30.07.1979

BERLINOase in der Vorstadt

Ein Experiment engagierter Gruppen sorgt in Berlin für Aufsehen: Auf dem alten Ufa-Gelände in Tempelhof soll ein alternatives Kulturzentrum entstehen.
Berlin-Tempelhof: 165 000 Einwohner, ein Bezirk so groß wie Ludwigshafen, zwei Jugendklubs, kein Kino, ein Mangel an Freizeitmöglichkeiten in jeder Hinsicht. Man kann hier allenfalls spazierengehen. Aber seit knapp zwei Monaten rumort es in der tristen Wohngegend: Ein Kulturzentrum roh entstehen, mehr noch, ein kleines Kultur-Dorf.
Die Initiatoren sind vier Berliner Alternativ-Gruppen: die "Fabrik für Kultur, Sport und Handwerk", die Initiative "Freie Schule", die "Interessengemeinschaft Rock" und der "Sozialhilfebund Berlin". Anfang Juni nahmen sie das frühere Ufa-Gelände an der Viktoriastraße "friedlich wieder in Betrieb"
20 000 Quadratmeter Gelände mit mehreren Häusern, einem Kino, Veranstaltungssälen, einer Großküche' mit Obstgarten und viel Platz im Freien.
Gebäuden und Gelände drohte eigentlich der Bagger: Die Berliner Stadtverwaltung wollte das Areal für Kleinbetriebe und einen Erweiterungsbau des angrenzenden Finanzamtes nutzen. Aber die "Wiederinbetriebnahme" durch die hundert Engagierten, die in dieser Wahlheimat ihr Leben, ihren Beruf, ihre Freizeit selbst organisieren wollen, schuf neue Fakten.
Von "Besetzung" zu sprechen wäre allerdings Demagogie. Auf einem der Ufa-Häuser weht seit Wochen eine Fahne, nicht rot mit Stern, sondern weiß mit grüner Inschrift: "Wir wollen verhandeln!"
Hier sind eben keine blinden Draufgänger am Werk, sondern Träumer mit Realitätssinn' Leute, die das verlotterte Prachtgelände aus der Nazi-Zeit zur urbanen Oase machen wollen.
Sie brauchen taktische Klugheit, wenn es klappen soll. Denn ihr Luftschloß, das sie am Teltowkanal realisieren wollen, ist ein in seiner Größe einzigartiges alternatives Kulturprojekt. Sympathisanten aus der linken Szene sprechen sogar von einem "Christiania in Berlin", wünschen sich also eine Kopie jenes mit ideologischem Weihrauch vernebelten, mittlerweile abgewrackten Subkultur-Freistaates in Kopenhagen. Aber das sind linke Spinnereien. Die Idee von Berlin-Tempelhof hat viel realistischere Züge, viel mehr Nützliches.
Eine Grundschule soll entstehen (als Privatschule vom Berliner Senat bereits erwogen), mehrere Werkstätten wollen mit der Arbeit beginnen (als Meisterbetriehe mit Lehrstellen), im alten Ufa-Kino sollen wieder Filme laufen. Übungsräume, ein Studio und Auftrittsmöglichkeiten für die raumnotgeplagten Berliner Rockmusiker sind geplant. Mehr noch: ein Gartenrestaurant für die Tempelhof er, eine Freilichtbühne, ein Sportzentrum und eine Sozialhilfestelle wollen sich etablieren. Ein kulturelles Utopia also, nicht von Kulturbürokraten erdacht, sondern gewachsen in der Phantasie von ganz praktisch denkenden, erfahrenen Alternativ-Impresarios: "Wir wollen hier unsere eigene Politik machen." Auf Subventionen wird bewußt verzichtet, man will mit der Stadt eher vernünftig ins Geschäft kommen -- als Mieter des Geländes, monatlicher Zins nach Senatsvorstellung etwa 8500 Mark. Die Verhandlungen darüber sind allerdings noch nicht am Ende.
Daß solch friedfertiges, selbstbewußtes Engagement auf Sympathien bei
* Oben: mit Ufa-Schauspieler Paul Kemp (Mitte, vorn); unten: mit Alternativ-Gruppe, Juni 1979.
den Tempelhofer Bezirksparteien stößt, ist nicht verwunderlich. Die Vor-Ort-Politiker kennen die Ode ihres Stadtteils, wissen zu schätzen, was sich da tut: Eine Lücke in der Kommunalpolitik wird geschlossen; was Politiker versäumten, nehmen ein paar hundert mutige "Bürger" selbst in die Hand -- fast ein Paradebeispiel für außerparlamentarische Politik. Den annähernd machtlosen Bezirksparlamenten kann daran nur gelegen sein.
Die liberale Haltung der Behörden mag auch beeinflußt sein von dem, was Bildungssenator Peter Glotz, SPD, zur Zeit des jämmerlich inhaltsleeren Berliner Wahlkampfes forderte, als 50 000 Berliner die Alternative-Liste wählten (SPIEGEL 11/1979): Kommunikation mit den Aussteigern, Wahrnehmung und Berücksichtigung ihrer Interessen; sonst würden sie völlig "abdriften".
Das Interesse der Alternativgruppen auf dem Ufa-Gelände ist aber auch das der Bevölkerung. Denn sie verweigern sich nicht, ziehen nicht, wie derzeit modisch, in Landkommunen, um in der Isolation fragwürdige Experimente der totalen Selbstorganisation zu praktizieren, sondern wollen in der Großstadt ein überfälliges Stück urbaner Lebensqualität schaffen: Kultur für alle, dazu Arbeits- und Ausbildungsplätze.
Mittlerweile stehen die Chancen für die Pioniere gut, das Wohlwollen des Senats ist ihnen sicher. Es bleibt zu hoffen, daß die anstehenden Verhandlungen über Konditionen die "Aussteiger" nicht entmutigen. Denn noch verbreiten sie nicht die inzwischen modische Lethargie der Alternativ-Szene, sondern packen an, was machbar ist.

DER SPIEGEL 31/1979
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