Alexander Mitscherlich ("Die Unwirtlichkeit unserer Städte") und Hans Paul Bahrdt ("Humaner Städtebau") passe sind, eilt nun Frau Käthe Bachler aus dem Salzburgischen herbei. Die fühlige Käthe trägt außer ihrer Rute einen schwerwiegenden wie leichtfertigen Spruch: "Es gibt keinen Krebs ohne Störzonenkreuzung."
Die Hinwendung zur Geobiologie paßt zu der gegenwärtigen Grün-Phase der Gesellschaft wie der Aufstieg Köhnlechners zum Top-Nadelstecher der Nation zu dem gläubigen Interesse am Bermuda-Dreieck. Sie erwuchs aber vor allem aus dem Unbehagen an den betonierten Brikett-Bauten und deren künstlicher Innenwelt.
Tatsächlich ist bislang ungeklärt, welche Folgen ein lebenslanger Aufenthalt im luftelektrischen Nullfeld eines Stahlbetonkäfigs haben kann. Die Radioaktivität mancher Baustoffe ist ebenso erwiesen wie die Giftigkeit zahlreicher Holzschutzmittel und anderer Oberflächenpräparate. Klimaanlagen erregen außer Erkältungskrankheiten den Mißmut der Insassen moderner Gebäude wie die Nylonteppiche und Kunststoff-Beläge, die manches mittlere Büro in ein permanentes künstliches Gewitterfeld verwandeln.
Dabei hatten Stahlbeton-Fertigbau, Klimatisierung und die Erzeugnisse der Kunststoff-Industrie noch ausgangs der
* Beim Akupunktur-Test im Bereich des späteren Eßplatzes auf der Kuppel des Lebensmittelkellers. direkt unter dem späteren Schlafplatz.
sechziger Jahre als Inbegriff der schönen, neuen Welt von morgen gegolten -- mit ihrer Hilfe schien ja alles machbar. Damals hatten die Münchner "Entwicklungsgruppe für Urbanik" und das Fertighaus-Unternehmen "Okal" sogar ein Stadtbausystem entworfen, das "über die Fertigungsweise in der Automobilherstellung" hinausging. Erste Testbauten wurden 1970 zusammengeschraubt.
Die "Metastadt": In Gitterstrukturen aus Stahlprofilen und Aluminiumelementen waren Bodenplatten aus Gasbeton, Decken und Wände aus Kunststoffen und Glas eingelassen, Installationen befanden sich in den Decken, Steckdosen in den Fußböden, Bad und WC waren an beliebigen Plätzen installierbar, Warmluft strömte durch Roste am Boden.
So sollten, variabel, zwanzig und mehr Stockwerke gestapelt werden -- Okal wollte "aus dem Nebeneinander ein Übereinander" machen: Horrorvision aus der Sicht eines Baubiologen.
Doch 1971, ein Jahr vor der geplanten Errichtung einer vom Bund geförderten ersten Siedlung in Wulfen, ging der Erfinder der "Metastadt" plötzlich aufs Land. Er schrieb das Pamphlet "Schmeißt unsere Städte weg" (über die "Schädlichkeit des Massenwohnens in Beton und Hochhäusern") und richtete sich im Chiemgau ein "Humanbiotop" ein. Architekt, Bauherr, Bewohner: Richard J. Dietrich.
Mit dem "Hof Bergwiesen" baute sich der Konstrukteur der "Metastadt" aber nicht nur eines jener beneidenswerten Landhäuser inmitten reizvoller Liegenschaften, zwischen Wald und Quelle, mit Teichen, Stallung, Scheune.
Er baute "konsequent biologisch": Holz, Ziegel, organisches Material für die Wärmedämmung, Kachelofen und Sickergrube. Darüber hinaus konzentrierte er die "als biologische Störsender aktiven technischen Einrichtungen" (wie Küche und Spülklosett). Vor allem: Er richtete den Bau nicht nur nach Einfall von Wind und Sonne ein, sondern auch "zur Situation der geobiologischen Reizzonen und zu drei aU ten Obstbäumen".
Deutschlands jüngste Disziplin, die "Baubiologie"? hatte ihr Paradestück. Und ihren ersten Stararchitekten.
Die neue Baureligion wurzelt in den mystischen Gefilden der Radiästhesie, der Handhabung von Pendel und Wünscheirute, aus der als (Pseudo-)Lehre zunächst die Geobiologie hervorging, als Theorie vom (unbewiesenen) standortabhängigen Einfluß von Erdstrahlen auf Lebewesen.
Demzufolge wird das normale Strahlungsklima durch Erzgänge und Verwerfungen, vor allem aber durch unterirdische Wasserläufe gestört. Vor dem Unheil, das von solchen Störzonen droht, warnt besonders ein "Forschungskreis für Geobiologie" in Ebersbach am Neckar.
So könne das Hormonsystem entgleisen: "Ausbleiben der Regel für Jahre!" Aber auch der ganze Mensch vorzeitig hinscheiden. Die Zahl der geologisch gestörten Krebshäuser ist groß!"
Zunächst rieten die Geobiologen zur Selbsthilfe. So der Hydrologe Joseph Kopp: "Verläuft eine Reizzone in der Mitte von Ehebetten, so wird man nach Möglichkeit die Betten auseinanderschieben." Und das "nicht ängstlich", wie Frau Bachler ergänzt, "sondern mit frohem Gemüt".
Doch dann gründeten sie die Sektion "Gesundes Bauen Gesundes Wohnen", denn, so der Holztechniker Dr. Anton Schneider, "die harmonikalen Gesetzmäßigkeiten zwischen dem Menschen, der Natur und dem Kosmos dürfen nicht durch bauliche Fremdkörper unterbunden werden".
Baubiologie bedeutet laut Schneider, daß "kein Haus, kein Stall ohne Test der Standorte" errichtet werden dürfe. Schneider gründete an der Fachhochschule Rosenheim ein (gemeinnütziges) "Institut für Baubiologie"? in dessen Satzung zuvorderst die "Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege" steht.
In seinem Schrifttum ortet er als Wurzel allen Übels neben den Erdstrahlen den "geistig-sittlichen Verfall" und als "Hauptursache" für den "Todeskampf" des deutschen Volkes die "lebensfeindliche Wohn-Umwelt".
Schilf und Kork? Bienenwachs und Kachelofen sind Schmeichelwörter, die Schneiders Publikationen gegen Reizvokabeln wie Stahlbeton und Klimaanlage setzen. Daß Beton müde, impotent und krebskrank mache, hatten die ersten Mystiker und Theoretiker des Biobauens schon einmal, in einer Kampagne vor zehn Jahren, verbreitet.
Mittlerweile haben ihre Adepten außer Erdstrahlen und Zement einen weiteren Bösewicht ausgemacht: den Wechselstrom. Das reicht von Kopfjucken (unter der Stehlampe) bis zu
* Vorn r.: Wünschelrutengänger; I.: Feldsonde zur Messung elektromagnetischer Felder; die weißen Bänder sollen "geobiologische Störzonen" markieren.
Kreislaufstörungen (unter dem Kronleuchter), und der Gießener Baubiologe Dr. Werner Kaufmann klagt über "epidemieartige Nierenbeckenentzündungen entlang von elektrifizierten Bahnstrecken im südlichen Serbien".
Während der Landshuter Erdstrahlenforscher Robert Endrös sich bereits zu der Frage genötigt sieht, ob die "Einpassung" des Menschen unter Massivdecken "ihn biologisch auslöschen kann", gibt sein Kollege Dr. Ernst Hartmann "baubiologische Empfehlungen" für das Überleben: "Wählen Sie sich einen Bauplatz, der nicht durch einen unterirdischen Wasserlauf gestört ist ... Verwenden Sie Ziegelsteine ... Kein Schwimmbad oder Öltank unterhalb der Schlafzimmer!"
Nach ähnlichen Richtlinien baut auch Richard J. Dietrich zur Zeit für fünf Bauherren im Bayrischen. Den günstigsten Platz für Tisch und Bett läßt er dabei freilich nicht von einem Fühligen orten ("Rutengänger sind ja subjektiv"), das macht er im Teamwork mit seinen Kunden.
Dabei benutzt er sein Elektroakupunkturdiagnosegerät von Messerschmidt-Bölkow-Blohm wie einen Lügendetektor -- er mißt, über die Hautleitwerte, das jeweilige Wohlbefinden des künftigen Bewohners. "Wo?s unruhig ist", so Dietrich, "sollte man nicht schlafen."
Derlei individuelle Behandlung wie ein Homöopath in Wasserburg, ein Holzhändler in Traunstein, ein Geschäftsmann in Grünwald mal Kachelofen durch alle Geschosse, mal Wintergarten mit Sonnenschleuse -- werden die Bewohner von Dietrichs neuer geplanter Inselstadt entbehren.
Denn während Schneiders Institut in Dinkelsbühl eine Mustersiedlung als "Vorbild für die Neubegründung naturverbundener, gesunder, menschenwürdiger Dörfer" plant, denkt Dietrich wieder an Größeres: Sein Projekt "Biostadt" ist eine Großstadt für 800 000 Einwohner, unterteilt in Quadrate für 80 000, unterteilt in Blockeinheiten für 1000. Damit die Biologie nicht zu kurz kommt, soll es dort "Stadtgehöfte" geben? Grüngürtel und Frischluftkorridore und vorgerasterte Oasen für "Spiel", "urbane Funktionen" und "Gemüse".

DER SPIEGEL 32/1979
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